BORBECK. Rund 40 Bundesbrüder und Freunde der UNITAS versammelten sich am Mittwoch, 4. Juni, im Conventsaal zur Diskussion eines hochaktuellen Themas. Im Nachgang zur feierlichen Einweihung des Hauses hatten die Ruhranen zu einer gemeinsamen Wissenschaftlichen Sitzung mit dem UNITAS-Zirkel Essen nach Borbeck eingeladen. Als Referent war dazu Bbr. Ministerialrat Klaus-Hermann Rössler (UNITAS Stolzenfels Bonn, UNITAS Freiburg, UNITAS Ostfalia Erfurt), selbst Vater von fünf Kindern und Referatsleiter Familie im Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit des Freistaats Thüringen gewonnen worden.

Offensichtlich sind Fragen der Familienpolitik immer mal wieder heftig, aber nur kurz in der öffentlichen Debatte. Während Erziehungsberaterinnen als „Super Nannies“ Konjunktur im Fernsehen haben, ist das Thema der Sicherheit der Renten und der Altersvorsorge ein Dauerbrenner, die Themen Ausbildung und die Ergebnisse von Pisa-Studien alarmierten die Öffentlichkeit. Die Verhältnisse in den Nachbarländern, in der Familien- und Sozialpolitik von den skandinavischen Ländern bis zu den Niederlanden oder Frankreich sind inzwischen in vielen Polit-Sendungen abgehandelt. Ebenso die Kosten, die ein Kind „verursacht“, oder die Frage der gleichgewichtigen Behandlung von Kinderlosen. Und während Kinder zunehmend als „Armutsrisiko“ dargestellt werden, überbieten sich Politiker mit neuen Visionen für Ganztagsbetreuung, um Reformen von Kindergartenstrukturen, richten Familienzentren ein und scheinen zugleich hilflos vor der offensichtlich zunehmenden Gewalt gegen die Schwächsten in der Gesellschaft zu stehen. Doch gerade im vergangenen Jahr habe die Debatte über die Zukunft unseres Landes wieder an Fahrt aufgenommen, erläuterte der Leiter des Referats „Familienpolitik“ im Thüringischen Staatsministerium. Zu Bbr. Rösslers Aufgabenbereich gehören Grundsatzfragen der Familienpolitik einschließlich Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Familienlastenausgleich, das Bundes- und Landeserziehungsgeld und die Zusammenarbeit mit bundes- und landesweiten Familienorganisationen und -institutionen. Es hat außerdem die Aufsicht über die Stiftung Familiensinn. Weiter sind zahlreiche Förderbereiche in diesem Referat angesiedelt: Familienfördernde Maßnahmen, Familienerholung, Familienbildung, Familienverbände, Familienzentren, Vernetzungsprojekte (Bündnisse für Familie, Elternakademie, Landesfamilientag, Familienpflege). Ergebnis der kreativen Sozialpolitik im „Grünen Herz“ Deutschlands ist u.a. das einkommensunabhängige Thüringer Erziehungsgeldes, das seit 2006 zusätzlich zum Kindergeld eingeführt wurde. Danach bekommen Eltern, die ihre Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren zu Hause betreuen, zwischen 150 und 300 Euro im Monat – ohne Einfluss auf die Elternbeiträge für Kinderkrippe und Kindergarten. 

Familienpolitik: Querschnittsaufgabe der ganzen Politik

Mit Hilfe des neu angeschafften Beamers führte der ehemalige Grundsatzreferent im Bonner Konrad-Adenauer-Haus der CDU mit einer Vielzahl von Schaubildern in die Grundlagen der Entwicklung ein: Er spannte den Bogen über den Familienbegriff zur Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur, regionalen Unterschieden durch Arbeitsmigration, Familienzusammenführung, Aussiedlerzuzug und Deutsche Einheit. Faktenreich erläuterte er insbesondere die demographischen Umgestaltungen der vergangenen 100 Jahre. Deutlich stellte er die Familienpolitik als "Herzstück der Sozialpolitik" und "Querschnittsaufgabe" heraus, erinnerte aber daran, dass kreative Politikgestaltung in diesem Feld allerdings erst lange Zeit später Wirkungen zeige. Familie sei die "Keimzelle der Gesellschaft", entscheidender Ort der Erziehung und auch heute eindeutig kein „Auslaufmodell“, stellte der Ministerialrat klar. Nach wie vor sei die Gründung langfristiger Lebensbindungen ein hohes Ziel. Allerdings zeigten Umfragen, dass der Kinderwunsch in bestimmten Alters- und Bevölkerungssegmenten deutlich abgefallen sei. Mit Blick auf die Entwicklungen im Ausland erörterte er etwa Aspekte der französischen Familienpolitik, zeigte auch regional herausragende Befunde im Inland. Der sehr junge und sehr kinderreiche Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen etwa mache deutlich, wie sich regionale Besonderheiten von der Rolle religiöser und konfessioneller Bindungen bis zu einer innovativen Strukturpolitik miteinander verbinden ließen. 

Einen kritischen, grundsätzlichen Blick warf der Referent auf die zunehmende Tendenz zur totalen Verfügbarkeit des Lebens. Das Fehlen vieler Generationen Ungeborener mache sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht deutlich bemerkbar: Spürbare Wirkung zeigten die Entwicklungen der vergangenen drei Jahrzehnte sowohl im Blick auf Lehrstellensituation, aber auch auf den ausgeprägten Facharbeitermangel. Eindeutig sprach sich Bbr. Rössler gegen den oft beschworenen „Kampf der Generationen“ aus. Bei Alt und Jung wachse die Erkenntnis, dass die Zukunft nur durch gemeinsame Anstrengungen gewonnen werden könne. Dafür sei die UNITAS selbst schon immer ein klassisches Beispiel, unterstrich Klaus-Hermann Rössler in Anwesenheit von Verbandsgeschäftsführer Bbr. Dieter Krüll, der eigens zu diesem Abend aus Kaarst angereist war. Herzlich wünschte Rössler der unitarischen Familie mit ihrem neu errichteten Zentrum im Ruhrgebiet Wachstum und Eintracht. Besonders freuten sich die Ruhranen bei ihrem Treffen über den Besuch von Bbr. Norbert Claas, der nach dreijähriger beruflicher Tätigkeit in Chicago/USA mit seiner Familie wieder in die Heimat zurückgekehrt ist und vor fast 20 Jahren als gebürtiger Bochumer als erster Fux zur Unitas im Ruhrgebiet gefunden hatte.

Gemeinsame "Tour de Ruhr"

Die schöne Gelegenheit des Zusammentreffens nutzten die Aktiven am folgenden Tag mit dem Vorortspräsidenten von 1987/88, der hier seine familiäre Wurzeln hat, zu einer gemeinsamen Erkundung in der Region. Unweit des Zentrums unitarischer Aktivitäten machten sie sich auf eine Exkursion durch das Gelände der „Neuen Mitte“ in Oberhausen, besuchten das „Centro“ mit seinem Kirchenzentrum und erörterten unterschiedliche Aspekte dieses Beispiels neuer Lebensraumgestaltung. Die seit Beginn mit der UNITAS in Thüringen in besonderer Weise verbundenen Ruhr-Aktiven wünschen der Erfurter UNITAS Ostfalia alles Beste! CB




Veröffentlicht am: 09:58:49 04.06.2008
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