Epikur, Stoa und akademische Skepsis:
Vortrag "Gottesbilder in der Antike" am 7./14.6. 2006

Eine große Zuhörerschaft verzeichnete am Mittwochabend, 7. Juni, die gemeinsame Wissenschaftliche Sitzung von UNITAS-Zirkel Essen und UNITAS Ruhrania im "Istra". Über 30 Besucher erlebten einen lebendigen Vortrag von Bbr. Nikolaus Mantel über „Gottesbilder in der Antike“, der in idealer Weise die wissenschaftliche Morgensitzung von Professor Scherer zum Vereinsfest am Sonntag in Essen-Werden vorbereitete.

Zum Ausgangspunkt seiner Thesen wählte der Referent, Lateinlehrer am Essener Carl-Humann-Gymnasium, Ciceros Buch „De natura deorum“. In dem 45 v.Chr. entstandenen Werk stellt der Angehörige des römischen Patriziats die in seiner Zeit viel diskutierten Gottesbilder der griechischen und hellenistischen Philosophen vor. Seine Zusammenfassung der epikureischen (Demokrit, Atomismus) und stoischen Götterlehre sowie die Kritik der akademischen Skepsis (Sokratisches Nichtwissen) ist wichtige Quelle auch für viele verschollene Originalschriften. Cicero selbst, so führte Bbr. Dr. Mantel aus, habe das Thema eine „res non satis adhuc explicata“, als ungeklärte Sache bezeichnet – „perdifficilis et perobscura“. Prinzipiell widersprachen – nicht nur für ihn – etwa „untätige Götter“, wie sie die Epiker nannten, dem römisches Denken: Ohne ihr aktives Tun wären die Werte der pietas, sanctitas und religio ohne Grundlage, wären Opfer sinnlos, ebenso Vogelschau und Weissagungen.

Wie die Cicero aufzeigt, kennzeichnet das antike Denken eine grundsätzliche Widersprüchlichkeit und Inkonsistenz der konkurrierenden Gottesvorstellungen. Eine allgemein annehmbare, widerspruchsfreie Theorie über die Götter gab es nicht. Dies zeigen die klassischen philosophischen Schulen im hellenistischen Raum: Bereits Plato und sein Schüler Aristoteles hatten sich von den durch die Sagen und homerischen Epen bekannten Göttervorstellungen des traditionellen griechischen Mythos distanziert. Im Gegensatz zu den sehr menschlichen Eigenschaften, die den Göttern des Olymp zugeschrieben wurden, erzeugten Platon und seine Nachfolger das Bild einer vollkommen guten und vom Anthropo­morphismus freien Gottheit, die letztlich mit der Idee des Guten und Schönen zusammen­fällt. Aristoteles entwarf die These, dass Gott als höchstes Wesen ganz Geist ist, sich der Betrachtung hingibt (Nikomachische Ethik X 8), sich jedoch als „Urkraft", „Herzstück" und selbst unbewegter Beweger der Schöpfung darum kümmert, dass sie funktioniert (Über den Kosmos 398). Doch auch bereits in ihrer Zeit gibt es Formen antiken Atheismus­: Sophisten und andere kritisierten, dass nützliche Dinge oder berühmte Persönlichkeiten zu göttlichem Wirken erhoben wurden. Epikur dagegen verwies auf eine allen Menschen natürlich ein­gewurzelte Ahnung (anticipatio; innatae cognitiones) des Göttlichen. Mit den Sinnen sei die menschenartige Gestalt der Götter erkennbar, die sich fern der Menschen nicht um deren Schicksal kümmern und sich untätig größter Freuden hingeben - „Thesen eines „Religionsstifters, der als Aufklärer und Befreier der Menschen antrat und oft missverstanden wurden“, meinte Bbr. Mantel. Die Weltschöpfung sei nach Epikur rein naturwissenschaftlich erklärbar und dem Zufall unerworfen. Die philosophische Schule der Stoa argumentierte unter Berufung auf Kleanthes, Zenon von Kition und Chrysipp versuchte im 3. vorchristlichen Jahrhundert, den Mythos rational mit Hilfe der Ety­mologie neu zu interpretieren: Feuer sei der Urstoff der Schöpfung, es bilde als Substanz den göttlichen Geist, dem der menschliche Geist wesensverwandt sei. Das Weltall selbst sei belebt und göttlich, die Gottheiten seien der Gesetzmäßigkeit des Kosmos Gestirne, erschienen in der vollkommenen Gestalt der Kugeln (Sterne) in einer Umlauf­bahn (Kreis) und sorgten für die Menschen, Völker, Städte und Einzelpersonen. Aufgrund der Wesensver­wandtschaft sei das Weltall für Menschen und Götter das gemeinsame Haus in einer als nützlich herausgestellten Schöpfung. Dagegen stellte die akademische Skepsis etwa ihre Thesen, dass Gott kein Lebewesen sein könne, da jedes Lebewesen vergänglich sei, Lust und Schmerz empfinde. Gott könne keine der vier Kardinaltugenden haben, weil er sie nicht brauche und ihm Gut und Böse nicht begegneten.

Die Grundfrage nach der Natur des Göttlichen

Die Grundfragen nach der Natur des Göttlichen seien eine der großen Herausforderung für Denker aller Zeiten gewesen, unterstrich Bbr. Mantel. Dies zeige sich in den vielen Versuchen, seine Existenz oder Nichtexistenz zu beweisen. Bereits die Stoa habe etwa im Gottesbeweis von Chrysipp argumentiert, dass das, was etwas bewirkt und über die Klugheit des Menschen hinausgehe, besser als der Mensch sein müsse. Auch aus der Tatsache, dass es nicht vom Menschen geschaffene Himmelserscheinungen und der Mensch trotz Tugend und Weisheit selbst nicht vollkommen sei, folge, dass ein höheres Wesen existieren müsse. Mit der Verweis auf das Denken des Anselm von Canterbury (Gott ist das „quo maius cogitari non potest“) richtete der Referent den Blick auf die modernen Philosophen, etwa Feuerbach, bis hin zu den Anfragen der modernen Naturwissenschaft. Alle Versuche, die Größe dieser Grundfrage der menschlichen Existenz zu begreifen, begännen und mündeten dagegen für das Christentum im Wort von der „Fülle der Zeiten“, so Bbr. Mantel. Der christliche Glaube von der Menschwerdung Gottes habe in einer Zeit, in der sich die antiken Vorstellungen des Göttlichen „erschöpft“ zeigten, die gültige Antwort gegeben – eine Feststellung, an der sich in der Diskussion zahlreiche Fragen und Beiträge entzündeten. Dem Redner, der sich gerne einer weiteren Erörterung und Forstsetzung des Thema stellen will, dankte die Corona (Bild unten) mit einem herzlichen Applaus.

 

Vortrag über Gottesbilder der Antike


Uralte Schöpfungsmythen, hierarchisch sortierte Götterhimmel, Natur-, Staats- und Kaiserkulte, synkretistische Mischformen der mittelmeerischen Zivilisation, blutige orientalische Mysterien, dionysische Feste und Fruchtbarkeitsrituale - im übervölkerten Olymp der antiken Gesellschaften gab es viel Konkurrenz, gegen die sich schließlich das frühe Christentum durchsetzte.

Über "Gottesbilder der Antike" referiert am Mittwoch, 7. Juni, Bbr. OStR Dr. Nikolaus Mantel, Latein- und Geschichtslehrer am Carl-Humann-Gymnasium Essen. Der Vortrag mit Diskussion beginnt um 19.30 Uhr in der Konstanten des UNITAS-Zirkels Essen, dem Restaurant "Istra" an der Martinstraße in Essen-Rüttenscheid. Es wird herzlich eingeladen.

 




Veröffentlicht am: 17:21:14 07.06.2006
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse