Europakommers zum 104. Stiftungsfest

Festrede zu Europa, Demokratie und Religion

 

ESSEN. Der 9. Mai ist für die Ruhr-Unitas kein beliebiger Tag: Seit Jahren steht der Europa-Tag mit im Mittelpunkt des Sommersemesters. Die Unitas Ruhrania konnte ihr unter diesem Vorzeichen stehendes 104. Stiftungsfest am Samstag und Sonntag 9./10. Mai wieder als vollen Erfolg verbuchen.

 

Nach den Gremiensitzungen von Hausbauverein und Gesamtverein am Nachmittag versammelten sich rund 50 Gäste zum abendlichen festlichen Europakommers, zu dem der „König“, Senior Christoph de Roy, Besucher aus mehreren Städten begrüßte. Als Präside des Abends nahm er die feierliche Neuaufnahme von Bbr. Carlos Taipe, dem ersten Bundesbruder aus Peru, in die Aktivitas vor. Auch der Altherrenverein freute sich über eine Neurezipierung, der zum Vereinsfest im Juni eine weitere folgen wird.

 

Festvortrag zum Europa-Kommers

 

Die festliche Corona zeigte sich besonders gespannt auf die Rede, für die in diesem Jahr Bbr. Ministerialrat a.D. Klaus-Hermann Rössler gewonnen werden konnte. Er hatte sie unter den Titel „Europa, Demokratie und Religion – einige Aspekte“ gestellt. Und natürlich erinnerte er an eine andere Aufsehen erregende Rede, die am selben Tag vor 65 Jahren im Salle d‘Horloge des französischen Außenministeriums am Quai d´Orsai in Paris gehalten worden war: Damals präsentierte der damalige französische Außenminister Bbr. Robert Schuman - „zeitlebens von Haltung und Verbandstreue her vorbildlicher Unitarier“ - auf einer Pressekonferenz seinen Plan zur Montan-Union. Die von dem Wirtschaftsexperten Jean Monnet konzipierte und von Schuman redigierte Erklärung vom 9. Mai 1950 veränderte „schlagartig die Weltpolitik“, so Bbr. Rössler – mit Nachwirkungen bis heute: Der sogenannte Schuman-Plan markiert nach allgemeiner Auffassung die Geburtsstunde der Europäischen Union.

 

Auf dem Weg zum Bundesstaat

 

Diese Erklärung, unterstrich Bbr. Rössler, sei weit mehr als eine Funktionsbeschreibung der ersten europäischen Behörde gewesen. Bis heute zeige sie in Kurzform nicht nur die aktuellen Ziele und Methoden der europäischen Einigung, sondern auch die verschiedenen bis heute nicht gelösten Aufgaben. Der Text beschreibe den „Frieden“ und „Europa“ als Synonyme, betonte der Festredner, und definiere als Ziel der europäischen Einigung eine „europäische Föderation“ – damit eindeutig einen Bundesstaat, nicht einen Staatenbund. Als Methode der europäischen Einigung wird die eines durch immer stärkere Vernetzung und Kooperation geförderten allmählichen Zusammenwachsens beschrieben.

 

Diese Schaffung der „gemeinsamen Grundlagen für die wirtschaftliche Entwicklung“ als erster Etappe der europäischen Föderation - von Schuman bezeichnenderweise auch „Solidarität der Produktion“ genannt – ziele auf wirtschaftlichen Vereinigung, aber durchaus auch auf eine soziale: Angestrebt werde größerer Wohlstand und eine Angleichung des Lebensstandards für alle Schichten und Völker, unterstützt von der Geldpolitik, der Rationalisierung der Produktion und Innovation durch Vereinheitlichung der Standards.

 

Visionäre Kraft für heute

 

Doch für Schuman sei die wirtschaftliche Entwicklung „immer nur Ausdruck, nicht Ersatz für die Seele Europas“ gewesen, machte Klaus-Hermann Rössler klar. Die geradezu visionäre Kraft dieser kurzen Erklärung zeige sich zudem in der Rolle dieser ersten Schritte zur Entwicklung der Nachbarkontinente, erinnerte Rössler an das Wort Schumans: „Europa wird … mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen können: die Entwicklung des afrikanischen Erdteils.“ Angesichts der heutigen Flüchtlingskatastrophe, so der Referent – „wahrhaft prophetische Worte!“

 

Für die unitarische Familie liege die besondere Dimension des Europa-Tages aber natürlich nicht nur in seiner politischen Bedeutung, sondern gehe noch darüber hinaus: Denn für Bbr. Schumann stehe das Seligsprechungsverfahren kurz vor dem Abschluss. Schon Bbr. Romano Guardini hatte zu seinen Lebzeiten über Robert Schuman gesagt: „Ja - ich halte Robert Schuman für einen Heiligen in unserer Welt", zitierte Rössler den berühmten Priester und Philosophen, Initiator, Mentor und Inspirator der „Liga Europa". Er erklärte damals: „Ein Heiliger ist ein Mensch, dem Gott gegeben hat, seine Gebote vollkommen ernst zu nehmen, sie in ihre Tiefe hinein zu verstehen und alles für ihre Verwirklichung zu tun. Sicher hat jeder Mensch in der Welt, in der er lebt, seine Aufgabe. Manche Aufgaben gibt es aber, die auf den Einen warten, der sich dem göttlichen Willen vollkommen zur Verfügung stellt. Das betrifft in besonderer Weise wohl bei Robert Schuman zu."

 

Bbr. Rössler unterstrich: „Dass wir Schumann bereits heute als Diener Gottes verehren dürfen, hat natürlich damit zu tun, aus welchen persönlichen Motiven und mit welchen ethischen Zielen er als Christ Politik gestaltete. Es hat aber auch damit zu tun, dass er sich – wie Bbr. Guardini ausgeführt hat, „dem göttlichen Willen ganz zur Verfügung gestellt hat“, nicht als Priester, wie er 1911 kurzzeitig nach dem Tod seiner Mutter erwog, sondern als Laie, der freilich auch als Spitzenpolitiker nach der Regel des Hl. Benedikt zölibatär lebte, ohne je daraus großes Aufhebens zu machen – eine noch für uns staunenswerte Vorstellung: ein Bete und Arbeite als Politiker und Mönch.“

 

Tabu der europapolitischen Korrektheit

 

Hier stellte der Festreferent einige Thesen zum Thema Europa, Demokratie und Religion zur Anregung weiterer Diskussion vor: Denn der Europatag breche mit Bezug auf Schuman gewissermaßen ein Tabu der europapolitischen Korrektheit. Er lege eine Erkenntnis offen, die nicht gerade zum Alltag der Diskussionen über die Europäische Union und in den europäischen Institutionen gehöre, so Bbr. Rössler: „Die Europäische Union hat einen grundlegenden Bezug zu Idealen und Werten der Heiligkeit im Sinne des christlichen und katholischen Glaubens, so sehr das auch vergessen, aus Konsensgründen beschwiegen oder sogar aus politischer und ideologischer Verblendung bestritten werden mag.“ Die Verbindung von Politik und Religion werde in den Massenmedien und der Politik zumeist mit Analphabetismus, Mord und Totschlag, Terrorismus und anderem Elend der Menschheit in Verbindung gebracht: „Europa scheint spätestens nach den Anschlägen in Paris ein Synonym für weitgehende Religionsskepsis geworden zu sein“ - und allein der Glaube an eine höhere Wahrheit werde bereits vom demokratischen Standpunkt her als vielleicht sogar bedenklich eingeschätzt.

 

Entchristlichung des öffentlichen Diskurses

 

Den Kirchen schreibe man durchaus eine Rolle als Förderer der gesellschaftlich erwünschten Arbeits- und Sozialmoral zu, doch seien sie dabei freilich keineswegs unersetzliche Moralproduzenten: „Die Kirche hat ihren Platz als eine Moralanstalt für die demokratisch verfasste moderne Gesellschaft unter vielen, etwa Moscheevereinen, gemeinnützigen Trägern der Wohlfahrtspflege und anderen. Hauptsache: Religion ist für den guten Demokraten Privatsache.“ So allerdings werde Glaube „zum gesellschaftlich hoffentlich nützlichen frommen Selbstbetrug, der dann aber durchaus durch andere Psycho-Techniken ersetzt werden kann“, warnte Bbr. Rössler vor „einer fundamentalen Entchristlichung des öffentlichen Diskurses im Sinne eines scheinbar demokratisch gebotenen öffentlichen Agnostizismus“.

 

Er plädiere keineswegs für staatliche Intoleranz durch Begünstigung einer Religion oder gar Konfession – schon gar nicht auf europäischer Ebene. Vielmehr sei er „ganz im Sinne des Zweiten Vaticanums“ davon überzeugt, dass der innerste Kern der politischen Freiheit die Religionsfreiheit sei: „Ohne Religionsfreiheit in diesem substantiellen Sinne gibt es deshalb letztlich keine freie Gesellschaft und keine Demokratie", erklärte er mit Blick auf Artikel 1 des Grundgesetzes, der die unantastbare Würde des Menschen und damit einen letztlich metaphysische, nur durch eine lange christlich-kulturelle Vorgeschichte erklärbaren Begriff.

 

Christen sind zum persönlichen Bekenntnis gefordert

 

„Es ist an der Zeit, das Bekenntnis zu Christentum und Kirche als wesentlichem sinnstiftenden europäischem Horizont zu erneuern, und zwar diskursiv, nicht formelhaft“, so der Festredner. Dabei seien Christen in besonderer Weise zum persönlichen Bekenntnis gefordert, zugleich alle anderen aber zu Toleranz und Akzeptanz dieses Bekenntnisses. Niemand dürfe fürchten müssen, allein schon deshalb gleich als Fundamentalist aus dem ernsthaften politischen Diskurs ausgegrenzt zu werden: „Es muss aus Gründen der Ehrlichkeit Schluss sein mit der Kultur des methodischen Atheismus, des heuchlerischen Agnostizismus, der religiösen Schweigespirale in der Politik. Sonst können wesentliche Probleme der Menschen innerhalb und außerhalb Europas nicht angesprochen, verhandelt und gelöst werden.“

 

Religionsfreiheit sei vor allem die Freiheit zur Begegnung mit dem Heiligen, so Bbr. Rössler: „Ihre Frucht ist die Bemühung um eine humane Politik ganz nach dem Willen Gottes. Eine Politik, die den Menschen den Weg zum Heil nicht verstellt und ihnen unter diesem Aspekt den individuellen „pursuit of happiness“ – wie es in der amerikanischen Verfassung heißt – ermöglicht.“ Schon viele Zeitgenossen hätten die sich aus dem Schuman-Plan ergebende Perspektive einer engen europäischen Zusammenarbeit mit dem Ziel der Gründung der Vereinigten Staaten von Europa als ein „Wunder“ angesehen, „als eine Heilung der schweren Verletzungen der europäischen, ja menschlichen Identität und Integrität durch die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg und unmittelbar danach – ein Hauch von Heiligkeit im Zeitalter des scheinbaren Triumphs des Unheiligen“, erklärte der Festredner. Und er halte es alles andere als für einen Zufall, dass im gleichen Jahr Papst Pius XII.am 1. November 1950 das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel verkündete. Hier sei angesichts der Grauen des Weltkrieges im Blick die Würde des Menschen „ein unüberbietbarer Triumph der Menschlichkeit“ definiert worden.

 

Heiligkeit und Politik

 

Bbr. Robert Schuman habe der Welt gezeigt, dass Politik durchaus sich um Heiligkeit bemühen könne: „Sie ist eine Kunst, ein Handwerk und oft genug ein schmutziges Geschäft. Aber gerade das Projekt Europa ist nur möglich letztlich als Rückbesinnung auf seine religiösen Grundlagen, auf ein elementares gemeinsames Streben nach Heiligkeit, nach dem Willen Gottes, der alle Völker geschaffen hat.“

 

Er frage sich, ob demnach die heutige unübersehbare Krise der europäischen Institutionen nicht die Konsequenz eben jener skizzierten Religionsvergessenheit sei: „Kann es Europa ohne Bekenntnis zum Christentum geben? Ich glaube nicht“, so Rössler unter großem Applaus und zitierte den Dichter Novalis mit seiner 1799 gehaltenen Rede unter dem Titel „Die Christenheit oder Europa“: „... Wo keine Götter sind, walten Gespenster. Es ist an uns Christen, durch unser Bekenntnis zu Christus und Kirche, die Gespenster zu bannen.“

 

Ausklang im Schlosspark

 

Die Sitzungen am Samstagnachmittag hatten den AHV-Vorstand vollständig bestätigt. Im HBV rückte Bbr. Richie Duckheim in die Funktion des 2. Vorsitzenden nach. Der Ausklang nach der Messe am Sonntag führte eine ansehnliche Zahl der Aktiven und jungen Alten Herrn in den Borbecker Schlosspark und anschließend zu einem gemeinsamen Essen in Haus Gimken.




Veröffentlicht am: 22:28:24 10.05.2015
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