Studiengang "Abrisswissenschaften"

aus: unitas 2/2006

ESSEN. Immerhin steckte schon ein 5-Pfennigstück mit Reichsadler von 1921 irgendwo zwischen den freigelegten Dielen. Zugegeben - nicht gerade ein Sensationsfund, aber die Mitglieder der UNITAS Ruhrania bauen unverdrossen weiter an der Totalrenovierung ihres im Sommer 2004 erworbenen „Feldschlößchens“ im Essener Westen.

Drückende Temperaturen, Staub, Dreck, wohin das Auge blickte und der Schweiß floss in Strömen: Auf der Baustelle der Ruhr-Unitarier füllte sich in den letzten Wochen Container um Container. Über 70 Kubikmeter Schutt - Mauersteine, Trockenbauwände und -decken, Gips, Putz, Holzeinbauten, Fliesen, Bodenbeläge, Glasfaserballen, Tapete – verließen das Gebäude im freien Fall durch die Schüttröhre. Bislang vollständig in Eigenarbeit: Fünf Aktive und drei Ehemalige schufen mit Entrümpelungsaktionen Fakten und ließen für die Gesamtentkernung des eigenwilligen Gründerzeithauses den Abrisshammer kreisen. Nun sollen die Handwerker das Regiment übernehmen. Das Ziel: Das „Feldschlößchen“ als Studentenheim mit einladender Gastronomie wieder zu einem echten Hingucker in Borbeck zu machen.

Schöne Grüße aus dem Dreck!

„Getreu der unitarischen Prinzipien sollten Idee und Theorie wohl übereinstimmen“, meinen die Ruhr-Aktiven. Und man darf es glauben, wenn gestern noch heftig über „Got­tesbilder in der Antike“ diskutiert wurde und sich die „Philosophen“ am Tag drauf mit schwarzen Gesichtern und völlig verschwitzt mit ihren Schubkarren durch das nach und nach völlig freigelegte Innenfachwerk des Hauses an der Flurstraße schlängelten. Alle Versorgungsleitungen wurden lahm gelegt, die verschiedenen Materialien auf dem 900 Quadratmeter großen Grundstück sortiert. „Schöne Grüße aus dem Dreck!“, meldete die Homepage mit dem Bautagebuch, gute Stimmung und hin und wieder eine gute Erfrischung gehörten natürlich dazu. Und doch schnaufte mancher wohl insgeheim „Eine ziemliche Wahnsinnsidee...“, wenn gegen Mitternacht die Puste ausging, morgens um 8 Uhr aber wieder Seminare in der Uni anstanden. Eines lässt sich sicher sagen: Den zusätzlichen Leistungsschein in „Abrisswissenschaften“ haben sich die Ruhranen inzwischen mehr als verdient. Doch trotz kraftraubendem Umbau kam aber auch die unitarische Wissenschaft im Sommersemester nicht zu kurz: So gab es im von Senior Sebastian Sasse geleiteten Semester gut besuchte Vortragsabende etwa über „Die kopernikanische Wende“ und das Entstehen der modernen Naturwissenschaften (AHV-X OSTD a.D. Jörg Lahme). Der bekannte Professor Dr. Georg Scherer sprach beim Vereinsfest zu Ehren des HI. Bonifatius über den Verbandspatron Thomas von Aquin – ein wunderbarer Tag, der mit einer Bootsfahrt auf dem Baldeneysee ausklang.

„Kneipnovene“ zum Abschied vom Haus

Nicht zuletzt fand die Geselligkeit ihren Platz im Programm. So wurde unter anderem eine ganze Woche lang im Anschluss an die „Große Borbecker Prozession“ zünftig „Abschied vom Haus“ gefeiert. Eine veritable Schnapsidee: Unter dem Titel „Große Borbecker Pfingstnovene“ lud die Aktivitas nach der „Großen Borbecker Gottestracht“ ab 27. Mai zum allabendlichen Kneip-Marathon (Bild rechts oben). Zu den Höhepunkten zählte zweifellos ein überraschender Besuch der Vorortspräsidentin Elisabeth Fels und ihrer Bundesschwestern vom W.K.St.V. UNITAS Clara Schumann. Inhaltliche Schwerpunkte galten dem antiken Philosophen Plato, dem unitarischen Verbandspatron Bonifatius, den „wahren Glücksbarometern des Lebens“ oder Adolf Kolping als Zeitgenossen von UNITAS-Gründer Hermann Ludger Potthoffs, auch feierliche Ruhr-Salamander zu frisch bestandenen Abiturprüfungen oder zu Diplomexamen des frischgebackenen Diplomingenieurs Bbr. Peter Helmus.

Mitte Juli wurden schließlich auch in der ehemaligen Gastronomie alle Einbauten entfernt, Fahnen, Vereinsfotos und Devotionalien verschwanden in Umzugskartons und warten nun auf ihre Wiederverwendung. Der neu gewählte Vorstand von Senior Richie Duckheim, den Consenioren Daniel Muschellik, Peter Helmus und Fuxmajor Sebastian Sasse geht bereits in die Planungen für das Wintersemester.

Bilder oben: Völlig freigelegte Dachkonstruktion für den „Unitarischen Himmel“, den späteren Kneipsaal, darunter: Schutt ohne Ende. Unten: Wie „unter Tage“ - zwischendurch mal Luft schnappen im Biergarten

Entscheidender Schub
für die UNITAS im Revier

Den Bauarbeiten vorausgegangen war am 22. April eine entscheidende Sitzung des Vorstands des Zentralen Hausbauvereins (ZHBV) in Essen-Borbeck. Sie gab grünes Licht für den Baubeginn im Ruhrgebiet. Nach den einstimmig gefassten Beschlüssen steht damit die Finanzierung des von der UNITAS Ruhrania in Essen-Borbeck betriebenen Hausbaus. Mit seiner Entscheidung folgte das von Bbr. Dr. Dieter Rehbein geleitete Verbandsgremium dem positiven Urteil der Bewilligungskommission. Ihr Vorsitzender, Bbr. Hans Stumpf, hatte die Entwicklung vor Ort in den letzten Jahren aktiv begleitet.

Bereits im August 2004 hatten die Planungen für den Umbau des „Feldschlößchens“ an der Flurstraße im Essener Westen begonnen. Architekt Bbr. Otfried Jäger (Wesel) hatte seine Entwürfe in beeindruckende 3-D-Bilder umgesetzt, Dipl-Ing. Reiner Schlenkermannn (Oberhausen) kalkulierte die Baumaßnahmen. Vorgesehen sind die weitgehende Entkernung des durch vielfältige Ein- und Umbauten veränderten Gebäudes und die Herstellung von Neubauqualität. Die Totalrenovierung wird das 1901 als Hotel eröffnete, traditionsreiche Haus mit seiner Jugendstil-Fassade wieder zu einem Blickfang im Stadtviertel machen. Im „Unitarischen Zentrum Ruhr“ werden neun Studenten wohnen, die nach Fertigstellung verpachtete öffentliche Gastronomie im Erdgeschoss soll mit ihrem Biergarten ein einladender, offener Treffpunkt für die unitarische Familie, aber auch Gäste aus Borbeck und der ganzen Region werden - so das Konzept.

Als herausragend würdigten Bewilligungskommission und ZHBV insbesondere die Patronatserklärung des AHV Ruhrania und die Zeichnung von Mitglieder-Bürgschaften in Höhe von über 100.000 Euro. Mit seinem auf rund 700.000 Euro bezifferten Gesamtvolumen, unterstrich der Vorsitzende Dr. Dieter Rehbein aus St. Augustin, sei das Ruhr-Projekt das größte seit der Gründung des ZHBV vor genau 40 Jahren überhaupt. „Der heute gefasste Beschluss ist auch ein besonderer Vertrauensbeweis für die im Ruhrgebiet - damit in der Heimat des Verbandes - tätigen Bundesbrüder in Aktivitas und Altherrenschaft“, hob Verbandsgeschäftsführer Dieter Krüll hervor und sprach seine Hoffnung auf ein blühendes unitarischen Leben aus. Der mit dem Projekt eingegangenen Verpflichtung und Herausforderung der ganzen UNITAS gegenüber, so der Vorstand des UNITAS Ruhrania-Studentenheim e.V., seien sich die Bundesbrüder an der Ruhr bewusst. Die Entscheidung sei ein entscheidender Schub für die UNITAS im Revier - damit, so die Hoffnung, aber auch für den gesamten Verband. Der Vorstand dankte allen an dem Projekt Beteiligten, insbesondere auch der Aktivitas, herzlich für die große Unterstützung bei der bisherigen Arbeit. Für die angereisten Gremienvertreter hielten die Ruhranen als Erinnerungsstücke eigens gefertigte, symbolischen „Hausbau-Aktien“ mit Ausgabedatum vom 22. April 2006 bereit. „Dieser Tag ist ein historischer Tag für die gesamte UNITAS an der Ruhr“, stellte Senior Sebastian Sasse vor den 15 Sitzungsteilnehmern heraus. Im Anschluss an die intern weitergeführte Sitzung luden Aktivitas und Hausbauverein zu einer kräftigen Gulaschsuppe in der Gaststube ein. Ein Bier vom frisch angestochenen Fass besiegelte die gefassten Beschlüsse.

Noch immer sind Mithelfer gefragt

Auch für andere praktische Mithelfer wird im Revier immer mindestens eine kühle Brause bereit stehen. Und es wäre schön, meinen die Ruhr-Aktiven, wenn sich auch Bundesbrüder anderer Vereine fänden, die sich auf die Bahn setzen und im Ruhrpott kräftig mit anpacken: „Dieses Projekt ist verbandsweit einzigartig. Toll, wenn viele Bundesbrüder sagen könnten, dass sie einst dabei waren.“ Hilfe bei den Renovierungsarbeiten des neuen UNITAS-Zentrums im Ruhrgebiet ist also immer noch herzlich willkommen. „Essen ist das ideale Ziel für spontane Bauwut, die Fuxenfahrt der anderen Art!“, meinen die Ruhries. Damit so schnell wie möglich Studenten einziehen, wieder Gastronomie und ihrem Biergarten eröffnen und das „Feldschlößchen“ ein echtes unitarisches Schmuckstück im Stadtteil wird. 
CB

Pächter gesucht!

Die in verschiedenen Internetdiensten und Gründerbörsen geschaltete Anzeige zur Verpachtung der Gastronomie im Borbecker Studentenhaus erfreut sich reger Nachfrage. In den nächsten Wochen will der örtliche Hausbauverein eine Entscheidung treffen, einen Zuschlag geben und einen Vorvertrag schließen. Wer an der Pacht des „Feldschlößchens“ Interesse hat, oder jemanden kennt, ist gebeten, Kontakt aufzunehmen!

 Kontakt: UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund, Flurstr. 67, 45355 Essen-Borbeck, E-Mail: ruhrania@UNITAS.org.

 Hingucken: Adressen, regelmäßige Berichte, alles Aktuelle mit animierten Bildern auf der Homepage des Ruhr-Vereins - www.UNITAS-ruhrania.org.

 





Veröffentlicht am: 16:36:23 15.06.2006
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