"Dachau war für uns der Himmel"

Marienverehrung mit eigener Spiritualität /
Vor 40 Jahren starb Bbr. J. Kentenich (1885 - 1968)

 

Aus: unitas, 138. Jahrgang, 5/98, S. 159-161

 

Das Leben des Gründers des in­ternationalen Schönstattwerkes legt Zeugnis für die Wahrheit ab, daß „echte Marienfrömmigkeit eine tie­fe und tragfähige Liebe zur Kirche wachsen" läßt. Dies schrieb Papst Johannes Paul II über Bbr. P. Jo­seph Kentenich, auf dessen Grab­stein in Vallendar die für sein Leben so programmatischen Worte „Dile­xit Ecclesiam" (Er liebte die Kirche) stehen.

 

Jugend und Berufung

Geboren wurde Josef Kentenich am 18. November 1885 in Gymnich bei Köln und am folgenden Tag auf den Namen Peter Joseph (1) getauft. Die ersten Lebensjahre verbrach­te er im Hause seiner Großeltern in Gymnich. Als 1888 sein Großvater verstarb, nahm sich seine berufs­tätige Mutter, zu der er zeitlebens ein sehr inniges Verhältnis hatte und die seine frühe Frömmigkeit prägte, verstärkt seiner Erziehung an. Zunächst besuchte er ab 1891 die Volksschule in Gymnich, dann, als die Mutter den Haushalt ihres verwitweten Bruders übernahm, die Volksschule in Straßburg. Am 12. April 1894 brachte seine Mutter ihn in das St.-Vinzenz-Waisen­haus in Oberhausen, wobei er dort - was ihm stets unvergeßlich blieb - an der Hand der Mutter zunächst in der Kapelle des Hauses die Sta­tue der Gottesmutter besuchte. Ei­ne sehr tiefe Beziehung zur Got­tesmutter nahm dort ihren Ausgang. Er selbst empfand, daß Maria seit­dem über ihn „eine mütterlich-sor­gende Herrschaft ausübt." (2)

1897 empfing der junge Joseph die erste hl. Kommunion und offenbarte an diesem Tage seiner Mutter sei­nen Wunsch, Priester zu werden. 1899 trat er bei den Pallottinern in Ehrenbreitstein in das Gymnasium ein, das er bereits nach fünf Jahren mit dem Abschlußzeugnis und der Zulassung zum Studium der Philo­sophie verließ. Am 24. September 1904 wurde er in das Noviziat der Pallottiner aufgenommen und ver­brachte die folgenden sieben Jah­re im Mutterhaus der deutschen Pallottiner in Limburg an der Lahn.

Während des Novi­ziats wurde seine wachsende Marien­verehrung mehr und mehr erkennbar. Äu­ßerlich konnte er dies in der Mitvorbereitung des 50. Jahrestages des Festes der Maria Immaculata am 8. De­zember 1904 doku­mentieren; seine in­nere Entwicklung ist durch sein 1905 an­gelegtes „Collectane­um: De beata Maria Virgine" überliefert. Am 24. September 1906 beendete er das Noviziat mit der ersten Profeß.

Erste Konflikte und Priesterweihe

Im nun folgenden Scholastikat sind die Resultate seines Stu­diums hervorragend. Gleichzeitig wird aber erkennbar, daß Pater Kentenich eigene We­ge in seinem geistlichen Leben ge­hen will. „Es geht nicht bloß um ei­ne verstandesmäßige Anerken­nung von Glaubenswahrheiten, sondern um das Eintreten in per­sonale Beziehungen, die von Lie­be bestimmt sind, vom Vertrauen, vom gegenseitigen Annehmen, von Partnerschaft. Ich bin geliebt, ich lie­be, also bin ich. (3) Damals eine re­volutionäre Aussage eines jungen Theologen. Obwohl die Leitung des Limburger Hauses keine Bedenken gegen die Zulassung zur ewigen Profeß hatte, lehnte der Provinzi­alrat am 29. Juli 1909 die Zulas­sung zunächst ab, revidierte aber am 24. August diese Entscheidung mit dem Zusatz: daß der „junge Mann" nach Beendigung seines normalen Theologiestudiums, trotz seiner hervorragenden intellektu­ellen Begabung, nicht zum Zwecke der Promotion an eine deutsche Universität geschickt werden dürfe. Ein untauglicher Versuch einer Disziplinierung junger, neue Wege suchender Theologen durch Studi­ensperre.

Am 24. September 1909 konnte Pater Kentenich die ewige Profeß ablegen und empfing am 8. Juli 1910 die Priesterweihe.

Schönstattbewegung

Nach Abschluß des Theologiestu­diums wurde Pater Kentenich 1911 Lehrer der Nachwuchschule der Pallottiner in Ehrenbreitstein, die 1912 mit dem Institut der unteren Klassen in Vallendar zusammen­gefaßt wurde. Im Oktober 1912 wurde er zum Spiritual des Studi­enheims Schönstatt ernannt. Am 27. Oktober trug er in einem Vortrag vor den Schülern seine geistlichen Instruktionen vor, sein Ziel vom „neuen Menschen in einer neuen Gemeinschaft. ..Wir wollen lernen uns unter dem Schutz Mariens selbst zu erziehen zu festen, freien priesterlichen Charakteren". Später bezeichnete er diesen Vortrag als „Vorgründungsurkunde" der Schön­stattbewegung.

Da die Leitung der Limburger Pro­vinz bereits vor der Ernennung Ken­tenichs zum Spiritual die Möglich­keit einer Marianischen Kongrega­tion im neuen Haus Schönstatt aus­drücklich abgelehnt hatte, plante er die Gründung einer anderen Ge­meinschaft, die seinem Streben den gewünschten Wirkungsraum geben konnte. 1912/13 kam es zur Gründung eines Missionsvereins für die Oberklassen, dem im Som­mer 1913 eine Abteilung für die mitt­leren Klassen folgte. Am 23. Janu­ar 1914 genehmigte die Provinz­leitung die Einführung einer Kon­gregation im Schülerheim, deren von Pater Kentenich erstellte Sta­tuten am 21. März 1914 vom Bischöflichen Ordinariat in Trier ap­probiert wurden. Im Juli erhielt die neugegründete Kongregation die vor dem „alten Haus" im Tal ge­legene Michaels-Kapelle zum Ge­brauch, die er später der „Mater ter admirabilis, der Dreimal Wunder­baren Mutter" widmete. In der Kapelle zu Schönstatt for­mulierte Pater Kentenich wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 18. Oktober 1914 das sog. „Liebesbündnis", ein Bündnis zwischen der Gottesmut­ter und dem beginnenden Schön­stattwerk. Dies gilt heute als Grün­dungsdatum des Schönstattwer­kes. „Mater ter admirabilis" (MTA) war auch der Name einer von ihm im März 1916 gegründeten kleinen Zeitschrift, die er den im Feld ste­henden Mitgliedern der Kongrega­tion (Sodalen) und an „Gymnasia­sten und Studenten im grauen Rock" schickte.

Der Weg zur Unitas

Beim Versand der MTA kam Pater Kentenich bereits mit der Unitas in Berührung, als 1917 Bbr. Prof. Dr. Joseph Kuckhoff MdR, eine Feld­gabe von Mitgliedern des Unitas-­Verbandes in mehreren tausend Exemplaren an die an der Front ste­henden Studenten verschickte.(4)
Bereits im Januar 1917 hatte er in Düsseldorf anläßlich einer vom Generalpräses der Katholischen Jungmännervereine einberufenen wissenschaftlichen Tagung über Jugendführung engeren Kontakt mit Bbr. Prof. Dr. Joseph Mausbach MdR gefunden, der einer der Re­ferenten der Tagung war. Beide wa­ren sich damals bereits einig, daß in die Studentenarbeit auch die Akademikerinnen einbezogen wer­den müssen. (5)
In der Unitas, einem Zusammen­schluß akademischer Jugend, mit ihrem Lebensbundsprinzip und der im Verbandsfest der Unitas beson­ders verehrten Maria Immaculata fand Pater Kentenich sehr schnell Gemeinsamkeiten mit seinen Ideen eines „Studenten und Lehrerbun­des", seinem Apostolischen Bund. Im Herbst 1919 traten Pater Ken­tenich und Alois Zeppenfeld (6) in die aus dem Geist der Jugendbewe­gung und durch die Kriegserleb­nisse geprägte, im Sommer 1919 gegründete neustudentische Uni­tas Rolandia in Münster (7) ein.
Besonders in den neustudenti­schen Unitasvereinen sah er ein Potential, wo der Schönstattge­danke auf fruchtbaren Boden fallen konnte. Bereits im WS 1918/19 war Pater Eugen Weber SAC, später Direktor des Studienhauses der Pa­lottiner in Südafrika, in die Unitas ­Frisia zu Münster rezipiert worden.(8)
In den folgenden Jahren gab es stets engen Kontakt zwischen der Unitas und der Schönstattbewe­gung. Immer wiederfanden Schön­stätter den Weg zur Unitas; der wohl bekannteste war Bbr. Heinrich Tenhumberg, später Bischof von Münster. (9) Es war auch Bbr. Ten­humberg, der später großen Anteil an der Rehabilitierung von Bbr. Pa­ter Kentenich hatte und bereits als Weihbischof 1958 vor der Fuldaer Bischofkonferenz eindrucksvoll „für seine Schönstätter" eintrat und sich später für den Seligsprechungsprozeß von Bbr. Kentenich einsetzte. (10) 

Im KZ Dachau

Es konnte nicht ausbleiben, daß Bbr. Kentenich und seine Schön­stattbewegung, zumal diese zwi­schenzeitlich auch Niederlassun­gen im Ausland (u.a. in der Schweiz, Chile und Südafrika) hat­te, in das Fadenkreuz der Nazis ge­rieten. 1939, im 25. Jahr des Be­stehens der Bewegung, mußte das Studienheim Schönstatt auf Weisung der GESTAPO geschlos­sen werden.
Am 20. September 1941 wurde Bbr. Kentenich nach einem Verhör durch die GESTAPO verhaftet, zunächst vier Wochen in Dunkelhaft gehalten und dann am 13.März 1942 in das KZ Dachau eingeliefert. Dort hatte er u.a. Kontakt zu Bbr. Joseph Joos (11). In Dachau nahm sich Bbr. Kentenich besonders der inhaftier­ten polnischen Confratres an und hielt Vorträge und Betrachtungen, hielt sogar Exerzitien. Bezeich­nend die Feststellung von Bbr. Ken­tenich: „Dachau ist für uns nicht zu einer Hölle, sondern zu einem Himmel geworden... Der Himmel besteht in der Lebensgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott." Am 6. April 1945 konnte er das KZ ver­lassen. 

Verbannung und Rehabilitation

Die ersten Jahre der wiederge­wonnenen Freiheit waren geprägt durch häufige Auslandsreisen, das Bemühen um einen weiteren Aus­bau der Schönstattbewegung und deren Anerkennung durch die Kir­che. Bbr. Kentenich kannte die Ge­schichte der kirchlichen Erneue­rungsbewegungen zu gut, um sich Illusionen über eine schnelle Re­zeption der Bewegung in die Kirche und durch die kirchlichen Autoritä­ten zu erwarten. Am 1. Februar 1948 erteilte die Religiosenkon­gregation mit Zustimmung des HI. Offiziums zwar ein „nihil obstat" zur kanonischen Errichtung der Schwe­sterngemeinschaft, aber die Schön­stattfrage wurde immer kontrover­ser. Bereits ein Jahr später, vom 19. bis 28. Februar 1949 wurde vom Ordinariat in Trier eine bischöfliche Visitation durchgeführt, deren Er­gebnis am 18. April 1950 in einer Denkschrift dem HI. Stuhl vorgelegt wurde. Rom bestellte 1951 einen Apostolischen Visitator um „die Gemeinschaft der Marienschwe­stern vor einer zu intensiven Bin­dung an den Gründer zu schützen". Bbr. Kentenich gefragt, ob er sich freiwillig von seiner Bewegung tren­nen wolle, antwortete: „Freiwillig nie, im Gehorsam immer!"
Der Visitator enthob Bbr. Kentenich am 31. Juli 1951 seines Amtes als Geistlicher Direktor der Marien­schwestern, am 30. September er­ließ er ein Aufenthaltsverbot für Schönstatt und am 1. Dezember 1951 bestimmte er, daß er als Lei­ter seines Werkes abgesetzt sei und Europa zu verlassen habe. Als Auf­enthalt wurde ihm die Niederlas­sung der Pallottiner in Milwau­kee/Wisconsin zugewiesen.
50 Jahre nach der Gründung er­folgte im Jahre 1964 die Trennung des Schönstattwerkes von den Pal­lottinern. 1965, das II. Vatikanische Konzil ging gerade zu Ende, ende­te für Bbr. Kentenich sein Exil. Am 22. Oktober 1965 bestätigte Papst Paul Vl. einen entsprechenden Be­schluß des HI. Offiziums. Bbr. Ken­tenich erhielt die Dispens zum Übertritt in den Diözesanklerus des Bistums Münster, wo sein alter Freund und Bbr. Heinrich Tenhum­berg Weihbischof war, der im glei­chen Jahr den Vorsitz des Gene­ralpräsidums des Schönstattwerkes übernahm.
Heimgekehrt nach Schönstatt, Weihnachten 1965, nahm er seine Arbeit für das Schönstattwerk wie­der auf. Am 15. September 1968 nachdem er die hl. Messe zelebriert hatte, starb er in der Sakristei der Anbetungskirche in Schönstatt, wo er - die Sakristei ist heute zur „Grün­derkapelle" umgebaut - am 20 Sep­tember zur letzten Ruhe gebettet wurde. Am 60. Jahrestag der Grün­dung des Schönstattwerkes, am 18. Oktober 1974, genehmigte der HI. Stuhl die Eröffnung des Seligspre­chungsprozesses für Bbr. Ken­tenich, der am 10. Februar 1975 durch den Bischof von Trier feierlich eröffnet wurde.
Noch ist der Seligsprechungsprozeß nicht abgeschlossen, aber schon heute wissen wir, daß es auch für die Unitas gut ist, solch einen Bun­desbruder als Fürsprecher zu ha­ben. Wir sollten ihn in diesem Jahr, am unitarischen Vereinsfest der Maria Immaculata, besonders in un­ser Gebet einbeziehen.

 

Wolfgang Burr

 

Anmerkungen

1) Die Schreibweise seines Namens ist nicht einheitlich; im Taufbuch steht Joseph. Er selbst verwendete die Schreibweise Joseph und Josef. S. zu ihm Joachim Schmiedl in: Schönstatt-Lexikon, Fakten-Ideen-Leben, hrsg. von H. Brautzen u.a., Vallendar­ Schönstatt 1996 mit weiteren Nachweisen. S.a. UNITAS-Handbuch (U-H), Bd. ll, S. 278.

2) Engelbert Monnerjahn, P. Joseph Ken­tenich, Ein Leben für die Kirche, Vallendar 1975, 372 S., S. 50.

3) Erste Begegnung mit P. Joseph Kentenich, Vallendar 2. Auf 1.1989, S. 8; dort S. 35 wei­tere Literaturhinweise.

4) S. Unitas-Handbuch (U-H) Bd. ll, S.192ff. 5) Bbr. Mausbach unterstützte bereits 1903 das Entstehen des Katholischen Frauen­bundes sowie die Gründung der ersten ka­tholischen Studentinnenvereine (s. U-H, Bd. l, S.221 u. Bd. ll, S 205. Bbr. Kentenich schuf 1925 innerhalb seiner Bewegung die „be­rufstätigen Bundesschwestern".

6) Bbr. Alois Zeppenfeld war damals Abtei­lungsführer der Auswärtigen im Apostoli­schen Bund der Schönstattbewegung, kehr­te 1918 als Leutnant d. Res. und ausge­zeichnet mit dem EK I aus dem Felde zurück und wurde später Pfr. in Wattenscheid.

7) S. U-H, Bd., Bd.l, S.203ff.

8) Bbr. P. Weber SAC war ab 1932 Rektor der Pallottiner-Niederlassung in Danzig­-Schellmühl, wurde am 17. März 1938 aus Danzig ausgewiesen und emigrierte über London nach Südafrika (s. U-H, Bd. III, S. 48).

9) S. Ludwig Freibüter, Heinrich Tenhumberg, in: U-H, Bd.lll, S. 322 ff, dort S. 327f: Hein­rich Tenhumberg und das Schönstattwerk.

10) Weitere aus der Schönstattbewegung hervorgegangene Bischöfe waren Joseph Kardinal Wendel (Speyer, später Mün­chen) und Adolf Bolte (Fulda).

11) S. Monnerjahn, a.a.o., S. 203.




Veröffentlicht am: 12:49:37 15.09.2008
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