Hass, Gewalt, Salonfaschisten: Auf ein Wort

 

600 Angriffe auf Flüchtlingsheime von Jahresbeginn bis Ende Oktober, davon mindestens 543 mit rechtsextremistischem Hintergrund – diese frischen Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) machen fassungslos. Und in der vergangenen Nacht beschmierten Unbekannte das Berliner Denkmal für die bis zu 500.000 Sinti und Roma Europas, die zwischen 1939 und 1945 von den Nationalsozialisten und ihre Helfern ermordet wurden. Beschmiert mit einem großen Hakenkreuz und dem Wort „Vergasen“. Braucht es noch weitere Aufforderungen, den braunen Sumpf endlich zur Kenntnis zu nehmen?

 

Natürlich steht unsere Republik vor großen Herausforderungen. Natürlich ist die Lage außerordentlich gespannt. Und natürlich sind Behörden wie Helfer angesichts der großen anhaltenden Flüchtlingszahlen massiv in Anspruch genommen. Dass jetzt schon der jüngste Gemeindefinanzbericht des Deutschen Städtetages die Kosten für die Bewältigung des Zuzugs von Flüchtlingen auf bis zu 16 Milliarden Euro im kommenden Jahr schätzt, ist nur ein Punkt, der die Stimmung trübt. Denn im Netz gestreute Gerüchte über von Migranten ausgeraubte Supermärkte, Vergewaltigungen oder kriegsähnliche Zustände in eng besetzten Unterkünften haben schon ihre Wirkung entfaltet.

 

Stimmung kippt

 

Die Stimmung kippt, warnen Experten: Mehr als die Hälfte der Deutschen seien zunehmend besorgt über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Flüchtlingskrise, bestätigte Mitte letzter Woche das Institut für Demoskopie Allensbach: Zwei Drittel der Bürger erwarteten danach, dass der Flüchtlingszuzug Deutschland stark verändern werde, 62 Prozent befürchten, dass terroristische Organisationen den Flüchtlingszuzug nutzten, um Terroristen einzuschleusen – auch wenn Sicherheitsexperten solche Sorgen deutlich zurückweisen.

 

„Ihr seid ja alle auf dem linken Auge blind“ – das ist oft genug zu hören. Selbstverständlich ist die sogenannte Antifa keine Ansammlung biederer Kleingärtner. Wo es politische Randale gibt, geht nichts ohne sie. Aber auch durch sie ist eine Entwicklung in Gang gekommen, die bislang kaum auffällige Kreise zunehmend radikalisiert. Nicht nur auf den Straßen und Plätzen der längst nicht mehr so „neuen Bundesländer“ tobt sich eine Haltung aus, die ständig neuen Input erhält: Von den Rednertribünen agitieren seit Jahren wohlbekannte Figuren, die sich offen zu einer militanten „Rechts-Kultur“ eigener Art zählen und dabei im Übrigen ein gutes Geschäft machen.

 

Sie treten auf im Gewand des rechtschaffenden Bürgers, des Intellektuellen, des Verlegers und patriotischen Redakteurs, des Zeitendeuters und nationalen Propheten. Sie haben die Systemzerstörungspläne der RAF wohl studiert, wissen um die Wirkung von medialen Kampagnen und konkreter Tat, schüren Angst und Verwirrung. Mit klaren Zielen. Und man ist mehr als je zuvor gut beraten, auch auf dem „rechten Auge“ nicht blind zu werden. Dazu der folgende Kommentar - ein Vorabdruck aus der aktuellen Verbandszeitschrift unitas 4/2015.

 


 

 

Wider die Galgenmännlein – oder: Er ist wieder da.

Ein Kommentar von Dr. Christof Beckmann

 

Ohne brutalen Würgereiz geht es nicht ab, wenn man in diesen Tagen und Wochen in den sozialen Medien und im Netz unterwegs ist. Schamlos wird offen zu Gewalt aufgerufen, ohne Pause diffamiert, herabgesetzt, beleidigt, gelogen, erniedrigt. Psycho-listig-pseudo-lustig wird verhohnepiepelt, lächerlich gemacht, vereinfacht, gebrandmarkt, an den Pranger gestellt. Besoffen von nacktem Hass und getragen von einer Hetz-Rhetorik, die unselig rausgebellten Volksempfänger-Reden in nichts nachstehen.

 

Und sie wissen, was sie tun. Sie wollen es und sie zündeln nicht nur rhetorisch. Die Zahl der extremistischen Straftaten explodiert in einer Weise, dass sich der deutsche Michel die Augen reibt. Gerade noch schnarchte er in seinem Mallorca-und Öko-Biedermeier, da trampeln plötzlich braune Wiedergänger durchs Zimmer. Dabei hätte er wissen müssen, dass es keinen Schlaf des Gerechten gibt: Seit Jahren organisieren sich radikale Sonderwelten einen Wolf, sie verwirren mit ständig neuen Parteigründungen, locken Unzufriedene auf den Leim, gröhlen einst für ultralinks gehaltene Parolen auf Marktplätzen, sie schlichen in Kommunalparlamente und Landtage, um sich und die ganze Innung zu blamieren.

 

Ernüchternde Fakten

 

Doch der scheinbar harmlosen Ouvertüre mit fast folkloristisch anmutenden Knallerbsen an den Rednerpulten der Republik sind längst Taten gefolgt. Allein zwischen Januar und September haben sich laut Bundeskriminalamt die Angriffe auf Asylunterkünfte auf 505 erhöht. Im August wurden knapp 1.500 solcher Straftaten gemeldet, darunter 100 Gewalttaten. Und dass jetzt auch noch der Prozess um die NSU-Morde zum endgültigen Trauerspiel zu werden scheint, ist ernüchternd genug.

 

Die Republik schaute verschämt lieber das andere Programm, als die ersten Molotow-Cocktails aufschlugen, die Mediendemokratie rätselte noch mit Unbehagen über Hintergründe, als internationale Stars der rechten Szene für Fackelandachten eingeflogen wurden. Jahrelang hatten sie mit offen bekennenden US-Nazis und Rassisten aus Ex-Ostblockstaaten angebandelt, einen blühenden Markt für Waffen-SS-Devotionalien aufgebaut, sie berauschten sich bei den bescheidenen Riffs von Dark-Metal Combos, trafen sich zu Kameradschaftstreffen auf Weltkriegsschauplätzen, in ländlichen Hinterzimmern oder gleich am Krähennest des Oberhelden in Berchtesgaden. Jetzt sind sie wieder da. Mit einschlägig mehrfach vorbestraften Cheffiguren, die sich im NS-Jargon gefallen und gerne auch mal selbst ein Bärtchen ankleben. Mit neuen „Helden“ einer „Bewegung“, die ganz konsequent die ungebremste populistische Brand-Rhetorik einlösten, die demokratisch gewählte Politiker bedrohen oder ihnen das Messer gleich in den Leib rennen, die Nonsens über Flüchtlinge und Farbige faseln, sie durch Straßen jagen, beim Ziehen von Grenzzäunen applaudieren und „völkisch befreite Zonen“ ausrufen. Online und live bejubelt von tumbem Stammel-Mob, dessen eifrig sinnfreies Blöken lange genug von unzähligen hingestreckten Mikros und Kameras dokumentiert wurde.

 

Abgrund an Hirnlosigkeit

 

Seit Monaten gähnt ein Abgrund an Hirnlosigkeit und Hochkant-Horizont in die deutschen Wohnzimmer. Es ist geradezu zum Verzweifeln. Wie viele dunkle Täler voller Ahnungslosen dräuen da noch draußen im Land? Mit so vielen lieben, besorgten, verunsicherten und verängstigen Menschen, die sich für „das Volk“ halten und so sehr um ihre Ruhe und Sicherheit besorgt sind. Und die sich täglich fragen: Kriegen wir die Probleme wirklich gelöst? Werden wir nicht doch irgendwie von „Systemparteien“ gegängelt? Von einer „Lügenpresse“? Vom internationalen Großkapital? Von Weltverschwörern, die den kleinen Mann ausbeuten? Haben die da in Dresden, Leipzig, oder wo immer sie sich versammeln, nicht doch irgendwie ein bisschen Recht? Oder haben sie mich sogar irgendwo auf der Liste, dass ich besser aufpassen oder zumindest die Schnauze halten sollte?

 

Immer dieselben ...

 

Nicht weniger fatal: Guckt man sich an den Unis und Hochschulen um, gibt es einfach nichts Neues unter der Sonne. Was hier bierwarm bebrütet und in sentimental-bockigen Zirkeln ausgedünstet wird, passt seit Jahrzehnten - und noch viel länger - exakt ins Bild. Sie gerierten sich als Opfer des linken Mobs, als unverstanden-marginalisierte Elite im marxistisch-bolschewistischen Farbbeutelregen der Antifa, sangen von heroischen Zeiten und wärmten sich bei nostalgischen Fackelmärschen. Doch hatten sie nicht jahrzehntelang ungestraft fleißig zu Führers Geburtstag gekneipt, waren sie nicht an das Grab seines Stellvertreters Hess nach Wunsiedel gewallt? Unterhielten nicht mehr oder weniger akademische Deutschtümler hier schon immer beschützte Werkstätten, mit denen sie am edlen Retro-Geist des Vaterlandes schmirgelten? Dass sich nach peinlich dämlichen Arierproben-Debatten etwa die Deutsche Burschenschaft beim Hingucken selbsttätig zerlegte, hätte man fast kaum glauben können. Nichts desto trotz feierten sie 2015 das 200-jährige Bestehen der Urburschenschaft mit einer schamlos im Internet gezeigten unsäglich-bejohlten Kommersrede – Alt und Jung beim Becherklang, vereint für die Nation bzw. das, was sie dafür halten.

 

Jetzt sind sie wieder da: Sie tauchen in den Kadern sattsam bekannter Rechts-Parteien auf, sind bei sogenannten „Identitären“ und in der „Europäischen Aktion“ dabei, hetzen gegen Andersdenkende im Netz, stellen ihre Häuser für germanophile Rechtsdruiden und pseudoreligiöse Thule-Truppen zur Verfügung, sie gründen klandestine Sonderwissenschaftsinstitute, kleben sich „Odin statt Jesus“ auf den BMW oder geben wahlweise vor, ein „christliches Abendland“ zu verteidigen. In zahllosen „nationalen“ und pseudoliberalen Postillen und Szenemagazinen vernebelten oder verdichteten sie ihre Linolschnittparolen und ideologischen Tunnelblicke, gewannen Supporter und Steigbügelhalter im oft genug ahnungslosen Wissenschaftsmilieu, bei geschassten Ex-Politikern oder abgehalfterten Wirtschaftsbossen. Jetzt wird der Flokati abgeworfen. Die Fratze des Bösen ist für alle sichtbar.

 

Hört also auf, euch zu wundern. Es ist Zeit. Wer bei Demonstrationen – von welchen Interessen auch immer gesteuert und unterstützt - Galgen schwenkt, von Gaskammern und Lagern redet, der ist raus aus dem demokratischen Spielfeld. Wenn Häuser angezündet und Tote in Kauf genommen werden, heißt das: Platzverweis. Wer das Gewaltmonopol des Staates infrage stellt, der gehört nicht in die von ihnen selbst verachteten Parlamente. Sondern dorthin, wo jeder Gewalttäter hingehört. In den Knast. Mit klarer Kante des geltenden Gesetzes, ohne Umschweife, ohne großes Lamento, ohne nervige Prüfung seiner Zurechnungsfähigkeit. Denn sie wissen, was sie tun. Und was sie wollen. Und sie werden es tun. Wer schweigt, stimmt zu.

 

Der Vorabdruck aus unitas 4/2015 zum Download.


 




Veröffentlicht am: 17:06:21 29.10.2015
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