... das ist der rechte Mann.." - so meinte schon Mephistopheles einst im Studierzimmer sinnierend an den Schüler gewandt (Faust, Der Tragödie Erster Teil). Recht hatte er allemal - und die Weisheit paßt für den speziellen Fall. Denn die Universität/Gesamthochschule Essen sucht einen Namen. Nicht gerade eine Tragödie, noch ein Drama, aber ein Schauspiel mit wenig Publikum, so schien die Suche bislang. Bis Anfang des Jahres ein neuer Vorschlag auf die Bühne trat, als vom Stadtblatt ,,Hallo Essen" der Name des ehemaligen französischen Außenministers und Ministerpräsidenten Robert Schuman in die öffentliche Debatte geworfen wurde. Wenn auch zur Zeit die Diskussion in der Institution keine große Wellen zu schlagen scheint, kam doch außerhalb des Campus publikumswirksam des Namenskarussell wieder in Fahrt.

In der Hochschule werde die Frage der Namensgebung seit einigen Wochen in ollen Fachbereichen und verschiedenen Gruppen diskutiert. Dies betonte Rektor Professor Dr. Elmar Lehmann auf eine Anfrage des von Dr. Markus Kiefer herausgegebenen Blattes. Da die Überlegungen noch nicht abgeschlossen seien, will der Rektor selbst zu diesem Zeitpunkt noch keine Stellungnahme abgeben. Doch wie soll es anders sein: Lange bevor im Senat beschlossen wird - und auf die Entscheidungsfindung dort kommt es an - stoßen sich auch im politischen und im öffentlichen Raum, wie so oft, die Dinge im Raum. Eine Perspektive ist gefragt...

Die Namen....

Öffentlich und länger zur Debatte steht bislang Gustav Heinemann, von 1946 bis 1949 Essener Oberbürgermeister, favorisiert von Oberbürgermeisterin Jäger und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Willi Nowack. Als ,,Bürgerpräsident" stehe Heinemann für Demokratie, Toleranz und Solidorität, meint Annette Jäger. „Grundsätzlich für gut" hält dagegen Hanns Sobek, Erster Bürgermeister, den Vorschlag „Robert Schuman". Walter Wandke, GRÜNEN-Ratsherr und Mitglied im Kulturausschuß, will das „,Lebenswerk von Schuman und seine Verknüpfung mit dem Ruhrgebiet der frühen Nachkriegszeit nicht geringschätzen", schlägt seinerseits aber den Schriftsteller Erik Reger vor, der sich vor sechzig Jahren in zwei Romanen ,,Union in fester Hand" und ,,Das wachsame Hähnchen" mit der Stadt und dem Revier auseinander setzte. Eine Namensgebung begrüßt auch die Fraktionsvorsitzende der FDP, Georgia Kaiser. Die Richtung sei wegweisend, meint die Liberale, doch möchte sie eine Personifizierung vermeiden. Ihr Vorschlag: „Europa-Universität Essen". Und endlich ganz international wird die Angelegenheit mit der Antwort von Francois Scheer, dem Französischen Botschafter in Bonn. Er hält den Vorschlag für eine gute Idee, schlägt als Alternative im europäischen Kontext zudem Charles de Gaulle vor.

Mit Blick auf das Revier und auf die Frage, ob nicht auch herausragende Frauen für die Namensgebung in Frage kommen, äußern sich Stimmen aus dem kirchlichen Raum: So hält der Essener Weihbischof Franz Grave den Vorschlag für “sicherlich bedenkenswert", da Schuman mit der Schaffung einer europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl für Essen und das Ruhrgebiet große Bedeutung gehabt habe. Darüber hinaus verweist der Bischofsvikar für weltkirchliche und gesellschaftliche Aufgaben darauf, daß die christlich-soziale Bewegung aus dem Ruhrgebiet starke Impulse erhalten har. Die Grundlage der Sozialgesetzgebung sei hier begründet worden, stellt Grave fest und nennt als ,,hervorragenden Repräsentanten dieser Bewegung" Heinrich Brauns, der vor seiner Zeit als zwölfmaliger Arbeitsminister (1920-1928) der Weimarer Republik von 1895-1900 als Vikar in Essen-Borbeck wirkte. Auch Dr. Baldur Hermans, dem Leiter der Abteilung Kirche und Gesellschaft im Bischöflichen Generalvikariat gefällt die Namensgebung „Robert Schuman-Universität". Sie würde in diesem Jahr aufmerksam europaweit registriert, erklärt Hermans, sie wäre Programm, signalisiere Offenheit für Europa und Weltoffenheit, internationale Kooperation und Verständigung, ehre einen europäischen Politiker von hoher moralischer Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Es falle schwer, einen gleichermaßen bedeutenden Namen wie den Schumans zu finden, doch solle man auch an Frauen wie an die lange Zeit in Essen lebende Politikerin Helene Weber, an die jüdische Physikerin Ilse Meitner oder die Philosophin Edith Stein denken.

... die Uni...

In der öffentlichen Meinung schweben also inzwischen eine ganze Reihe prominente und weniger prominente Namen über dem Gelände, dem dereinst nicht im Traum anzusehen war, daß es einmal Standort einer „Hohen Schule" sein würde. Mit der Industrialisierung entstand an selber Stelle im alten „Segeroth“ innerhalb weniger Jahrzehnte „Essens wilder Norden". Eingeklemmt zwischen Maschinenbaufabrik, Städtischer Gasfabrik, Kruppscher Gußstahlfabrik und Schießstand, dem Bahnhof Essen-Nord, Zeche Gustav und Victoria Mathias, Rheinisch-Westfälischem Elektrizitätswerk, Kläranlage und Städtischem Fuhrpark war er über die Region hinaus als “Nachtjacken- und Scheunenviertel" bekannt. Bis in die Zeit noch dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich im ,,klassischen Zuwandererviertel Essens“ zwischen Maschinen-, Bohrer-, Former, Gas-, Dreher-, Gieß- oder Schachtstraße bei höchster Bevölkerungsdichte und geringstem Wohnkomfort ein reich differenziertes politisches und soziales Milieu.

Zwischen katholischer Kirchengemeinde St. Marien und angeschlossenem Kloster, der KPD, Zentrumspartei und sozialistischer Arbeiterbewegung wuchs in den slumartigen Mietskasernen der Mythos vom „Roten Segeroth". Von der Heimat Kleingewerbetreibender, von „Klüngelskerlen", aus den Ostprovinzen stammenden Juden, den Sinti und Roma an der Schlenhofstraße, Kostgängern, hochmobilen Facharbeitern und Prostituierten ließen die Bomberstaffeln der Royal Air Force im August 1945 nur noch Trümmer. In Ruinen, Holzbaracken und Nissenhütten, Schuppen und Kellerwohnungen kämpften nach dem Krieg Flüchtlinge und 25.000 Menschen um ihr Überleben. Ein seit 1950 verfolgter Plan, einen Großmarkt an der Stelle des Viertels einzurichten, kam nicht zur Verwirklichung, neue Bauprojekte gegen Ende der 1960er Jahre wurden nicht ausgeführt. Erst mit dem im Januar l92l erfolgten Zuschlag für die Uni auf dem Gelände des Segeroth kam eine neue Perspektive. Unter dem Motto „Offene Universität“ ging es schließlich zur Sache und am 24.Oktober 1972 kam es unter Gründungsrektor Wolter Kroll zum ersten Spatenstich. 22 Jahre später bevölkern 22.500 Studenten aus vielen Ländern der Welt den Campus, studieren an 14 Fakultäten.

...die Stadt ...

Die Essener Universität eröffnete nicht nur dem Viertel neue Perspektiven, auch der Stadt und den Menschen in der Region. Sie ist zwar nicht gerade die größte Hochschule in der Gegend, aber ein Pfund, mit dem die Stadt, einst weltweiter Inbegriff von Kohle und Stahl, heute wuchern kann. Wie das Revier selbst liegt sie im Herzen Europas.Und nicht umsonst tröst die mit 630.000 Einwohnern mit Frankfurt um den sechsten Platz in der Republik rangelnde Ruhrmetropole den beziehungsreichen Namen „Schreibtisch des Ruhrgebietes". Essen, gleichzeitig Zentrale des Ruhrbistums, Sitz der größten .Energieriesen Europas und großer deutscher Wirtschaftskonzerne, eine Stadt mit großem Kulturangebot und Freizeitqualität, hat unter guten Voraussetzungen ihre Zukunft noch vor sich. Denn im europäischen Wettbewerb bestehen für das Revier insgesamt gute Ausgangspositionen. Kein Wunder also, daß im Jahr der Europa-Wahlen der Dezember-Gipfel der Europäischen Union mit Recht diesmal in Essen stattfindet. Schon jetzt zeichnet sich ein aufwendiges und vielfältiges Europaprogramm in der Stadt ab.

... die Perspektive.

Während so am Himmel über der Stadt wie ein Regenbogen vieldeutig und hoffnungsvoll der Schriftzug ,,Europa" steht, fällt mit dem Nomen ,,Robert Schuman" für die Essener Uni ein mächtiger Stein ins Wasser. Wie kaum eine andere Universitätsgründung der letzten Jahrzehnte hat Essen damit eine Chance, Flagge zu zeigen. Bedenkenswerte Alternativen stehen im Raum, die über die Stadt hinaus weisen und den Horizont weiten können. Wenige aber so, wie der potentielle Namensgeber selbst.

Robert Schuman hat sicher verdient, den Menschen in dieser Stadt, in dieser Region und in Europa im Gedächtnis zu bleiben. Denn seine politische Vision Europas beginnt Wirklichkeit zu werden. Er, der selbst zwischen den Grenzen der wechselvollen Geschichte aufwuchs, als Luxemburger vor genau 90 Jahren in Bonn sein Studium aufnahm, in München, Berlin und Straßburg fortsetzte, widersetzte sich prinzipientreu nationalem Dünkel und der Unfreiheit. Nach dem Krieg gab er Frankreich das Vertrauen in die Republik zurück, erleichterte gleichzeitig der Bundesrepublik wieder den Weg in die Völkergemeinschaft, stemmte sich gegen die völlige Demontage vor allem rheinisch-westfälischen Industriereviers. Nüchtern sah er mit der deutsch-französischen Aussöhnung als erstem Baustein Europas die Wichtigkeit wirtschaftlichen Zusammenwachsens: „Europa wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen", sagte er in seiner „Historischen Erklärung" vom 9.Mai 1950. In ihr machte er den Vorschlag, die gesamte deutsche und französische Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Hohe Behörde zu stellen. Diese Solidarität der Produktion sollte einen erneuten Krieg unmöglich machen, einen Ausgleich im Fortschritt der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft ermöglichen und allen beitrittswilligen Staaten ganz Europas offen stehen.

Mit seinem “Europäischen Traum“, der über die MONTAN-Union von 1952 bis heute inzwischen sehr konkrete Gestalt annahm, wurde er zum ,,Prophet der Zukunft". Sie sah Robert Schuman in einer „universellen Solidarität", in einer Aufhebung der Teilung Europas, das versöhnt mit der Pluralität der Traditionen und Überzeugungen zum Vorbild für Fortschritt, Solidarität, Verantwortung und Zivilisation werden sollte.
Schuman - von Leo Tindemanns, dem ehemaligen belgischen Ministerpräsidenten, einmal als “der kreativste und weitblickendste Staatsmann unserer Zeit" bezeichnet, wurde zum ,,Pionier Europas". Robert Schuman schuf dazu Perspektiven, die noch über Europa hinausweisen. „Robert Schuman-Universität Essen" also – ohne eine Zweifel eine zukunftsweisende Perspektive für Hochschule und Stadt gleichermaßen.

Christof Beckmann



Zitiert: Robert Schuman

„Das Gesetz der Solidarität drängt sich dem öffentlichen Gewissen auf. In der Erhaltung des Friedens, der Verteidigung gegen Aggressionen, dem Kampf gegen das Elend, der Achtung der Verträge, der Erhaltung von Gerechtigkeit und Menschenwürde fühlen wir uns alle solidarisch.“

„Europa ist gegen niemand. Das geeinte Europa ist ein Symbol der allumfassenden Solidarität der Zukunft. Bevor Europa eine militärische Allianz oder eine wirtschaftliche Einheit sein wird, muß es eine kulturelle Einheit im höchsten Sinne des Wortes sein."

„Der Respekt vor dem Recht des Anderen ist der Friede für alle."

“Europa kommt es zu, einen neuen Weg aufzuzeigen: durch das Akzeptieren einer Vielfalt von Zivilisationen, von denen jede den anderen mit gleicher Achtung begegnet.“

„Die Demokratie ist eine fortdauernde Bewegung, die sich vervollkommnen muß. Das Gesetz der Solidarität zwischen den Völkern gebietet dem heutigen Gewissen aller Völker, sich zu einer gegenseitigen Solidarität aufgerufen zu sehen. Einer braucht den anderen ohne Unterschied des Ranges und der Macht, die er hat.“

„Der Friede der Welt kann nicht bewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen."


Aus: STADTMAGAZIN „LIVE. Zeit für Essen“, März 1994, X-XII.




Veröffentlicht am: 11:27:10 12.03.1994
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