Bild links: Weihbischof Hubert Berenbrinker (rechts) und Bürgermeister Burkhard Deppe nahmen die Umwidmung der Straße zum Eduard-Müller-Weg vor.

Foto: www.clementinum-paderborn.de


BAD DRIBURG / PADERBORN, 6. Februar 2009. In Bad Driburg gibt es ab sofort einen „Eduard-Müller-Weg“. Damit ehrt die Stadt Kaplan Bbr. Eduard Müller, der von 1931 bis 1935 im dortigen Clementinum sein Abitur erworben hatte und unter nationalsozialistischer Herrschaft hingerichtet wurde. Zur offiziellen Umbenennung der Straße, die vom Clemensheim hinauf zur Waldkapelle führt, war am Dienstag, 3. Februar, der Paderborner Weihbischof Hubert Berenbrinker nach Bad Driburg gekommen.

 

Bbr. Eduard Müller gehört zu den so genannten „Lübecker Märtyrern“. Diese Gruppe von Geistlichen brachte Predigten des damaligen Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen, unter das Volk, in denen dieser sich gegen die Ermordung physisch und psychisch Kranker durch die Nationalsozialisten wandte. Auf Gruppenabenden wurde zudem offen über die Sinnlosigkeit des Krieges diskutiert. Die beteiligten Geistlichen wurden verhaftet und 1943 wegen „landesverräterischer Feindbegünstigung“, „Wehrkraftzersetzung“, „Vergehen gegen das Rundfunkgesetz“ und das „Heimtückegesetz“ zum Tode verurteilt und hingerichtet. Seit 2004 läuft in Rom das Seligsprechungsverfahren für die Lübecker Märtyrer.

 

Der Rat der Stadt Bad Driburg hatte kürzlich den einstimmigen Beschluss gefasst, eine Straße nach dem ehemaligen Clementiner Bbr. Eduard Müller zu benennen. Zugleich wurde im Rathaus eine Ausstellung zu den Lübecker Märtyrern eröffnet, die bis Ende Februar 2009 zu sehen sein wird. Die Ausstellung kam auf Initiative des Clementinums Paderborn und des Fördervereins St. Klemens zu Stande.

 

Von 1928 an konnten im Bad Driburger Clementinum Männer, die Priester werden wollten, auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur erlangen. 1997 wurde die vom Clemens-Hofbauer-Hilfswerk für Priesterspätberufe e.V. getragene Schule wegen rückläufiger Schülerzahlen geschlossen. Seither besuchen die Schüler das Westfalenkolleg Paderborn und wohnen in der Theodor-Heuss-Strasse im Clementinum Paderborn. Das Clemens-Hofbauer-Hilfswerk ist aber weiterhin Träger des ehemaligen Gebäudes in Bad Driburg, das jetzt an das Kolpingbildungszentrum vermietet ist.

 

Bbr. Eduard Müller –
beliebter Seelsorger

 

Bundesbruder Eduard Müller, geboren am 20. August 1911 in Neumünster, kam aus armen Verhältnissen. Der Vater hatte die Familie mit sieben Kindern früh verlassen, die Mutter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Müller lernte Tischler, war in der katholischen Jugendbewegung aktiv und wäre gerne Priester geworden. Seinen Wunsch, Priester zu werden, musste er über den mühsamen Weg privater Lateinstunden, Spätberufenenkonvikt mit Abitur, dann Studium in Münster, verwirklichen. Der Neumünsteraner Kaplan und Bundesbruder Dr. Bernhard Schräder (später Weihbischof in Schwerin) förderte ihn und besorgte Geldgeber für seine Schulbildung. 1936 legte Bbr. Müller sein Abitur am Spätberufenen-Kolleg in Bad Driburg ab und nahm in Münster das Studium der Theologie auf. 1940 wurde er in Osnabrück zum Priester geweiht und kam noch im gleichen Jahr nach Lübeck.

Als Adjunkt in der Lübecker Herz-Jesu Gemeinde wurde er von Pfarrer Dr. Msgr. Albert Bültel, ebenfalls Bundesbruder und pastor primarius in Lübeck, sehr gefördert. Müller war besonders bei der Jugend und bei den einfachen Leuten beliebt. Er legte Hand an, wenn ein Handwerker gebraucht wurde. Seine erfolgreiche Jugendarbeit veranlasste die HJ, die Hitlerjugend, ihn um Mitarbeit zu bitten. Er aber blieb bei seiner Gemeindejugend. (Bild rechts: Ein Kohlenkeller wird zum Jugendheim. Kaplan Müller und die Pfarrjugend) Müller sah sich als „Soldat“ des „Königs“ Christus. In einem Brief an den Bischof schrieb er kurz vor der Hinrichtung: „Knapp zwei Jahre durfte ich als Priester ihrer Diözese helfen am Aufbau des Reiches Gottes. Und wenn ich an Gottes Thron stehen darf, dann werde ich auch dort helfen am Aufbau des Reiches Gottes in unserem lieben Vaterland und besonders in unserer Diözese.“ Der junge Priester hatte keine politischen Ambitionen. Er war sich aber im Klaren, dass Nationalsozialismus und Christentum unvereinbar waren.  Wie bei Bbr. Johannes Prassek konnte ihm die Anklage keine öffentliche Kritik an der NS-Herrschaft vorwerfen. Trotzdem wurde er am 22. Juni 1942 festgenommen und zum Tode verurteilt.

 

1942/43: Prozess vor dem Volksgerichtshof

 

Der Prozess gegen die vier Geistlichen, Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek (* 13.8. 1911 in Hamburg), Bundesbruder Adjunkt Eduard Müller (* 20.8. 1911 in Neumünster), gegen Vikar Hermann Lange (* 16.4. 1912 zu Leer in Ostfriesland) und Pastor Karl Friedrich Stellbrink dauerte kaum zwei Tage (22./23. April). In der Anklage gegen die drei katholischen Geistlichen, die gemeinsam an der Lübecker Herz-Jesu-Kirche in der Seelsorge tätig waren, hieß es: „Ihnen ist zur Last gelegt, seit 1940 oder Anfang 1941 ständig deutschsprachige Sendungen des feindlichen Rundfunks abgehört und verbreitet und dadurch die Feindpropaganda gefördert zu haben. Sie haben ferner seit Frühjahr oder Sommer 1941 auf Anordnung Ihrer vorgesetzten Kirchenbehörde regelmäßig Gruppenabende veranstaltet, die der religiösen Vertiefung der Teilnehmer dienen sollten und zu denen sich auf Einladung durch die Angeklagten überwiegend junge Männer einfanden, die zum Teil der Wehrmacht angehörten und die weitere Gäste einführten; sie sind weiter beschuldigt, auf diesen Gruppenabenden durch Hetze gegen den nationalsozialistischen Staat, und zwar auch durch Verteilung von Schriften, dem Kriegsfeind Vorschub geleistet und Vorbereitung zum Hochverrat begangen zu haben.“ 

 

Das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen ... Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“

 

Von einem Gerichtsprozess konnte keine Rede sein. Das Urteil stand bereits vorher fest. Bbr. Eduard Lange wies im Prozess vor dem Volksgerichtshof alle Anschuldigungen von sich. Wahrscheinlich war er wirklich kaum an den Handlungen der anderen beteiligt. Nach der Urteilsverkündigung schrieb er: „So habe ich die Erwartung und Hoffnung, dass ich in keinem Stück werde zuschanden werden, sondern dass in allem Freimut, wie immer, auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werde, sei es durch Leben, sei es durch Tod. Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn.“ Das Gebet lautete: „Herr, hier sind meine Hände. Lege darauf, was du willst. Nimm hinweg, was du willst. Führe mich, wohin du willst. In allem geschehe dein Wille.“ (vgl. unitas 1/2005)

 

Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt (s. Erinnerungstafel am Gefängnis, rechts). Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, durften aber Besuche (u.a. von ihrem Bischof Wilhelm Berning) empfangen. Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schafott geführt und durch das Fallbeil hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller (32), dann Hermann Lange (31), dann Johannes Prassek (31) und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (49). Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert. Die sterblichen Überreste unserer Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller sind verschwunden.


Auch die Abschiedsbriefe der Lübecker Märtyrer Johannes Prassek, Hermann Lange und Karl-Friedrich Stellbrink galten Jahrzehnte lang als verschollen oder vernichtet. Im November 2004 tauchten diese Briefe wieder auf. Der Lübecker Historiker Prof. Dr. Peter Voswinckel entdeckte eine ganze Reihe Märtyrer-Dokumente im Berliner Bundesarchiv. Sie waren nach dem Krieg in Archiven der DDR gelandet. Die gefundenen Texte lassen den Weg der Briefe jetzt nachzeichnen. Der Volksgerichtshof hatte die Auslieferung verboten. Grund waren die Bekenntnisse der Zuversicht, ja der Freude der Geistlichen vor ihrem Tod. „Mit diesen Bemerkungen haben die Verurteilten offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sie sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine gute Sache eingesetzt und ihr Leben als Märtyrer eingesetzt hätten.“ So der Volksgerichtshof.

 

Die Märtyrer von Lübeck -

Auf dem Weg zur Seligsprechung

 

Das gemeinsame Gedenken an die vier Lübecker Märtyrerist heute eine feste ökumenische Angelegenheit der Lübecker Christen. Ihr 50. und der 60. Todestag wurde mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den 60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche (Bild rechts). Damals erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange zu beantragen. Mit der Ernennung des römischen Anwalts Dr. Andrea Ambrosi zum Postulator des Verfahrens begannen im Erzbistum Hamburg am 10.Mai 2004 die Vorbereitungen für das Seligsprechungsverfahren der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange.

 

Nach der Sessio ultima am 10. November 2005 und dem Abschluss des ersten, diözesanen Teils im Seligsprechungsverfahrens wurden die Prozessakten für den zweiten und entscheidenden Teil des Verfahrens an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen nach Rom übermittelt. Die 2110 Seiten umfassenden Akten enthalten die übersetzten Aussagen von Zeitzeugen, sämtliche schriftliche Zeugnisse sowie theologische und historische Gutachten. Wie viel Zeit bis zur Entscheidung vergehen wird, ist derzeit nicht absehbar.

 

In der Hamburger St. Ansgar-Gemeinde/Kleiner Michel wird die Erinnerung an die Martyrer und Glaubenszeugen wach gehalten. Die Gefängniskirche in ihrer Hinrichtungsstätte erhielt im Gedenken an die vier Lübecker Geistlichen den Namen „Kapelle des 10. November“.

Am 9. November 2003, einen Tag vor dem 60. Todestag des Seelsorgers, wurde das katholische Gemeindehaus in Neumünster, wo Bbr. Müller geboren und aufgewachsen war, mit einer Gedenkfeier in „Eduard-Müller-Haus" benannt. Heute finden in dem Pfarrzentrum in der Linienstraße jährlich rund 150 überregionale Veranstaltungen statt.




s. u.a. auch:
 
03.09.2008: Überraschende Begegnung: Spuren der Lübecker Martyrer
10.08.2008 
Auf den Spuren der "Lübecker Kapläne"

Gedenken an die vier „Lübecker Geistlichen“: Seligsprechungsprozess für zwei Bundesbrüder eingeleitet

11.11.2005: Weiterer Schritt im Seligsprechungsprozess für unsere Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller

DOKUMENTE: 

Der Abschiedsbrief von Bbr. Eduard Müller an seinen Bischof

Der Abschiedsbrief von Bbr. Eduard Müller an seine Schwester

 

Quellen: Erzbistum Hamburg, Clementinum Paderborn, Bbr. Lambert Stamer, UNITAS Ruhrania

 


 




Veröffentlicht am: 19:55:37 06.02.2009
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse