4. Oktober 1990
Eine Fahrt auch nach Magdeburg
Gedanken zu einem Besuch mitten in Deutschland

„Wir leben bald in einem geeinten Deutschland. . . „ was inzwischen uns so selbstverständlich erscheint, das war noch im September eine Vorstellung, die nicht so leicht zu fassen war. Schon auf dem Weg zur Teilnahme an der Gründungsveranstaltung der UNITAS in Magdeburg war dies Gegenstand der Diskussion. Was würde uns erwarten uns, die wir noch nie oder nur selten bisher von der Transitstrecke abgewichen waren?

Vor Helmstedt verdichtet sich die eigenartige Stimmung: Wir wissen, daß wir über eine Grenze fahren, die keine mehr ist. Und als sich die Grenzanlagen, Mauern, Hindernisse und Checkpoints nähern, ist alles wie verwaist. Dort, wo wir bei Fahrten auf die ehemalige Insel Westberlin noch das Auto geschoben haben, mit gemischten Gefühlen unsere Pässe bereithielten, uns mürrischen Grenzern gegenübersahen, die willkürlich die Abfertigung unterbrechen und einen Wagen oder einen ganzen Bus auseinander nehmen konnten dort herrschte gähnende Leere. Wie Relikte aus der Steinzeit, eine düstere Erinnerung an einganzes Erdzeitalter, säumen die nutz- und sinnlos gewordenen Grenzanlagen unseren Weg.

Mittelbare Wirklichkeit

Diese Erfahrungen sind nichtneu schon lange bestand ja die Gelegenheit, sich wieder in einem vereinten Deutschland zufühlen und die jeweils unzugängliche Hälfte zu besuchen. Und ungezählte haben auch inzwischen von den neuen Möglichkeiten Gebrauch gemacht, hüben und drüben. Vor Monaten haben wir alle verfolgt, wie sich nach dem Fall der Mauer Familien und Freunde, aber auch wildfremde Menschen in die Arme schlossen. Aus Freude wurde gelacht und geweint wir haben die Fernsehbilder noch frisch in Erinnerung. Doch wie war es für die, die ohne Verwandten in der „Zone“, nicht in unmittelbarer Grenznähe oder in Berlin wohnten? Für die, die die Ereignisse nur über die Medien verfolgten, sich am Rhein oder in Süddeutschland über die Einigung freuten?

Und jetzt ist es Wirklichkeit, nur Wochen nach der Publizierung eines UNITAS-Vereins in Magdeburg. Wieder nahmen wir am Fernsehen, fast „live“, an einem ohne Zweifel historischen Ereignis teil. Jetzt haben die Fakten unsere Diskussionen der letzten Monate eingeholt. Doch wie passen wir unsere Erfahrungen in die neue Situation ein? „Gelernte“ Westdeutsche, wie auch ihre Brüder und Schwestern im Osten, wie es so oft hieß.

Direkte Begegnung

Ortsschild Magdeburg. Wir erreichen den Stadtrand: Grobes Pflaster mit Stoßdämpferkillern, Betonpodeste am Straßenrand, von denen sie die sowjetischen Befreiungspanzer heruntergeholt haben, erste Fassaden mit Gerüsten, frischer Farbe und Firmenlogos westdeutscher Großbanken. „Arbeiterschließfächer“, Plattenbaukästen mit Rasenflächen, eroberten das historische Stadtzentrum und haben die verwinkelten Straßen neben der alten Klosterkirche begradigt. Flaschenscherben sind auf dem großen Platz am Dom verstreut, auf dem die Friedensgebete zum Schluß Zehntausende vereinigten. Das Bronzeportal der Kirchenruine zeigt den Feuersturm über der Stadt und mahnt die Opfer des Faschismus und der Kriege an. „Zum Norbertinum? Da werden doch die Popen ausgebildet...“, heißt es hilfsbereit und gegenüber der Börde-Brauerei gibt es dann eine sehr freundliche Begrüßung.

Für beide Seiten ist es eine sehrunterschiedliche Erlebniswelt, die in die Einigung eingebracht wird. Und dies haben wir auch bei unserem Besuch gespürt. Selbst wenn die Voraussetzungen so günstig sind: Bundesbrüder sprechen und feiern mit Bundesbrüdern eigentlich kein Problem. Ein Rahmen, den wir kennen: Ein schöner Kommers mit vielen Gästen aus Bonn, Neuß, Mainz, München, Berlin, dem ganzen Bundesgebiet und allem Drum und Dran. Es werden Reden gehalten und Geschenke ausgetauscht. Auch die Finanzen stimmen zum Neubeginn. UNITAS-Ruhr verleiht einen Bronzebergmann, den ersten „Ruhr-Anton“. Die UNITAS ist in der ehemaligen „DDR“ vor Ort gegangen.

Doch haben einige Programmpunkte, die wir von zuhause gewohnt sind, eine spezielle Bedeutung. Haben wir nicht sonst auch die Nationalhymne gesungen? Sind wir deswegen gerade in den Universitäten nicht noch gestern als „Ewiggestrige“ angefeindet worden? Aber „Einigkeit und Recht und Freiheit“, diese Worte bekommen in der ehemaligen „DDR“ gesungen, eine ganz neue Qualität. Es ist ein besonderer Augenblick.

Die Gespräche zeigen uns, wie groß der Nachholbedarf in vielen Dingen ist. Und dies nicht für eine Seite, sondern für beide. Wir stellen fest, daß wir nicht so munter zu jedem Thema drauflos plaudern, wie wir es sonst oft gewohnt sind. Sehengroße Hoffnungen, die an die veränderte staatliche Situation geknüpft sind, doch versuchen zurückhaltend genug zu sein, nicht polternd mit der Tür ins Haus zu fallen. Für das, was uns selbstverständlich ist, haben sie demonstriert. Was gekommen ist, ist vor allem ihr Verdienst.

Wir erzählen aus dem „Westen“ und wissen, wie frei wir hier bisher im Wohlstand gelebt haben. Beide Seiten werben um Verständnis und Vertrauen. Bier wird reichlich aus Milchkannen nachgeschenkt. Bis zum frühen Morgen kreisen die Gespräche über Universität, Kirche, Deutschland und Europa. Über Deutschland wird es nach Europa gehen. Ist es aber so einfach zu glauben, daß im Westen an vielen Unis bis zu 150. 000 Studenten eingeschrieben sind? Daß es auch für die christlichen Kirchen kein „goldener Westen“ ist, daß auch wir ein Missionsland geworden sind? UNITAS, das bedeutet Einheit und ist eingutes Programm. . . Eine beeindruckende Predigt rückt morgens die Irritationen der Gespräche wieder zurecht: „Füllt nicht die Regale, sondern die Seelen! Hier ist die größte Not.“

Über Landstraße zurück in einen grandiosen Sonnenuntergang, zurück in Richtung Ruhrgebiet. Parallel zur hoffnungslos verstopften Autobahn geht es schneller vorwärts. Reglose Windmühlen und Obstbäume säumen den Weg. Durch eine weite Landschaft entlang abgeernteter Felder geht die Fahrt durch wie ausgestorben wirkende Dörfer mit bröckelnden Fassaden, leeren Fenstern, verblichenen Schriftzügen und prächtigen Dorflinden, über gepflasterte Straßen ohne Gehsteige. Und schließlich vorbei am weggeräumten Stacheldraht und den umgestürzten Resten der Grenzwachtürme auf die frisch geteerten Strecken in das ehemalige Bundesgebiet.

Wir sind nachdenklicher geworden: Wie wird das Land aussehen, das unsere Generation für unsere Kinder mit aufbauen wird? Wir wollen Spuren, gute Spuren, hinterlassen.
CB




Veröffentlicht am: 11:55:16 04.10.1990
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