ESSEN, 11. Februar 2009. Franz Kafka und seine Rezeption standen am Dienstagabend im Mittelpunkt der Wissenschaftlichen Sitzung der UNITAS Ruhrania im Conventsaal an der Flurstraße. Senior Christoph Weyer, bekennender Kafka-Leser, erörterte, warum heute Kafka-Texte anders als noch vor 50 oder gar 100 Jahren verstanden werden. Er gab einen Überblick über die Kafka-Forschung, zeigte neue Erkenntnisse und den Aktualitätsbezug des Werkes.

 

Zur Einordnung stellte er mit Richard Wagner und Kafka zwei völlig gegensätzliche Charaktere gegeneinander: Der eine 1883 gestorben, der andere am 3. Juli des Jahres in Prag geboren, markierten die sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten den Übergang verschiedener Epochen, so der Referent. Bbr. Weyer skizzierte die Kinder- und Jugendjahre Franz Kafkas (Bild links), dessen schwierige Beziehung zum Vater, häufige Studienwechsel von Chemie über Jura, Germanistik und Kunstgeschichte zurück zu Jura, die engagierten Angestelltenjahre nach der Promotion bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen. Der Genussmensch, der nach seinen Tagebucheinträgen Motorradtouren über Land unternahm, Tennis spielte, begeisterter Kinogänger war und sich auch bestens im Prager Nachtleben auskannte, hatte seit seinen frühen Studienjahren einen festen Freundeskreis um sich versammelt, stellte der Vortrag heraus. Im Ersten Weltkrieg durch seiner Firma als „unabkömmlich“ vor der Front bewahrt, erkrankt er 1917 an einer schweren Lungenentzündung. Die erbetene Freistellung vom Dienst erhält er erst fünf Jahren später, verbringt viele Monate in Sanatorien und zieht sich eine Kehlkopftuberkulose zu. Er kann nicht mehr sprechen und nur mit Schmerzen Nahrung aufnehmen als er am 3. Juni 1924 stirbt.

 

"Das Werk entschlacken"

Bbr. Weyer machte mit einer ganzen Reihe von Aspekten bekannt, die erst durch die Kafka-Forschung in den letzten Jahrzehnten den "originalen Kafka" deutlich werden ließen: Dies zeigte er an zahlreichen Verfälschungen und Kürzungen seines bereits zu Lebzeiten fünfzig Veröffentlichungen zählenden Werke durch Freund und Herausgeber Max Brod. Am Beispiel von Parabeln, den Romanfragmente „Der Verschollene“, „Der Process“ und „Das Schloss“ beschrieb er die Veränderungen, die die Werke durch Brod erfuhren – bis sie 1982 in der Gesamtausgabe des Fischer-Verlag rückgängig gemacht wurden. Ein besonderes Licht warf der Referent auf das Verhältnis des Autors Franz K. zu Frauen, seine Bindungsunfähigkeit und wechselnden, zuletzt unerfüllten Beziehungen.

 

Der mit vielen Zitierungen gespickte Vortrag widmete sich stilistischen Merkmalen und Themen des Gesamtwerks, das zahlreiche alltägliche skurrile Begebenheiten beschreibt und gab zahlreiche Ansatzpunkte für die Diskussion. Stichworte wie die „Tragik der Existenz“, „Pedanterie“, Einsamkeit und Verzweiflung machten deutlich, dass der zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht zählende Autor bei manchem im Publikum deutliche Spuren und „gemischte Gefühle“ hinterlassen hatte. Das Wesen der Kunst sei vor allem durch individuelle Zugänge gekennzeichnet, so etwa eine Äußerung. Und: Man dürfe einem Dichter alles wünschen – nur nicht, dass er zur Schullektüre werde. Die Debatte charakterisierte Kafka als „Prototyp des modernen Menschen“ im Übergang der Zeitalter, verwies aber auch für die Rezeption des Werkes auf den Einfluss der Frankfurter Schule und die Rolle Adornos. Ein Abend, dem im Anschluss an den mit viel Applaus bedachten inspirierenden Vortrag wieder manche der üblichen „kafkaesken Situationen“ folgte, ganz ohne Drehbuch - und eben so, wie Kafka selber wohl geschrieben hätte.

 

 

Nächste Veranstaltungen:

 

Fr, 13.02.: Semesterex mit Fahneneinholen
Ex-Kneipe, 20.00 h c.t. | adH
 

Fr, 20.02.: Programm- und Dechargierconvent
19.30 - 21.30 h s.t. | adH









Veröffentlicht am: 10:56:47 11.02.2009
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