Vereinsgeschichte

Von Münster ins Revier -
110 Jahre Unitas Ruhrania

Lassen sich die Ereignisse einer so langen Geschichte überhaupt richtig gewichten und wirklich darstellen? Von der Kaiserzeit über Weltkrieg I., Republik, Verbot und Martyrium, Weltkrieg II., Wiederaufbau, Suspendierung, Wiederbegründung bis heute sind viele Studentengenerationen vergangen. Über 200 Semester später, in denen sie alle aktiv waren, auf all das zurückzuschauen, heißt für uns sehr wohl zu wissen, aus welcher Wurzel wir stammen, auf welcher Grundlage wir stehen. Vieles ist zeitbedingt und nur im Zusammenhang zu verstehen. Den wollen wir sehen und auch anderen sichtbar machen. Nicht zuletzt heißt es für uns: Dass dies alles in Gegenwart und Zukunft immer wieder neu zu übersetzen ist. Tradition ist keine verwehte Asche, die gestellte Aufgabe bleibt. Sonst würden wir es nicht machen. Im Folgenden wollen wir einen Überblick versuchen ...

Was bisher geschah ...

Die Unitas Ruhrania entstammt der stolzen Unitas-Tradition in Münster: Dort gab es mit der 1857 gegründeten Unitas Frisia, der Sugambria (1899), Winfridia (1902) und Rolandia (1910) bereits vier Unitas-Vereine, als sich erneuter Nachwuchs ankündigte. Nach der Gründung von Unitas Winfridia war es zum zweiten Mal die Unitas Sugambria, die den unitarischen Stammbaum weiter verzweigte. Den ausscheidenden Sugambern schließen sich damals Bundesbrüder von Unitas Frisia an und der neue Verein erblickt am 12. Januar 1911 das Licht der Welt - als fünftes Kind in der unitarischen Familie an der Universitas Monasteriensis. Sein Name ist Programm: Er benennt sich nach der 1847 durch Theologen von der Ruhr gegründeten alten Bonner „Ruhrania”, aus der 1854/55 die „Unitas” hervorging – eine bewusste Erinnerung an die Ur-Wurzel des ältesten katholischen Studentenverbands UNITAS.

Bild unten: Couleurpostkarten von Unitas-Vereinen in Münster

 

Die neue Ruhrania - „M5”, so das Kürzel im Verband - beweist schnell, dass sie lebenskräftig ist. Verkehrslokal wird der „Zentralhof” mit Vereinszimmer an der Rothenburg. Zum Publikationsfest im glanzvollen altstudentischen Rahmen der Wilhelminischen Ära fahren am 23.2.1911 die Chargierten der erschienenen Bundeskorporationen mit Kutschen auf – alle vier Münsteraner sind dabei, die zwei von Bonn, die von Göttingen, Berlin und Kiel sind vertreten – mit vorausreitenden Militär-Fanfarenbläsern, musikalischem Frühschoppen, Festessen im Verkehrslokal, Festmesse mit Fahnenweihe in der Martinikirche und abendlichem Festkommers im Zoo-Saal „mit zündender Papst- und Kaiser-Rede“. Den Festvortrag hält Bbr. Carl Josef Kuckhoff aus Essen.

Aufnahme in den Unitas-Verband

Erster Senior der Ruhrania ist der von der holländischen Grenze des Emslandes stammende cand. phil. Engelbert Schlömer. Und die Hoffnungen für das erste Sommersemester 1911 sollen sich bald in vollem Maß erfüllen: Zu den ersten sechs Burschen und zwei Füxen stößt ein weiteres Dutzend Füxe, durch Zuzug aus dem Verband erhöht sich die Zahl der Aktiven schnell auf 20. Themen aus Religion und Wissenschaft prägen das Semesterprogramm und zeigen eine lebendige Verwirklichung der unitarischen Prinzipien. Die Aufnahme in den Verband bei der 52. Generalversammlung am 6. Juni 1911 in Fulda bleibt nicht aus und in den folgenden Semestern setzt sich das Wachstum des Vereins fort. Große Unterstützung erfahren die Bemühungen durch AH Beigeordneten Dr. Krüsmann, de facto „Ehrensenior” des Vereins.

Bild unten: Couleurpostkarten der Unitas Ruhrania

Zum Ende des zweiten Semesters zählt die Ruhrania 29 Studierende und einen Alten Herrn. Neben den Prinzipien und der gesellschaftlichen Schulung pflegt man jetzt auch den Sport: Mit einer Bootshauskasse entstehen Pläne für ein eigenes Bootshaus - als „Keilmittel” gerade in Münster wichtig. Seitdem dort die katholischen Korporationen Rudersport betrieben, gingen die anderen Verbände stark zurück: 1908 gab es neben 14 katholischen 13 andere Korporationen, 1912 betrug das Verhältnis 16 : 8.

Präsidierende Korporation in Münster

Im WS 1912/13 führt Ruhrania bereits den Vorsitz im Gesamtausschuss aller Münsterischen Studentenkorporationen. Höhepunkt in jedem Programm ist das Vereinsfest, das die Münsteraner Vereinen gemeinsam begehen. Aber auch die Teilnahme an der „Großen Prozession” und viele Mitgliedschaften in der Congregatio Mariana Academica zeugen vom echt religiösen Leben. Den regelmäßigen wöchentlichen wissenschaftlichen Sitzungen folgt nach damaliger Sitte eine „Kneipe”, die Vorträge wechseln in bunter Mischung aus den verschiedensten Fachgebieten.

Freundschaftlich ist das Verhältnis zu den Bundesvereinen: Nach eigenen Veranstaltungen besucht man oft die Frisia im Hansahof, die Sugambria an der Hammer-Straße, Winfridia in der Kaiser-Friedrich-Halle oder die Burgundia im Gesellschaftshaus „Union”. Amicitia im Sinne sozialer Arbeit wird im Rahmen des von Carl Sonnenschein gegründeten SSS (Sekretariat Sozialer Studentenarbeit) praktisch verwirklicht.

Turnen, Tennis, Schwimmen, Rudern beim Ruderverein Münster und Kegel-Nachmittage vor dem Neubrückentor werden großgeschrieben, man lockt mit Maifeiern, Kaiser-Jubiläum mit Kommers, regelmäßigen wissenschaftlichen Vorträgen, einem Tanzkurs, mit Gesellschaftsabenden im „Neuen Krug”, Ausflügen nach Hiltrup oder Mecklenbeck.

Im siebten Semester ist die Mitgliederzahl im Sommer 1914 bereits auf 40 gewachsen, Ruhrania hat den Vorsitz im UV Münster. Die Füxe schenken der Korporation prächtige Schabracken mit Zubehör, so dass die Korporation bei Auffahrten mit Pferdekutschen ordentlich „Furore” machen kann - all dies zeugt von schönster Studentenromantik. Doch als man sich auch schon in der Unitas auf den für Münster vorgesehenen Deutschen Katholikentag vorbereitet, zieht gegen Ende des SS 1914 das Gewitter des Ersten Weltkrieges auf.