Die neue Fahne der Unitas-Ruhrania

Aus einer Ansprache unseres Bbr. Msgr. Dr. Portmann bei der Meßfeier anlässlich
des 49. Stiftungsfestes der Unitas-Ruhrania (Münster) am 17. Januar 1960

 

Aus: unitas, 100. Jg., März 1960, Heft 3, 53f.

 

 

"... Wir haben unsere neue Fahne geweiht. Wir haben gebetet: „Herr Jesus Christus, Deine heilige Kirche gleicht einer geordneten Heerschar."

Seit den ersten Tagen ihrer Stiftung ist die heilige Kirche eine hierarchisch gestufte Ge­meinschaft der Gläubigen: ein Nebeneinan­der, Übereinander, Untereinander. Ungezähl­te kleinere Gemeinschaften wuchsen im Laufe der Jahrhunderte in die größere äußere Gemeinschaft der Kirche. Seit hundert Jahren ist unsere Unitas eine dieser Gemeinschaften in jener geordneten Heerschar. Vor einem halben Jahrhundert hat sich die Ruhrania eingegliedert. Wir sind heute morgen in die Kapelle des Marianum gekommen; wir haben unsere neue Fahne vor Gottes Altar getra­gen, um Gott in Liebe und Demut zu sagen, daß wir weiterhin milites Christi in seiner Heerschar sein wollen und daß dafür auch unsere neue Fahne ein Symbol sein möge.

 

Wir haben gebetet: „Segne diese Fahne!"

Die Kirche hat immer Fahnen gesegnet. Sie waren Symbol und heiliges Zeichen. Unter heiligen Fahnen sind Christen gestorben. Die Fahne, die wir soeben vor Gottes Altar ge­tragen haben, ist uns heiliges Symbol. Auf ihr stehen die Prinzipien der Unitas ge­schrieben. Für diese Prinzipien haben Gene­rationen von Unitariern gestritten und in ihnen - das dürfen wir sagen - ihr Le­bensglück gefunden. Unsere neue Fahne trägt das Bild der beiden Domtürme. Im Schatten der münsterschen Domtürme ist unsere Ruhrania in den fünf Jahrzehnten gewach­sen. Der Dom - wie schön, daß in diesem Augenblick seine Glocken zu läuten begin­nen! - ist die Mutterkirche des Bistums, die Kathedralkirche des Bischofs. Treue zum Bi­stum, Treue zum Bischof ist Treue zu Christus und seiner Kirche. Diese Treue wollen wir Unitarier. Der münstersche Dom ist dem heiligen Paulus geweiht. Möge dieser große Apostel uns von seinem Feuergeist mitge­ben: apostolischen Feuergeist! Das Bild von den Türmen des Paulusdomes - wahrhaftig, ein markantes Symbol für unser erstes Prin­zip, die virtus. Möge das Bild von den Tür­men uns immer Ansporn, Verpflichtung und Mahnung sein.

 

Wir haben gebetet: „Segne diese Fahne, damit alle, die Dir, dem Herrn der Heer­scharen unter dieser Fahne dienen, die sicht­baren und unsichtbaren Feinde überwinden."

Unsere heilige Kirche steht immer im Kampf. Sie muß kämpfen. Das ist ihre Sen­dung. Und wir, ihre Glieder, sind Streiter. Gegen wen? Gegen sie, die die Kirche nicht wollen. Wer wußte nicht, daß in unseren Tagen die Front der sichtbaren Feinde wächst! Wer wußte nicht, daß für uns, die wir die Kirche lieben, die Mission zum Kampf ge­wachsen ist! Wir als katholische Akademi­ker stehen in vorderster Reihe, müssen in vorderster Reihe stehen. Denken wir an das Gleichnis von den Talenten! Gaben, vor allem Gaben des Geistes, sind eine Verpflich­tung. Wo der Kampf ausgetragen wird? Dort, wo jeder von uns steht: im Hörsaal der Universität, bei Mitstudenten und später in den Bereichen des beruflichen Lebens. Nur der kann die sichtbaren Feinde überwinden, der immer bemüht ist, die unsichtbaren Feinde niederzuringen. Unsichtbare Feinde? Zu ihnen gehört der Feind, der in uns selber steckt. Es ist die erbsündige Natur in uns. Sich selbst besiegen, ist noch immer der größte Sieg. Meine lieben Ruhranen! Sieg über uns selbst. Er gibt unserer Ruhrania eine Kraft, wie es keine größere geben kann. Die Kraft nach innen: die wahre brüderliche Liebe und Hilfe, Freundschaft, Frohsinn und Geborgenheit, ein warmes Herz für das Gute und Schöne; die Kraft nach außen: Licht und Leuchte, Salz und Sauerteig für andere.

 

Wir haben gebetet: „Durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau Maria."

Sie ist unsere Patronin, die Heilige eines unserer Vereinsfeste. Sie, die Immaculata. Möge ihr Bild das Idealbild derer sein, die dieser Fahne folgen. Maria, die Immaculata, aber auch unsere Mutter. Wir stehen im Weihnachtsfestkreis des Kirchenjahres. Wir sahen Maria in Bethlehem an der Krippe und im Haus zu Nazareth. Es sind Festtage und Wochen, da wir mehr als sonst im ganzen Jahr das Draußen fliehen und das Drinnen suchen, das Haus, das Heim, die Wärme, die Familie. Möge die liebe Ruhrania uns allen wie eine Familie sein, ein Raum, der mithilft, uns abzuschirmen vor dem Draußen und dem Lärm der Zeit. Was für junge Menschen in der Großstadt eine Insel der Geborgenheit sein kann, wissen wir. Ich glaube, wir alle haben das in diesen Tagen des Stiftungs­festes gespürt. Möge Maria, die Mutter des Herrn, die Patronin dieser „familia Ruhrania" sein. Per Mariam ad Christum! Sie möchte die Mittlerin sein; wir hören es gleich im Evangelium: „Alles, was Er euch sagen wird, das tut!"

 

Wir haben gebetet: „.. daß wir nach dem siegreichen Kampf den Lohn des Himmels zu empfangen gewürdigt werden."

Unser letztes Ziel ist der Himmel. Unser ganzes Leben ist eine Wanderung dorthin. Irgendwo in einem Exerzitienhaus stand an der Wand ein Wort geschrieben; es war bei­leibe kein Dichterwort; es waren schlichte Verse. Ich habe sie in jungen Jahren als Se­kundaner gelesen, und immer, wenn ein altes Jahr zu Ende geht, kommen mir die Verse wie von selbst in den Sinn: „Wie ist die Zeit so flüchtig; wie ist die Welt so nich­tig; wie ist das Leben wichtig!"

Auch schon in jungen Jahren weiß der Mensch, wenn er in stillen Stunden nach­denklich wird, wie schnell doch die Jahr­zehnte, die das Leben des Menschen währt, dahineilen; dieses immer wieder neue Auf­stehen und Untergehen von Menschen; hier wird einer geboren, dort sinkt einer ins Grab. Und auch das zweite wissen wir schon in jungen Jahren: Wie ist die Welt so nich­tig! Je lauter und lärmender nach außen, desto hohler und brüchiger nach innen, - die scheinbaren großen Worte. Alles um uns und wir selbst das Siegel der Todesweihe an der Stirn. Und doch, wie ist das Leben wichtig! Unser Leben, dein Leben, die Jahr­zehnte, die Gott uns für die Pilgerschaft auf . dieser Erde gibt. Wie haben wir soeben ge­betet? Daß wir nach dem siegreichen Kampf den Lohn des Himmels zu empfangen gewür­digt werden. Schon vorher gibt Gott einen Lohn. Dieser Lohn hier auf Erden kann schön und beglückend sein, Er wächst wie von ' selbst aus dem Guten, das wir tun. Wer dem Ideal dient, wird vom Ideal ernten, auch schon auf Erden.

 

Ich glaube, das haben auch jene gewußt, die vor fast fünf Jahrzehnten im Jahre 1911 dabei waren, als unsere erste Ruhranenfahne gesegnet wurde. Wir schätzen uns glücklich, einen von ihnen in diesen Tagen des Stif­tungsfestes unter uns zu wissen. Er ist weit von draußen trotz der winterlichen Unbilden zu uns gekommen. Eines anderen wollen wir auch in dieser Stunde gedenken. Er ist schon längst in der Ewigkeit, unser lieber Hermann Wulle. In den düsteren Jahren des National­sozialismus war er der treue Hüter unserer alten Fahne. Die alte Fahne. Fünf Jahrzehnte war sie das Symbol der Ruhrania. Sie hat wie alle, die ihr gefolgt sind, Tage der Freude und Trauer gesehen. Die alte und die neue Fahne. Sie wären wenig, wenn sie nur äußere Zeichen wären. Sie sind viel, wenn sie heilige Zeichen sind, die uns erfreuen, die uns begeistern, die uns anspornen und mahnen. Dem Ideal, daß wir auf unsere neue Fahne geschrieben haben, wollen wir dienen. Schenke der Vater im Himmel unserem guten Wollen das Vollbringen. Das sei unser Gebet bei dieser heiligen Opferfeier. Amen.

*

 

Bbr. Prälat Dr. Heinrich Portmann, als Sohn eines Maurers am 5. Oktober 1905 in Hamm-Bockum-Hövel geboren, besuchte das Gymnasium in Hamm und schloss sich während des Studiums in Freiburg der dortigen UNITAS. An seinem zweiten Studienort Münster stieß er zur UNITAS Ruhrania, der er zeitlebens eng verbunden blieb – später lange Zeit als ihr Ehrensenior. Zum Priester geweiht am 19. Dezember 1931, wurde er am 30. 12. 1931 zum Kaplan an Herz-Jesu Emsdetten ernannt. 

 

Von 1934-37 schloss sich ein Studium des Kirchenrechts in Rom an, wo er als Kaplan an der Anima tätig war. Nach Rückkehr aus Rom diente er bis zum 17. 11. 1938 als Hausgeistlicher am Deutschen Studentenwohnheim in Münster. Zum 1. 7. 1938 übernahm er das Amt des Defensor vinculi et Promotor iustitiae substitutus et subordinarius am Bischöflichen Offizialat in Münster, war vom 17. 11.1938 - 14. 4. 1949 Bischöflicher Kaplan von Bischof August Clemens von Galen und Bischof Michael Keller, ab dem 14. 4. 1949 Vizeoffizial am Diözesangericht Münster und wurde später zum Päpstlichen Ehrenkämmerer ernannt.

 

1948 legte Bbr. Portmann, lange Zeit und bis zuletzt als Bischöflicher Kaplan der „Schatten“ Kardinal von Galens, die erste Biographie des Bekennerbischofs vor. Bereits 1946 hatte er Portmann (Bild links) eine erste Schrift veröffentlicht (Der Bischof von Münster. Das Echo eines Kampfes für Gottesrecht und Menschenrecht, Münster/Westfalen). Seine umfängliche Biographie über den „Löwen von Münster“ war nach zahlreichen Neuauflagen mehr als 20 Jahre lang nicht erhältlich. Vor der Seligsprechung des Kardinals Clemens August Graf von Galen 2005 lag das von Bbr. Heinrich Portmann geschriebene „Lebensbild“ als Taschenbuch wieder vor. Der Charme des Portmann-Buches liegt darin, dass der Autor Bischof von Galen aus unmittelbarem persönlichem Erleben heraus wahrgenommen hat und so ein profiliertes Bild zeichnen konnte.

Msgr. Dr. iur. can. Heinrich Portmann starb am 30. April 1961 in Münster. Seine fesselnde Schilderung der Zeit und der Persönlichkeit Kardinal von Galens vermag auch nach mehr als einem halben Jahrhundert immer noch zu beeindrucken.


 

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Veröffentlicht am: 18:38:01 24.01.2009
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