Das Jahr 2009 wird im Bistum Essen und im Bistum Münster als „Ludgerusjahr“ begangen: Aus Anlass des 1200. Todestags des in der Krypta der Basilika in Essen-Werden bestatteten ersten Bischofs von Münster erinnert das Jahr an die außerordentliche Missionstätigkeit des um 742 aus der Gegend von Utrecht gebürtigen Friesen. Der Spross eines weit verzweigten friesischen Adelsgeschlechts, an der dortigen Domschule und in York ausgebildet, Zeitgenosse des aufständischen Sachsenherzogs Widukind und Karls des Großen, gründete nach ausgedehnten Missionsreisen in Friesland und Sachsen um 800 sein Werdener Eigenkloster.

 

Bild: Liudger wird zum Bischof von Münster geweiht, Miniatur aus der Vita secunda s. Liudgeri, Werden, um 1100. Faksimile, Stadtmuseum Münster (Original in der Staatsbibliothek zu Berlin/Preußischer Kulturbesitz)

 

Am 30. März 805 vom Kölner Erzbischof Hildebold (787–818) zum ersten Bischof von Münster geweiht, starb er am 26. März 809 in Billerbeck, wo er einen Tag zuvor, am Passionssonntag 809, seine letzte heilige Messe feierte. Nach seinem Tod in Billerbeck wurde sein Leichnam in seine Bischofsstadt Münster überführt und seinem Wunsch folgend in der Krypta des Klosters Werden am 26. April 809 bestattet. Seit 1128 werden die Gebeine Liudgers einmal im Jahr jeweils am 1. Wochenende im September in feierlicher Prozession durch Werden getragen. Dort ist das Grab des Heiligen seit dem Mittelalter Ziel von Wallfahrten. Zahlreiche Kirchen sind nach ihm benannt, auch Schulen und kirchliche Einrichtungen.


1960: Gründung der UNITAS St. Liutger in Essen
 

Nicht zuletzt aber auch die kurz nach der Gründung des Bistums Essen 1958 am 10. Mai 1960 – noch vor der Gründung der GHS/Universität - an der Pädagogischen Akademie Essen ins Leben gerufene UNITAS St. Liutger (nicht „Liudger“). Sie wurde in Anwesenheit zahlreicher Besucher und Chargenabordnungen mit einem Festkommers und Sonntagsmesse in Essen-Werden am 9.7.1960 publiziert. Zeugnis davon gibt ein noch nicht digitalisiertes Fotoalbum mit rund 40 von Bbr. Johannes Schütz gemachten Aufnahmen. Am 9. Juni des Jahres wurde UNITAS Liutger von der 83. Generalversammlung des UNITAS-Verbands in Augsburg in den Verband aufgenommen.

 

Starke Unterstützung fand die junge Korporation beim ältesten Zirkel der UNITAS: Der im Todesjahr des aus Essen-Werden stammenden Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff 1888 gegründete Ortszirkel stand 1960 Pate bei der Gründung. Zum ersten großen Höhepunkt nach der feierlichen Publikation wurde die 84. Generalversammlung 1961 in Essen, von der ausführlich in der Verbandszeitschrift berichtet wurde. Auch von diesem Ereignis sind rund 100 Fotos erhalten. Doch der Studentenverein, der kurz darauf noch die Gründung der UNITAS Robert Schuman in Bochum begleitete, tat sich in den Folgejahren zunehmend schwer, ausreichend Nachwuchs zu finden. Offiziell suspendiert wurde der Verein 1976.

 

Mit der Wiederbegründung einer UNITAS Essen/Ruhr an den Ruhr-Universitäten und ihrer gleichzeitigen Vereinigung mit der aus Münster stammenden UNITAS Ruhrania am 14.2.1990 wurde die Tradition der UNITAS Liutger wieder aufgenommen. Die in Essen-Borbeck seit 2004 mit eigenem Haus ansässige Korporation unterstreicht auch mit ihrer von der ersten Essener Gründung übernommenen und das offizielle Ludgerus-Emblem zeigenden Fahne die fortdauernde Kontinuität.

 

Im folgenden der Bericht von der Publikation des ersten UNITAS-Vereins im Ruhrbistum nach den Aufzeichnungen der Verbandszeitschrift aus dem August 1960: 

 

W. K. St. V. Unitas-Liutger Essen publiziert
Ein glanzvoller Auftakt für die 84. GV in Essen

 

Im Bild: Bbr. Bischöflicher Offizial Prälat Mäkel, Bbr. AHZ-Vorsitzender und Notar
Hans Greefrath und Bbr. Oberstudienrat Zimmermann beim Publikationsfest
der Unitas-Liutger in Essen.

 

Die 83. GV hat für Essen zwei wichtige Entscheidungen getroffen. Der an der Päda­gogischen Akademie in Essen gegründete W.K.St.V. Unitas-Liutger Essen wurde rezi­piert. Als Tagungsort für die nächste GV wurde Essen gewählt.

 

Der AHZ Essen hat dies zum Anlaß ge­nommen, das Publikationsfest der jungen Korporation besonders glanzvoll zu gestal­ten, um den Festteilnehmern auch ein Erleb­nis zu bieten, das bei der Werbung für die GV in Essen nachhaltige Wirkungen erzeu­gen muß. Dieser Versuch muß als voll gelun­gen bezeichnet werden!

 

Zunächst einige Zahlen: Unitas-Liutger hat inzwischen 18 Aktive (3 Burschen und 15 Füchse), erste Vorbereitungen für die Grün­dung eines AHV sind getroffen. Es nahmen teil: am Festkommers 140 Personen (darunter die Chargen von 15 UV Korporationen und die Chargen des ebenfalls an der Pädagogi­schen Akademie in Essen gegründeten K.St.V. Don Bosco im KV), am Festgottes­dienst: 120 Personen, am gemeinsamen Früh­stück: 106 Personen, am Gesellschaftsabend: 190 Personen. Festlich und glanzvoll war auch der äußere Rahmen, erfreulich die lebhafte Anteilnahme aus vielen Kreisen. Zum Festkommers erschienen u. a.: als Be­auftragter des Bischofs von Essen Dr. Franz Hengsbach unser lieber Bbr., der Offizial des Bistums Essen Domkapitular Bernhard Mä­kel, der Rektor der PA Essen Professor Dr. Josef Püttmann mit 4 weiteren Professoren, Vertreter des Asta, der KSG, des Bundes ND, des CV und KV, vieler AHVAHV und AHZ AHZ und aktiver Korporationen, an ihrer Spitze Verbandsgeschäftsführer Dr. Ludwig Florian, VOP Diplomkaufmann Rollinger, der zukünftige VOP stud. jur. Vollmer.

 

Der 1. Vorsitzende des AHZ konnte bei der Begrüßung der Gäste und Bundesbrüder mit Freuden feststellen, daß durch die Grün­dung der neuen Korporation das an sich schon blühende unitarische Leben in Essen einen neuen Auftrieb erhalten hat. Es sei nach den beiden Weltkriegen über den Wert oder Unwert studentischer Korporationen viel geschrieben und heftig diskutiert wor­den. Immer wieder habe sich aber gezeigt, daß die katholischen Studentenverbände am besten gegen Mißstände und Auswüchse des Korporationslebens gefeit seien. Die katho­lischen Korporationen seien aus ihrer Grund­haltung heraus auch immer zeitnah gewesen. Im besonderen Maße gelte dies für die Kor­porationen des UV, deren Mitglieder bei den WSWS in ihren Studien beachtlich gefördert würden und zugleich Gelegenheit fänden, mit den Zeitproblemen eingehend sich ausein­anderzusetzen. Für die Eltern der Studieren­den sei es beruhigend, den in der Universi­tätsstadt erstmalig auf sich allein gestellten Sohn in einer Gemeinschaft zu wissen, in der der gute Geist des Elternhauses weiter ge­pflegt werde. Die neue Korporation habe sich einen Namen erwählt, der verpflichte. Sie habe bewußt an uralte heimische Tradi­tion angeknüpft. Für Studierende der Päd­agogik sei der große Lehrer des Volkes an der Ruhr, der hl. Bischof Liutger, ein nach­ahmenswertes Vorbild. Aus Essen-Werden, wo die sterblichen Überreste dieses großen Heiligen ruhen, seien gebürtig die Mitbe­gründer des Unitas-Verbandes Ludger Pott­hoff und Ludger Pingsmann, denen man bei der hl. Taufe den Namen des hl. Liutger ge­geben habe. VOP Rollinger publizierte so­dann die Aufnahme von Unitas Liutger in den UV und verpflichtete mit Handschlag den Senior Heinz Preuthen und damit die ge­samte Korporation auf die Prinzipien des Verbandes.

 

Dr. Ludwig Florian betonte als Festredner, daß der UV nicht die „alte Burschenherrlich­keit" wieder aufleben lassen wolle und sich nicht in der Pflege äußerer Formen er­schöpfe. Als eine brüderliche Gemeinschaft, die ihre Mitglieder zu überzeugungstreuen und charaktervollen Menschen erziehen wolle, sei die Unitaskorporation immer zeit­nah. Er wies auf die besonderen sozialen Verhältnisse des Ruhrgebietes hin, denen sich auch Unitas Liutger zu stellen habe. Er wies darauf hin, daß der UV Männer zu sei­nen Mitgliedern gezählt habe und auch heute noch zähle, die Beachtliches für die Lösung der sozialen Frage seit Jahrzehnten bereits durch ihr Beispiel geleistet hätten. Gerade den Studierenden der Pädagogischen Akade­mien als den künftigen Lehrern des Volkes erwüchsen hier besondere Aufgaben. Er ging kurz auf die augenblicklichen Probleme betr. die Erhaltung und Förderung der konfessio­nellen Schulen ein, die für die Studierenden einer katholischen Akademie besonders wich­tig sind. Einen Gruß entbot er den Brüdern hinter dem Eisernen Vorhang. Gerade der Akademiker habe die Pflicht, mit den Proble­men des Alltags vertraut zu sein und nicht zu vergessen, daß bei aller Betriebsamkeit das Vertrauen in die Kraft des Gebetes er­halten bleiben müsse.

 

Die anwesenden Damen waren allein schon durch das farbenprächtige Bild nicht zu kurz gekommen. Sie sangen mit Begeisterung die frohen, frischen Lieder mit, die Bernhard Sluytermann v. Langeweide, ein krasses Fuchslein von Unitas-Liutger, schneidig be­gleitete. Im inoffiziellen Teil wurde mit viel Applaus die festliche Damenrede von Bbr. Dipl.-Berging. Paul Schulz aufgenommen.

 

Am Grabe des hl. Liutger, in der Krypta der alten Abteikirche in Werden, versam­melte am Sonntagvormittag die unitarische Familie mit vielen Gästen sich zur Gemein­schaftsmesse, die von Bbr. Bernhard Mäkel zelebriert wurde. Vorbeter und eine gute Schola, Priester und betende und singende Gemeinde vereinten sich zu einer würdigen und andachtsvollen Meßfeier an hl. Stätte. In seiner Predigt zeichnete der Zelebrans das Bild des hl. Liutger. Er hob zwei Eigenschaf­ten besonders hervor: den Mut zur Stille, zur Besinnung in der Einsamkeit, die nicht nur Voraussetzung für die Bildung des Gewis­sens, sondern auch für ein erfolgreiches Stu­dium sei, und den Willen zur Freude und Fröhlichkeit im Geiste des Herrn, der unita­rische Korporationen immer beherrscht habe.

 

Der Kleine Festsaal im städt. Saalbau war fast zu klein für die überaus große Teilneh­merzahl beim Gesellschaftsabend am Sonn­tag. Sie war aber bei den Planungen berück­sichtigt worden, denn den eifrigen Tänzern blieb genügend Raum im Foyer vor dem Saal. Jugend und Alter wetteiferten bei alten und neuen Tänzen. Höhepunkt war zweifellos die Damenrede von Bbr. Fachschulleiter Egon Pelzer, der in wohlgelungenen Versen mit schauspielerischer Fertigkeit den Damen Winke gab, wie die Vertreter der verschie­denen Fakultäten als Ehemänner behandelt werden müssen. Es war im Saale mäuschen­still, bis am Ende der Damenrede, die eine ganz andere war als die sonst üblichen, stür­mischer Applaus sich erhob. Und dann tanzte, sang, spielte und unterhielt man sich angeregt bis zur mitternächtlichen Stunde.

 

Hans Greefrath

 

Aus: unitas, 100. Jg. August 1960, Heft 8, 163f.

Mehr: Bilder von der Publikation und der 84. Generalversammlung 1960 in Essen



Veröffentlicht am: 18:50:15 24.01.2009
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