„Europa ist herzkrank“ -
Bischof Komarica zu Gast bei UNITAS Ruhrania

Aus: unitas 6/1997, 137.Jg, 194.

Eine herausragende Veranstaltung meldet die UNITAS im Ruhrgebiet: Dr. Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka und Heinrich-Pesch-Preisträger 1997, kam am 28. Oktober auf Einladung der UNITAS Ruhrania und der Jungen Union, Stadtbezirk Essen-Ruhr-halbinsel, nach Essen. In einem Pontifikalhochamt in der St. Gertrudiskirche betonte er nachdrücklich, daß die Prinzipien und Geschichte der UNITAS eine „großartige Verpflichtung für ein Leben in der Nachfolge Jesu“ seien.

Anschließend stellte er sich in dem mit Europa-, UNITAS- und JU-Fahnen geschmückten Saal der Gemeinde der Frage „Ist Friede möglich?“ und analysierte die Situation in seiner bosnischen Heimat.

Rund 100 Gäste - unter ihnen viele Angehörige der Kroatischen Gemeinde - erlebten einen leidenschaftlichen Kämpfer für Frieden und Versöhnung: „Ob Friede möglich ist? Dazu ein uneingeschränktes Ja!“, so die spontane Antwort von Bischof Dr. Komarica. „Aber der Friede in Bosnien-Herzegowina kann kein wirklicher Friede sein, wenn er nicht das Werk der Gerechtigkeit ist.“ Der Krieg in seiner Heimat sei mit dem Abkommen von Dayton und Paris zwar offiziell beendet, doch noch immer würden die Menschenrechte mit Füßen getreten. „Mit welchem Recht und im Namen welcher Prinzipien verbietet man uns das Recht auf Heimat?“, kritisierte Komarica die Rückführungspolitik der Vereinten Nationen. Täter und Opfer würden gleichgesetzt, wenn man die Menschen unterschiedlichen Glaubens und Nationalität trenne und ihnen nicht erlaube zusammenzuleben.

Die Welt werde „von einer großen Dosis Ignoranz und Arroganz, von Naivität und Sarkasmus regiert“, klagte der Bischof. „Immer noch fühlen wir uns wie Schachfiguren, wie Marionetten und Spielbälle der Großmächte.“ Das christliche Abendland verrate seine Wurzeln, wenn statt Prinzipien nur Interessen die Politik bestimmten. „Europa ist sehr herzkrank“, so Komarica. Die Lage in Bosnien-Herzegowina bleibe ein Krebsgeschwür des Kontinents, eine „furchtbare Tragödie und die größte Schande seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Im „Haus Europa“ dürfe seine Heimat nicht „wie ein Abstellraum" behandelt werden. Er hoffe, daß die in den vorausgehenden Tagen mit Politikern in Bonn geführten Gespräche „nicht umsonst gewesen" seien.

Die notleidende Bevölkerung seines Landes habe in den Kriegsjahren bei den Menschen in Deutschland und Europa eine „großartige Solidarität" gefunden. Inzwischen habe die weltweite Hilfe nachgelassen, sei aber nötiger denn je. „Caritasarbeit ist echte Friedensarbeit“, dies unterstrich auch der Präsident der bosnischen Caritas, Dr. Miljenko Anicic, der Bischof Komarica begleitete. Sie bringe Menschen zusammen und habe bereits viel zur Versöhnung beigetragen. Diesem Ziel dienen auch die in mehreren Städten Sosniens eingerichteten „Europaschulen“. Schüler unterschiedlicher Nationalität und Glaubens sollen in diesen Schulen lernen, einander zu achten und den in den Kriegszeiten aufgebauten Haß zu überwinden - ein besonderes Anliegen von Bischof Komarica, dem die UNITAS Ruhrania und die Mitglieder der Jungen Union in Essen ein Kollekten- und Spendenergebnis von 800 DM für diesen Zweck mitgeben konnten.

„Die Unitas ist eine großartige Idee. Und es ist schade, daß sie sich noch nicht bei uns entwickelt hat. Haltet an ihr fest, füllt sie mit Leben!“, mahnte der Bischof, der nach dem Vortrag noch fast zwei Stunden im Kreis der begeisterten Revier-Unitarier blieb und gleich ganz unkonventionell bei einem Rezipierungsantrag assistierte. Herzlich lud er die Unitarier zu einem Gegenbesuch ein. Wer fährt mit?

Christof Beckmann




Veröffentlicht am: 10:51:58 28.10.1997
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