Aktuelles > Neuigkeiten > „Heil Hitler, das Schwein ist tot - Humor unterm Hakenkreuz“

Programmhinweis, ARD, Mittwoch, 30. August

Die ARD zeigt am Mittwoch, 30.8. den Dokumentarfilm „Heil Hitler, das Schwein ist tot - Humor unterm Hakenkreuz“ von Rudolph Herzog (23.15 - 0.00 Uhr). Darin wird auch unser Bundesbruder Pfarrer Josef Müller, enthauptet 1944 im Zuchthaus Brandenburg, gewürdigt.

Der Autor hat Zeitzeugen - darunter den Schauspieler und Komiker Fritz Muliar und den Kabarettisten Dieter Hildebrandt - befragt, Archive durchforstet und politische Witze aus der NS-Zeit zusammengetragen, die für viele, die sie damals erzählten, der Beginn der persönlichen Katastrophe waren. Von Volksgenossen angezeigt, gerieten sie in die Fänge der Gestapo, ins KZ oder vor den Volksgerichtshof, wo sie meist zum Tode verurteilt wurden. Die humorlose Rachsucht der großen und kleinen Faschisten kannte keine Gnade. Ihr fielen einfache Arbeiter ebenso zum Opfer wie prominente Schauspieler oder freundliche Dorfpriester.

Ausführlich dokumentiert Rudolph Herzog darin auch den Fall des Priesters Bbr. Josef Müller aus Großdüngen. Man zeigte ihn an, weil er die Geschichte des sterbenden Soldaten erzählt hatte. Der bat darum, ihm die Bilder derer zu bringen, wegen derer er sterben muss. Fotografien von Hitler und Göring werden rechts und links neben seinen Kopf gestellt. Da sagt der Soldat: „Jetzt sterbe ich wie Jesus Christus zwischen zwei Verbrechern.“ Am 11. September 1944 wird der Gottesmann auf dem Schafott hingerichtet. Eindrucksvoll erinnern sich ältere Gemeindemitglieder aus Großdüngen an den Pfarrer, für den noch heute jedes Jahr im September die Totenglocke läutet.

Über sich selbst lachen konnten die Nazis nicht, aber sie nutzten den Witz durchaus als Instrument zur antisemitischen Hetze. Auch dies zeigt Rudolph Herzog. Dem Sohn des Regisseurs Werner Herzog ist mit dieser Dokumentation ein unverkrampfter Einblick in die Zeit der braunen Diktatur gelungen. Eine „exzellente Dokumentation“ und „erfrischend“ urteilten die Kritiker nach der Ausstrahlung in Belgien. Dort lief der Film übrigens zur besten Sendezeit um 20.50 Uhr und nicht kurz vor Mitternacht.

BUCHHINWEIS: Wer mehr zu dem Thema wissen möchte, für den gibt es ein ergänzendes Buch unter dem Titel „Heil Hitler, das Schwein ist tot! Lachen unter Hitler - Komik und Humor im Dritten Reich“ (240 Seiten, Verlag: Eichborn September 2006, ISBN: 3821807733)

Hier das Lebensbild von Bbr. Pfarrer Joseph Müller, das Bbr. Lambert Stamer unter dem Titel "Zeugen für Christus"- Die Martyrer des UNITAS-Verbandes im 20. Jahrhundert (Eine Zusammenstellung der Lebensbilder von Bbr. Lambert Klinke M.A. mit inhaltlichen und methodischen Überlegungen von Prälat Dr. Helmut Moll) in „unitas“ 2/2000 veröffentlichte:

Pfarrer Joseph Müller

Der in den W.K.St.V. UNITAS-Freiburg rezipierte Bundesbruder Joseph Müller wurde am 19. August 1894 in Salmünster geboren. Nach der freiwilligen Teilnahme am Ersten Weltkrieg bestand er 1918 das Abitur und begann im Februar 1919 mit dem Theologiestudium in Freiburg. Da er aus familiären Gründen im Bistum Hildesheim tätig werden wollte, wechselte er noch im gleichen Jahr an die für Hildesheimer Theologen übliche Universität Münster, wo er sich der UNITAS-Sugambria anschloss und vor allem geprägt wurde durch die Bundesbrüder Prof. Dr. Joseph Mausbach, Prof. Dr. Adolf Donders und Prof. Dr. Joseph Schmidlin. 

Nach Beendigung des Studiums, das ihm nicht unbedingt leicht fiel, kam er am 1. März 1921 ins Hildesheimer Priesterseminar und wurde ein Jahr später, am 11. März 1922, zum Priester geweiht. Nachdem er zwei Jahre als Kaplan in Duderstadt tätig war, trat er im April 1924 in das Franziskaner-Kloster Frauenberg ein, wegen seiner schwächlichen Gesundheit schloß ihn der Orden jedoch schon im Herbst 1924 wieder aus. Joseph Müller kehrte daraufhin in das Bistum Hildesheim zurück und übernahm Kaplanstellen in Gehrden (bei Hannover), Hannoversch-Münden und Celle. Von dort ist überliefert, daß „ein Aufatmen durch die Gemeinde ging, als der vorübergehend hier angestellte Kaplan Müller seine erste Predigt hielt und mit einem Schlage alle wußten, selbst jedes Kind, was uns so bitter gefehlt hat. Leute, die als Taufscheinkatholiken galten, kamen Sonntags ins Hochamt und erbauten sich wieder und wieder an diesen Predigten.“

Im Mai 1925 wurde Joseph Müller zum Kaplan in Blumenthal bei Bremen bestellt, wo er sich vor allem um den schulischen Religionsunterricht und den Gesellenverein kümmerte. Zum August 1926 wechselte er nach Wolfenbüttel, wo er in Predigten und Vereinsveranstaltungen immer wieder auf „das goldene Kreuz des Glaubens“ hinwies und seine Zuhörer aufforderte, sich den „Schattenbildern der Zeit“, vor allem der Sozialdemokratie und dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegenzustellen. Am 1. November 1932 wurde Müller Kurat in Bad Lauterberg, zum 1. September 1934 dann Kaplan in Süpplingen, südöstlich von Braunschweig. Zum 1. Oktober 1937 übernahm er schließlich die Leitung der nur wenige Kilometer entfernten Pfarrei Heiningen, wo er den immer stärker werdenden Repressionen des NS-Unrechtsregimes gegen die katholische Kirche zum Trotz in keiner Weise von seiner bisherigen Linie abrückte.

Nach einer schweren Magenoperation wurde Joseph Müller am 1. August 1943 auf ei­genen Wunsch zum Pfarrer der kleinen Gemeinde Groß Düngen ernannt. Dort war er gerade einen Monat im Amt, als er in der ihm eigenen Deutlichkeit gegenüber dem NSDAP-Ortsgruppenleiter seine Besorgnis über die gegenwärtige politische Lage zum Ausdruck brachte. Bei einem Krankenbesuch bei dessen Vater wenige Tage später erzählte Bundesbruder Müller folgende Geschichte: „Ein Verwundeter liegt im Sterben und will wissen, wofür er stirbt. Er läßt die Schwester rufen und sagt ihr: 'Ich sterbe als Soldat und möchte wissen, für wen ich sterbe.' Die Schwester antwortet: 'Sie sterben für Führer und Volk.' Der Soldat fragt dann: 'Kann dann nicht der Führer an mein Sterbebett kommen?' Die Schwester antwortet: 'Nein, das geht nicht, aber ich bringe Ihnen ein Bild des Führers.' Der Soldat bittet dann, daß ihm das Bild zur Rechten gelegt wird. Weiter sagt er dann: 'Ich gehöre der Luftwaffe an.' Da bringt ihm die Schwester das Bild von Reichsmarschall Göring und legt es zur Linken. Daraufhin sagt der Soldat: 'Jetzt sterbe ich wie Christus.'„

Am 17. August 1943 wurde Joseph Müller durch die Hildesheimer Gestapo, der diese Geschichte kolportiert worden war, zum Verhör geladen: Er habe Hitler und Göring mit den beiden Schwerverbrechern verglichen, die an der Seite Jesu gekreuzigt wurden. Die zu Joseph Müllers Verurteilung und Hinrichtung führende Lawine war damit ins Rollen gekommen. Nach weiteren Vernehmungen wurde er am 11. Mai 1944 in Haft genommen und nach Berlin gebracht. Von dort schrieb er an seinen Bischof: „Ich kann jetzt vorerst nicht mehr seelsorglich arbeiten, aber ich werde nun mit Christus den Weg gehen, der auch seelsorglich wertvoll ist, den des Leidens und des Betens. Noch kenne ich meinen Weg nicht, den Gott mich in Zukunft führen will, aber ganz gleich, wie und wo das sein wird, er wird keine Jammergestalt antreffen. Aber auch ich brauche vor allen Dingen den Beistand von oben. Er bleibt - und das weiß ich - mir nicht aus.“ Als ihn zwei Wochen später seine Brüder und Diözesanbischof Joseph Machens besuchten, trafen sie auf einen „armen Untersuchungshäftling in geflickter Gefängniskleidung, in einem seelisch gebrochenen, zermürbt aufgelösten Zustande.“

Am 28. Juli 1944 wurde Pfarrer Joseph Müller dann in einem Schauprozeß unter Vorsitz von Roland Freisler, der vier Entlastungszeugen aus Groß Düngen gar nicht erst anhörte, zum Tode verurteilt. In einem nur wenige Stunden später geschriebenen Gebet faßte Joseph Müller seine Empfindungen dieses Tages so zusammen: „Herr, ich bin dem Haß begegnet, dem bleichen, aller Schönheit baren Haß auf Deine Wahrheit, dem Haß, der mor­den will, der den Stein aufhob und hinterhältig auf sein schwaches Opfer warf, der laut wurde, als er sich überlegen wußte, aber gerade dabei seine ganze Häßlichkeit zeigte.“ Joseph Müller nahm die harten Haftbedingungen im Zuchthaus Brandenburg als sein ganz persönliches Kreuz an. „Er hatte sich durchaus selbst wiedergefunden, er war innerlich erstarkt und über sich selbst emporgewachsen“, so der Eindruck seiner ihn Mitte August noch einmal besuchenden Geschwister und Bischof Machens'. Verschiedene Gebete und Briefe von Bundesbruder Joseph Müller sind uns erhalten geblieben, so auch ein Zwiegespräch mit Gott: „Auf die Suche bin ich geraten über den Sinn meines Daseins; der Wahrheit will ich nachgehen, die das Dunkel der Wirklichkeit erhellt. Ich soll in meinem Leben Dich erkennen, aber laß mich auch mich erkennen! Mühsam presse ich die Worte hervor: 'Abba, Vater'. Mein Glück hast Du mir geraubt, ein großes Rätsel ist mir mein Sein geworden, und alles, was sinngemäß mit ihm zusammenhängt. Wer Dich, o Gott, finden will, der muß den Weg vom Menschen aus nehmen und durch ihn zu Dir kommen.“

Seine Hinrichtung am 11. September 1944 verstand Joseph Müller als Vollendung: „O, mein Herz ist voll von Freude, daß es nun heimgeht zum Vater. Ich habe die ganzen Tage schon gewußt, daß mein Opfer angenommen wird. Das Kerkerleben war die letzte Schule für den Täufer und führte ihn zur Heiligkeit. In Demut, Leiden und Geduld reifte auch Euer Priester so der Vollendung entgegen. Gott ist mein Zeuge, daß ich mich nach Euch allen sehne mit der Zärtlichkeit Jesu Christi. Aber er wollte es anders. Ich habe meine Sendung erfüllt und vollendet, mein Tod wirkt jetzt mehr für das Reich Gottes als mein Leben. So viele wollte ich noch hineinreißen in das große Liebesreich Christi, das werde ich nun von da oben für Euch tun.“ Nachdem die Urne mit seiner Asche zunächst auf dem Stadtfriedhof in Brandenburg beigesetzt worden war, konnte sie im November 1945 nach Groß Düngen überführt werden - genau wie es von Bundesbruder Joseph Müller erbeten war: „Ich wünsche ausdrücklich, daß ich dort begraben werde, wohin mich meines Bischofs Ruf zuletzt als Priester und Seelsorger bestellt hat. Ruhen möchte ich bis zum Tage meiner Auferstehung unter einem Kreuz mit einem Heiland daran. Das Kreuz war im Leben mein Begleiter. Es soll auch über meiner sterblichen Hülle stehen. Credo in vitam aeternam!“

Literatur: J. Homeyer, Joseph Müller, in: W. Burr (Hrsg.), UNITAS-Handbuch. Bd. 1 (Bonn 1995) 279-283; O. Müller, Ein Priesterleben in und für Christus. Leben, Wirken, Leiden und Opfertod des Pfarrers Joseph Müller, Groß Düngen (Celle 1948) und Th. Scharf-Wrede, Pfarrer Joseph Müller, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999) 267-270.




Veröffentlicht am: 16:47:28 15.08.2006
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