Quelle: YouTube, 11/11/2009 (1:18)

 

Katechese: Die cluniazensische Reform ist die Wiege Europas

Papst Benedikt XVI. während der heutigen Mittwochsaudienz

 

ROM, 11. November 2009. „Liebe Brüder und Schwestern, beten wir darum, dass all jene, denen ein wahrer Humanismus und die Zukunft Europas am Herzen liegen, fähig werden, ihr kulturelles und religiöses Erbe wiederzuentdecken, anzuerkennen und zu verteidigen.“ Mit dieser Einladung wandte sich Papst Benedikt XVI. während der heutigen Mittwochsaudienz an die Pilger und Besucher auf dem Petersplatz.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Heute Vormittag möchte ich zu euch über eine monastische Bewegung sprechen, welche in den Jahrhunderten des Mittelalters von großer Bedeutung war und die ich bereits in den vergangenen Katechesen angedeutet habe. Es handelt sich um den Orden von Cluny, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts, dem Augenblick seiner größten Ausbreitung, fast 1200 Klöster zählte: eine wirklich beeindruckende Zahl! Gerade vor 1100 Jahren, im Jahr 910, wurde in Cluny infolge der Schenkung Wilhelms I. des Frommen, Herzog von Aquitanien, ein Kloster gegründet und der Leitung des Abtes Berno unterstellt.

 

Zu jener Zeit war das einige Jahrhunderte vorher mit dem heiligen Benedikt erblühte Mönchstum aus verschiedenen Gründen sehr verfallen: zu diesen gehörten die unbeständigen politischen und sozialen Verhältnisse, die durch ständige Invasionen und Zerstörungen seitens Völkern verursacht wurden, die nicht in das europäische Netzwerk eingegliedert waren; dann die verbreitete Armut und vor allem die Abhängigkeit der Abteien von den örtlichen Herren, die alles kontrollierten, was in ihrem Zuständigkeitsbereich zum Territorium gehörte. In einem derartigen Umfeld war Cluny die Seele einer tiefen Erneuerung des monastischen Lebens, die es zu dessen ursprünglicher Inspiration zurück führen wollte.

 

In Cluny wurde die Einhaltung der Regel des heiligen Benedikts in Verbindung mit einigen, bereits von anderen Reformern eingeführten Anpassungen wiederhergestellt. Vor allem wollte man die zentrale Rolle gewährleisten, welche die Liturgie im christlichen Leben einnehmen muss. Die cluniazensischen Mönche widmeten sich mit Liebe und großer Sorgfalt der Feier der liturgischen Tageszeiten, dem Singen der Psalmen, frommen und ebenso feierlichen Prozessionen und vor allem der Feier der heiligen Messe.

 

Sie förderten die geistliche Musik; sie wollten, dass Architektur und Kunst zur Schönheit und Feierlichkeit der Riten beitrügen; sie bereicherten den liturgischen Kalender mit besonderen Feiern wie zum Beispiel mit dem Fest Allerseelen Anfang November, das auch wir vor kurzem gefeiert haben; sie stärkten die Verehrung der Jungfrau Maria. Der Liturgie wurde eine derart große Bedeutung beigemessen, da die Mönche von Cluny überzeugt waren, dass sie Teilhabe an der himmlischen Liturgie sei. Und die Mönche fühlten sich in die Verantwortung genommen, am Altar Gottes für die Lebenden und die Verstorbenen Fürsprache zu halten, da sie so viele Gläubige eindringlich darum baten, ihrer im Gebet zu gedenken.

 

Im Übrigen hatte Wilhelm I. der Fromme die Entstehung der Abtei gerade aus diesem Grund gewollt. Im antiken Dokument, das dessen Stiftung bezeugt, lesen wir: „Ich lege mit dieser Schenkung fest, dass in Cluny ein Kloster für ordentliche Mönche errichtet werden soll, zu Ehren der heiligen Apostel Petrus und Paulus, und dass sich dort Mönche versammeln sollen, die nach der Regel des heiligen Benedikts leben (...), dass dort in einem ehrwürdigen Hort des Gebets mit Gebetsanliegen und flehendem Gebet eingehalten und mit aller Sehnsucht und innerem Glühen das himmlische Leben gesucht und begehrt werde, und dass eifrig Gebete, Anrufungen und flehende Bitten an den Herrn gerichtet werden“. Um diese Atmosphäre des Gebets zu bewahren und zu nähren, setzte die cluniazensische Regel den Akzent auf die Wichtigkeit des Schweigens, dessen Disziplin sich die Mönche bereitwillig unterstellten, insofern sie der Überzeugung waren, dass die Reinheit der Tugenden, nach der sie strebten, eine innige und stete Sammlung erforderte. Es wundert nicht, dass das Kloster von Cluny bald ein Ruf der Heiligkeit umgab und viele andere monastische Kommunitäten den Entschluss fassten, seinen Regeln zu folgen. Viele Fürsten und Päpste baten die Äbte von Cluny, ihre Reform zu verbreiten, so dass sich in kurzer Zeit ein enges Netz von Klöstern ausbreitete, die an Cluny gebunden waren, dies entweder durch richtiggehende juristische Bande oder in einer Art charismatischen Angliederung. So begann sich in den verschiedenen Regionen von Frankreich, in Italien, in Spanien, in Deutschland und in Ungarn ein Europa des Geistes abzuzeichnen.

 

Der Erfolg von Cluny wurde vor allem durch eine dort gepflegte hohe Spiritualität, aber auch durch einige andere Bedingungen sichergestellt, die deren Entfaltung begünstigten. Im Unterschied zu dem, was bisher der Fall war, wurden das Kloster von Cluny und die von ihm abhängigen Kommunitäten in ihrer Unabhängigkeit von der Jurisdiktion der Ortsbischöfe anerkannt und direkt der Jurisdiktion des Papstes unterstellt. Dies brachte eine besondere Verbundenheit mit dem Sitz des Petrus mit sich, und gerade dank des Schutzes und der Ermutigung der Päpste konnten die Ideale der Reinheit und der Treue, die von der cluniazensische Reform verfolgt wurden, schnelle Verbreitung finden. Darüber hinaus wurden die Äbte im Gegensatz zur Praxis an anderen Orten, ohne die geringste Einflussnahme der weltlichen Obrigkeiten gewählt.

 

Wahrhaft würdige Personen wechselten einander bei der Leitung von Cluny und der zahlreichen abhängigen monastischen Kommunitäten ab: Abt Odo von Cluny, von dem ich vor zwei Monaten in einer Katechese gesprochen habe, und weitere große Persönlichkeiten wie Aymardus, Maiolus, Odilo und vor allem Hugo der Große, die ihren Dienst über lange Zeiträume hinweg verrichteten und so die Stabilität der begonnenen Reform und deren Verbreitung sicherstellten. Neben Odo werden Maiolus, Odilo und Hugo als Heilige verehrt.

 

Die cluniazensische Reform hatte nicht nur für die Reinigung und das neue Erwachen des monastischen Lebens positive Auswirkungen, sondern auch für das Leben der Weltkirche. In der Tat stellte das Streben nach einer Vollkommenheit, die dem Evangelium entsprach, einen Ansporn dar. So konnte man zwei große Übel bekämpfen, unter denen die Kirche jener Zeit zu leiden hatte: die Simonie, das heißt die Übernahme von pastoralen Ämtern gegen Entgelt, und die Zügellosigkeit des Weltklerus.

 

Die Äbte von Cluny mit ihrer geistlichen Autorität sowie die cluniazensischen Mönche, die Bischöfe wurden, einige von ihnen wurden sogar Päpste, waren die zentralen Gestalten einer wahrlich beeindruckenden geistlichen Erneuerungsbewegung. Und es fehlte nicht an Früchten: Der Zölibat der Priester erfuhr neue Wertschätzung und wurde gelebt, und zur Übernahme von kirchlichen Ämtern wurden durchsichtigere Verfahren eingeführt.

 

Bedeutsam waren auch die Vorteile, die der Gesellschaft durch die von der cluniazensischen Reform inspirierten Klöster zuteil wurden. In einer Zeit, in der sich ausschließlich kirchliche Einrichtungen der Notleidenden annahmen, wurde die Nächstenliebe voller Engagement praktiziert. In allen Häusern war der Almosenmeister angehalten, den bedürftigen Wandersleuten und Pilgern, den Priestern und Ordensleuten auf Reisen und vor allem den Armen Gastfreundschaft zu gewähren: allen, die kamen und um Speise und ein Dach für einige Tage baten.

Nicht weniger wichtig waren zwei weitere, für die mittelalterliche Kultur typische Einrichtungen, die von Cluny gefördert wurden: die sogenannte „Waffenruhe Gottes“ und der „Gottesfriede“. In einem Zeitalter, das stark von Gewalt und Rachsucht gezeichnet war, wurden mit den „Waffenruhen Gottes“ lange Zeitabschnitte der Nichtkriegsführung sichergestellt. Dazu wählte man bestimmte religiöse Feste und bestimmte Wochentage. Mit dem „Gottesfrieden“ wurde unter kanonischer Strafeandrohung gefordert, hilflose Menschen sowie heilige Orte zu achten.

 

Im Bewusstsein der Völker Europas wurde so jener umfassende Reifungsprozess gestärkt, der dazu führen sollte, in immer eindeutigerer Weise zwei Grundelemente für den Aufbau der Gesellschaft anzuerkennen: den Wert der menschlichen Person und das vorrangige Gut des Friedens.

 

Dies galt auch für die anderen monastischen Gründungen, verfügte die cluniazensischen Klöster doch über weiträumige Liegenschaften, die durch eine sorgfältige fruchtbare Nutzung zur Entfaltung der Wirtschaft beitrugen. Neben der manuellen Arbeit fehlte es auch nicht an einigen typischen kulturellen Tätigkeiten des mittelalterlichen Mönchstums wie Schulen für Kinder, dem Aufbau von Bibliotheken, den Skriptorien für die Abschrift der Bücher.

 

Auf diese Weise leistete die in weiten Regionen des europäischen Kontinents verbreitete cluniazensische Erfahrung vor 1000 Jahren, als der Prozess der Ausformung der europäischen Identität in vollem Gange war, ihren bedeutungsvollen und kostbaren Beitrag. Sie hat die Vorrangstellung der Güter des Geistes in Erinnerung gerufen; sie hat das Streben nach den Dingen Gottes wach gehalten; sie hat zu einem Geist des Friedens erzogen. Liebe Brüder und Schwestern, beten wir, dass alle, denen ein echter Humanismus und die Zukunft Europas am Herzen liegen, das reiche kulturelle und religiöse Erbe dieser Jahrhunderte neu zu entdecken, wertzuschätzen und zu verteidigen wissen.

 

In der deutschen Zusammenfassung der Katechese sagte der Heilige Vater:

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Die Reformbewegung von Cluny war im Mittelalter nicht nur für die geistliche Erneuerung der Kirche von größter Bedeutung, sondern auch für die Identitätsbildung eines christlichen Europas. 910 gründete Herzog Wilhelm I. von Aquitanien im burgundischen Cluny ein Benediktinerkloster, das rasch zu einem wichtigen geistlichen Zentrum werden sollte. Das abendländische Mönchtum war aufgrund verschiedener politischer und sozialer Umstände im Verfall begriffen. Cluny brachte hier eine Wende und neue Blüte durch die Rückführung des monastischen Lebens auf seine ursprünglichen Ideale und die erneute Einhaltung der Benediktregel. Im Mittelpunkt stand dabei die Feier der Liturgie, die einen Vorgeschmack und eine Teilnahme an der Liturgie des Himmels darstellt. Dazu gehörte auch die Förderung der Musik, der Kunst und Architektur, vor allem aber die Schaffung eines Klimas des Gebets in Stille und innerer Sammlung. Viele Klöster schlossen sich der Reform von Cluny an oder waren Gründungen dieser Abtei, so dass schon bald ein Netz cluniazensischer Klöster Europa überzog.

Die Verbreitung der Bewegung wurde auch dadurch begünstigt, dass die Klöster nicht der bischöflichen oder weltlichen Gewalt unterstellt waren, sondern direkt unter dem Schutz des Papstes standen. So konnte die cluniazensische Reform auf die ganze Kirche ausstrahlen und mithelfen, die Übel der Zeit – die Simonie, d.h. den Kauf von kirchlichen Ämtern, und die Unmoral vieler Kleriker – zu bekämpfen. Die Gesellschaft insgesamt profitierte von den sozial-karitativen Tätigkeiten sowie den wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen der Klöster. Die Bewegung von Cluny hat so auch Anteil an dem langen Prozess der europäischen Völker, der zur Anerkennung der Werte der menschlichen Person und des Friedens als Grundlagen der Gesellschaft führte.

 

Gerne begrüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Das religiöse und kulturelle Erbe des mittelalterlichen Mönchtums ist Auftrag an uns heute. In Treue zum Evangelium und zum christlichen Menschenbild wollen wir die Zukunft Europas und der Welt mitgestalten. Dabei führe und leite uns der Heilige Geist. Euch allen wünsche ich eine gute Zeit in Rom!


 

Quelle: http://www.zenit.org/article-19058?l=german, ZG09111110 - 11.11.2009

 




Veröffentlicht am: 20:51:38 11.11.2009
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