7. Januar 1992
Hits für Bochumer
Ruhranen testen Öffentlichkeitsarbeit per Radio

von Bbr. CHRISTOF BECKMANN

Wieder einer dieser Montage. . . Gedämpfte Geräusche im schallisolierten Studio unter dem Dach eines großen Bochumer Kaufhauses. 13. 00Uhr: Die Weltnachrichten. Es folgen Wetter, ein Jingle, Verkehrshinweise. Und in die ersten Takte fällt die Stimme des Moderators: „Hits für Bochumer Heute zusammengestellt vom Studentenverein UNITAS Ruhrania“. Der Titel „Let's dance“ von Chris Rea ist der korrekte Aufmacher. Thomas Gottschalk (29), Redakteur bei der „Ruhrwelle Bochum“ und mit dem Showmaster nicht verwandt, legt sich Zehnpfennigstücke auf die Regler, die er vor allem braucht und sofort finden will. Er macht einen verschnupften Eindruck hinter seinem Mischpult. „Bei dem Wetter. . . „, scherzt er zwischen den mächtigen DAT-Recordern und schiebt schon die nächste CD ein. Ruhrania ist heute Gesprächspartner in der Musiksendung, die im Ausstrahlungsgebiet des lokalen Privatsenders bis 14 Uhr über 105 MHz auf UKW regelmäßig gute Zuhörerzahlen hat.

UNITAS macht Programm. Immer wieder haben wir über die Möglichkeiten gesprochen, noch mehr Werbung für den Verein zu machen. Zum Spaß mit einem professionellen Aufnahmegerät Interviewtechniken bei unserer Nikolausfeier geübt, „prominente“ Gäste imitiert und eine Stunde Mitschnitt hergestellt. Heute sind wir richtig dran. Live. Und alles war ganz schnell gegangen: Nach Anfrage war die Terminzusage sehr kurzfristig gekommen. Am Vortag hatte ein Blitzanruf zwischen uns die Musiktitel geklärt. Der Redakteur sei noch in Urlaub, hieß es beim Sender. Also, schnell noch etwas vorbereiten und Stichworte präparieren, denn ganz blank wollen wir nicht über den Äther gehen.

Auf Sendung gehen. . .

„Achtung! Jetzt nicht am Kopfhörer wackeln, sonst knirscht es beiden Leuten im Radio“, warnt Gottschalk. Die Lautstärke von Louis Armstrong's „Wonderful World“ immer wieder gerne gewünscht geht langsam gegen Null. Ein Kopfnicken, ein aufmunternder Blick. Der erste Gesprächsblock: „. . . . im Studio Bernd Genser und Christof Beckmann. „Jetzt nur keinen „Hänger“, kein „blackout“. Seit wann es uns gibt und was sich hinter dem Namen verbirgt, fragt der Moderator. Daß wir bundesweit tätig sind, ist uns wichtig zu sagen. Und der älteste katholische Studentenverband Deutschlands. Daß der Bochumer Verein vor über 80 Jahren als Ruhrania von „Ruhrgebietsleuten“ in Münster gegründet wurde, noch nicht sehr lange auf der örtlichen studentischen Vereinsszene ist, aber unser Projekt an den Ruhruniversitäten gut angelaufen sei. Viele neue Mitglieder in Bochum, Essen, Dortmund und Duisburg gewonnen werden konnten. Die digitalen Sekunden und Minutenanzeiger haben sich schon fast überschlagen. Es wird wieder Zeit für Musik. Bernd v. Rabbi, den heute der Hafer sticht, sagt ganz locker die nächsten Titel an.

Das Mikro fährt runter. Leise ist der „Radio Song“ von R. E. M. zuhören: Eine kurze Denkpause, in der wir über die nächsten Fragensprechen. „Women in Love“ ist inzwischen fast durch. Tom Petty &The Heartbreakers blenden langsam aus . . . „Ihr seid im Ruhrgebiet an vielen Orten tätig“, leitet der Moderator ein. Richtig. Wir deckenein großes Gebiet ab, würden uns aber mindestens einmal in der Woche im „Wacholderhaus“ am Schwanenmarkt treffen, erzählt der FM. Als Schwerpunkte unserer Arbeit nennt er die wissenschaftlichen Vorträge zu interessanten und aktuellen Themen, die wir selbst halten oder zu denen wir Experten einladen. In diesem Semester stünden die „neuen Bundesländer“ im Mittelpunkt. Und außerdem komme die Geselligkeit nicht zu kurz, geben wir zu. Man komme in der Welt rum, schließe viele Freundschaften. Das Studium gehe zwar in jedem Fall vor, doch wir versichern: „Alles gegen Langeweile und Scheuklappenstudium nur bei uns!“ Chris Farlowe und die Small Faces schaffen wieder Pause um den nächsten Gesprächsblock abzusprechen. „Keine Verkehrsstörungen im Raum Bochum“. Die erste halbe Stunde ist schon vorbei und die größte Brauerei der Stadt präsentiert die Wunschplatte. Zwei weitere Interviewblöcke folgen.

„Studenten organisieren sich in vielen Formen“, meint Gottschalk. So gäbe es ja auch die Burschenschaften, die man in Bochum wohl auch schon über den Sender hörte. Da können wir mit Geschichte kontern. Sagen, daß wir vor über 140 Jahren bereits als Kontrastprogramm zum damals Gängigen gegründet wurden, nicht schlagend sind und das Tragen von Mützen und Bändern ablehnen. Daß wir „Wissenschaftlich“ und „Katholisch“ im Namen tragen, dies unser Programm ist und bestimmt. Bernd berichtet auf Zwischenfrage, daß wir 20Aktive in Bochum sind, aber als Verband Tausende von Mitgliedern in der ganzen Welt zählten. Tief holt er Luft und präsentiert in Bausch und Bogen „UNITAS International“: Die UNITAS sei aktiv in den neuen Bundesländern, in der Tschecheslowakei, wir hätten unsere Freunde in Korea und Kontakt zu Bundesbrüdern in Kasachstan. Locker.

„Apropos Bundesbrüder“, schmunzelt der Moderator. „Was ist mit Frauen in eurem Verein?“ Kein Problem. Es gäbe zu gut wie keine Veranstaltung, bei denen nicht Frauen dabei seien, machen wir wahrheitsgemäß klar. Und daß die Diskussion im Verband schonlange laufe, die UNITAS neuerdings Frauenvereine aufnehme. „Da sind wir übrigens weiter als andere Vereine, die aus ähnlicher Traditionen kommen. „ „Männchen oder Weibchen, bei den Hits aus Bochum hören alle zu“, meint der Radiomann. „Bei uns geht es weiter mit Queen A Hammer to fall“, leitet er beruhigt über die Antwort das stampfende Schlagzeug des nächsten Stückes ein. Die „Pinnwand“ haben wir heute für uns privat. Welche Gelegenheit wäre so günstig, daß wir hier nicht darauf hinwiesen, ein Haus oder eine Etage mit 8 bis 15 Zimmern zu suchen, um ein Studentenwohnheim einrichten zu können. Wer uns helfen möchte, soll sich an uns wenden. Bernd gibt seine Kontaktadresse und einen aktuellen Hinweis für den nächsten Tag. Zu einer großen Veranstaltung in der KSG mit dem Thema „Streß im Studium“ haben wir einen bekannten Professor gewonnen und sind gespannt auf die Besucherzahl. Vielleicht nutzt die Sendung ja etwas. Der Moderator wiederholt die Telefonnummer des FM. „Das war's heute bei den Ruhr-Charts. Gleich nach den Nachrichten die Pop Hits. „ Verabschiedung. Die Werbung wird eingeblendet. Die Show ist gelaufen.

.... und im Gespräch bleiben

Die Sendung ist so plötzlich vorbei, wie sie begonnen hat. Kaum haben wir bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Der Gesprächsanteil war bei dieser eigentlichen Musiksendung bei fast 10Minuten gar nicht schlecht. Dreizehn der ausgesuchten Titel wurden nicht gebraucht. Aber es kam uns ja auch nicht so sehr auf die Musik an. Ob die Zuhörer draußen etwas mitgenommen haben? Der Name „UNITAS“ ist ja oft genug gefallen. Wir müssen jetzt im Gespräch bleiben. In drei Monaten können wir noch einmal antreten, hatte Moderator Gottschalk noch versichert. Aber schon planen wir, auch in eine Samstagsendung zu gegen, bei der sich Bochumer Vereine vorstellen. Etwas Übung haben wir jetzt und Möglichkeiten sind genug da. Und die Privatfunker laufen überall mit flottem Programm und größerer Bürgernähe den alteingesessenen Sendern oft schon den Rang ab. Hier anderen Gruppen dieses Feld sprachlos zu überlassen, kommt für uns nicht in Frage. Und andere UNITAS-Vereine sollten es bei ihrer lokalen Antenne doch auch mal probieren. Vielleicht könnte man bei Interesse ja ein Radioseminar mit tragbaren Einheiten für Aufnahme und Schnitt organisieren. Die Bundesbrüder könnten dann als freie Radiovereine mit professionellen Beiträgen ins für alle offene Bürgerradio kommen. . . .

Wir haben den ersten Schritt gemacht. Über das Mischpult ein Händedruck mit dem Moderator, schnell ein Foto für die „unitas“, den Mitschnitt der Sendung in Empfang nehmen, den Veranstaltungshinweis bei der Redaktion für den morgigen Tageskalender einreichen und über den Lastenaufzug des Kaufhauses geht es fast im Laufschritt durch die Innenstadt in Richtung unserer Konstanten. Der Adrenalinspiegel ist immer noch hoch, doch die Woche hat nichtschlecht angefangen. Ein kurzer Sprung ins Wacholderhaus muß drin sein. Herr Kronberg, der Vereinswirt, strahlt uns an: „Ich habe extra laut gestellt. Alle meinten, die Jungs hätten das gut gebracht und alles sei gut rübergekommen“. Er hat offensichtlich auch die kleine Schleichwerbung mit dem Namen seines Lokals in der Sendung gehört. Zwei Pilsken hat seine Frau schon mal gezapft. Munter greift sie hinter sich und schiebt noch zwei Teller mit Riesenfrikadellen für uns auf den Tresen: „Vom Alten“. Jetzt ist klar: Der Ausflug ins Radioprogramm hat sich jedenfalls schon gelohnt.




Veröffentlicht am: 11:50:47 07.01.1992
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