Das Beispiel eines mutigen Hirten - Die Stimme der Entrechteten:
Bischof von Banja Luka, Franjo Komarica,
erhielt den Heinrich-Pesch-Preis

Aus: unitas 3/1977, 137.Jg., 79-83

Der Bischof von Banja Luka, Dr. Franjo Komarica, ist Träger des Heinrich-Pesch-Preises 1997. In einer Feier in den Räumen des Katholischen Büros in Bonn am 2. Mai wurde ihm der Preis überreicht. Zuvor hatte der Bischof mit den Gästen des Festaktes eine Heilige Messe gefeiert.

Der Geschäftsführer des Unitas-Fördervereins für Sozialwissenschaften und soziale Tätigkeit, Bbr. Dr. Jürgen Aretz, konnte zur Feier zahlreiche Ehrengäste begrüßen, darunter den Kölner Weihbischof Walter Jansen, den Kroatischen Botschafter Jasic, die Abgeordnete des Europäischen Parlaments Doris Pack, den Generalpräses des Internationalen Kolpingwerks Prälat Heinrich Festing sowie den Leiter des Katholischen Büros Prälat Paul Bocket und den Leiter der Zentralstelle Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Gerhard Mockenhaupt MSF.

Bundeskanzler Kohl würdigte in einem schriftlichen Grußwort das Wirken des Bischofs in Bosnien-Herzegowina und weit darüber hinaus als beispielhaft. Sein Verhalten „ermutige andere, sich immer und überall für die Würde des einzelnen Menschen einzusetzen“. Der frühere Administrator der Europäischen Union in Mostar, Koschnick, gratulierte Komarica ebenfalls in einem Grußwort. Der Bischof sei für ihn bei seiner Arbeit in Mostar „stets ein großes Vorbild“ gewesen.

Verbandsgeschäftsführer Dr. Wilfried Podlinski, verwies in seiner Grußadresse insbesondere auf das schon seit den Gründertagen des Verbandes vor 150 Jahren traditionell starke soziale Engagement des UV. So seien aus dem Verband nicht nur große Sozialpolitiker und -wissenschaftler wie Franz Hitze und Heinrich Pesch hervorgegangen, sondern der Verband habe sich bis heute auch stark bei konkreten sozialen Projekten engagiert. In diesem Zusammenhang verwies er auch auf eine geplante neue Hilfsaktion des UV für den Wiederaufbau eines Kinderheims in Sarajewo.

Dr. Franjo Komarica, hat als Bischof von Banja Luka während des Krieges in Bosnien über alle ethnischen, politische und religiösen Grenzen hinweg caritativ gewirkt. Er ist für die Würde und Rechte aller Menschen öffentlich eingetreten, wie es der Soziallehre der Kirche entspricht. Zugleich hat er das Beispiel eines mutigen Hirten gegeben, der in Zeiten der größten Not und Bedrängnis treu bei seinen Gemeinden geblieben ist. Heute sucht er allen Vertriebenen ungeachtet ihrer Herkunft die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen. Der Preis war in diesem Jahr mit DM 5000 dotiert. Zusätzlich wurde der Diözese ein Stipendium für Studien im Fach Christliche Gesellschaftslehre in gleicher Höhe zur Verfügung gestellt.

Die Laudatio durch den Vorsitzenden des Fördervereins, Bbr. Professor Dr. Lothar Roos, und die Ansprache von Bischof Komarica sind nachstehend in ihren wesentlichen Teilen wiedergegeben.

Gr.

 
Bei der Verleihung des Heinrich-Pesch-Preises: Der Vorsitzende des Unitas-Fördervereins, Bbr. Prof Dr. Roos, überreicht die Verleihungsurkunde an Bischof Franjo Komarica

Der Weg der Kirche ist der Mensch
Bbr. Prof L. Roos: Laudatio zur Verleihung des Heinrich-Pesch-Preises

Die Bonner Vertreterin des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR), Frau Kumin, hat kürzlich darauf hingewiesen, daß an der Forderung des Dayton-Abkommens festgehalten werden müsse, wonach jeder Flüchtling früher oder später in sein Heimatgebiet zurückkehren könne. Wenn es überhaupt eine reale Chance einer „Minderheitenrückkehr“ von muslimischen und katholischen Bosniaken in das Gebiet der serbisch beherrschten Teilrepublik von Bosnien-Herzegovina gibt oder geben wird, dann ist dies jenem Mann zu verdanken, den wir heute ehren: Bischof Dr. Franjo Komarica von Banja Luka.  


Die Vorgeschichte  

Wenn man ermessen will, was dort seit 1991 abläuft, dann muß man zunächst einen Blick auf die Vorgeschichte werfen. Bischof Komarica weist immer wieder darauf hin, daß in der Diözese und Stadt Banja Luka seit sieben Jahrhunderten orthodoxe Serben, muslimische Bosniaken und katholische Kroaten friedlich zusammenleben und dieses Gebiet zu Recht als ihre Jahrhunderte alte Heimat bezeichnen. Daß dies wenig im Bewußtsein Westeuropas präsent ist hängt vor allem damit zusammen, daß die Siegermächte des 1. Weltkrieges den neuen Staat Jugoslawien bildeten. Daß es sich dabei in Wirklichkeit um ein Völkergefängnis handelte, wurde erst nach dem Zusammenbruch des real existierenden Kommunismus im Jahr 1989 und dem darauffolgenden Krieg in diesem Gebiet offenbar. Die Art und Weise, wie dieser Krieg geführt wurde und zu welchen Ergebnissen er führte, machte auch deutlich, daß kommunistische Ideologie und serbischer Nationalismus jene unheilvolle Allianz eingingen, die letztlich für den Krieg verantwortlich ist und die es bis heute so schwer macht, das Abkommen von Dayton zu realisieren.

Vor Ausbruch des Krieges wurden in der Region Banja Luka in Nordbosnien 625.000 Serben, 356.000 muslimische Bosniaken und 180.000 katholische Kroaten gezählt. Heute, nach Vertreibung und Flucht beträgt der Anteil der kroatischen und muslimischen Bürger jeweils kaum 5% der Bevölkerung; und dies, obwohl es in der Region keine kriegerischen Auseinandersetzungen gab. 
 

Die Region wurde - wie man das zynisch nannte - „ethnisch gesäubert“. Während des fast vier Jahre (1992-1995) tobenden Krieges fielen vier Fünftel der Diözese Banja Luka unter serbische Kontrolle. Im Zuge der „ethnischen Säuberung“ seitens der bosnischen Serben wurden unter Karadzic nahezu 95 % der katholischen Bevölkerung aus ihrer Heimat vertrieben, dabei über 400 Zivilisten getötet, darunter 5 Priester. 98 % der Kirchen in der Diözese Banja Luka wurden entweder völlig zerstört oder beschädigt, und zwar nicht durch Kriegshandlungen, sondern durch gezielte Zerstörungsmaßnahmen. Von den Klöstern, Gemeindezentren und den übrigen kirchlichen Gebäuden wurden ein Drittel dem Erdboden gleich gemacht und eine große Anzahl mehr oder weniger schwer beschädigt. Vinko Kardinal Puljic, der Erzbischof von Sarajevo, schildert aus dieser Zeit folgende Begebenheit: „Auf einem der zahlreichen Priestertreffen in Banja Luka, vor Ausbruch des Krieges im Raum Bosnien und Herzegowina, erschien auch ein hoher Politiker. Da er aus dieser Region stammte und über die Pläne der künftigen Ereignisse Bescheid wußte, sagte er dem Bischof Franjo mit Tränen in den Augen: „Mein Bischof, deine Diözese ist abgeschrieben.“ Bischof Franjo wollte nicht glauben, daß so etwas möglich sein wird. Unterdessen hat es sich aber ereignet. „Das Volk wurde vertrieben, die Kirchen zerstört, der Mensch entrechtet und bis zum Grund erniedrigt - vergessen und verlassen sogar von denen, deren Pflicht es war, ihn zu führen und für ihn zu sorgen“, so fährt der Kardinal fort.

Dies alles muß man wissen, wenngleich hier nur in Konturen angedeutet um ermessen zu können, wen wir heute hier ehren dürfen.

Mut und Weitblick

Lassen Sie es mich mit den Worten von Bischof Walter Kasper, dem Vorsitzenden der weltkirchlichen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, sagen. „Bischof Komarica war in dieser Zeit für die Entrechteten der Region Banja Luka der einzige Fürsprecher. Ihm ist es in besonderer Weise zu verdanken, daß es zu keinen Gefechten zwischen Kroaten und Serben und zwischen Kroaten und Moslimen kam. In der Zeit des Terrors appellierte er mit unglaublichem Mut aber auch mit Weitblick und Versöhnungsbereitschaft an die serbische Regierung und versuchte unermüdlich, die Weltöffentlichkeit über die Lage in seiner Diözese zu informieren und das Ausland zur Hilfe für die bedrängte, nicht-serbische Bevölkerung zu bewegen. Während des gesamten Krieges ließ er den Bedürftigen, nicht nur den Katholiken seiner Diözese, sondern auch den Muslimen und den Serben, mittels der von ihm aufgebauten Caritas humanitäre Hilfe zuteil werden. Obwohl er immer wieder massiv gedrängt wurde, Banja Luka zu verlassen, blieb er trotz größter Gefahr für Leib und Leben in der Stadt weil er wußte, daß er für viele die einzige moralische Stütze ist.“ Wäre er nicht in Banja Luka geblieben, dann gäbe es dort heute keine katholischen und muslimischen Bosnier mehr. Dabei ist zu bedenken, daß die fürdie Politik der „ethnischen Säuberung“ verantwortlichen serbischen Politiker viele in Banja Luka und anderswo in langer Tradition mit ihren katholischen und muslimischen Mitbürgern friedlich zusammenlebenden Serben zwangsweise in andere Gebiete „umgesiedelt“ und durch ethnisch-nationalistisch gesinnte Serben ersetzt haben. Bischof Komarica setzt sich auch für die Rückkehr der erstgenannten Serben in ihre Heimat ein.

Die Wege

Bischof Komarica hat aber nicht nur geschrieben, sondern ist persönlich alle Wege selber gegangen, die er überhaupt gehen konnte. Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit ihm. Sie fand im März 1995 in Brüssel anläßlich der 2. Osteuropa-Tagung statt, die von der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach veranstaltet wurde, um die zukünftigen Aufgaben der Kirche mit Vertretern der mittel- und osteuropäischen Länder zu besprechen. Bischof Komarica schilderte die Lage in seiner Diözese und seinem Land. Alle Teilnehmer des Kongresses waren tief bewegt, ja erschüttert von seinen Darlegungen. Es war für ihn unverständlich, wie inmitten Europas und trotz dessen geistig-ethischer Tradition ein solches Maß an Barbarei und Unmenschlichkeit praktiziert werden konnte, wie dies in seinem Land sich abspielte, und daß die politisch Verantwortlichen, die einzelnen wie die Länder, davor die Augen verschlossen und nicht fähig oder willens waren, im Namen der Menschlichkeit und der Grundwerte Europas einzugreifen. Bischof Komarica suchte persönlich die Verantwortlichen der europäischen politischen Institutionen in Brüssel und Straßburg auf, er reiste in die Vereinigten Staaten, um die zuständigen Ausschüsse des amerikanischen Kongresses über die Lage zu unterrichten, er sprach mit Bundeskanzler Helmut Kohl, um ihn um seine Hilfe zu bitten. Er appellierte an die Vereinten Nationen und empfing deren diplomatische Vertreter in seinem Haus.

Menschliche Wesen

Dies alles und vieles andere ist dokumentiert in dem vor wenigen Wochen im Verlag des Instituts für Südosteuropa e. V. veröffentlichten Band „In Verteidigung der Entrechteten. Eine Auswahl der Dokumente des Bischofs und bischöflichen Ordinariats von Banja Luka aus den Kriegsjahren 1991 bis 1995.“

Ich danke an dieser Stelle besonders Frau Doris Pack, MdEP, ohne deren von großem persönlichen Einsatz getragenen Beschäftigung mit all diesen Problemen in dieser Region und besonders in Banja Luka, diese Information nicht vorliegen würde. Um daraus vielleicht einen besonders markanten und brisanten Satz zu zitieren, den Bischof Komarica in seiner Verzweiflung und Ohnmacht vielfach ausgesprochen hat, lesen wir in einem Brief an den Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic: „Im Namen aller Katholiken in meiner fast ganz zerstörten Diözese erwarte ich zu Recht daß Sie anfangen, uns als menschliche Wesen zu behandeln, die sowie Sie und Ihr Volk das Recht auf die fundamentalen Menschenrechte und Freiheiten haben.“

“In Bischof Komaricas Briefen“ - so Walter Kasper - „spiegelt sich auch Enttäuschung über die europäische und internationale Völkergemeinschaft, die den Terror und die brutale Verletzung der Menschenrechte in der Region Banja Luka viel zu wenig zur Kenntnis genommen und ihnen lange Zeit weithin tatenlos zugeschaut hat. Niemals wird der Bischof jedoch beleidigend und sarkastisch. Seine Worte treffen ins Gewissen. Sie geben Zeugnis von einem hohen moralischen Pathos in einer Zeit in der alle Moral ans Ende gekommen zu sein scheint und in der nur politische Interessen und nackte Gewalt regierte.“

Die Quellen

Woher nimmt ein Mensch die Kraft zu all dem? Ein Satz aus einem Brief an den Heiligen Vater gibt darüber Aufschluß:

„Man will unsere Gläubigen um jeden Preis führerlos machen, indem man ihre Hirten tötet und mißhandelt und ihre Kirchen, Klöster und Seelsorgezentren zerstört Sie, Heiliger Vater, sollen aber wissen, wenn es Gottes Wille ist daß es zusätzlich zu all den bisherigen Opfern und Heimsuchungen noch zu weiterem Blutvergießen auf Seiten unserer wirklich friedfertigen Gläubigen, Geistlichen und Ordensleute und auch des Bischofs selbst kommt - versichern wir Ihnen, daß wir getreu verharren in Christi Gebot der Vergebung, Versöhnung und Liebe. Wir alle, die wir noch immer hier, in unserer Jahrhunderte alten Heimat sind, wobei wir niemandem etwas zu Leide tun, sondern sogar Böses mit Gutem vergelten, glauben, daß Christus uns eben gerade hier braucht als seine Zeugen.“ Und dann kommt der Bischof auf den Wahlspruch zu sprechen, den er sich bei seiner Bischofsweihe, ohne zu ahnen, was auf ihn zukommen wird, gewählt hat „Der Herr ist meine Stärke und mein Lied“. Er zitiert ihn in diesem Brief in seinem gesamten Kontext des 118. Psalms: „Man stößt mich, daß ich fallen soll, aber der Herr hilft mir. Der Herr ist meine Stärke und mein Lied, er ist mein Retter. Der Herr züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tod nicht preis.“ (Ps 118, 13-14.18).

Der Erfolg?

Kämpft aber dieser Bischof, so werden viele fragen, nicht auf „verlorenem Posten“? Selbst wenn dem so wäre, so läßt sich daraus zumindest kein christliches Argument gegen diesen Kampf ableiten. Erfolg ist keiner der Namen Gottes. Wir sind als Deutsche heute stolz darauf und dankbar dafür, daß es Menschen gegeben hat, die auch ohne Erfolg im Widerstand gegen das Hitler-Regime ihr Leben geopfert haben.

Was im ehemaligen Jugoslawien und insbesondere in Bosnien Herzegowina während des vierjährigen Krieges zwischen 1991 und 1995 und danach passierte, atmet in vielem den gleichen Ungeist, mit dem die nationalsozialistische Ideologie den 2. Weltkrieg heraufbeschworen hat Schlimmer aber ist daß all dies heute geschieht unter den Augen der Weltöffentlichkeit und jenes Europa, das sich ausdrücklich der Menschenwürde und den Menschenrechten verpflichtet weiß und sich nach den Greueln des 2. Weltkrieges ausdrücklich und neu zu dieser Grundlage aller Zivilisation bekannt hat Kardinal Puljic von Sarajevo schreibt dazu: „Bischof Franjo bezeugte auf seinen Reisen das Leid und Elend auf dem Gebiet seiner Diözese und fragte die Machthaber Europas und der Welt immer wieder: „Sind wir für Sie Menschen?‘ Ein Diplomat hat ihm ehrlich geantwortet: „Für mich schon, aber für meine Regierung nicht.‘ Auch das hat ihn in seinen Bemühungen, das Gewissen der Verantwortlichen zu wecken, damit sie rasch und effizient den Menschen schützen und das Böse aufhalten, nicht entmutigt.“ Deshalb nicht weil Bischof Komarica mit Papst Johannes Paul II. der Meinung ist „Der Mensch ist der Weg der Kirche“. Wer immer die Geschichte dieses Krieges und seiner Folgen schreiben wird und dabei die Wahrheit nicht verschweigt, der wird nicht vergessen dürfen, daß Bischof Franjo Komarica in unvergleichlicher Weise zur „Stimme der Entrechteten“ geworden ist.

Sehr verehrter, lieber Herr Bischof Komarica! Mit dem Heinrich-Pesch-Preis sollen Persönlichkeiten geehrt werden, die sich um die Weiterentwicklung bzw. die praktische Umsetzung der Soziallehre der Kirche verdient gemacht haben.

Der Förderverein hat nunmehr beschlossen, Ihnen, Exzellenz, diesen Preis zu verleihen. Sie haben angesichts der unermeßlichen Leiden, die Sie persönlich, die Ihnen anvertrauten Gläubigen und viele andere der auf dem Gebiet Ihrer Diözese lebenden Menschen durch die zurückliegenden kriegerischen Ereignisse erdulden mußten, das Beispiel eines wahrhaft guten Hirten gegeben. Sie haben durch Ihr Ausharren, Ihre sozial-caritative Tätigkeit gegenüber den Notleidenden ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit und Religion und durch Ihr Eintreten für die Würde und Rechte aller Menschen öffentlich kundgemacht, wofür die Soziallehre der Kirche steht Sie haben unermüdlich versucht, das Gewissen vieler und vor allem auch der Verantwortlichen in der europäischen Union wachzurütteln, damit sie sich für die Beendigung des Krieges und der Unmenschlichkeit in Ihrem Land einsetzen.


Möge Gott Ihren Einsatz für die Menschen lohnen und Sie für Ihren weiteren Einsatz für Menschenwürde, Frieden und Gerechtigkeit in Ihrer Diözese Banja Luka und in ganz Bosnien-Herzegovina mit seinem reichen Segen begleiten.


HEINRICH PESCH-PREIS: Bisher fünf Preisträger
Der Heinrich-Pesch-Preis, der an den ersten großen Systematiker der Christlichen Gesellschaftslehre und Begründer des Solidarismus erinnert (Heinrich Pesch 1854-1926), wurde zur Ehrung von Persönlichkeiten gestiftet, die sich um die weitere Entwicklung bzw. praktische Umsetzung der katholischen Soziallehre verdient gemacht haben.
Der Preis wurde seit 1981 an bisher fünf Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kirche verliehen: Dr. Paul Wilhelm Link, Priester in einer Favela und Nationalpräses des Kolpingwerkes Brasilien; Dr. Norbert BIüm, Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung; Bbr. Professor Dr. Franz H. Müller, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler aus St. Paul, Minnesota/USA; Joachim Reinelt, Bischof von Dresden-Meißen; Bbr. Rudolf Seiters, Bundesinnenminister a. D.  


Die Hoffnung aller Geschlagenen darf nicht enttäuscht werden
Die Rede von Bischof Dr. Franjo Komarica

Sie haben beschlossen, den sehr angesehenen Preis, der an den ersten großen Systematiker der Christlichen Gesellschaftslehre und Begründer des Solidarismus, Heinrich Pesch, erinnert, nach mehreren verdienstvollen Persönlichkeiten aus Europa, aus Süd- und Nordamerika, auch meiner Wenigkeit zu verleihen. Ich erlebe diese Stunde wie einen Traum. Und doch ist es wahr. Und es ist wahr, daß die Solidarität, daß die Liebe der Menschen zu den Menschen in der Not eine glücklich machende Tatsache auch in unserer heutigen Zeit ist. Und das erfüllt mich wirklich mit einer zusätzlichen großen Kraft, das zu tun, was ich versucht habe auch bis jetzt zu tun, Kraft des christlichen Glaubens, welchen ich selbstverständlich als Gabe Gottes durch meine lieben Eltern und meine Lehrer im In- und Ausland in Europa bekommen habe.

Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für diese Ehrung, welche ich allerdings nicht nur für mich bestimmt sehe, sondern vielmehr als Ihre ehrliche Anerkennung, all denjenigen in meiner Geburtsstadt und Diözese Banja Luka in Bosnien, welche sich entschlossen bemüht haben, besonders in bereits erwähnten harten Prüfungszeiten des furchtbaren Krieges in Bosnien-Herzegowina, sowohl die Gebote Gottes als auch die Lehre der Kirche und zugleich die Prinzipien unserer europäischen Zivilisation zu achten und zu verteidigen.


Die Worte, welche der Evangelist Matthäus als Jesus-Worte anführt, sind wohl bekannt: „Selig sind die Gewaltlosen, sie werden das Land erben. Selig sind die Barmherzigen, sie werden Erbarmen erfahren. Selig die Frieden schaffen, sie werden Gottes Söhne heißen.“ Diese Worte Jesu Christi sind auch heute sehr aktuell, überall auf der Welt natürlich auch hier in Europa bei uns, insbesondere aber bei uns in Bosnien und auch in meiner Heimatstadt Banja Luka. Die Katholiken und andere Menschen guten Willens in Banja Luka versuchten unermüdlich, diese Worte auch in die Tat umzusetzen. Ihnen ist aufgetragen, Diener des Friedens und Friedensstifter zu sein und zwar in geduldigem Ertragen und Verzeihen der Ungerechtigkeit mit der immer ausgestreckten Hand zur Versöhnung und Förderung des guten nachbarschaftlichen Verhältnisses gegenüber allen Mitbürgern, mit dem entschlossenen Einsatz für das Recht und für die Freiheit aller Entrechteten und Unterdrückten ohne Unterschied. Nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Jugendlichen und Kinder beseelen die Hoffnung, daß das Böse und Destruktive nicht triumphieren wird und nicht triumphieren darf. Die Hoffnung aller geschlagenen und entrechteten Menschen in meiner Heimat Bosnien und in meiner Heimatstadt Banja Luka und ihrer Umgebung darf nicht enttäuscht werden. Sie ist ein Grundstein für das Erlangen einer menschenwürdigen Zukunft aller Menschen, die im Krieg äußerlich und innerlich verletzt wurden.

Die Christen Europas sind aufgefordert Stellung zu nehmen

Aus dem Beispiel der großen Tragödien in meiner Heimat ist besonders klar zum Ausdruck gekommen, wie eigentlich der heutige europäische Mensch in Gefahr ist Der Mensch, der den Sinn seines eigenen Lebens aus den Augen verliert und sich nur noch als Produzent und Konsument egoistischer Bedürfnisse versteht, verspielt seine sozialen Beziehungen und konsumiert am Ende sich selbst Die Bedingungen einer menschheitlichen Kultur können nur in der Weise verwirklicht werden, daß alle Menschen guten Willens in Freiheit der Wahrheit über die Würde •des Menschen und den daraus folgenden Rechten und Freiheiten, aber auch Pflichten, zustimmen. Wo das nicht vorhanden ist entsteht — das ist unsere Erfahrung und das wissen auch alle Anwesenden sehr gut — sehr leicht eine egoistische Kultur. Und die egoistische Kultur führt unvermeidlich in die Leere und in die Entmutigung.

Das Ziel von uns Christen aber müßte eine Gesellschaft sein, die gerechter, brüderlicher und solidarischer wird. Vielen, viel zu vielen Menschen in meiner Heimat wurden durch das verhängnisvolle Verhalten der zeitgenössischen Egoisten fast alle Menschenrechte und Freiheiten weggenommen, und zwar am Ende des hochzivilisierten 20. Jahrhunderts, und zwar vor den Augen und vor den Haustüren der größten zeitgenössischen Humanisten und Demokraten der Gegenwart. Man kann dabei nicht die berechtigte Frage warum und in wessen Namen außer Acht lassen. Die Christen Europas und alle guten Menschen, die sich als Menschen betrachten, sind aufgefordert Stellung zu nehmen, solche Verbrechen gegen die Menschheit entschlossener zu bekämpfen mit allen legitimen Mitteln.

Im bereits bekannten Dayton-Abkommen und in Paris wurde festgelegt und feierlich unterschrieben, daß alles Unrecht wiedergutzumachen ist, daß allen Menschen in Bosnien-Herzegowina wieder alle Menschenrechte und Freiheiten zurückgegeben werden müssen. Wir wissen alle, es wurde bereits auch hier erwähnt, daß das Heimatrecht auch zu den grundlegenden Menschenrechten zählt So hat auch Dayton bzw. Paris vorgesehen, daß alle Vertriebenen und Flüchtlinge, welche ihr Heimatrecht verloren haben, dieses Recht wieder zurückbekommen müssen. Es ist feierlich unterschrieben, und man setzt auf die Redlichkeit und Glaubwürdigkeit derjenigen, die die Unterschrift geleistet haben. Wenn man leider Gottes nachher dann hören muß vom Vertreter eines Landes, dessen Präsident unterschrieben hat, „wir aber werden alles unternehmen, daß Dayton nicht gelingt“, dann muß man sich wirklich fragen, was ist los mit der Redlichkeit der heutigen führenden Politiker in Europa und in der Welt! Was ist mit der Glaubwürdigkeit solcher Personen, die über die Zukunft nicht nur eines Menschen, sondern auch der Völker entscheiden!

Wir müssen leider feststellen, daß diese Rückkehr, die Wahrnehmung eines fundamentalen Menschenrechtes, nicht in Erfüllung geht. Bekannterweise fehlt es am politischen Willen, an der Ehrlichkeit an der Redlichkeit an der Glaubwürdigkeit und Entschlossenheit der Politiker, die verpflichtet sind, die Menschen als Personen mit ihrer eigenen Würde und ihren Rechten zu betrachten und sie auch entsprechend zu behandeln. Ich glaube, daß diesbezüglich wir alle uns ernsthaft auf die Seite des entrechteten Menschen, egal wo er sich befindet, stellen, daß wir heute am Ende des 20. Jahrhunderts nach vielen feierlich unterschriebenen Deklarationen über die Menschenrechte, entschlossener in die Praxis übergehen müssen, das auch aufgrund dieser großen Tragödie in diesem Teil des europäischen Kontinents, und daß wir entschlossener, gemeinsamer wirklich versuchen, noch glaubwürdiger zu werden. Denn wenn die Europäer in diesen Errungenschaften versagen, was haben sie dann den anderen Kontinenten anzubieten, vor welchen sie sich, berechtigter- oder unberechtigterweise, als hochstehende Demokraten und Humanisten fühlen! Albert Schweitzer sagte, ich erinnere an seine Worte: „Es verstößt gegen jedes menschliche Recht, wenn man Völkerschaften das Recht auf das Land, das sie bewohnen, nimmt und sie zwingt sich anderswo anzusiedeln“.

In diesem Sinne haben auch wir katholischen Bischöfe abermals vor einigen Tagen, nach dem viel beachteten Papstbesuch in Sarajevo, in einer gemeinsamen aktuellen Mitteilung das Folgende klar sagen wollen. Ich zitiere aus dieser Mitteilung, um auch die Einstellung der Vertreter der katholischen Kirche in Bosnien und Herzegowina nicht nur zu dieser Stunde, sondern eigentlich als eine konsequente Haltung darzustellen, welche wir versucht hatten zu haben während dieser Infragestellung aller Normen unserer europäischen Zivilisation: In seiner Rede an die Vertreter der Behörden in Bosnien-Herzegowina hat der Heilige Vater in Sarajevo betont: Es ist notwendig, sich dafür einzusetzen, daß für die Vertriebenen und Flüchtlinge aus allen Teilen von Bosnien und Herzegowina ein Recht der Rückkehr in ihre Heimatorte gesichert wird, die gezwungen waren, diese im Kriegssturm zu verlassen. Gemäß den öffentlichen Medien besprechen die Vertreter der Behörden von Bosnien und Herzegowina und der Republik Kroatien in der letzten Zeit mit ausländischen Regierungen und internationalen Institutionen die Art und Weise der Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen. Gemäß diesen Absprachen handelt es sich bei den meisten Flüchtlingen und Vertriebenen nicht um eine Rückkehr in ihre Heimatorte, sondern um eine Ansiedlung in anderen Ortschaften und sogar in fremden Häusern auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina und Kroatien.

Durch solche Verfahren, die grundsätzlich die moralischen Prinzipien zertreten und die internationalen Konventionen brechen, wird bewußt und unter Absprache direkt daran gearbeitet, das demokratische Bild zu ändern und Samen für neue Konflikte zu streuen. Unseren bisherigen Standpunkt verfolgend, erheben wir abermals unsere Stimme gegen solche Absprachen und gegen eine solche Politik.

Der Heilige Vater hat uns Bischöfe in Sarajevo erneut in die Pflicht genommen, die prophetische Stimme zu erheben, auf Gewalttaten hinzuweisen, Unrecht zu entblößen, das Böse mit dem richtigen Namen zu benennen und durch alle gesetzlichen Mittel die uns Anvertrauten gemeinsam zu verteidigen.

Wir rufen nochmals alle verantwortlichen Personen auf, auf der einheimischen und auf der ausländischen Ebene, den Vertriebenen und den Flüchtlingen und Bedingungen zu bieten für eine Rückkehr in ihre Heimatorte und dort für sie ein menschenwürdiges Leben zu schaffen. Das ist eine der Grundlagen für die Errichtung eines gerechten und beständigen Friedens. Die katholische Kirche kann die fast zum Gesetz erhobenen Ungerechtigkeiten nicht akzeptieren und verurteilt die Verfahren, die eine Frucht des Faustrechts sind. Wir nehmen Abstand von denjenigen, die gewalttätig die demokratische Struktur dieses Landes ändern und somit die Menschen zwingen, ihre Heimatstädte und ihre Heimat zu verlieren. Wir erheben unsere Stimme für alle Menschen ohne Unterschied, für jede Volksgruppe und für alle Angehörigen jeder Religionszugehörigkeit. Im Namen der Katholiken weisen wir als katholische Bischöfe mit Schmerz darauf hin, daß eine solche Politik die lokale Kirche ausrottet und ebenso das Volk, in dem sie selbst wurzelt. Hiermit schließen wir uns der Stimme des Heiligen Vaters an, der betonte: Nie mehr Krieg! Dies bedeutet für uns: Nie mehr eine ethnische Säuberung, nie mehr eine sogenannte humane Umsiedlung, nie mehr eine Verhinderung der Rückkehr in die eigenen Heimatorte, nie mehr Gewalt und Gesetzlosigkeit.

Ich danke Gott für diese Stunde, daß ich Sie alle hier erleben durfte als Mitstreiter an der Seite Jesu Christi, des größten Anwaltes des entrechteten Menschen. Gott behüte Sie und unterstütze Sie in Ihrem edlen Vorhaben im Dienst Gottes. Wir sind alle in seiner Firma! Ich danke Ihnen sehr.

 

 




Veröffentlicht am: 11:29:20 10.05.1997
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse