Gedenken an die vier „Lübecker Geistlichen“:
Seligsprechung für zwei Bundesbrüder im Juni 2011


In der Katholischen Kirche ist das Andenken an die drei Kapläne seit ihrem Tod wach gehalten worden. In jedem Jahr finden zum Jahrestag der Ermordung der vier Lübecker Geistlichen in Hamburg und in Lübeck Gottesdienste und Begegnungen statt.  In der 1891 geweihten, damals einzigen Katholischen Kirche für Lübeck und Umgebung (s. Bild rechts mit Kircheninnerem und Krypta links) waren die drei katholischen Seelsorger gemeinsam in der Gemeindearbeit tätig gewesen. Viele Einrichtungen tragen ihre Namen. Auch die UNITAS hält die Erinnerung an die Märtyrer für den Glauben lebendig.

In der Hamburger St. Ansgar-Gemeinde/Kleiner Michel wird ihrer gedacht, weil sie in dem im Gemeindegebiet liegenden Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis starben. Die Gefängniskirche in ihrer Hinrichtungsstätte erhielt im Gedenken an die vier Lübecker Geistlichen den Namen „Kapelle des 10. November“.

1943: Prozess vor dem Volksgerichtshof

Der Prozess gegen die vier Geistlichen, Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek (* 13.8. 1911 in Hamburg), Bundesbruder Adjunkt Eduard Müller (* 20.8. 1911 in Neumünster), gegen Vikar Hermann Lange (* 16.4. 1912 zu Leer in Ostfriesland) und Pastor Karl Friedrich Stellbrink dauerte kaum zwei Tage (22./23. April). In der Anklage gegen die drei katholischen Geistlichen, die gemeinsam an der Lübecker Herz-Jesu-Kirche in der Seelsorge tätig waren, hieß es: „Ihnen ist zur Last gelegt, seit 1940 oder Anfang 1941 ständig deutschsprachige Sendungen des feindlichen Rundfunks abgehört und verbreitet und dadurch die Feindpropaganda gefördert zu haben. Sie haben ferner seit Frühjahr oder Sommer 1941 auf Anordnung Ihrer vorgesetzten Kirchenbehörde regelmäßig Gruppenabende veranstaltet, die der religiösen Vertiefung der Teilnehmer dienen sollten und zu denen sich auf Einladung durch die Angeklagten überwiegend junge Männer einfanden, die zum Teil der Wehrmacht angehörten und die weitere Gäste einführten; sie sind weiter beschuldigt, auf diesen Gruppenabenden durch Hetze gegen den nationalsozialistischen Staat, und zwar auch durch Verteilung von Schriften, dem Kriegsfeind Vorschub geleistet und Vorbereitung zum Hochverrat begangen zu haben.“ 

Das Urteil des Volksgerichtshofes vom 23. April 1942 lautete: „Im Namen des deutschen Volkes ... Die Angeklagten haben jeder Rundfunkverbrechen, landesverräterische Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft begangen. Wer den Staat angreift, kämpft damit unmittelbar gegen die geschlossene und einige Gemeinschaft der Deutschen ... Die Angeklagten sind hartnäckige, fanatisierte und auch gänzlich unbelehrbare Hasser des nationalsozialistischen Staates. Für solche Verbrecher am Volksganzen wie die Angeklagten Prassek, Lange und Müller es sind, kann es nur die härteste Strafe geben, die das Gesetz zum Schutz des Volkes zulässt, die Todesstrafe!“ Die Bewertung späterer Historiker ist eindeutig: Von einem Gerichtsprozess kann eigentlich keine Rede sein. Das Urteil stand bereits vorher fest. Es sollte zur Abschreckung gegen alle kritischen Kirchenleute dienen. 

Die Märtyrer von Lübeck

Wenige Tage nach der Gerichtsverhandlung wurden die vier Verurteilten in das Zuchthaus Hamburg-Holstenglacis verlegt. Die letzten Monate verbrachten sie in Einzelhaft, durften aber Besuche (u.a. von ihrem Bischof Wilhelm Berning) empfangen. Am Mittag des 10. November 1943 erhielten die Häftlinge Nachricht, dass ihre Hinrichtung am gleichen Abend sein werde. Die Notiz lautete: „Heute 18 Uhr Urteilsvollstreckung: Tod durch Enthauptung“. Die Geistlichen schrieben Abschiedsbriefe, kurz vor 18 Uhr wurde die Häftlinge aus dem Gebet gerissen, und einer nach dem anderen gefesselt zum Schafott geführt und durch das Fallbeil hingerichtet. Im Abstand von drei Minuten sterben zuerst Eduard Müller (32), dann Hermann Lange (31), dann Johannes Prassek (31) und zuletzt Karl-Friedrich Stellbrink (49). Die Leichen von Hermann Lange und Karl Friedrich Stellbrink wurden im Ohlsdorfer Krematorium eingeäschert. Die sterblichen Überreste unserer Bundesbrüder Johannes Prassek und Eduard Müller sind verschwunden.  

Auch die Abschiedsbriefe der Lübecker Märtyrer Johannes Prassek, Hermann Lange und Karl-Friedrich Stellbrink galten Jahrzehnte lang als verschollen oder vernichtet. Im November 2004 tauchten diese Briefe wieder auf. Der Lübecker Historiker Prof. Dr. Peter Voswinckel entdeckte eine ganze Reihe Märtyrer-Dokumente im Berliner Bundesarchiv. Sie waren nach dem Krieg in Archiven der DDR gelandet. Die gefundenen Texte lassen den Weg der Briefe jetzt nachzeichnen. Der Volksgerichtshof hatte die Auslieferung verboten. Grund waren die Bekenntnisse der Zuversicht, ja der Freude der Geistlichen vor ihrem Tod. "Mit diesen Bemerkungen haben die Verurteilten offenbar zum Ausdruck bringen wollen, dass sie sich bei Begehung ihrer Straftaten für eine gute Sache eingesetzt und ihr Leben als Märtyrer eingesetzt hätten." So der Volksgerichtshof.  

Bbr. Kaplan Johannes Prassek

Unser Bundesbruder Kaplan Johannes Prassek ist als Haupt der drei katholischen Martyrerpriester und der festgenommenen Laien der Lübecker Herz-Jesu-Pfarrei wohl der bekannteste Martyrer des UNITAS-Verbandes. Johannes Prassek wurde am 13. August 1911 in Hamburg-Barmbek geboren. Er hatte noch zwei Geschwister, eine Schwester und einen Bruder. Sein aus Schlesien stammender Vater war Maurer. Prassek wuchs unter wirtschaftlich einfachen Verhältnissen auf. Besonders liebte er seine Mutter, eine aus Mecklenburg kommende Konvertitin, dessen liebenswerte Art und ihre Frömmigkeit ihn besonders prägten. Beeinflusst wurde der junge Prassek aber auch durch die „Grauen Schwestern“, die an der Katholischen Schule Elsastraße in Barmbek lehrten.

Nachdem er hier die Grundschulzeit absolviert hatte, wechselte er auf die Katholische Höhere Knabenschule. Ostern 1927 trat er in das Hamburger Johanneum ein, wo er 1931 das Abitur ablegte. Im gleichen Jahr bezog er die Jesuiten-Hochschule Sankt-Georgen in Frankfurt am Main, wo er in den W.K.St.V. UNITAS-Frankfurt rezipiert wurde. 1933 wechselte er nach Münster, wo er sich dem W.K.St.V. UNITAS-Ruhrania anschloss, 1935 ins Priesterseminar nach Osnabrück. 1936 feierte "Knirps", wie ihn seine Bundesbrüder tauften, das 25. Stiftungsfest seiner Münsteraner Ruhrania in der Ratsschenke mit (s. Bild, ganz links außen). In diesem Jahr starb 49-jährig seine Mutter. Ab diesem Zeitpunkt schilderte er sein studentisches Leben später als recht karg. Zwar wurde ihm das Studium vom Bischöflichen Stuhl in Osnabrück und von der Hansestadt Hamburg zum Teil finanziert, dennoch musste er sich nebenher mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.

Am 13. März 1937 wurde Johannes Prassek im Dom zu Osnabrück zum Priester geweiht. Am Tag seiner Weihe bezeichnete er sich als den „glücklichsten Menschen“, meinte aber, er werde noch einmal viel zu leiden haben. Kurz darauf trat er seine erste Stelle als Vikar im mecklenburgischen Wittenburg an. Im Jahr 1939 wurde er schließlich Vikar an der Lübecker Pfarrei Herz-Jesu und dort ein Jahr später zum ersten Kaplan ernannt. Er war dort schnell ungewöhnlich beliebt und seelsorglich erfolgreich. Dieses hing auch mit seiner Art und seiner Ausstrahlung zusammen. Seine ungewohnt hohe und hagere Gestalt, sein sonorer Bass, sein Humor und seine Freundlichkeit beeindruckten gleichsam schon im vorreligiösen Bereich. Seine Seelsorge brachte ihn bis an den Rand seiner körperlichen und seelischen Leistungsfähigkeit, wollte Prassek doch „allen alles sein“, wie sich noch viel später Gemeindemitglieder erinnerten. Seine Herzlichkeit, Weltzugewandtheit und gelegentliche Burschikosität konnten und sollten nie seine eindringlichen Bemühungen um eine Vertiefung christlicher Wahrheitserkenntnis verdecken. Sein Ruf als Prediger wuchs schnell, die beeindruckenden Sonntagspredigten zogen aber nicht nur zahlreiche Gläubige, sondern auch Gestapo-Spitzel an. 

Vor der Kirche warnten ihn Wohlmeinende nach dem Gottesdienst wegen der in ihren Augen allzu unvorsichtigen Kritik gegenüber der NS-Ideologie. Prassek ließ sich dadurch nicht beeindrucken und meinte nur, dass einer ja schließlich die Wahrheit sagen müsse. In seinen Gesprächskreisen, insbesondere mit in Lübeck stationierten Soldaten, aber auch in seinen Seelsorgestunden war die Atmosphäre entspannt und herzlich. Hier wurde zuweilen offen über den Nationalsozialismus, die kirchenfeindliche Politik des Regimes, den Krieg und das sittenwidrige Verhalten der Machthaber gesprochen. Inzwischen hatte Prassek etwas Polnisch gelernt, um den polnischen Zwangsarbeitern in Lübeck seelsorglich und menschlich Beistand leisten zu können. Dieses war eigentlich unter Androhung hoher Strafen strikt untersagt, blieb aber der Gestapo bis zum Schluss verborgen, weswegen diese Aktivitäten auch später in der Anklageschrift gegen ihn nicht auftauchten.

Nachdem Johannes Prassek im Sommer 1941 den um 17 Jahre älteren und ihm geistesverwandten evangelischen Pastor Karl-Friedrich Stellbrink kennengelernt hatte, konnte er seine bisherigen gegen das NS-Regime gerichteten Tätigkeiten noch verbreitern. Man beschloss, Informationen über „feindliche“ Rundfunksender auszutauschen und Flugschriften zu verteilen. Unterdessen hatte sich bei Prassek jedoch ein Gestapo-Spitzel eingeschlichen. Prassek vertraute dem jungen Mann, der vorgab, sich dem katholischen Glauben zuwenden zu wollen und nahezu mittellos zu sein. In seiner spontanen Art half er ihm und vertraute ihm auch rückhaltlos seine Kritik am Regime an. Dass er den jungen Mann für einen Freund nur gehalten hatte, konnte er erst nach seiner Verhaftung feststellen. Dieses war für ihn, wie er später in einem Brief aus dem Gefängnis schrieb, eine besonders schmerzhafte Erfahrung. Doch ließ die Staatsmacht Prassek vorerst an der langen Leine laufen, mehr noch: Zwei Wochen vor seiner Verhaftung wurde Prassek wegen seines selbstlosen Einsatzes während der Lübecker Bombennacht „im Namen des Führers“ das Luftschutz-Ehrenabzeichen verliehen.

Als die Gestapo Bundesbruder Johannes Prassek am Vormittag des 18. Mai 1942 abholte, kam dieses für ihn nicht überraschend. Er wurde in das Marstall-Gefängnis des Burgkloster-Gebäudes gebracht. Das Burgkloster (heute Museum Burgkloster) diente bis in die 60er Jahre als Gerichtsgebäude und Gefängnis. Prassek und die anderen Gefangenen mussten über ein Jahr auf ihren Prozess warten. Über seine Gefangenschaft sind wir aufgrund erstaunlich zahlreicher Briefe, die ihre Empfänger auf zum Teil abenteuerliche und, in einem Fall, mit zwölfjähriger Verspätung erreichten, besonders gut unterrichtet. Die Gefängniskost war damals auch für Untersuchungsgefangene außerordentlich dürftig und unzulänglich. Für den schon vorher magenempfindlichen Prassek wurde sie zur Qual. Auch unter der Kälte der im Winter kaum geheizten Zelle hatte er schwer zu leiden. Besucher waren nur selten zugelassen. Isolation und Hunger gehörten zu den Haftbedingungen. Johannes Prassek schrieb in einem Brief an einen Freund: „Weißt du, was Hunger ist? Wenn der Magen knurrt und man hat dieses unangenehme Hungergefühl, das ist noch kein Hunger! Aber wenn es dir aus dem Hals rausstinkt vor Leere [...], wenn im Munde zwischen den Zähnen [...] so ein fieser Geschmack des Mangels sich bemerkbar macht, wenn das Zahnfleisch sich löst und schon bei einer leichten Berührung mit der Zunge das Blut herausquillt, wenn trotz Kleidung, trotz sommerlicher Hitze Dein Körper nicht warm wird, sondern die Finger [...] und die Zehen [...] blutleer und abgestorben sind, wenn Du bis an die Ellenbogen kalte Arme und bis an die Knie kalte Beine hast [...]. Und dann dieses grausige dumpfe Gefühl im Kopf, [...]. Es ist einfach physisch unmöglich, anders zu sein als unzufrieden. Das ist Hunger, und das ist hier seit Monaten mein Begleiter.“

Schließlich wurde ihm nach einer kirchlichen Intervention das kleine Privileg zugestanden, dass er aufgrund seines sich verschlimmernden Magenleidens private Verpflegung annehmen durfte. Gegen dieses Privileg hatte er sich zuerst gewehrt, gab dann aber wegen seines schon bedrohlichen Gesundheitszustandes nach. Besonders litt Prassek aber unter den menschlichen Verwerfungen. Der Verrat seines vermeintlichen Freundes ließ ihn zu Anfang seiner Haft daran zweifeln, ob er, so er jemals wieder frei käme, für die Seelsorge noch geeignet sein werde. Zusätzlich streute die Gestapo in Lübeck vollständig unfügliche Gerüchte über seinen Lebenswandel bzw. über sein Ernstnehmen des Zölibats, was zu dieser Zeit in ganz Deutschland eine beliebte Methode war. Mit solchen Gerüchten versuchte die NS-Propaganda immer wieder, einen Keil zwischen die Geistlichen und ihre Gläubigen zu treiben. Dieses gelang, nach allem was wir wissen, in Lübeck mitnichten, was Johannes Prassek in seiner Isolation aber nicht ahnen konnte. Vielmehr wurde ihm von den vernehmenden Gestapo-Beamten vermittelt, sein Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning schenke diesen Gerüchten wirklich Glauben. Diese infame Verunsicherung konnte auf Prassek eine gewisse Zeit nicht ohne Wirkung bleiben, denn tatsächlich hüllte sich Bischof Berning zu seinem Schmerz gegenüber ihm und seinen ge­fangenen Mitbrüdern zunächst in Schweigen, das er schließlich jedoch um so beherzter mit Briefen, Besuchen und Eingaben an staatliche Stellen brach.

Trotz der harten Haftzeit und der Aussicht auf die eigene Hinrichtung verlor Bundesbruder Johannes Prassek nicht seine Glaubensgewissheit sowie die seine Mitgefangenen und die außerhalb der Gefängnismauern um ihn zitternden Freunde tröstende heitere Warmherzigkeit. Vielmehr fürchtete er, das Todesurteil könne noch zurückgenommen werden, wobei diese und die seiner gefangenen Mitbrüder Haltung zum Teil auch den Gefängnisbeamten Sympathie einflößte. Gegen den Rat seines Anwalts stritt der Geistliche in der Verhandlung keine seiner regimekritischen Äußerungen ab. 

Bis auf eine kurze Unterbrechung, während der die Gefangenen nach Hamburg verlegt wurden, blieben sie in Lübeck. Und trotz strenger Kontrolle durch das Wachpersonal und trotz des großen Risikos brach bei einer Gruppe in der katholischen Gemeinde eine Zeit vieler heimlicher Aktivitäten an. Einmal, als die Gefangenen – die Laien waren noch dabei – zu Arbeitseinsätzen an eine Baustelle beordert wurden, gelang es Verwandten und Mitgliedern der Gesprächskreise, den Gefangenen Essen zuzuschmuggeln. Ein anderes Mal brachten sie ihnen Hostien aus der katholischen Messe, schafften es sogar, Brot und Wein ins Gefängnis zu schleusen. So konnten die Priester heimlich auf ihren Zellen die Eucharistie feiern. Mut bewies dabei Fräulein Johanna, die Haushälterin des Pfarrhauses. Kaplan Westholt, Nachfolger der drei in der Herz-Jesu-Gemeinde, fuhr an manchen Abenden mit dem Fahrrad unter die Gefängnisfenster und erteilte den Katholiken heimlich die Generalabsolution, die Vergebung der Sünden, die sonst in der Beichte vollzogen wird. Für sie bedeuteten diese kirchlichen Vollzüge – gerade als sie ihnen gewaltsam vorenthalten werden sollten – Hilfe und Trost.

Erhalten ist das Neue Testament des Kaplans mit Notizen und Anstrichen. Der Bischof von Osnabrück liest an jedem Todestag in der Eucharistiefeier das Evangelium aus diesem Buch. Auf der ersten Seite hat Johannes Prassek den Satz aufgeschrieben: „Wer sterben kann, wer will den zwingen?“ In seinem Abschiedsbrief an seine Familie schreibt er:

Hamburg, den 10. XI. 1943
„Ihr Lieben!
Heute Abend ist es nun so weit, daß ich sterben darf. Ich freue mich so, ich kann es Euch nicht sagen, wie sehr. Gott ist so gut, daß er mich noch einige schöne Jahre als Priester hat arbeiten lassen. Und dieses Ende, so mit vollem Bewußtsein und in ruhiger Vorbereitung darauf sterben dürfen, ist das Schönste von allem. Worum ich Euch um alles in der Welt bitte, ist dieses: Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt. Darum dürft auch Ihr Euch freuen. Für Euch ist mein Tod kein Verlust, ich hätte in meinem Amte als Priester Euch doch kaum mehr dienen können. Was ich für Euch habe tun können, daß ich täglich für Euch gebetet habe, werde ich jetzt noch viel mehr tun können. Was meine große Sorge um Euch ist, die gleiche, die ich auch für Paul habe, wißt Ihr. Aus dieser Sorge heraus müßt Ihr das auch verstehen, was ich Euch manchmal geschrieben habe. 
Darf ich Euch bitten, mir zu verzeihen, wenn ich Euch bisweilen weh dabei getan habe? Es war nicht böse gemeint. Und Dank für alle Sorge und Mühe, die Ihr in meinem Leben Euch um mich gemacht habt. Vom Himmel aus will ich versuchen, Euch alles wieder gut zu machen. Wie es wohl sein wird? Lebt wohl. Ich grüße Euch noch einmal in herzlicher Liebe und Dankbarkeit. 
Euer Hans

Grüßt alle Bekanten noch einmal: Pastor Alves, die Schwestern in Rahlstedt, Webers, Gerdines, Cordes, Heiwings, meinen Pastor in Lübeck, die Schwestern dort, grüßt mir vor allem den Bischof und dankt ihm in meinem Namen für alles, besonders dafür, daß er mich zum Priester geweiht hat. Größeres und Schöneres habe ich auf der Erde nicht erfahren, und nun kommt die größte Freude, Gott, die ewige Liebe. Ich segne Euch ein letztes Mal. Über meine Sachen habe ich im Testament bestimmt. Laßt es dabei bleiben."
 

Bbr. Vikar Eduard Müller

Bundesbruder Eduard Müller, Sohn eines Schuhmachers, geboren am 20. August 1911 in Neumünster, kam aus armen Verhältnissen. Der Vater hatte die Familie mit sieben Kindern früh verlassen, die Mutter schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Müller lernte Tischler, war in der katholischen Jugendbewegung aktiv und wäre gerne Priester geworden. Seinen Wunsch, Priester zu werden, musste er über den mühsamen Weg privater Lateinstunden, Spätberufenenkonvikt mit Abitur, dann Studium in Münster, verwirklichen. Der Neumünsteraner Kaplan und Bundesbruder Dr. Bernhard Schräder, später Weihbischof in Schwerin, förderte ihn und besorgte Geldgeber für seine Schulbildung. 1936 legte Bbr. Müller sein Abitur am Spätberufenen-Kolleg in Bad Driburg ab und nahm in Münster das Studium der Theologie auf.1940 wurde auch er in Osnabrück zum Priester geweiht und kam noch im gleichen Jahr nach Lübeck.

Nach der Priesterweihe 1940 wurde Müller Adjunkt in der Lübecker Herz-Jesu Gemeinde, wo er von Pfarrer Dr. Msgr. Albert Bültel, ebenfalls Bundesbruder und pastor primarius in Lübeck, sehr gefördert Seine erfolgreiche Jugendarbeit veranlasste die HJ, die Hitlerjugend, ihn um Mitarbeit zu bitten. Er aber blieb bei seiner Gemeindejugend. Müller sah sich als „Soldat“ des „Königs“ Christus. In einem Brief an den Bischof schrieb er kurz vor der Hinrichtung: „Knapp zwei Jahre durfte ich als Priester ihrer Diözese helfen am Aufbau des Reiches Gottes. Und wenn ich an Gottes Thron stehen darf, dann werde ich auch dort helfen am Aufbau des Reiches Gottes in unserem lieben Vaterland und besonders in unserer Diözese.“ Wie bei Bbr. Johannes Prassek konnte ihm die Anklage keine öffentliche Kritik an der NS-Herrschaft vorwerfen. Trotzdem wurde er am 22. Juni 1942 festgenommen und zum Tode verurteilt. Im Prozess vor dem Volksgerichtshof alle Anschuldigungen von sich gewiesen. Wahrscheinlich war er wirklich kaum an den Handlungen der anderen beteiligt.

Nach der Urteilsverkündigung schrieb er: „So habe ich die Erwartung und Hoffnung, dass ich in keinem Stück werde zuschanden werden, sondern dass in allem Freimut, wie immer, auch jetzt Christus an meinem Leibe verherrlicht werde, sei es durch Leben, sei es durch Tod. Denn für mich ist das Leben Christus und das Sterben Gewinn.“

Bild: Ein Kohlenkeller wird zum Jugendheim: Kaplan Müller war bei den Jugendlichen so beliebt, dass ihn sogar die Hitlerjugend (vergeblich) um seine Mitarbeit warb.

Vikar Hermann Lange 

Hermann Lange, geboren am 16.4.1912 in Leer, war der Intellektuelle im Bunde der drei Kapläne. Anders als Müller und Prassek wuchs er in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, sein Vater war Lehrer, sein Onkel Domdechant in Osnabrück. Als Gymnasiast trat er dem kath. „Bund Neudeutschland“ bei und damit in die Geisteswelt der kirchlichen Reformbewegung. Ein Jahr nach seiner Priesterweihe (1938) wurde er Hilfsgeistlicher in Lübeck. Dort überzeugte er durch seine Bildung, sein pädagogisches Geschick und seine anspruchsvollen Predigten. Der belesene, reformorientierte Theologe konnte die Umtriebe der Nazis nur mit Abscheu registrieren. Im kleinen Kreis prangerte er die Kriegsverbrechen der Deutschen an, einem Soldaten soll er gesagt haben: Ein Christ dürfte eigentlich gar nicht auf deutscher Seite am Krieg teilnehmen.

Hermann Lange vervielfältigte und verteilte Flugblätter und NS-kritische Schriften, u.a. die Predigten von Galens. Am 15.6.1942 wurde Lange verhaftet, auch er leugnete im Prozess seine Aktivitäten nicht. Am Tag der Hinrichtung schrieb der Geistliche einen Brief an seine Eltern: „Heute ist die große Heimkehr ins Vaterhaus, und da sollte ich nicht froh und voller Spannung sein? Und dann werde ich auch alle die wiedersehen, die mir auf Erden lieb waren und nahestanden! (...) Seht, die Bande der Liebe, die uns miteinander verbinden, werden mit dem Tode ja nicht durchschnitten, Ihr denkt an mich in Euren Gebeten und dass ich allzeit bei Euch sein werde.“ Der Brief schließt mit dem Satz „Auf Wiedersehen beim Vater des Lichtes! Euer glücklicher Hermann.“


Pastor Karl Friedrich Stellbrink 

Karl Friedrich Stellbrink hatte einen ganz anderen Werdegang als die 16 und 17 Jahre jüngeren katholischen Kapläne. Der 1894 in Münster geborene Pastor hatte schon am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war verwundet worden. Nach dem Krieg wurde er Auslandspastor in Brasilien. 1929 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück, nach fünf Jahren Pastorendienst in Steinsdorf/Thüringen bekam er die Pastorenstelle der Lübecker Lutherkirche (1934).

Stellbrink war Nationalist, er hoffte gleichermaßen auf eine christliche und nationale Erneuerung Deutschlands und gehörte seit 1921 der Bruderschaft „Bund für deutsche Kirche“ an. Von der aufsteigenden NSDAP erwartete der Theologe zunächst die politische Realisierung der nationalen Ideale. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trat er in die NSDAP ein. Die Ernüchterung kam spätestens 1936, als Pastor Stellbrink aus der Partei ausgeschlossen wurde. Er hatte erkannt, dass seine Ideale Wahrheits- und Freiheitsliebe von den Nazis nicht geteilt wurden. Mehrfach geriet er in Konflikt mit seiner Partei (so durch Kontakt zu einem jüdischen Nachbarn) und auch mit seiner Kirche: Der Lübecker Landesbischof war ebenfalls NSDAP-Mitglied. Bei Kriegsbeginn war Stellbrink offener Gegner des NS-Staates. Von den Anfangserfolgen ließ er sich nicht blenden, sondern war immer auf der Suche nach unzensierten Informationen. In dem katholischen Kaplan Prassek fand er einen jüngeren Gleichgesinnten. Sie fühlten sich nicht nur im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft verbunden; ihr verschiedener konfessioneller Hintergrund gab Stoff für viele Glaubensgespräche, auch während der Zeit im Gefängnis. Dort entwickelte sich eine weitere Freundschaft zwischen Pastor Stellbrink und dem katholischen Gefängnispfarrer Behnen, der alle vier Gefangenen betreute. Stellbrink war und blieb überzeugter Lutheraner, in seiner Kirche aber fühlte er sich als Außenseiter.

Eine Predigt am Palmsonntag 1942 gab den Nazis den Anlass, Stellbrink zu beseitigen. Am Samstag vor Palmsonntag wurde Lübeck Ziel eines verheerenden Bombenangriffs. Am Sonntag predigte der Geistliche: „Gott hat mit mächtiger Stimme geredet. Die Lübecker werden wieder lernen zu beten.“Diese „Gottesgerichts-Predigt“ sprach sich in der Stadt herum. Die Landeskirche eröffnete deswegen ein  Amtsenthebungs-Verfahren gegen den Pastor. Wenige Tage später erschien die Gestapo und nahm Stellbrink in „Schutzhaft“. Im Gefängnis durfte er mehrmals Besuche seiner Familie (drei Kinder, zwei Pflegekinder) empfangen. Er war sich darüber im Klaren, dass der Prozess mit seiner Hinrichtung enden würde. Über die Gespräche gibt es eindrucksvolle Zeugnisse. „Wie steht es mit Deutschland?“, fragte der isolierte Häftling einmal, „hat es sich noch nicht erhoben, um die Fesseln der Knechtschaft von sich zu werfen?“ Den Rat eines Freundes, in den Verhören diplomatisch zu antworten, wies er entschieden ab: „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!“

Seine Frau berichtet von den letzten Besuchen vor der Hinrichtung: „Die Worte meines Mannes an mich wurden zu Ansprachen, ganz vom Glauben an Gott und die bevorstehende Gottesschau erfüllt. Immer wieder tauchte in unseren Gesprächen die Vorstellung auf, die er mit Prälat Behnen des öfteren zu betrachten pflegte: Welch eine Herrlichkeit wird für uns sichtbar werden, wenn sich uns die Tore der Ewigkeit öffnen!“ Einer der Briefe aus dem Gefängnis soll die Hinterbliebenen trösten: „Und ich bin mit 48 Jahren noch zu jung? Der Heiland starb mit 33 Jahren als ‚Verbrecher‘, Ewald mit nur 20 Jahren, unsere erste Gisela mit 7 Monaten.- Wahrlich, keiner kann seines Lebens Grenze bestimmen. Gott aber sei Dank, dass unser Leben in seiner Hand stehen darf: ,Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen!“ 

Auf dem Weg zur Seligsprechung

Das gemeinsame Gedenken an die „vier Lübecker Märtyrer“ ist heute eine feste ökumenische Angelegenheit der Lübecker Christen. Ihr 50. und der 60. Todestag wurde mit großen ökumenischen Feiern begangen. Den 60. Todestag am 10. November 2003 feierten die Lübecker Christen mit dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in der Krypta der Herz-Jesu-Kirche.

Damals erklärte der Hamburger Erzbischof Dr. Werner Thissen die Absicht, die Seligsprechung der drei Kapläne Prassek, Müller und Lange zu beantragen. Mit der Ernennung des römischen Anwalts Dr. Andrea Ambrosi zum Postulator des Verfahrens begannen am 10.Mai 2004 die Vorbereitungen für das Seligsprechungsverfahren. Nach der Sessio ultima am 10. November 2005 und dem Abschluss des ersten, diözesanen Teils im Seligsprechungsverfahrens wurden die Prozessakten für den zweiten und entscheidenden Teil des Verfahrens an die vatikanische Kongregation für Selig- und Heiligsprechungen nach Rom übermittelt. Die 2110 Seiten umfassenden Akten enthielten die übersetzten Aussagen von Zeitzeugen, sämtliche schriftliche Zeugnisse sowie theologische und historische Gutachten.

Am 25. Juni 2011 fand in Lübeck die Seligsprechung der Lübecker Kapläne statt - ein großes Ereignis für die Kirche im Norden, eine Verpflichtung auch für die UNITAS.


Quellen: u.a. OnlineDokumentation des Erzbistums Hamburg unter: http://www.erzbistum-hamburg.de/; Lambert Klinke, "Zeugen für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung von Lebensbildern mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2

Links
Gemeinde St. Ansgar/Kleiner Michel in Hamburg mit einer Dokumentation über die Zeugen des Nationalsozialismus: www.kleiner-michel.de/gemeinde/zeugen.htm
Die katholischen Gemeinden Lübecks, darunter die Propsteikirche Herz Jesu, in der die Kapläne Prassek, Lange und Müller tätig waren: www.kath-kirche-luebeck.de
Online-Heiligenlexikon mit Kurzbiografien, dabei auch die Lübecker Kapläne: www.heiligenlexikon.de

Literatur
P. Voswinckel, Nach 61 Jahren komplett. Die Abschiedsbriefe der Vier Lübecker Märtyrer im historischen Kontext (mit Korrespondenzen der Angehörigen mit dem Oberreichsanwalt), in: Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 85 (2005), S. 275-329 
W. Burr, Johannes Prassek, in: W. Burr (Hrsg.), UNITAS-Handbuch. Bd. 1 (Bonn 1995) 295-302
Zeugen für Christus
. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 2 Bände, Paderborn 1999 (über die Lübecker Kapläne: Martin Thoemmes, Bd. I, 249-257, dort auch weitere Literatur mit Quellen); 
A. Riccardi, Salz der Erde, Licht der Welt. Glaubenszeugnis und Christenverfolgung im 20. Jahrhundert, Freiburg i.Br. 2002 (Originaltitel: Il secolo del martirio, 2000); 
G. Denzler, Widerstand ist nicht das richtige Wort. Katholische Priester, Bischöfe und Theologen im Dritten Reich, Zürich 2003 (Pendo-Verlag); 
H. Hürten, Verfolgung, Widerstand und Zeugnis, Mainz 1987; 
A. Doering,-Manteuffel/J. Mehlhausen (Hg.), Christliches Ethos und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Europa in Konfession und Gesellschaft 9, Stuttgart 1995; 
Ökumene im Widerstand. Der Lübecker Christenprozess 1943
, hrsg. von I. Spolovnjak-Pridat/H. Siepenkort, Lübeck 2001; 
„Zeugen für Christus“, Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von Lambert Klinke mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, in: unitas 2000, Nr. 2
E. Pelke, Der Lübecker Christenprozess 1943; Topos-Taschenbücher 36, 2. Aufl., Mainz 1963, in gekürzter Form Mainz 1974; 
W. D. Hauschild, Kirchengeschichte Lübecks, Lübeck 1981; 
A. Steinke, Christliches Zeugnis als Integration von Erfahrung und Weitergabe des Glaubens, Würzburg 1957; 
K. Rahner, Dimensionen des Martyriums, in: Schriften zur Theologie XVI, Zürich 1984, 295-299; 
H. U. v. Balthasar, Neue Klarstellungen, Einsiedeln 1979, 158-173; 
Thoemmes, Die Bemühungen des Papstes um die Rettung der Lübecker Priester, in: FAZ, 25.11.2004, 46.
Franz Mecklenfeld, Petra Kallies, Regina Pabst (Hrsg): Denn sie waren Freunde Gottes. Dokumentation des Lübecker Märtyrer-Gedenkens 2003 bis 2008. Römisch-Katholische Kirche, Dekanat Lübeck und Evangelisch-Lutherischer Kirchenkreis Lübeck, 2009. Für 3,50 € zuzügl. Porto zu beziehen bei der Katholischen Propsteigemeinde, Parade 4, 23552 Lübeck.


Der Aufsatz „Zeugen für Christus“. Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert. Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von Bbr. Lambert Klinke M.A. mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll, aus: unitas 2/2000 versammelt Lebensbilder weiterer Glaubenszeugen aus der UNITAS, die im Nationalsozialismus ihr Leben gaben:

 

Pfarrer Georg Häfner (W.K.St.V. UNITAS Hetania Würzburg)
Anton Knab (W.K.St.V. UNITAS Franko-Saxonia Marburg)
Pfarrer Joseph Müller ( W.K.St.V. UNITAS Freiburg) 
Abt Adalbert (Karl) Graf von Neipperg OSB (Ehrenmitglied des UNITAS-Verbandes)
Professor Dr. phil. Dr. theol. Joseph Schmidlin (UNITAS Freiburg)
Pfarrer Heinrich Schniers (UNITAS Frisia Münster)
Pfarrer Dr. theol. Dr. iur. utr. Bernhard Schwentner (UNITAS Frisia Münster)
Pfarrvikar Anton Spies (UNITAS Ruhrania Münster) 

vgl. die Lebensbilder des Ruhranen
Kaplan Anton Spies und von Bbr. Pfr. Matthias Mertens,
der Pfarrer in Oberhausen-Schmachtendorf war