Professor Scherer
beim UNITAS-Neujahrsempfang

BORBECK. Essen, Datteln/Castrop-Rauxel, Oberhausen, Bottrop, Mönchengladbach, Velbert, Gelsenkirchen – von überall her kamen am Mittwoch, 3. Januar, die Gäste beim Neujahrsempfang des W.K.St.V. UNITAS Ruhrania und des UNITAS-Zirkels Essen. Knapp 50 Besucher, Unitarier und Gäste, konnten der Senior Rüdiger Duckheim und der Zirkelvorsitzende Martin Gewiese beim Sektempfang im Pfarrsaal der Gemeinde St.Maria Immaculata begrüßen.

Kein Wunder: Galt doch der inhaltliche Schwerpunkt des ersten Treffens im neuen Jahr einer akademischen Auseinandersetzung besonderer Qualität. Professor Dr. Georg Scherer, der bereits beim Vereinsfest im Sommer 2006 hochspannende Überlegungen zum wissenschaftlichen Werk des Kirchenlehrers und unitarischen Verbandspatrons vorgestellt hatte, sprach bei der anschließenden Wissenschaftlichen Sitzung zum Thema „Vita activa und vita contemplativa beim Hl. Thomas von Aquin“.

Zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen wählte der durch seine Veröffentlichungen und "Texel-Gespräche" bekannte, emeritierte Philosophieprofessor der Universität Duisburg-Essen das aktuelle Problem der nach wie vor hohen „Arbeitslosigkeit“ in Deutschland. Millionen Erwerbslose litten nicht nur unter materieller Not, sondern auch unter einem Verlust des Selbstwertgefühls in einer Gesellschaft, die sich seit dem 19. Jahrhundert vor allem als Arbeitsgesellschaft definiert und den Wert des Menschen nach seiner Arbeitsleistung beurteilt („Ich bin sicher, dass wir in Zukunft lernen müssen, mit einer hohen Sockelarbeitslosigkeit umzugehen.“) Dass dieser Entwicklung zum „homo faber“ in einer über 2000-jährigen Menschheitsgeschichte ganz andere Sichtweisen vorangingen, machte Scherer in einem historischen Rückblick deutlich. So galt in der Antike die Arbeit als sklavische Betätigung, wie Aristoteles drastisch formulierte. "Selbst die Vorfahren der Völkerwanderungszeit zogen raubend und plündernd durch den Kontinent, ohne einen Begriff von Erwerbsarbeit nach unseren Maßstäben zu entwickeln", erklärte Scherer. Dieser Begriff  verdanke sich erst der calvinistisch-protestantischen Ethik, wie Max Weber herausarbeitete: Gewinn und Wohlstand galt als Gnadenerweis Gottes. Durch sie  geprägte Gesellschaften kennzeichne heute eine starke Säkularität, wie Scherer am Beispiel der Niederlande unterstrich.

Dagegen stellte er die begriffliche Untersuchung der „Kontemplation“, die Platon als Frage nach dem Seienden und seinem göttlichen Ursprung galt. Aus ihr schöpfte er die Unterscheidung in die Metaphysik auf der einen Seite, die Ethik, Politik, Ökonomie, Naturwissenschaften etc. auf der anderen Seite. Diese Ordnung adaptierten und ergänzten die Theologen und Kirchenlehrer des Mittelalters, fassten sie in lateinische Begriffe und betrachteten sie unter einem starken biblisch begründeten Blickwinkel. So etwa mit Hinweis auf die neutestamentliche Perikope von Maria und Martha im Lukasevangelium oder die Gegenüberstellung von Lea und Rachel im Alten Testament. Danach galt der betrachtende, sich nicht den Mühen des Alltags hingebende Teil dieser Frauenpaare als der vorbildliche, erstrebenswertere, bessere und schönere – eine Tradition, in die sich auch Thomas von Aquin stellte. 

vita contemplativa: Von der Anschauung Gottes

Zugleich an Platon orientiert, deutete Thomas in seinen „digniora“ (Grund-Sätzen) den Sinn und das höchste Ziel des Lebens als Erkenntnis Gottes, im Erkennen der Wahrheit um ihrer selbst willen – hier liege, so Scherer, auch eine grundsätzliche Bedingung für die „akademische Freiheit“. Gebet, Meditation und Spekulation (von lat. speculus = Spiegel) seien bei Thomas im Wesentlichen die Betrachtung Gottes und seiner Schöpfung. Die Berührung des Seins stoße auch auf dessen unendliche, unbegrenzte Dimensionen. Die cogitatio („Bedenken“) bringe die Beobachtungen in einen Zusammenhang. Dazu gehöre auch die „Ausschweifung des Geistes“, der Fähigkeit, in sich Interessen zu entwickeln, unterstrich Scherer mit einem Exkurs auf die Entwicklung der Forschung und Lehre an der Hochschule („Früher, als es noch die Universitäten gab ....“).  Der raptus schließlich dessen Wortstamm sich im verballhornten Wort „Rappel“ erhalten habe, bezeichne das Hingerissenwerden von der Ansicht Gottes. Zwar sei damit Thomas insgesamt das kontemplative Leben der „vita activa“ vorzuziehen, weil es angesichts „auf den Menschen abfärbender“ göttlicher Wahrheit und Schönheit grundsätzlich von Freude gekennzeichnet sei.

"vita mixta": Die vollkommenste Lebensform

Doch auch hier differenziere er, so Professor Georg Scherer, am Beispiel des forschenden Lehrers, der sein Wissen an Schüler weiterzugeben habe, um ein wahrhafter Lehrer zu sein. Damit habe auch das in Werken der geistigen und praktischen Barmherzigkeit deutlich werdende „aktive Leben“ seinen Wert in sich: Sie ziele zuletzt auf die Schaffung von Gerechtigkeit in Politik und Staat. Hier sei sie die Tugend, die Ordnung, Gemeinwohl und Frieden schaffe. Zugleich bewirke sie das Glück des Menschen, der in der Sorge für sich und andere an der göttlichen Vorsehung beteiligt ist (s. Sentenzen, Summa theologica, II.Teil). Thomas von Aquins entscheidender Schritt über die Tradition hinaus sei damit seine mit Blick auf das Neue Testament formulierte Deutung einer „vita mixta“ als vollkommenster Lebensform, so erstrebenswert die vita comtemplativa auch sei. Unter diesem Aspekt, so Professor Scherer, müsse auch die erste Enzyklika von Papst Benedikt gelesen werden, der die tätige Nächstenliebe in einem größeren Zusammenhang gestellt habe.

Die hier nur stichwortartig wiedergegebenen Gedanken Scherers provozierten eine interessante Diskussion. Consenior cand. phil. Sebastian Sasse moderierte das Frage- und Antwortspiel, in dem vor allem die Frage nach der Rolle der Muße und Stille, nach dem modernen Arbeits- und Freizeitbegriff, nach dessen Perversionen in totalitären Systemen und nach der Unterscheidung von Beruf und Jobs im Vordergrund standen. Auch der Blick auf andere Kulturräume spielte eine Rolle, zur Sprache kamen die Chancen der Philosophie im universitären Betrieb von heute und ihr Missbrauch in einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft. Eine spannende Thematik, in der auch ein Buch weiterhelfen kann, das der Referent gerade druckfrisch vorgelegt hat. Der schmale Band „Thomas Aquin mit Georg Scherer“ fasst ausgewählte Themen zusammen, stellt Sentenzen des Thomas voran und in Zusammenhang. (Eine Besprechung wird später folgen).

Ein Neujahrsempfang und ein guter Start ins Neue Jahr. „2007 wird ein besonders spannendes Jahr für uns“, erklärte der Senior Rüdiger Duckheim - zu Recht. Denn mit dem kurz vorgestellten Fortschritt der Bauarbeiten am UNITAS-Haus finden die UNITAS-Zirkel und Verbandsmitglieder in der Region eine neue Begegnungsstätte. Vor allem aber, so der Essener AHZ-X Martin Gewiese, verbinde man mit dem Projekt die auch die Hoffnung, dass nicht zuletzt die studentische Aktivitas viele neue Mitglieder gewinnen könne. Tatsache jedenfalls ist, dass die UNITAS-Veranstaltungen in den letzten Monaten einen immer größeren Zulauf gewinnen. Das ist sicher der besonders freundlichen und bundesbrüderlichen Atmosphäre unter den Unitariern der Region geschuldet, aber eben auch Veranstaltungen, Themen und Referenten mit dem Niveau dieses Neujahrsempfangs. 
CB




Veröffentlicht am: 11:25:39 04.01.2007
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