Essen, 29. 10. 97 - Der Friede in Bosnien-Herzegowina könne kein wirklicher Friede sein, wenn er nicht „das Werk der Gerechtigkeit“ sei, erklärte Dr. Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka, am Dienstagabend in Essen. Es gebe keine Alternative zur Versöhnung aller Bevölkerungsgruppen in seiner Heimat, betonte er bei einer Veranstaltung des katholischen Studentenvereins UNITAS Ruhrania und der Jungen Union, Stadtbezirk Ruhrhalbinsel.

Der Krieg in seiner Heimat sei mit dem Abkommen von Dayton und Paris offiziell beendet, doch noch immer würden die Menschenrechte mit Füßen getreten. „Mit welchem Recht und im Namen welcher Prinzipien verbietet man uns das Recht auf Heimat?“, kritisierte Komarica die Rückführungspolitik der Vereinten Nationen. Täter und Opfer würden gleichgesetzt, wenn man die Menschen unterschiedlichen Glaubens und Nationalität trenne und ihnen nicht erlaube zusammenzuleben. Die Welt werde „von einer großen Dosis Ignoranz und Arroganz, von Naivität und Sarkasmus regiert“, klagte der Bischof. „Immer noch fühlen wir uns wie Schachfiguren, wie Marionetten und Spielbälle der Großmächte.“

Das christliche Abendland verrate seine Wurzeln, wenn statt Prinzipien nur Interessen die Politik bestimmten. „Europa ist sehr herzkrank“, so Bischof Komarica. Die Lage in Bosnien-Herzegowina bleibe ein Krebsgeschwür des Kontinents, eine „furchtbare Tragödie und die größte Schande seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Im „Haus Europa“ dürfe seine Heimat nicht „wie ein Abstellraum“ behandelt werden. Er hoffe, dass die in den letzten Tagen mit Politikern in Bonn geführten Gespräche „nicht umsonst“ gewesen seien.

Die notleidende Bevölkerung seines Landes habe in den Kriegsjahren bei den Menschen in Essen, in ganz Deutschland und Europa eine „großartige Solidarität gefunden“, sagte Bischof Komarica. Die weltweite Hilfe habe im vergangenen Jahr nachgelassen, sei aber nötiger denn je. „Caritasarbeit ist echte Friedensarbeit“, unterstrich auch der Präsident der bosnischen Caritas, Dr. Miljenko Anicic. Sie bringe Menschen zusammen und habe bereits viel zum Umdenken beigetragen. Allein von 1992-1996 seien über die Caritas in der Stadt Banja Luka 18.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und Saatgut verteilt worden. Die Menschen, so der Bischofsvikar, hätten „das Schlangestehen satt“. Sie bräuchten nun Unterstützung bei der Hilfe zur Selbsthilfe. Nur 4-6 Prozent der Menschen hätten eine Arbeit und über den Schwarzmarkt verteilte Importware fordere das letzte Geld. Besonders alte Menschen litten große Not. „Es gibt einen dramatischen Stillstand im Land“, berichtete Anicic, die Schaffung einer Infrastruktur stehe noch ganz am Anfang. Vor dem kommenden Winter müssten Wohnungen instand gesetzt, Schulen wiederaufgebaut, kleine Familienbetriebe im Handwerk und der Landwirtschaft mit notwendigster Grundausstattung gefördert werden.

Gerade die katholische Kirche in Bosnien-Herzegowina haben seit dem Beginn der Konflikte immer wieder ihre Bereitschaft zur Versöhnung erklärt, erklärte Bischof Komarica. Teil dieser Versöhnungsarbeit sind sogenannte „Europaschulen“, die in mehreren Städten Bosniens eingerichtet wurden. Schüler unterschiedlicher Nationalität und Glaubens sollen in diesen Schulen lernen, einander zu achten und den in den Kriegszeiten aufgebauten Hass zu überwinden. Der katholische Studentenverband UNITAS und die Mitglieder der Jungen Union in Essen wollen den Bischof bei diesen Projekten unterstützen.



Veröffentlicht am: 10:25:28 29.10.1997
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