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1920: Jahrhundertbilder aus der Ruhranengeschichte

Ein Beitrag zu einem ausgefallenen Stiftungsfest

 

ESSEN. Jetzt, am Samstag, 16. Mai 2020, stand ursprünglich der Auftakt für das 109. Stiftungsfest der Unitas Ruhrania auf dem Kalender. Sicher schön wäre es geworden, aber wir haben es mit allen Sitzungen und Feiern besser mal auf das Vereinsfest im Dezember verlegt. Doch soll der Tag nicht ganz kommentarlos verstreichen. Wir hüten zwar nicht besonders viel Erhaltenes aus unserer wechselvollen Geschichte, aber zurückschauen kann man immer. Einige Fotos – darunter auch neu aufgefundene - illustrieren die Zeit vor genau 100 Jahren:

 

Kriegsjahre und Neubeginn

 

Mitten in den Aufbaujahren nach der Vereinsgründung 1911 in Münster war der Krieg vom Zaun gebrochen worden, die Korporation durch Einberufung fast aller Mitglieder der Unitas Ruhrania in alle Winde zerstreut. Nach dem Vereinsbericht vom Dezember 1915 sind damals von 38 Mitgliedern 32 „unter den Fahnen” und noch drei „Zivilisten” ortsanwesend, im April 1917 sind 29 von 33 beim Militär. Um den Zusammenhalt zu sichern, hatten 17 von ihnen 1917/18 den Altherrenverein begründet, einen Ausschuss für Kriegshilfe zur Unterstützung der jüngeren im Verein, sie gaben Kriegsgedenkblätter heraus und verschickten Weihnachtspakete. Am 6. Februar 1919 ging es dann bei einem Buden-Konvent in der Rosenstraße mit sechs Mann an die Reaktivierung. Doch viele lagen noch im Lazarett, waren „extraloziert” oder gefallen.

 

„Deutschland war zusammengebrochen, und manchem jungen Menschen, zumal den heimkehrenden Kriegern, schien zunächst alles zerbrochen“, schreibt Dr. Bernhard Meinersmann aus eigener Erinnerung in seiner 1952 verfassten Ruhranen-Geschichte: „Doch dem religiösen Menschen, nicht zuletzt dem Unitarier, strahlten vom dunklen Nachthimmel der Zeit die ewigen Sterne; uns hielt das Vertrauen, dass der Weltenlenker durch das Leid zur Besinnung auf die wahrsten und tiefsten Werte zu führen wisse. So leuchteten auch die immer wieder jugendfrischen Farben der alten Unitas; wir Lebenden mussten das Vermächtnis der toten Brüder wahren und pflegen, für uns selbst, für die zu uns kommenden jungen Menschen, für das Wohl von Kirche und Vaterland. In solchem Geiste gingen wir daran, auch die Ruhrania wieder zu neuem Leben zu erwecken.“

 

Bereits in den knapp drei Monaten des nur bis April laufenden Zwischensemesters gelang es, ein gutes Dutzend Füchse zu gewinnen. Über 30 Aktive – zehn noch nicht zurückgekehrt, verlegen nun die Konstante in die „Kreuzschanze“, das alte Vereinslokal „Zentralhof” war eingegangen. Die studentischen Mitglieder sind im ASTA (Allgemeiner Studenten-Ausschuss) aktiv, arbeiten intensiv mit den anderen Münsterschen Unitas-Vereinen zusammen und schon im zweiten Nachkriegssemester im Sommer 1919 kommen 11 Neofüchse dazu. Zur Erziehung gehört ein Tanz- und Anstandslehrgang, Familienfeste sind stark besucht und beim Vereinsfest am 7. Dezember wird das Gedächtnis der Gefallenen zum Höhepunkt des Jahres. Vereinslokal ist nun der „Deutsche Kaiser” in der Jüdefelder Straße, wo auch die Nikolaus- und Weihnachtskneipe geschlagen wird. Zum Semesterschluss zeigt sich Unitas Ruhrania mit 58 Mitgliedern – darunter 20 Auswärtigen – nach innen und außen gefestigt.

 

„Spartakus-Feldzug“

 

Doch überschattet wird die Entwicklung bereits durch neue Einflüsse von außen: Die Eisenbahner streiken und die junge Republik gerät jetzt fast an den Rand des Abgrunds, wie Bbr. Meinersmann schreibt: „Der Zusammenhalt verstärkte sich für viele Vereinsbrüder noch, als im März das Semester durch die politischen Wirren jäh abgebrochen wurde und eine „Akademische Wehr” alter Soldaten, im Lager „Rennbahn auf der „Geist” (Geest) bei Münster zusammengestellt, an der Seite der Reichswehr zum Feldzug gegen „Spartakus” („Spartakisten” mit – „Spartaschachteln” und „Spartadöschen”) ausrückte. Eine fast nur aus Ruhranen bestehende Wache im Bahnwärterhäuschen von Mecklenbeck an der Straße nach Dülmen soll für eine Nacht die einzige Sicherung Münsters nach Südwesten gewesen sein. Dann ging in den Kar- und Ostertagen der Marsch über Ottmarsbocholt, Lüdinghausen, Selm ins Herz des Ruhrgebiets. Alle unsere „Krieger” kehrten im Laufe des April wohlbehalten zurück...“.



März 1920: Ruhranen und andere Unitarier bei der „Akademischen Wehr. V.l.n.r., obere Reihe, W. Sandkühler, Meinersmann, H. Sandkühler, Niermann, Ahls, und sechs andere Bundesbrüder von Unitas Sugambria. Mittlere Reihe: Leiers, Köning, Paulsen, Gottmann, Goldbach. Untere Reihe: Zwei Winfriden.

 

 

Blütezeit der 1920er Jahre

 

Mit dem Sommer 1920 beginnt nun für Ruhrania eine ungestörte Blütezeit bis zum Sommer 1923. Man zieht nach Timpte zur Münzstraße um, die Mitgliederzahl hält sich bei 45 bis 50 und bewegt sich dann um 45. Mit einer Totenkneipe wird die geschnitzte Gedenktafel für die 14 Gefallenen des Vereins eingeweiht, die – wie durch ein Wunder - noch heute im Essener Unitas-Haus erhalten ist. Durch Spenden der Aktivitas und besonders der Alten Herren kamen damals dafür 800 Mark zusammen. Im September 1921 erscheint die 2. Nummer der „Ruhranenpost, zwanglose Mitteilungen der Aktivitas und des AHV Unitas-Ruhrania” und zum Markstein in der Entwicklung wird 1921 das 10. Stiftungsfest, zu dem der inzwischen gegründete „Damenverein” der Korporation einen Wimpel für die Fahne verehrt.


 

Dieses neu aufgetauchte Foto zeigt eine fröhliche Gesellschaft beim 9. Stiftungsfest der Ruhranen im Frühjahr vor genau 100 Jahren.

 

1922 wird der Bau eines Bootshauses an der Werse östlich von Münster zum wohl wichtigsten Ereignis in der bisherigen Geschichte des Vereins: Auf dem Bootshausgrundstück bei „Nobiskrug” wird der Bau in Eigenarbeit aufgeführt und am 29. Juli 1922 eingeweiht.

Das Bootshaus wird jetzt immer stärker zum Anziehungspunkt für alle Ruhranen, die sich damals in hitzigen Debatten gegen neustudentische Formen entscheiden. Viel Nachwuchs, viel gemeinsamer Sport und eine eigene Handballmannschaft tragen zur Attraktivität des Vereins bei.
 

Ausgelassene Feste zeigen die Unbeschwertheit der frühen 1920er Jahre.

 

Das Vereinslokal wird 1924/25 von „Appels” zum „Coerdehof”, ein Jahr später nach Köchling verlegt, dann zum Haus Hülsmann an der Überwasserkirche. Als der häufigen Wechsel den Gedanken an den Bau oder Erwerb eines eigenen Hauses aufkommen lässt, weist die Mitglieder-Statistik im Winter 1927/28 61 Aktive aus, 1930 schaut die Korporation bei einer Mitgliederzahl von 66 (davon 16 Neufüchse) getrost in die Zukunft. Sinnbild dafür wird die vom AHV gestiftete zweite Fahne, die später über die „braunen” Jahre hinübergerettet werden kann.



 

100 Jahre später

 

Heute, 100 Jahre nach dem Aufbruch in die Weimarer Republik, mag man sich vielleicht einmal die Frage stellen, mit welchen Hoffnungen die jungen Bundesbrüder damals in die Zukunft geschaut haben. Was sie wohl bewegt hat, mit welchen Erwartungen sie auf ihr eigenes Leben, das Fortbestehen ihrer Gemeinschaft und der ganzen Gesellschaft gesehen haben? Ob sie geahnt haben, was aus den Wirrnissen, Enttäuschungen, aus der Propaganda ihrer Tage einmal entstehen und wie kurz das unbeschwerte Miteinander sein würde? Das Verbot der Unitas 1938 durch die Nazis, die Opfer von Krieg und Verfolgung bis 1945 – all das war nicht vorauszusehen. Auch nicht, dass vor genau 70 Jahren die Wiederbegründung gefeiert werden konnte, vor 63 Jahren der Vorort übernommen und eine Tochterkorporation gegründet werden würden. Schon gar nicht, dass man vor 30 Jahren – diesmal an einem ganz neuen Ort – zu einer erneuten Wiederbegründung schreitet, dass vor 16 Jahren an der Ruhr der schon vor 100 Jahren langgehegte Traum eines eigenen Hauses in Erfüllung geht und im 100. Jahr des Bestehens 2011 der Verbandsort übernommen wird. Und: Dass die Unitas-Ruhrania im kommenden Jahr 2021 in Essen erstmals eine Generalversammlung für den Gesamtverband ausrichtet - wenn es soweit kommt.

 

Lebenskraft der Unitas

 

All dieses war nicht vorauszusehen. Und doch steckt in der skizzierten historischen Perspektive über diesen langen Zeitraum ein zu jeder Zeit wichtiger Hinweis: Denn - gleich wie die Zeiten auch sind – lässt sich für die unitarische Idee ein zentraler Wert erkennen. Die unbändige Lebenskraft, die in ihr steckt, weist dabei über manches Offensichtliche und doch nur scheinbar Zufällige weit hinaus. Sie ist zu jeder Zeit getragen von einem großen Vertrauen, das sich nicht nur auf die eigenen vielfältigen Talente und die breit aufgestellte Kreativität beschränkt. Denn sie weiß sich getragen, geleitet und ermutigt durch das Beispiel vieler, die über die Generationen hinweg in Wort und Tat und „in unitáte eiusdem Spíritus sancti Deus“ auf den tiefsten Grund der unitarischen Gemeinschaft vertraut haben.

 

In neccessariis unitas – in dubiis libertas – in omnibus caritas!
Das gelte uns auch in diesem Jahr als vertraute Leitdevise.
Glückauf und semper in unitate!



Veröffentlicht am: 17:57:03 15.05.2020
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