Wissenschaftliche Sitzung beim UNITAS-Zirkel Essen

ESSEN. Eine spannende Region der Geschichte und Kultur präsentierte am Mittwochabend Bbr. Gregor Heinrichs beim UNITAS-Zirkeltreffen. Gut 20 Mitglieder hatten sich zur Wissenschaftlichen Sitzung im „Istra“, Essen-Rüttenscheid, eingefunden und verfolgten die mit vielen Bildern illustrierte Entwicklung des Staates, der maßgeblich christlich geprägt ist.

Die 1991 selbständig gewordene ehemalige Sowjetrepublik Armenien mit seiner Hauptstadt Eriwan zählt heute rund 3 Millionen Einwohner. Das Territorium ist ein ausgeprägtes Gebirgsland und liegt unweit des biblischen Ararat in einer stark erdbebengefährdeten Region. Seine Ursprünge liegen geografisch zwischen den drei Seen Sewansee, Vansee und Urmia-See im Dreiländereck Iran, Türkei und den ehemals sowjetischen Staaten. Die eigene Sprache Armenisch wird weltweit von etwa 7 Millionen Menschen gesprochen. Für sie entwickelte Anfang des 5. Jahrhunderts der Mönch Mesrop Maschtoz ein eigenes Alphabet, das Grundlage für die nationalen Sprache und Kultur wurde. Armenien, in dem heute fast 95 Prozent der Bevölkerung der Armenischen Apostolischen Kirche angehören, erhob im Jahr 301 als erstes Land der Welt das Christentum zur Staatsreligion. Es spielt eine zentrale Rolle für die armenische Identität. Dies spiegelt sich auch in der Kunst wider, wie Bbr. Heinrichs insbesondere mit vielen Bildern charakteristischer Kirchenbauten zeigte.

Lange Geschichte: Von den Persern bis zum Völkermord

In persischer Zeit um 521 v. Chr. erstmals erwähnt, wurde Armenien von den Persern beherrscht, kam mit Alexander dem Großen unter hellenistischen und später unter römischen Einfluss. Im 6. Jahrhundert eines der Hauptkampfgebiete zwischen dem Byzantinischen Reich, wechselte die Oberhoheit in Großarmenien mehrfach zwischen Byzanz und arabischen Stämmen, die um 700 eine dauerhafte Herrschaft errichteten. Das wiedererstarkte armenische Königreich ging in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhundert unter, wurde schließlich Teil des Osmanischen Reiches und genoss eine gewisse Autonomie. In mehreren Kriegen mit Russland kam schließlich der östliche Teil Armeniens im 19. Jahrhundert unter Oberhoheit des Russischen Reiches. Wie Bbr. Gregor Heinrichs darstellte, begann die 1908 an die Macht gekommene nationalistisch orientierte jungtürkische Bewegung um Talaat Pascha um 1915 die Verhaftung und Deportation armenischer Intellektueller und leitete einen Völkermord an den Armeniern ein. Bis 1917 kamen bei den größten Massakern und Todesmärschen bis zu etwa 1,5 Millionen Armenier um, vielfach beschrieben auch von Augenzeugen aus westlichen Staaten. Eine Kommission des osmanischen Innenministers bezifferte 1919 die Zahl der armenischen Opfer auf 800.000. Eine 1920 beschlossene Unabhängigkeit Armeniens trat nie in Kraft, General Kemal Atatürk leugnete die Existenz des kurdischen und des armenischen Volkes. Die Türkei und Sowjetrussland teilten Armenien unter sich auf. Der weitaus größte Teil des historischen Siedlungsgebietes der Armenier blieb unter türkischer Herrschaft, 1991 benannte sich die Armenische SSR in Republik Armenien um und erklärte sich unabhängig.

Hunderttausende Armenier, die den Völkermord überlebten, emigrierten - vor allem in den Libanon, nach Frankreich und in die Vereinigten Staaten. Spätere türkische Regierungen ließen den Begriff Völkermord nicht gelten und stellten die Ermordungen als Folgen von Kriegshandlungen dar. Während andere westeuropäische Staaten auf eine Verurteilung des Völkermordes drängten, unterstützte die deutsche Regierung die Position der türkischen Führung, auch die deutsche Mitverantwortung und Mitschuld am Völkermord an den Armeniern wurde lange vertuscht. Viele Staaten heute bewerten die Vernichtung der Armenier durch den osmanischen Staat als Genozid, das Europäische Parlament erklärte die Anerkennung des Völkermordes durch den heutigen türkischen Staat zu einer Voraussetzung des EU-Beitritts der Türkei. Ein bis heute virulentes Thema, wie auch die Diskussion im Anschluss an den Vortrag herausstellte. Angesichts der politischen Verhältnisse und Entwicklungen in der Türkei kommt ihm eine neue Bedeutung zu. Zur Sprache kamen etwa Fragen zu unterschiedlichen kulturellen Prägungen und zum Verständnis von Integration und Assimilation, wie sie derzeit die Debatte beherrschen. Bbr. Gregor Heinrichs, selbst Mitglied der Deutsch-Armenischen Gesellschaft, hat mit diesem Abend auf einen interessanten Aspekt hingewiesen.




Veröffentlicht am: 14:24:11 13.02.2008
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