Umstrittenen Themen stellte sich vom 1. 3. Mai der Aktiventag in Duisburg. 60 Aktive diskutierten in der Jugendherberge Wedau-Park „innenpolitische Erdbebenzonen“: Im Mittelpunkt standen die heißen Auseinandersetzungen um das Asylrecht, die Situation von Aussiedlern, Sinti und Roma. Zur Information und Auseinandersetzung unter dem Titel „Zwischen Heimat und Fremde“ waren Praktiker eingeladen: Eine „offizielle“ Stellungnahme von Ministerialdirigent Olaf Reermann, Leiter der Unterabteilung Verwaltung, Ausländer und Asyl-Angelegenheiten im Bundesinnenministerium, führte in die Flüchtlingsproblematik ein. Regine Scheuerer von der Diakonie, Klaus Peter Bongardt vom Caritasverband für die Stadt Duisburg und Marguerite Petit von den Missionsärztlichen Schwestern erörterten die Möglichkeiten und Leistungen kirchlicher Wohlfahrtsverbände vor Ort. Sie schilderten aus ihren praktischen Erfahrungen die Situation von Betroffenen, die Grundsätze und Grenzen ihrer Arbeit.

Sie wissen um die Schicksale, die sich hinter nackten Zahlen und kaum verständlichen Statistiken verbergen. So auch Pfarrer Manfred Erdmann, der den Aktiven Rede und Antwort stand. Der Unitarier auf den Tag genau 24Jahre katholischer Seelsorger im Durchgangslager Unna-Massen hatte, als dort zur Zeit der höchsten Flüchtlingszahlen aus den ehemaligen Ostblock gar nichts mehr ging, die Kirche voller Betten gestellt und auf engstem Raum bis zu 60 Personen in seiner Pfarrwohnung untergebracht. Heute regt er sich auf, wenn er die Schlagzeilen liest: „Die Aussiedlerzahlen sinken, weil die deutsche Hilfe greift“ diese, von Medien verbreitete Meldung Dr. Horst Waffenschmidts, des Aussiedlerbeauftragten der Bundesregierung, nennt er „eine blanke Unverschämtheit“. In seinem Statement brachte er die Gründe für den Rückgang auf den Punkt: Sie lägen allein darin, daß die Kriterien für den positiven Bescheid über den Aufnahmeschein verschärft worden seien. Die finanzielle Unterstützung durch die Bundesrepublik sei angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in den osteuropäischen Ländern geradezu lächerlich.

Aussiedler Spielball der Politik

Aussiedler worum geht es? In knapper, deutlicher Sprache nannte Pfarrer Erdmann Zahlen: 2, 4 bis 2, 6 Millionen Deutschstämmige in der heutigen GUS zwischen Ural und sibirischer Taiga, 700. 000 bis 1 Million im heutigen Polen, 80. 000 in Rumänien, in der CSFR zwischen nach offizieller Zählung 53. 000 und geschätzten 100.000. Die meisten der 200. 000 Deutschen in Ungarn bezeichnete er als inzwischen assimiliert. Bis nach China seien einige durch Kriege, Flucht und Umsiedlung gespült worden. „Über sie alle ist die Geschichte von 600 Jahren hinweggerollt. Wer will ihnen verübeln, wenn sie um Leib und Leben fürchtend ihre Kultur und Sprache nicht alle bewahren konnten?“

Mittlerweile seien von den Rußlanddeutschen in der Russischen Republik, in Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan mindestens 90 Prozent der Deutschstämmigen ausreisewillig. Besonders die Rußlanddeutschen säßen zwischen allen Mühlsteinen: Während ihre Nachbarn schon die Übernahme der Häuser planten, erwarteten die Ausreisewilligen auf gepackten Koffern jahrelang den positiven Bescheid ihrer Anträge. Zugleich zeichne sich für sie eine neue, große Gefahr ab: Nach dem Zusammenbruch des kommunistisch-sozialistischen Oberbaus werde der Nationalismus in Kasachstan, Kirgisien und der Moldau-Republik für Deutschstämmige wie Russen eine reale Bedrohung. Bundesbruder Erdmann stellte klar: „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir in diesem Jahr nicht die ersten Pogrome gegen Deutsche erleben.“

Den Schacher um die Wolgarepublik nennt der Seelsorger „Sand für die Augen“. Die in Aussicht gestellte deutsche Selbstverwaltung auf verseuchten Truppenübungsplätzen und in den zur Ansiedlung angebotenen Rayons sei der Organisation „Wiedergeburt“ mit zu hohen Auflagen verbunden. Jetzt stehe die Region um Königsberg, der geplanten „Freihandelszone Bernstein“, im Mittelpunkt des Ansiedlungsinteresses. Nach Pfarrer Erdmanns Informationen sind bereits mindestens 100. 000 Deutsche aus Kasachstan und Kirgisien in diese Region gezogen. Während sich die Bundesregierung aus Rücksicht auf polnische und litauische Interessen sehr reserviert bei politischer Unterstützung und konkreten Hilfen zeige, habe die Kirche gehandelt und wenigstens ein Zeichen gesetzt: Erste Ansätze seien die Freistellung von Geistlichen und die kürzlich erfolgte Weihe einer „Fahrenden Kirche“ für das nördliche Ostpreußen.

Menschen im Dickicht der Paragraphen

Eine donnernde Philippika richtete Bundesbruder Erdmann gegen „die“ Politik. Er beklagte die fehlende Rechtsgleichheit und Rechtsunsicherheit für die vor dem 1. Juli 1990 aus dem heutigen Polen Eingereisten. Sie produziere unglaubliche Schicksale. Die Betroffenen würden aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen, Familien zerschlagen, Lebensläufe zerstört. Die menschenunwürdige Praxis der Abschiebung werde allmählich zu einer Grundhaltung. „Wir werfen die Menschen ins Nichts“, erklärt er. Den Slogan der Politik „Das Tor bleibt offen“ ergänzt der Seelsorger voll Bitternis: „... aber in welche Richtung?“

Dazu werde nur ein geringer Prozentsatz der Anträge im Bundesverwaltungsamt bearbeitet nach Erdmanns Auffassung ein Mittel der Politik, um die Menschen außen vor zu halten. Wenn hier bald keine befriedigende Lösung geschaffen werde, stehe man vor einer schweren Verfassungskrise und einer Einwanderungskatastrophe: „Die Politiker verstehen es, den Schwarzen Peter immer auf andere Ebenen zu schieben“, klagte der Geistliche. Wie er aus eigener Erfahrung berichtet, fühle sich zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Institutionen bald niemand mehr zuständig. Äußerungen von Politikern seien in dieser Zeit nur auf Schadensbegrenzung und auf die nächsten Wahlen gerichtet: „Aussiedler sind von keiner der Parteien erwünscht. Niemand scheint mehr aus Verantwortung dem Ganzen gegenüber zu handeln. „ Erdmanns Feststellung, daß die Entscheidungen wie die Folgen der jetzigen Situation zukünftigen Generationen hinterlassen würden und jetzt einmöglicher „Kuhhandel“ zwischen den Parteien um die Artikel 116 und 16 zu befürchten sei, brachte Unmut in die Reihen. Auch aus dem Plenum kam scharfe Kritik am „widerlichen Taktieren“ der Politik.

Denn es geht um Menschen. Selbst nach der Ankunft im „Land ihrer Träume“ können sie das traumatische Erlebnis eines Vertreibungs- und Fluchtschicksal niemals ganz verarbeiten. Aus dieser Erfahrung ist die Hilfe der Betroffenen untereinander sehr schwierig. „Jeder Mensch braucht Bejahung, Anerkennung, Geborgenheit und Annahme“, hielt Pfarrer Erdmann fest. Erst die Begleitung von Mensch zu Mensch sichere gegen ein Leben in Kälte und das Ghetto der Vorurteile. Die Bundesbrüder forderte er zu aktiver, einfühlsamer Hilfe für Aussiedler in ihrem Lebensbereich auf: „Nur Einheimische können zur Integration beitragen!“

Gegen Ausgrenzung von Minderheiten

Information statt Vorurteil so auch der Tenor der Diskussion zur Lage der Sinti und Roma in Deutschland. Gesprächspartner Günter Haferkamp, Herausgeber des Düsseldorfer „Informations-Dienst Asyl“, ist seit Jahren mit dem Schicksal der Bevölkerungsgruppe vertraut, die erst jüngst durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam gemacht hat.

„Ihre Existenz wurde bislang überhaupt nicht oder nur kriminologisch registriert“, stellte Haferkamp fest. Er schilderte das Leben der „Zigeuner“ (pers. „Eisenarbeiter“, griech. „Unberührbare“) in den letzten Jahrhunderten als eine Geschichte ihrer Verfolgung. Sie wurden vor rund 1400 Jahren wahrscheinlich aus Nordindien verdrängt, ihre Sprache ist mit dem Sanskritverwandt. Die erst Anfang des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa eingewanderten Sinti galten zunächst als hochgeschätzte Handwerker und Wanderarbeiter. Doch schon bald führten wohl Konkurrenzgründe zu ersten Aufenthaltsverboten, zur Kennzeichnung mit dem Brandeisen, zum Erhängen. Das Wandern zwischen den Territorialgrenzen ermöglichte ihr Überleben bis Ende des18. Jahrhunderts mit Zwangsmaßnahmen erste Versuche zu ihrer „Zivilisierung“ einsetzten.

Seit der Aufhebung der Leibeigenschaft in Osteuropa kamen zu den mitteleuropäischen Sinti die Roma. Mit der in den 1920er Jahren eingerichtetenzentralen polizeilichen Koordinierungstelle, setzte bereits vor dem nationalsozialistischen Rassenwahn die Einrichtung von Arbeitslagern ein. Ab 1935begann der Leidensweg der Roma und Sinti im so genannten „Dritten Reich“. Die Schätzung der Opfer schwankt zwischen 200. 000 und 1 Million. „Bis heute wurden ausreichende Forschungen noch nicht betrieben“, erklärte Haferkamp. Erst seit den 80er Jahren habe ein ernsthaftes Nachdenken begonnen, beidem sich nach Meinung des Referenten Deutschland besonders schwer tut: 1984 forderte eine Entschließung des Europäischen Parlaments einen Wanderpaß für Roma zum freien Leben und Arbeiten in allen Mitgliedsländern die Forderung wurde von Deutschland nicht unterstützt. Der deutsche Vertreter enthielt sich auch bei der Resolution der UN-Menschenrechtskommission von Anfang März des Jahres. Sie wollte für Roma und Sinti eine Kommission zur Feststellung von Diskriminierungen einsetzen. Haferkamp zur Haltung der Bundesregierung: „Ein Skandal.“

Aufmerksam wurde die Öffentlichkeit auf das Schicksal der von Abschiebung bedrohten Roma und Sinti aus Osteuropa erst durch die Besetzung des KZ Neuengamme, den Bettelmarsch 1991, die Besetzung des Kölner Doms und das Lager unter der Düsseldorfer Rheinbrücke. Die letzte Aktion habe deutlich gemacht, was für die Roma auf dem Spiel stehe. Keiner der Protestierer habe im zusammenbrechenden Jugoslawien wieder das „jahrhundertealte Spiel vom Kanonenfutter“ zwischen allen Fronten mitmachen wollen, das die Angehörigen von Familien zwinge, auf ihre eigenen Brüder zu schießen. Skeptisch äußerte sich Haferkamp zur Möglichkeit der Reintegration der Roma in Jugoslawien, wo NRW-Regierung und Caritas ein entsprechendes Modell gestartet haben: „Es ist unsinnig, schöne Häuser hinzusetzen, den Menschen aber keine Arbeit zu geben. „Wir kommen wieder“ - dieser Slogan von Abgeschobenen sei auf solchem Hintergrund nur verständlich.

Begegnung suchen

Die tief eingewurzelte Ablehnung der Bevölkerungsgruppe gehe vor allem auf fremde Lebensweise der Roma und Sinti zurück, meinte Haferkamp. Ihre entscheidend durch den starken Familienverband der Sippe bestimmte Sozialstruktur bleibe als Schutzgemeinschaft und Instrument zur sozialen Sicherung solange unverzichtbar, wie die Wanderschaft bestehe. Doch sei das Wandern kein Prinzip, denn seit Jahrzehnten lebten tausende Angehörige der Minderheitskultur als anerkannte Mitbürger in der Nachbarschaft. Auch zeigten Versuche zur Seßhaftmachung in Düsseldorf Erfolge, wo 90% der 311von der Abschiebung bedrohte Roma die Auflagen für das Bleiberecht erfüllten. Sie kümmerten sich mit großer Energie um regelmäßige Arbeit und schickten ihre Kinder in Schule und Kindergärten.

„Familie, Tradition und Wanderschaft sind Teil der Überlebensstrategie einer kleinen Kultur, von der wir in einer wachsenden Einheitskultur noch viel lernen können“, faßte Haferkamp zusammen. Vorbildlich nannte der Referent ihre gewaltlose Schlichtung von Auseinandersetzungen, die durch gemeinsames Feiern gleichzeitig Symbole der Gemeinschaft vorgebeugt und beendet würden. Vorurteile gegen Roma und Sinti strafte er Lügen: „Es gibt kaum ein friedlicheres Volk auf der Welt. „Im Kulturkontakt gelte es vor allem gegenseitige Ängste abzubauen. Dies sei vor allem eine Frage der Information, doch gehöre auch Geduld dazu: „Roma und Sinti werden zunächst sicher ihre eigene Lebensweise beibehalten, die eigene Gerichtsbarkeit der allgemeinen vorziehen, weiter Angst haben vor Krankenhäusern und Behörden. „Die persönliche Begegnung mit der großen Gastfreundschaft und Offenheit der Bevölkerungsgruppe zeige: „Notwendig ist, daß wir nicht übereinander, sondern miteinander sprechen.“

Orientierung

Fazit der Tagung: Es geht nicht um Statistiken, wie uns manchmal glauben gemacht wird, sondern um Menschen. So einfach diese Feststellung, so problematisch ist das Arbeiten gegen Vorurteile, gegen Ablehnung, gegen versteckte oder offene Gewalt gegen Mitmenschen, deren Schicksal wohl niemand teilen will. „Es gilt Orte der Begegnung zu schaffen, nicht zuerst das Trennende zu suchen, sondern das Gemeinsame!“, so Schwester Marguerite in ihrem eindringlichen Schlußplädoyer, dem niemand widersprechen mochte.

Ein Wochenende mit engagierten Diskussionen. Eine Arbeitstagung zur Orientierung in stürmischen Zeiten, in denen das Ausmaß des radikalen Umbruchs durch die epochemachenden politischen Veränderungen mit ihren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Folgen sicher noch gar nicht begriffen wird. Die deutsche Wiedervereinigung und das bevorstehende geeinte Europa zeigen die Notwendigkeit eines intensiveren gesellschaftlichen Dialoges, an dem sich auch ein Verband wie unserer aktiv und verantwortlich beteiligen muß. Für die Auseinandersetzung unter Bundesbrüdern war Duisburg gut gewählt und der genius loci des Ruhrgebiets inspirierend: Gerade diese für viele kulturelle Traditionen offene Region hat die Integrationsmöglichkeiten unserer Gesellschaft deutlich gemacht.

Die im Ruhrbistum aktiven UNITAS-Aktiven, die das Treffen organisierten, das Thema bestimmten und für die Referenten sorgten, wollten ihren Teil zu dieser Diskussion beitragen. Gleichzeitig haben sie bewiesen, wie Anstöße aus einzelnen Vereinen vom Verband aufgenommen werden können. Die noch junge Ruhrania zwischen Unna und Duisburg wollte anderen Vereinen nichts vormachen aber sie hat es doch getan.

Auch die Geselligkeit kam nicht zu kurz. Die von VOP Mathias Wolf geschlagene Kneipe betonte unitarische Amicitia und brachte ein rundes Offiz, UNITAS-aktuell diskutierte am Sonntag vor allem die Institution des Aktiventages. Der Vorort Hetania Würzburg regte an, daß dieser statt zweimal nur einmal im Jahr organisiert werden soll. Der Aktiventag vor der GV beanspruche sehr die Reisefreudigkeit der Bundesbrüder, fordere große organisatorische Vorbereitungen, belaste das eigene Veranstaltungsprogramm der Vereine und das Portefeuille des Verbandes. Dagegen könne der Aktiventag im Herbst in der Halbzeit zwischen den Generalversammlungen ausgebaut werden. Möglicher seien durch einen entsprechenden Beschluß auch intensiver geplante Regionaltreffen.

In der Messe am Sonntag wanderte Reinhard Marx mit Mikrophon durch die Reihen und predigte über die Prinzipien. Das Besondere: Es war eine Familienmesse mit Kindern und Jugendlichen, die die Bundesbrüdergemeinsam besuchten.




Veröffentlicht am: 11:41:49 04.05.1992
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