BORBECK. Bbr. Ulrich Lindemann (UNITAS Stolzenfels Bonn) aus Oberhausen-Schmachtendorf brachte heute bei einem Besuch auf der Baustelle an der Flurstraße ein außergewöhnliches Ausstattungsstück für das neue UNITAS-Haus nach Borbeck. Es ist ein an einer 50 Zentimeter langen, großgliedrigen Kette hängender Kronleuchter mit einer in Hohlguss gefertigten Strahlenkranz-Madonna, der wohl spätestens in den Jahren der Gründung der UNITAS Ruhrania um 1910 im Rheinland entstanden ist. Der einen halben Meter im Radius messende Kranz des schweren, sechsflammigen Leuchters ist aus Messing, das große Gewicht und die typische Patina der Gussteile lassen eher auf Bronzematerial schließen. Zu ihnen zählt der stilisierte Kopf eines Löwen, der an romanische Vorbilder erinnert und den Leuchter nach unten abschließt.

Wie eine Demontage und Säuberung ergab, sind alle  Bestandteile durch Steck- und Schraubverbindungen miteinander befestigt. Ein inwendiger Metallstab mit Gewinden an den Enden hält die gesamte Konstruktion zusammen. Sie und deutliche Rußspuren lassen darauf schließen, dass der möglicherweise auch ältere Leuchter zunächst für den Betrieb mit echten Kerzen gedacht gewesen ist - versteckte Kabelkanäle zwischen Mittelsstück und aus Messing gedrehten Kerzentellern waren ursprünglich nicht vorgesehen. Durch kleine Bohrungen in den Endstücken führten nachträglich - eventuell in den 1950er-Jahren - eingezogene Elektrokabel in aufgesetzte Pappkerzen, auf die Elektrokerzen eingedreht wurden. Die einzelnen Kabel waren mit Zwirn am Gitterguss der gotische Motive aufgreifenden und in einen massiven Messingring eingesteckten Kandelaber befestigt, die jeweils mit acht kreuzförmigen Blättern verziert sind.

Die auf einem 18,5 cm hohen, mit mehreren unregelmäßigen Wulsten versehenen Nodus stehende Madonna mit dem Kind ist das herausragende figürliche Motiv: Sie misst 20 cm in der Höhe und zeigt die gekrönte Gottesmutter mit leicht dem Kind zugeneigten Kopf in einem einfachen Strahlenkranz. Jeweils neun, leicht gebogenen Strahlen wachsen rechts und links aus ihrem fußlangen Gewand, das einen eleganten, bewegten Faltenwurf aufzeigt. Auf ihrem linken Arm hält sie auf der eingesteckten Hand ein extra gegossenes nacktes Jesuskind, in der ebenfalls aufgesteckten linken Hand hält sie ein Zepter. Die Arbeit mag um die Wende zum 19. Jahrhundert oder kurz danach entstanden sein - darauf lässt auch Bbr. Lindemanns Bericht über die Herkunft des Leuchters schließen.

Herkunft aus dem Rheinland

Danach stammt die Arbeit wohl von einem Kunstschmied aus dem Rheinischen: Ulrich Lindemanns Tante Barbara Krautscheid, älteste Schwester des ersten Generalvikars von Essen, Domkapitular Dr. Josef Krautscheidt (vormaliger Leiter der Rechtsabteilung im Bischöflichen Generalvikariat des Erzbistums Köln, ab 1.1.1958 Generalvikar im Bistum Essen, + 15.1.1981), war Haushälterin bei einem Pfarrer und Dechanten Lambertz. Der Geistliche war u.a. tätig in Siegburg, bekannt durch die 1064 gegründete Benediktinerabtei auf dem Michaelsberg, Grablege des ehemaligen Kölner Erzbischofs Anno (geboren 1010 bei Ulm, 1056 Erzbischof von Köln, gestorben am 4. Dezember 1075, heiliggesprochen am 29. April 1183) und einen der wertvollsten Kirchenschätze der Welt. Zwar ist die Form der Leuchterfigur an überlieferte Motive - etwa die berühmte Madonna im Strahlenkranz von Tilman Riemenschneider - angelehnt, doch sind Material, Ausführung und der weiche Stil relativ einfach. Die schwere Schmiede- und Gussarbeit soll im Pfarrhaus der Siegburger Kirche St. Anno oder im Pfarrhaus der Pfarrei St. Michael in Westerhausen/Hennef im Treppenhaus von der Decke gehangen haben, so Bbr. Lindemann. Hier wie dort wurden kurz nach der Wende zum 19. Jahrhundert neue Kirchen errichtet: Westerhausen, Ortsteil der Stadt Hennef im Rhein-Sieg-Kreis, liegt zwischen Siegtal und Pleiserhügelland, das an das Siebengebirge anschließt. 1901 wurde hier die Kirche St. Michael fertiggestellt und gesegnet. Die Siegburger St. Anno-Kirche entstand nach Entwurf des Mainzer Dombaumeisters Ludwig Becker und knapp vierjähriger Bauzeit 1910 an der Kempstraße und wurde am 10. Juli eingeweiht. Nach Neubau des Kirchenschiffs 1973 ist vom ursprünglichen Kirchenbau heute nur noch der Kirchturm erhalten. Es ist aber durchaus möglich, dass der Leuchter sogar bereits eher entstanden sein mag und bereits zur Priesterweihe von Lambertz um 1880 oder früher fertiggestellt war.

Nach der mit großer Bürste vorgenommen ersten Säuberung hat die Madonna einen mattgoldenen Farbton angenommen. Wieder zusammengeschraubt, wird der jetzt von den Kabeln und Pappkerzen befreite Leuchter ein echter "Hingucker" im Veranstaltungsraum oder im Treppenhaus werden. Das hohe Alter, die Herkunftsgeschichte, vor allem aber das Motiv, werden wunderbar zum UNITAS-Haus passen und hier einen herausragenden Platz bekommen. Zunächst sollte die Kunstschmiedearbeit wohl am besten mit echten Kerzen bestückt werden - eventuell ließe der Einsatz eines sachverständigen Bastlers aber auch an eine Wiederinbetriebnahme mit Elektrolampen denken. Dem Donator, der schon seit vielen Jahren dieses Erbstück seiner Familie hortete, herzlichen Dank! Wer weitere Ausstattungsstücke für das Haus sieht: Herzlich willkommen!

 




Veröffentlicht am: 09:46:52 12.05.2007
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