30. Oktober 1990
„Wir wollen vorbereitet sein...."
Ein Bericht vom Altherrenbundstag in Kloster Niederaltaich

von Bbr. CHRISTOF BECKMANN

Goldener Herbst im südlichen Bayerischen Wald, eine großartige Landschaft unterstrahlend blauem Himmel entlang der Donau zwischen Regensburg und Passau, die weiträumigen Klosteranlagen der gastfreundlichen Benediktiner in Niederaltaich (Kreis Deggendorf) in Ostbayern unweit der tschechischen Grenze ein idealer Ort für die Altherrenbundsversammlung am 20. /21. Oktober. Im goldweißen Stucksaal konnte der AHB-Vorsitzende Bernhard Mihm knapp sechzig Teilnehmer begrüßen, unter ihnen den Ehrenvorsitzenden des AHB Dr. Karl Rüdinger und den Ehrensenior des Verbandes Walter Keller.

Für die zahlreichen Damen war von Redakteur Hans Erhard, der die Tagung hervorragend organisiert hatte, ein volles Nachmittagsprogramm vorbereitet worden. Eine Fahrt durch den niederbayerischen Klosterwinkel führte zu Höhepunkten sakraler Barockkunst der „Bavaria sacra“. Ziel waren die Päpstlichen Basilika der ehemaligen Prämonstratenserabtei Osterhofen-Altenmarkt, in denen sich die berühmten Gebrüder Cosmas und Damian Asam verewigt haben und die Benediktinerabtei Metten mit ihrer einzigartigen, 160.000 Bände versammelnden Bibliothek.

„UNITAS-aktuell“

Währenddessen eröffnete die Altherrenschaft das Treffen mit einer Aussprache zur Lage des Verbandes, die Geschäftsführer Dr. Wolfgang Burr mit seinen Bericht begann. Positiv hob er die Überwindung des statistischen Tiefs und die geographische Ausweitung der Vereine nach Magdeburg/Erfurt und Prag, nach Hamburg und in den Ballungsraum des Ruhrgebietes hervor. Die Zahl der Aktivitates sei in kurzer Zeit um ein Viertel auf 45 gestiegen.

Negativ vermerkte er allerdings die von ihm bereits oft geschilderte Situation der finanziellen Ausstände des Verbandes. Die mangelnde Bereitschaft zum Einzug der Jahresbeiträge per Dauerauftrag mache jährlich eine unnötige kostenträchtige Mahnaktion notwendig. 50 Prozent der Altherrenschaft habe sich überhaupt noch nicht zu einer regelmäßigen Zahlung entschlossen und insgesamt seien die Ausstände dadurch bereits bis zu einem Betrag von einer halben Million DM aufgelaufen. Nachdrücklich appellierte Burr an die Angehörigen der Altherrenschaft zur Abstellung dieses Mißstandes und forderte zudem die Unterstützung durch die Altherrenvereine in dieser Frage ein. Der Geschäftsführer kündigte die anstehende Versendung des Generalversammlungsprotokolls und für November die des neuen Gesamtverzeichnisses an, das u. a. diesmal 680 aktive Bundesbrüder aufführt.

Gegenstand der Aussprache war auch die Verbandszeitschrift „unitas“. Wenngleich die Reaktionen auf die neue Erscheinungsweise und ihr gewonnenes Profil durchweg positiv seien, stehe die aktive Beteiligung durch Berichte über Zirkel und AHV-Veranstaltungen noch aus. Nachdrücklich wurde die Belebung des Leserforums durch themenbezogene Zuschriften angemahnt.

Einen Diskussionschwerpunkt bildete die Situation in den neuen deutschen Bundesländern. Besonders hervorgehoben wurde die Konstituierung von UNITAS Ostfalia Magdeburg. Trotzdem seien die Voraussetzungen für Initiativen zur Neu- und Wiederbegründung unitarischer Aktivitates in der ehemaligen „DDR“ nicht sehrgünstig. Wo auch immer sie sich durch persönliche Kontakte anböten, sollten sie gut genutzt werden.

VOS Andreas Beckmann vom Vorort UNITAS Sugambria Osnabrück, der die Grüße von VOP Hans Achim Michna überbrachte, gab einen Überblick über die anstehenden Verbandstermine bis zur Generalversammlung in Mainz. In Anlehnung an das Tagungsthema stellte er fest, daß nach der Öffnung der Grenzen zu Osteuropa und der deutschen Wiedervereinigung die eigentliche Arbeit erst beginne. Die politischen Prozesse seien in geregelte Bahnen zu überführen und auch durch die UNITAS kritisch zu begleiten. So genannten „sozialistische Errungenschaften“ dürfte jetzt nicht bedenkenlos durch die Hintertür Eingang gewährt werden. Die nicht am Arbeitsprozeß beteiligten Lebensphasen seien hier besonders zu schützen: „Eine Fristenlösung wie in der ehemaligen „DDR“ wird es im vereinigten Deutschland mit uns nicht geben“, gab er dabei für den Vorort vor den Repräsentanten der Altherrenschaft zu Protokoll. Das konkrete soziale und gesellschaftspolitische Engagement des Verbandes werde wieder ein größeres Gewicht bekommen und damit das Profil in der Öffentlichkeit geschärft werden müssen.

Zum Thema

Das Tagungsthema „Christliches Mittel und Osteuropa Wiederentdeckung an einem Wendepunkt der Geschichte“ selbst war ein glücklicher Griff. Der Versuch, die Veränderungen im ehemaligen Ostblock, die Konsequenzen für die Kirche und ihr Schicksal in den vergangenen 40 Jahren totalitärer kommunistischer Herrschaft zu beleuchten, ist ohne Zweifel auch mit Fragen an uns selbst verbunden. Die Referenten, die für den AHB-Tag gewonnen werden konnten, erwiesen sich hier als äußerst kompetente Gesprächspartner.

Prälat Wilhelm Reitzer aus Ingolstadt zeigte sich als intimer Kenner der innerkirchlichen Verhältnisse unter dem Herrschaftsmonopol der östlichen Staatsparteien. In Wien, der Drehscheibe zwischen West und Ost, leitete er von 1979 bis1987 den „Europäischen Hilfsfonds“, der Millionenbeträge aus Mitteln der Deutschen und Österreichischen Bischofskonferenz u. a. in die ehemaligen Ostblockstaaten transferierte, um die vom Staat gegängelten und unterdrückten Kirchen zu unterstützen. Engagiert in seinem Vortrag zog er die Zuhörer in den Bann und ließ in seine Ausführungen zahlreiche Eindrücke von persönlichen Begegnungen einfließen. Prälat Reitzers Bericht ließ ahnen, in welcher Weise das intensive Engagement der Kirche im Westen oft in der Grauzone und am Rande der legalen Möglichkeiten zum Überleben der Kirche unter dem ideologischen Diktat des staatlich verordneten Atheismus beigetragen hat.

Wie die Kirche diese Zeit der Prüfung bestand, konnte wohl kaum jemand besser aus eigener Betroffenheit berichten als Bischof Miroslav Vlk aus dem tschechischen Budvar (Budweis), der das Referat der Wissenschaftliche Morgensitzung übernommen hatte. Durch die staatlichen Behörden war er selbst verfolgt und zehn Jahre zwangsweise in einem Zivilberuf als Fensterputzer in Prag tätig, bis er das viele Jahre unbesetzte Bistum Budvar übernahm. Er darf sicher als ein Repräsentant eines Teils der katholischen Kirche gelten, der unschätzbare, unter der kommunistischen Monopolherrschaft gewonnene Erfahrungen in die gemeinsame europäische Zukunft einbringt. Vor allem aber auch in die zukünftige Entwicklung der Kirche selbst. Seine Darstellung der zum Schweigen gezwungenen Kirche in der Verfolgung, aber auch sein offenes Wort an die Kirchen im Westen, an die westeuropäischen Katholiken und hier besonders die deutschen, sollte uns zum Nachdenken anregen. Nachdrücklich setzte er sich für einen echten Dialog der Liebe, für eine echte Communio und die Bewahrung der Einheit der Kirche ein.

Gefragt zu seinem persönlichen Werdegang verwies er nur darauf, daß in nächster Zeit dazu ein Buch in Italien verlegt werden wird. Doch wollte er die versammelten Bundesbrüder nicht ohne Antwort lassen: „Meine Zeit als Fensterputzer war meine zweite Hochschule“, meinte er und faßte seine Erfahrungen in die einfachen Worte: „Mein Glaube, der sehr traditionell war, hat mich in 40 Jahren so geführt, daß ich feststellte, daß Gott lebendig ist ... Wir haben nicht überlebt, weil wir stark waren wir waren schwach wie überall, doch wir haben gespürt, daß Gott mit uns war.“ In der nun neu gewonnen Freiheit hätten sich die lange gehegten Hoffnungen auf einen wachsenden Kirchenbesuch bis jetzt leider nicht erfüllt. Doch sähe er voraus, daß sich durch die Enttäuschung privater Hoffnungen auf den „Segen“ einer grenzenlose Liberalisierung bei großen Teilen der Bevölkerung die Erkenntnis wieder durchsetzen werde, daß es nur einen Weg gebe: Den Weg mit Gott.

Bischof Vlk nahm das UNITAS-Treffen zum Anlaß, dem Europäischen Hilfsfonds durch Prälat Reitzer für die in den zurückliegenden Jahrzehnten geleistete Unterstützung ausdrücklich zu danken. Viele persönliche Begegnungen seien nun zu einem wachsenden Verständnis zwischen den in unterschiedlichen Systemen geprägten Katholiken notwendig auch innerhalb der Kirche selbst: „Pfarreien dürfen nicht wie ein Kino sein. Alle sitzen im gleichen Film, doch haben sie oft keinen personalen Bezug untereinander“, meinte er unter anderem. „Wir möchten gern ihre Erfahrungen kennenlernen, denn wir wollen vorbereitet sein, auf das, was kommt!“, resümierte er in der Diskussion.

Die Tagung schloß mit der Konventsmesse am Sonntag, die der Budweiser Bischof mit zahlreichen unitarischen Konzelebranten im Konvent der Benediktiner als Pontifikalhochamt feierte. Die Predigt nahm direkten Bezug auf das Schreiben der Bischöfe der CSFR an die deutschen Katholiken. Die Ausführungen Prälat Reitzers, die bischöfliche Ansprache im vollen Wortlaut und das Schreiben der Tschecheslowakischen Bischofskonferenz an die DBK sind in dieser unitas-Ausgabe wiedergegeben.

Ausblicke

Bleiben nur die Erfahrungen dieses Wochenendes in die praktische Arbeit umzusetzen. Vieles kann auch der UNITAS-Verband in aktiver Hilfe leisten. Die Bitten, die von den Kirchen in den Ländern Mittel und Osteuropas Auch an uns herangetragen werden, sind vielfältig. Bischof Vlk nannte hier einfache Beispiele, Materialien zur Katechese von der Heiligen Schrift über einen übersetzten Bibelatlas bis hin zur Patenschaft für den Aufbau einer katholischen Schule.

Der Altherrenbundsvorsitzende Bbr. Mihm dankte den Referenten sehr für ihre Mitarbeit an diesem Wochenende. Die UNITAS müsse weitere Wege der Begegnung suchen. Auch das Engagement des AHB müsse hier Zeichen setzen. So stellte er in Aussicht, die kommende Jahrestagung 1991 an der deutschen „Vereinigungsnaht“ gleichzeitig in Duderstadt und Worbis durchzuführen. Die Voraussetzungen für eine ganze Wochenendtagung in den neuen deutschen Bundesländern seien noch nicht günstig. Zu diesem Termin, der zum ersten Mal auch als öffentliche Veranstaltung durchgeführt werden soll, lud er die unitarische Altherrenschaft bereits herzlich ein und bat um zahlreiche Teilnahme.

Wäre nach diesem gelungenen Wochenende in Niederaltaich abschließend nur zufragen, ob nicht in Absprache mit regionalen Zirkelzusammenschlüssen auch zwei bis drei Mal pro Jahr solche Treffen stattfinden und erfolgreich in die Jahresprogramme der AHAH vor Ort eingebunden werden könnten. Angesichts kürzerer Anfahrtswege würde der Kreis der Teilnehmer ohne Zweifel größer. Eine Anregung regionalerer Zusammenarbeit unitarischer Zirkel und größere Einbettung der Einzelzirkel in die Verbandsarbeit wäre u. a. ausgezeichnet geeignet, ein größeres Reservoir zur Konsolidierung und zum Wachstum des Verbandes auszuschöpfen. Die Öffentlichkeit würde zudem von Tagungen dieses Zuschnitts ganz anders und umfangreicher Notiz nehmen müssen.

Diese Tagung hat es wiederum gezeigt: Es dürfte klar sein, daß uns bei der Neuordnung Europas noch viele Fragen beschäftigen werden, auf die die katholischen Laien ihre Antwort und vor der Welt ihr Zeugnis zu geben haben.

 

Ansprache von S. E. Bischof Vlk
von Budvar/Tschecheslowakei auf dem Altherrenbundstag
am 21. Oktober in Niederaltaich

„Ich freue mich, daß ich hier zu Ihnen sprechen darf, um mit Ihnen die Sorge des Heiligen Vaters um die Reevangelisierung Europas zu tragen. Um dies tun zu können, müssen wir die jetzige Situation zunächst gut analysieren, müssen wir vor allem gut auf das hören, „was der Heilige Geist den Gemeinden sagt“ (Apg2, 7), und wir müssen aufmerksam beobachten, welches die Zeichen der Zeit sind, um sie gut beurteilen zu können (vgl. Mt 16, 3). Deswegen möchte ich die vergangene Situation nicht nur beschreiben, sondern auch beurteilen.

Allgemein ist die Lage der Kirche in den zurückliegenden 40 Jahren bekannt. Der kommunistische Staat hatte einen gut vorbereiteten Plan zur Vernichtung der Kirche. Man spürt etwas Dämonisches darin, weil es unmöglich ist, daß die Atheisten, die ungläubigen Menschen, von sich selbst zu einer so tief greifenden Erkenntnis der Kirche und ihrer inneren Grundlage gekommen sein konnten.

1. Der erste Schritt war die Vernichtung der Hierarchie. Alle Bischöfe wurden von ihren Diözesen zwangsweise entfernt entweder konfiniert, auf einen entfernten Ort ohne Kontaktmöglichkeiten mit der Diözese verwiesen, oder ins Gefängnis gesteckt. Die moralische Vernichtung, die Diffamierung, lief parallel. Auf ihren Platz haben die Kommunisten solche Priester eingesetzt, die sich ihnen auf irgendeine Weise verpflichtet fühlten oder die die Kommunisten in ihrer Gewalt hatten. Über diese Personen wollten sie die Kirche manipulieren und durch ihre Einsetzung einen Prozeß der inneren Selbstzerstörung einleiten. Durch sie suchten sie ein schlechtes „Image“ der Kirche herzustellen, tiefe Uneinheit und zerreißendes Mißverständnis zu stiften.

2. Der zweite Schritt war die Zerstörung der der Gemeinschaft der Ordensleute und der Priester. Da die Ordenskommunitäten fest geschlossene Einheiten darstellten, haben sich die Kommunisten um nicht zu lange warten zu müssen zu einem offenen terroristischen Angriff entschlossen. Die Gemeinschaft der

Weltpriester war leider sehr, sehr locker sofern man von einer wirklichen Gemeinschaft des Diözesanpresbyteriums sprechen kann. Deswegen hat sich das Regime zu einer gesonderten Handlungsweise entschieden. Die führenden Persönlichkeiten, die aktivsten Priester, haben sie ins Gefängnis gebracht, die übrig gebliebenen haben sie gespalten. Es wurde nämlich durch die Machthaber mit der Priestergemeinschaft „Pacem in terris“ eine Kollaborationsorganisation gegründet, von der in der Kirche trotz ihres kirchlichen Anstriches klar war, welche Art von Organisation sie darstellte. Und dies vertiefte immer weiter die innere Zerrissenheit der Kirche: Es stiftete Uneinheit und Mißtrauen sowohl zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern als auch zwischen Priestern und Laien. Die meisten Priester wurden Mitglied durch Einschüchterung, doch wurden sie von manchen Laien als Kollaboranten betrachtet. Die Gespaltenheit, Zerrissenheit und das Mißtrauen waren da, und damit die dämonische Absicht erreicht.

Die Friedenspriesterbewegung wirkte weiter. Ihre Priester hat der Staat oft im Fernsehen „ausgestellt“ und sie über den Frieden (natürlich nach kommunistischen Maßstäben) sprechen lassen, um allen zu zeigen, daß auch die Kirche mitmacht. Und so wurden viele in ihrer Oppositionshaltung psychologisch geschwächt. Auf der anderen Seite haben die Kommunisten (auch in den Friedenspriesterversammlungen) atheistische Propaganda getrieben. Besonders in den den Massenmedien haben sie den Glauben als etwas Rückständiges, Veraltetes, dargestellt und damit alle Gläubigen als rückständige Menschen abgestempelt. Durch alle diese Maßnahmenhaben sie eine antichristliche Einstellung gefördert, damit man sich schämt, öffentliches Zeugnis abzulegen. Dies bedeutete in den Augen eines „modernen“, so bearbeiteten Menschen, besonders für die Jugend, sich zu einem Obskurantismus zu bekennen.

Von der materiellen Versklavung der Priester und von der dadurch verursachten Abhängigkeit der Kirche von dem kommunistischen Staat werde ich hier nicht breit sprechen. Nur eines ist zu sagen: Der Staat hat den Priestern ein ärmliches Gehalt gegeben, das aber gleichzeitig die Notwendigkeit einer staatlichen Lizenz für jeden Priester bedeutete, der in der Pastoral tätig war. Dieses Gehalthaben die Kreisämter direkt ausgezahlt, um diese Abhängigkeit den Priestern immer anschaulich vor Augen zu halten. Hatte der totalitäre Staat einem Priester nach eigenem Gutdünken das Gehalt entzogen, verlor dieser damit gleichzeitig auch seine Lizenz, mußte das Pfarrhaus räumen und sich eine Zivilarbeit suchen. Dieser Entzug wurde z. B. dadurch verursacht, daß jemand zu aktiv in der Priesterarbeit tätig war oder sich der verbotenen Jugendseelsorge widmete. Das hat die Priester weiter gespalten. So entstand eine Gruppe proskribierter Priester und es war der Anfang für eine Untergrundkirche gelegt.

Erst allmählich haben die Menschen bei uns diese kommunistische Lüge durchschaut und erst langsam hat sich die Kirche eine neue Position in den Augen der Menschen verschafft. In der letzten Zeit haben sie gespürt, daß die Kirche eigentlich schon durch ihre bloße Existenz im Verlauf der 40 Jahre trotz allem auch die einzige oppositionelle Kraft gewesen ist.

Er selbst hat uns geführt

Welches aber ist also das Bild der Kirche in den vergangenen 40 Jahren? Die zerstörte Hierarchie, die Zerrissenheit der Priester untereinander jeder war Bischof für sich selbst die Spaltung der Laien von den Priestern, die Individualisierierung und Atomisierung der Kirche überhaupt, die Unterdrückung des Zeugnisses. In dieser Situation haben wir gespürt, wie wahr das Wort des Herrn bei Ezechiel ist (Ez 34, 56; 1112; 1416):

„. . . Da zerstreuten sich meine Schafe, weil ihnen der Hirte fehlte; sie dienten allen wilden Tieren zum Fraß. Zerstreut irrten meine Schafe auf allen Bergen und jedem hohen Hügeln umher; über das ganze Land hin wurden meine Schafe versprengt, niemand war da, der nach ihnen fragte, niemand, der sie suchte. . . Denn so spricht der Gebieter und Herr: Siehe, ich selbst will für meine Schafe sorgen und mich ihrer annehmen! Gleichwie ein Hirt sich seiner Schafe annimmt am Tag, da manche seiner Schafe versprengt sind, so werde ich mich meiner Schafe annehmen und sie von all den Orten retten, wohin sie am Tag des Gewölks und des Wetterdunkels zerstreut wurden. . . . Das Verirrte werde ich suchen, das Versprengte heimführen, das Verletzte verbinden, das Kranke stärken, das Kräftige und Fette behüten; ich werde sie weiden in rechter Art!“. (Ausz. )

Er selbst hat uns geführt! Es entstanden im Untergrund kleine Gemeinschaften des Lebens, kleine Gruppen des Gebetes, des Wortes Gottes, der Katechese, des Studiums, auch ohne Priester, oder mit den proskribierten. Wir mußten also durchleiden, was es bedeutet, ohne Hirten zu leben, wie schwierig das Leben der Kirche ohne sie ist. Es war ein Fasten. Wir haben für echte Bischöfe gebetet, und in diesen Jahren gelernt, sie zu lieben und zu achten. An den manchmal schwachen Personen, die in den 40 Jahren an ihrer Stelle waren, haben wir gelernt, die Schwachheiten der Vorsteher anzunehmen. Wir mußten damals das Wort des Evangeliums leben: „Tut und befolgt alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach dem, was sie tun“ (Mt 23, 3). Und das bleibt auch für die jetzige Situation. Wir haben damals einen echten Dialog einen Dialog der Liebe in der Kirche erlernt; wir durften damals nichts öffentlich sagen und es hatte auch keinen Sinn. Wir mußten schweigen.

Uns blieb damals nichts anderes übrig, als dieses Einzige: Trotz allem in der Liebe zu sein, uns auf Gott zu stützen, in seinem Wort zu bleiben, in Geduld weiterzuleben. Das ist der erlernte Weg für Heute und Morgen: Zuerst lieben und dann auch noch und erst dann ein Wort zu sagen. Wir haben erfahren, daß die Liebe wenn sie vorausgeht das echte Licht, echtes Sehen, wahre Einsicht bringt, um dann die Lage der Sache richtig beurteilen zu können. Die vorausgehende Liebe bereitet und ermöglicht jeden echten Dialog und macht ihn fruchtbar.

Die Liebe zuerst!

Hier im Westen kehrt man oft die Ordnung der Sache um, verwechselt die richtige Reihenfolge. Es scheint mir, daß man hier zuerst redet, ohne daß man zuerst liebt. Und man hat dann kein echtes Licht für sein Reden. Man führt einen Dialog, aber es kommt zu keiner Kommunikation, denn diese kann nur in der Liebegeschehen. Man führt häufig Dialog, doch statt zur Einheit, kommt man dadurch zur Spaltung. Hier stimme ich ganz mit einer Aussage von Prof. Leo Prüller, dem Präsident der Katholischen Aktion Österreichs, überein, die er gegenüber Kathpress nach der Herbstkonferenz äußerte. Er sagte: „Dialogunfähige sind ein Unglück für Kirche und Welt“ (Kathpress, Nr. 189, S. 1). Ja, die Unfähigen für den Dialog der Liebe sind ein Unglück für Kirche und Welt überall, wo es so ist.

Den Weg, den uns der Herr gelehrt hat, wollen wir nicht verlieren und von niemandem einen anderen lernen. Dieser Weg ist für uns sehr wichtig, weil das, was wir bauen sollen die Kirche ist, ihre Gemeinschaft, ihre innere Communio. Die vergangenen Jahre waren ein „Zeichen der Zeit“. Wir haben gelernt, was für die Kirche wichtig ist, weil es uns fehlte: die lebendige Communio der Kirche. Dieses z. B. bei der Liturgie, weil sie von vielen Seiten bedroht war. Manchmal waren die Priester nicht in der Lage, eine solche Communio zu bauen. Sie hattenAngst. Die Laien durften und konnten es nicht.

Es gibt bei uns also eine große Aufgabe für die Kirche für die Priester, wie für die Laien: Die echte Communio zu lernen! Die Priester sind gewohnt, allein zu leben und zu arbeiten. Auf diesem Weg sind sie in den 40 Jahren alt geworden. Die Laien sind es auch nicht gewohnt, weil sie durch den Staat gehalten waren, nichts in der Kirche, in den Pfarreien zu machen, nicht mitzuarbeiten.

Wir haben keine Strukturen, keine Pfarrgemeinderäte, keine Laienbewegungen, keine katholische Aktion. Sie fehlen uns zunächst im großen und ganzen auch nicht. In der Vergangenheit haben wir gelernt, daß sie nicht der Kern des Lebens der Kirche sind. Von ihnen aus wollen wir auch nicht anfangen! Wenn ihnen keine echte Communio vorausgeht, ist es mehr eine Belastung, mehr Spalten als Aufbauen. Hier komme ich auf einen Satz aus dem zitierten Kathpress-Artikel zurück:“ Evangelisierung ist immer Aufgabe der Kirche und der Katholischen Aktion“. Hier spürt man eine Organisation „neben“ der Kirche, als ob diese Organisation auch nicht dieselbe Kirche wäre! Wir wollen zuerst Communio, Liebe und dann Organisationen!

Das kommunistische Regime hat den Priesternachwuchs vermindert. Wir haben einen großen Priestermangel. Auch das ist für uns ein „Zeichen der Zeit“. Deswegen wollen wir die Laien auch zur Pastoralarbeit heranziehen, obwohl ihr eigener Ort der in der Welt ist. Aber zuerst ist es wichtig, echte, tiefe, auf dem Evangelium gegründete Beziehungen zu entwickeln. Wenn sich einer über den anderen stellt, wenn z. B. ein Laie von „Besserwisserei und Überlegenheitsgesten“ geführt wird, so Bischof Sterzinsky von Berlin in einem Interview, hilft es nichts. Es zerstört eher die Gemeinschaft. Das gilt genauso für den Fall, wenn die Priester die Laien unterschätzen.

Deswegen zuerst die geistlichen Grundlagen. Nicht nur deswegen, weil es die Ordnung der Dinge ist, sondern weil es in der Kirche nicht um die Organisation geht, aber um die Gemeinschaft der Liebe, in der der auferstandene Christus gegenwärtig ist nach dem Wort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18, 20). Die beste Organisation ohne Liebe ist leer.

Wir sind jetzt dabei, die Ausbildung der Laien zu organisieren, weil die Kenntnisse sehr gering sind. Ohne sie geht es nicht. Wir haben bereits das katechetische Studium, das dreijährige Diakonatsstudium und noch anderes. Aber wir haben erfahren, daß dies erst an zweiter Stelle stehen muß. In der Vergangenheit ist uns manchmal nur das Evangelium geblieben. Wir waren von der theologischen Literatur abgeschnitten. Als wir das Evangelium gelebt haben, haben wir erfahren, wie wahr das johanneische Wort ist: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. . auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. . und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 21. 23). Das bedeutet: Dem werde ich Licht geben, der wird Gemeinschaft mit Gott und die echte Erkenntnis haben. Deswegen wollen wir dem Leben aus dem Evangelium den Vorrang geben.

Gegenwartsaufgaben

Unser Weg in der neuen Situation muß also sein: In der Gemeinschaft der Liebe aus dem Evangelium leben und so den Raum für den Auferstandenen in unserer Mittebereiten. Er baut dann mit uns oder wir mit ihm die Organisationen, Kontakte und Communio. Psalm 127, 1 sagt: „Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“.

Wir wissen gut, daß es leichter ist, die Organisation und Struktur mit verschiedenen Instrumenten und Mitteln mit finanzieller Hilfe aus dem Westen zubauen, als mühsam und langsam die echte Communio zu leben. In der Vergangenheit war uns das Kreuz sehr nahe. Der kommunistische Staat hat uns das Kreuz der Verfolgung auferlegt, mit der Absicht uns zu unterdrücken. Stattdessen ist es uns ein Zeichen und eine Quelle des Heiles, der Rettung geworden. Dieses Zeichenwollen wir auch in der neuen Zeit behalten. Es ist das Kreuz der Communio, der gegenseitigen Kontakte, der Gemeinschaft.

Das sind Prinzipien, Punkte, denen wir in der Gegenwart auf dem Weg in die Zukunft folgen wollen. Es ist unbedingt notwendig, der Erfahrung der Wüste in den vergangenen 40 Jahren treu zu bleiben. Und wir bitten sie, uns auf diesem Weg zu verstehen.“




Veröffentlicht am: 11:54:15 30.10.1990
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