Zirkel-WS: Heinrich Hirtsiefer

 

ESSEN. Er gehört zu den berühmten Köpfen der Ruhrstadt Essen: Der gelernte Krupp-Schlosser, Gewerkschaftschef und preußische Minister Heinrich Hirtsiefer. Ein aufrechter Demokrat und überzeugter Republikaner, verfemt und misshandelt, weil er den Nazis und ihrem perfiden Terror die Stirn bot. Dazu berichtet am Mittwoch, 6. Februar, seine Enkelin Maria Hirtsiefer bei einer Begegnung im Unitas-Zirkel Essen. Das Treffen mit den Aktivitates der Ruhr-Unitas beginnt um 19.30 Uhr im „Istra“, Rüttenscheider Str. 159, 45131 Essen.

 

Ein Essener Arbeiter wird Minister

 

Ohne Hirtsiefer kein Baldeney-See und keine Gruga in Essen, kein Nürburgring in der Eifel: Dabei war dem kreativen und profilierte Sozialpolitiker seine große Karriere bis in die höchsten Spitzen des Staates allerdings nicht in die Wiege gelegt. Schon mit 15 Jahren ging der 1876 geborene Heinrich Hirtsiefer zu Krupp, machte vier Jahre seine Lehre als Schlosser. Bis 1904 ist er bei der Firma und zugleich bei den christlichen Gewerkschaften aktiv. 1904, mit 28, wird er Bezirksleiter des mächtigen Christlich-sozialen Metallarbeiterverbandes für das Rheinisch-Westfälische Industriegebiet und geht für die Arbeiterinteressen in harten Auseinandersetzungen mit den Konzernen erfolgreich auch gegen Krupp gerichtlich vor.

 

Mit 31 Jahren ist Heinrich Hirtsiefer bereits Stadtverordneter für die Essener Zentrumsfraktion, bleibt es bis 1924 und hat sich längst auch für höhere Aufgaben empfohlen: 1919 kommt er als Abgeordneter des Wahlkreises Düsseldorf-West in die verfassungsgebende preußische Landesversammlung, 1921 in den Landtag. Ein Jahr zuvor hat er das Amt als Verbandssekretär des Gesamtverbandes des Christlich-sozialen Metallarbeiterverbandes übernommen - ein starker Rückhalt, als er im November 1921 von seiner Partei zum Nachfolger Adam Stegerwalds für das Amt des Preußischen Wohlfahrtsministers nominiert wird. Fast 12 Jahre lang laufen in dieser Aufgabe nun bei ihm viele Fäden zusammen, sieben davon als Stellvertretender Ministerpräsident. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in der Schaffung familiengerechter Arbeiterwohnungen, in der Verbesserung der Jugendfürsorge, der Sozialversicherung, des Konsumwesens, der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Tuberkulose. Für die Zentrumspartei übernimmt er 1928-1933 das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden.

 

Ministerpräsident Preußens

 

Am 7. Juni 1932 wird Heinrich Hirtsiefer vom preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, der aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt, sogar mit der Führung der Amtsgeschäfte beauftragt. Er übernimmt die Geschäftsführung des Kabinetts und steht nach dem Sturz von Reichskanzler Brüning, wie auch die anderen christlichen Gewerkschaftsführer, in scharfem Gegensatz zur Reichsregierung Papen. Als sie durch einen Staatsstreich das Land Preußen zerschlägt, die Regierung für abgesetzt erklärt und einen Reichskommissar für Preußen ernennt, protestiert Hirtsiefer energisch. Mit den anderen preußischen Ministern ruft er den Staatsgerichtshof an und bleibt trotz Auflösung seines Ministeriums demonstrativ im Amt - bis zum Beschluss des bei den Märzwahlen 1933 bestimmten Landtags, der sich mit der Geschäftsführung durch einen Reichskommissar einverstanden erklärt.

 

Opfer des Terrors

 

Längst jagen ihn aber schon die nationalistische Presse und die NS-Partei-Zeitungen: Sie sehen in ihm den Vertreter der verhassten Republik und überhäufen ihn mit Korruptionsvorwürfen und übler Hetze. Nur ein halbes Jahr später statuieren SS und SA in seiner Heimatstadt Essen ein erstes Exempel. Er wird verhaftet und für immer der Stadt verwiesen – gleich gefolgt von einer erneuten Verhaftung. Diesmal mit einem für die gesamte Öffentlichkeit bestimmten klaren Signal: Im September 1933 treibt ihn die SA stundenlang durch die Straßen - mit einem Strick um den Hals und einem Schild mit der Aufschrift „Ich bin der Hungerleider Hirtsiefer“. Der Erniedrigung folgen vier Wochen im KZ Kemna und im KZ Börgermoor im Emsland, wo er brutal misshandelt wird. Erst seine Söhne erreichen über Interventionen bei Hindenburg und dem Apostolischen Nuntius, dem späteren Papst Pius XII., die Entlassung. Das Aufenthaltsverbot für Essen aber bleibt. Er kehrt zurück nach Berlin, wird im Juli 1934 zwar vom Vorwurf der angeblichen Veruntreuung öffentlicher Mittel freigesprochen, doch ist geächtet und gebrochen. Der gelernte Schlosser, der es zum vielfach geehrten Ehrendoktor der Universitäten in Bonn, Breslau, Graz und bis in die höchste politische Verantwortung brachte, stirbt am 15. Mai 1941 an den Folgen seiner KZ-Haft.

 

„So kann das nicht ewig weitergehen. Das ist ausgeschlossen, dass das Deutschland ist“ – erklärte er damals mit Blick auf den offenen und niederträchtigen Terror der Nationalsozialisten, auf die Zerschlagung von Recht und Gesetz – ein Satz, der bis heute nachklingen muss. Er sah sich in Verantwortung, duckte sich nicht weg und stellte sich dagegen. Aus einer Haltung, die maßgeblich durch seinen Glauben geprägt war. Dies würdigte die katholische Kirche, als sie Dr. Heinrich Hirtsiefer als Glaubenszeugen in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufnahm.

 




Veröffentlicht am: 20:43:36 29.01.2019
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