Kirchen und NGOs: Kritik an Rio+20-Abschlusserklärung


RIO DE JANEIRO / MÜNCHEN / BRÜSSEL. Bei Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und Kirchen stößt die vorläufige Abschlusserklärung des noch bis Freitag dauernden UN-Umweltgipfels Rio+20 in Brasilien auf scharfe Kritik: Misereor monierte, es sei ein Skandal, dass sich die Staaten bereits vor dem eigentlichen Gipfel mit einem wachsweichen Abkommen zufrieden geben wollten, dessen Entwurf von ursprünglich 200 Seiten auf 49 Seiten zusammengestrichen worden war.

 

Als Präsident der EU-Bischofskommission COMECE forderte der Münchner Kardinal, Bbr. Reinhard Marx, Nachbesserungen für den Begriff einer ressourcensparenden „Grünen Wirtschaft“ („Green Economy“), einem der zentralen Themen des Treffens. Nachhaltige Entwicklung verlange auch eine Veränderung des Konsumverhaltens: Die Idee der „Grünen Wirtschaft“ stehe und falle damit, ob und wie weit arme Menschen davon profitierten.

 

Bbr. Marx forderte, das UN-Umweltprogramm UNEP zu einer effektiveren Welt-Umweltorganisation auszubauen. Das gegenwärtige Wirtschaftsmodell stelle den Konsum materieller Werte zu sehr in den Mittelpunkt und vernachlässige zu oft die Menschenwürde und andere Bedürfnisse. Der Bamberger Erzbischof, Bbr. Ludwig Schick, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für weltkirchliche Fragen, klagte, der vorliegende Text enthalte mehr allgemeine Hinweise als konkrete Festlegungen.

 

 

Unsere gemeinsame Verantwortung
für die zukünftige Welt“

Die Erklärung des Präsidenten der COMECE anlässlich der UN-Konferenz
zu Nachhaltiger Entwicklung (UNCSD) Rio +20 im Wortlaut:

 

Zwanzig Jahre nach dem ersten „Earth Summit“ in Rio de Janeiro 1992 treffen einander die Staats- und Regierungschefs im Juni 2012 wiederum in Rio zur Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung (UNCSD). Mit diesem Treffen verbinden zahllose Menschen die Erwartung, dass konkrete Maßnahmen auf dem Weg zu einer gerechteren und nachhaltigeren Entwicklung gebracht werden. In einer Welt, in der Millionen von Menschen keinen Zugang zu ausreichender Nahrung, sauberem Wasser, Energie, Gesundheitsvorsorge und Bildung haben, und die von Klimaveränderungen durch die Erwärmung der Erdatmosphäre bedroht ist, sind diese Schritte notwendiger und drängender denn je.

 

Nachhaltigkeit | Die Konferenz in Rio im Jahr 1992 hat den Begriff der „Nachhaltigkeit“ in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen gestellt. Aus christlicher Sicht ist die Anerkennung der Würde des Menschen die Basis jeder nachhaltigen Entwicklung. Bereits die Erklärung von Rio 1992 hält als ihr erstes Prinzip fest, dass im Mittelpunkt der Sorge für eine nachhaltige Entwicklung die Menschen stehen müssen, die ein Recht auf ein gesundes Leben in Übereinstimmung mit der Natur haben. Nachhaltigkeit als Prinzip umfassender menschlicher Entwicklung hat zum Ziel, einen Ausgleich zwischen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Notwendigkeiten zu finden und den grundlegenden Bedürfnissen der gegenwärtigen Generation gerecht zu werden, ohne damit die Lebenschancen zukünftiger Generationen in Gefahr zu bringen. Nachhaltigkeit ist auf Solidarität hin angelegt, die sich über Raum und Zeit erstreckt. Die von der Konferenz beabsichtigte Ausarbeitung eines Rahmenwerks für ein „grünes Wirtschaften im Kontext nachhaltiger Entwicklung (GESDPE)“ und eine entsprechende Politik muss sich letztlich daran messen lassen, ob und in welchem Maß sie den Grundbedürfnisse aller Menschen, besonders aber der Armen und Marginalisierten sowie der zukünftigen Generationen, gerecht wird.

 

Verantwortung | „Wir alle sind verantwortlich für den Schutz und die Pflege unserer Umwelt. Diese Verantwortung kennt keine Grenze. In Verbindung mit dem Subsidiaritätsprinzip ist es für jede oder jeden wichtig sich auf ihrer und seiner eigenen Ebene einzusetzen, um das Übergewicht von Partikularinteressen zu überwinden.” (1)  

Die Verantwortung für die globale Erwärmung liegt zuerst bei der entwickelten Welt. Deshalb sollte der nördliche Teil der Welt und insbesondere die Europäische Union, den größten Anteil übernehmen, während hingegen den Entwicklungsländern im Sinne des Prinzips der „gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung“, wie es 1992 in Rio definiert wurde, besondere Mittel und Konditionen gewährt werden sollten. (2)  

Der Begriff der „Green Economy” muss weiterhin genauer abgegrenzt werden. Um im Einklang mit dem Konzept der Nachhaltigen Entwicklung zu stehen, sollte es nicht allein Veränderungen in der Produktion, sondern auch einen Wandel im Konsum beinhalten. (3) Unser derzeitiges Konsummodell betont zu sehr die Konsumierung von materiellen Gütern und neigt dazu, somit die anderen Dimensionen der Menschenwürde und nachhaltigen Entwicklung zu ignorieren. (4) Eine Mäßigung des Konsums, die imstande ist, die Vorstellung von Reichtum von ihrem materialistischen Fokus zu befreien, ist deshalb notwendig. Mäßigung heißt nicht, den Wunsch nach materiellen Gütern aufzugeben, sondern stattdessen zu unterscheiden, was essentiell und was überflüssig ist. (5)

 

Entwicklung | Da Nahrung das erste Mittel im Kampf gegen die Armut und zur Unterstützung einer wachsenden Erdbevölkerung ist, ist ein globaler nachhaltiger Landwirtschaftssektor wie auch eine gerechte, aber effiziente Bodenordnung erforderlich. Dadurch wird es notwendig sein, unser europäisches Modell der intensiven Landnutzung, das zu einem großen Teil auf aus Entwicklungsländern importiertem Tierfutter und exportierten Agrarprodukten in die gleichen Ländern beruht, zu verändern und anzupassen.

Das kommende „Post-Öl Zeitalter” beeinträchtigt zutiefst die Nutzung von fruchtbaren Agrarflächen. In den vergangenen Jahren haben wir einen schärfer werdenden Wettbewerb zwischen „Agrargütern zum Verzehr” und „Agrargütern zur Energieerzeugung” und die aus der Entwicklung folgenden Preissteigerungen für Nahrungsmittelgüter beobachten können. Unser energieaufwendiger Lebensstil ist in Verbindung mit der Notwendigkeit zur Reduktion der CO2-Emissionen von fossilen Brennstoffen eine Gefahr für die Ernährungssicherheit in den Entwicklungsländern. Aus diesem Grund muss eine „Grüne und nachhaltige Wirtschaft“ besonders die Entwicklung von intelligenten und umweltfreundlichen Methoden der Energieerzeugung fortführen, ohne dabei zugleich eine Bedrohung für die Nahrungsmittelproduktion darzustellen.
Des Weiteren sollte das Wirtschaftswachstum nicht länger allein das Ziel von menschlicher Entwicklung sein: Wir sollten uns hingegen für ein Programm einsetzen, dessen entscheidender Faktor die allumfassende menschliche Entwicklung ist. Deshalb muss eine Einigung gefunden werden, die die einseitige Sicht auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um weitere Indikatoren wie Schulbesuch- und Lebenserwartungsraten ergänzt. Angesichts unserer begrenzten Ressourcen können weder wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit noch soziale Gerechtigkeit auf Dauer ohne die Integration ökologischer Faktoren erreicht werden. (6) Die Ökologie darf daher in keiner Bemessung des nachhaltigen Lebens fehlen. Christen müssen gegenüber dem vorherrschenden Lebensstil kritisch bleiben, der zu einseitig auf den Konsum und insbesondere auf einen unverhältnismäßigen Verbrauch von Energie ausgerichtet ist. (7)

 

Zusammenarbeit | Zusammenarbeit ist die Herausforderung der Zukunft. Institutionen auf allen Ebenen des Entscheidungsfindungsprozesses müssen ihre Zusammenarbeit auf ein stimmiges System einer Global Governance hin verbessern, das in der Lage ist eine kohärente Politik sicher zu stellen. Auf globaler Ebene müsste das UN Umweltprogramm (UNEP) zu einer spezialisierten Umweltagentur aufgewertet werden. Diese mögliche «Welt-Umweltorganisation», welche die Bischöfe der COMECE bereits im Jahr 2001 vorgeschlagen haben, (8) kann die Synergien der bestehenden, mehr als 500 multilateralen Umweltabkommen verstärken und Umweltanliegen in einer deutlich hörbaren, glaubwürdigen und effektiven Weise artikulieren. (9) Gemäß des Prinzips der Subsidiarität müssen lokale, nationale, regionale und globale Behörden sich ihrer Verantwortung stellen im Hinblick auf Regulierungen, politischen Prioritäten und der Implementierung nachhaltiger Entwicklungsstrategien. Stadtverwaltungen, in enger Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft, dem Privatsektor und den Kirchen müssen dringend die Instrumente zur Partizipation, die die Agenda 21 vorgeschlagen hat, anwenden, um damit zur Debatte und der Ausarbeitung von Aktionsplänen beizutragen. Die effektivsten Aktionen liegen in der Hand der Menschen selbst und der lokalen und regionalen Behörden.

 

Eine Bekehrung der Herzen und des Denkens | Entwicklung verläuft nicht eindimensional. Es handelt sich dabei nicht nur um den entschiedenen Kampf gegen Armut und Hunger, und den Streit um den Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu Gesundheitsvorsorge und Bildung für mehr als 2 Milliarden Menschen. Es ist auch das kritische Bemühen um weltweit einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln, der zu einer „grundsätzlichen Bekehrung der Herzen und des Denkens der entwickelten und reichen Länder“ führt.

Anstatt von Materialismus und Eigennutz bestimmt zu werden, müssen wir großzügig werden und uns als solidarisch erweisen. Wir müssen an einer neuen Kultur mit Respekt vor der Schöpfung arbeiten, und uns für Solidarität und Gerechtigkeit, für wahre und authentische menschliche Entwicklung einsetzen.

Die Welt erwartet, dass ihre Staatsmänner in Rio sich ihrer Verantwortung bewusst werden und sich an ihren Verpflichtungen messen lassen. Die Kommission der Bischofskonferenzen der EU wünscht ihnen den Mut, um sich für gerechte Lösungen zu entscheiden.

 

München/Brüssel, im Juni 2012

 

Reinhard Kardinal Marx

Erzbischof von München und Freising

Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE)

 


 

(1) Benedict XVI, „Willst Du den Frieden fördern, so bewahre die Schöpfung“, Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2010, Art. 11

(2) COMECE (2011): Eine christliche Sicht auf den Klimawandel – Auswirkungen des Klimawandels auf Lebensstile und auf die EU-Politik, Bericht an die Bischöfe der COMECE, 2. Auflage, S. 25

„Im Rahmen des vereinbarten Grundsatzes der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten trägt die EuropÄische Union bei der Bekämpfung des Klimawandels eine besondere Verantwortung – nicht nur angesichts der Geschichte des Klimawandels, sondern auch im Hinblick auf die technologischen und finanziellen Mittel der EU und ihre Erfahrung mit kooperativem Handeln. [...] Doch selbst wenn bestimmte Länder ihrer Verantwortung für die Armen und für zukünftige Generationen nicht gerecht werden, kann dies nicht als Entschuldigung für die Europäische Union dienen, ihre eigenen für notwendig erachteten Maßnahmen nicht zu ergreifen. Darüber hinaus sollte die EU jede erdenkliche Bemühung unternehmen, um alle betroffenen Akteure von der Notwendigkeit des Klimaschutzes zu überzeugen.“

(3) CIDSE (2011): People and Planet First – Alternative ideas about development, S. 11.

(4) COMECE (2011): Eine christliche Sicht auf den Klimawandel – Auswirkungen des Klimawandels auf Lebensstile und auf die EU-Politik, Bericht an die Bischöfe der COMECE, 2. Auflage, S. 22.

(5) Ebd., S. 23.

(6) Vgl. COMECE (2011): Eine europäische Solidaritäts- und Verantwortungsgemeinschaft – Erklärung der Bischöfe der COMECE zum EU-Vertragsziel der wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft, Art. 21.

(7) COMECE (2011):. Eine christliche Sicht auf den Klimawandel – Auswirkungen des Klimawandels auf Lebensstile und auf die EU-Politik, Bericht an die Bischöfe der COMECE, 2. Auflage, S. 29.

(8) COMECE (2001): Global Governance – Unsere Verantwortung, Globalisierung zu einer Chance für alle werden zu lassen, Bericht an die Bischöfe der COMECE, Art. 62.

(9) COMECE (2006): Global Governance Assessment 2006 - Missed Opportunities and New Perspectives, S. 21.

 


 

Quelle: COMECE, Pressemitteilung vom 20. Juni 2012

 




Veröffentlicht am: 20:22:56 20.06.2012
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