Gesprächsabend zur Migration und Flucht

Rudi Löffelsend zu Gast bei Kolping und Unitas
 

ESSEN. „Flucht, Migration, Gesellschaft" lautete der Titel des Themenabends, zu dem am Montag, 1. Februar, die Kolpingsfamilie Essen-Borbeck und der wissenschaftliche katholische Studentenverein Unitas Ruhrania einluden. Gut 70 Besucher kamen zum Diskussionsabend mit Rudi Löffelsend, dem ehemaligen Sprecher und Auslandsbeauftragten des Diözesan-Caritasverbandes im Bistum Essen, in das Borbecker Dionysiushaus.

 

Löffelsend hatte seit Beginn der 1980er Jahre zahlreiche Hilfsprojekte von Polen über die ehemaligen Ostblockstaaten bis auf den Balkan und in Sri Lanka ins Leben gerufen. Engagiert ist er derzeit nicht nur im Nordirak, wo für christliche Flüchtlinge in der autonomen Region Kurdistan zuletzt ein Containerdorf in Betrieb genommen werden konnte. Viele Aktivitäten habe auch der 2014 gegründete „Caritas-Flüchtlingshilfe Essen e.V.“ entwickelt, wie er berichtete: Neben dem aus dem „wirklich großen Überfluss in dieser Gesellschaft“ gespeisten Möbellager entstanden im zuvor leerstehenden ehemaligen Pfarrzentrum St. Barbara an der Elisenstraße knapp zwei Dutzend Sprachkurse, ein Erzählcafé, dazu Beratungsangebote für Flüchtlinge und die inzwischen rund 80 regemäßig tätigen Ehrenamtlichen. Ob sich hier nach den Vorfälle in Köln etwas am Spendenaufkommen oder in der Unterstützung durch Ehrenamtliche geändert habe, werde er oft gefragt: „Kann ich nur sagen: Nö, ist nicht, tut der Liebe keinen Abbruch.“

 

Gegen die „German Angst“

 

Trotz vielfacher Ablehnung der Migranten („Schießbefehl an der Grenze? Mein Tag war versaut, als ich das gelesen habe...“) und trotz Beschimpfungen, die sich Helfer anhören müssten, traut Löffelsend der deutschen Gesellschaft eine ganze Menge zu: „Wir sind Europameister, von führenden Zeitschriften zum besten Land der Welt gewählt worden und trotzdem ist hier ne Stimmung, die ich gar nicht richtig beschreiben kann. Die Engländer nennen das „German Angst“. Da ist ein Riss, der durch unser Land geht. Aber es gibt trotzdem all diese vielen Leute, die nach wie vor jeden Tag helfen und sich unglaublich engagieren.“

 

Natürlich seien auch die Kapazitäten Deutschlands in der Aufnahme von Flüchtlingen begrenzt, stellte Löffelsend klar. Die Debatte aber um „Obergrenzen“ halte er für völlig verfehlt: „Das geht vom Gesetz her nicht, auch nicht in der Praxis“, erklärte er mit Blick auf den von den USA gebauten Grenzzaun, der für Migranten auch kein wirkliches Hindernis darstelle. „Der nutzt überhaupt nichts. Flüchtlinge sind wie Wasser, das kann ich nur aus langer Erfahrung sagen.“ Die bessere Zusammenarbeit in Europa sei „im Grunde die einzige Möglichkeit“, auch wenn die osteuropäischen Länder nach der vielen erhaltenen Hilfe für ihn „eine einzige politische Enttäuschung“ seien: „Weil ich ein Europa-Fan bin. Ich habe vor der Schaffung des Schengen-Raums fast Jahre an Grenzkontrollen verbracht, habe auch das Gefühl der Reisefreiheit sehr genossen. Aber wir kommen nicht um das Sichermachen der Außengrenzen herum.“

 

 

Fluchtursachen bekämpfen

 

Dringend sei jetzt von der internationalen Politik aber vor allem eine Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort gefragt. Zentral sei dabei nicht nur eine wirksame Hilfe durch Bildung und Gesundheitsvorsorge, erklärte Löffelsend, und übte deutliche Kritik an den Ergebnissen fernsehwirksamer Geberkonferenzen, an deren Beschlüsse sich allerdings kaum jemand zeitnah halte. Wenn in den Lagern in den Krisenländern die von der UNO zugesagte Ausstattung von einem Euro auf 25 Cent pro Tag dramatisch reduziert werde, bleibe vielen trotzdem zuletzt nur noch die äußerst anstrengende Flucht, die er mit vielen Zahlen und Stationen über den Balkan beschrieb: „Denn versuchen sie mal von solchen Preisen eine Familie zu ernähren“, so Löffelsend. „Wir haben mittlerweile Abertausende Kinder, die seit vier Jahren keine Schule mehr gesehen haben, das ist eine verlorene Generation. Und überlegen sie mal, was es für einen Vater bedeutet, der nicht mehr mit eigener Arbeit für seine Familie sorgen kann. Das ist unwürdig.“

 

Lotsen werden gebraucht

 

„Was jetzt bei uns gebraucht wird, sind Lotsen, die von Beginn an im Stadtteil oder Viertel ganz praktisch in unser alltägliches Leben in Deutschland einführen“, so sein Appell. Auch in die „Geheimnisse der deutschen Bürokratie“, der die Betroffenen kaum gewachsen seien. Ehrenamtliche aus der Gemeinde könnten hier zeigen, wo es langgeht. Nicht zuletzt aus christlicher Überzeugung, verwies er auf Papst Franziskus, der durch seinen Besuch auf der Insel Lampedusa und seine vielfältigen Apelle immer wieder die Notwendigkeit der tätigen Caritas anspreche. „Das ist mein Papst“, so Löffelsend. „Der fährt dann auch da hin und donnert los, macht ein schlechtes Gewissen. Für mich persönlich war das Befreiungsschlag, was die Bedeutung von Caritas angeht.“

 

„... sagen, was hier katholische Grundauffassung ist“

 

Eine in vielen Jahren „selbstzufrieden“ gewordene Kirche, meinte er, tue inzwischen eine ganze Menge – auch wenn man „noch ein Schippchen drauflegen“ könnte. Und dass Pfarrgemeinden und Gemeindemitglieder Wohnungen und manches Praktische zur Verfügung stellten, sei gut und wichtig. Doch gehe es darum, auch aktiv an der Bildung von Runden Tischen in den Stadtvierteln zu arbeiten und in ökumenischer Verbundenheit breite gesellschaftliche Kräfte zusammenzubringen. Da müsse man als Pfarrei vielleicht auch bei Protesten, wenn der Spazierweg, die schöne Aussicht oder der Hundeplatz jetzt wegfällt, „ab und zu was sagen, wo hier der Hammer kreist, was hier katholische Grundauffassung ist.“

 

Perspektive: Teilen lernen

 

Seine Perspektiven? „Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber niemand kann so naiv sein und denken, wir könnten unseren Wohlstand halten, ohne mit denen zu teilen, denen wir unseren Wohlstand zu verdanken haben? Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen in ihren Ländern leben können.“ Dazu gehöre auch die Überprüfung der Handelsbeziehungen „einer turbokapitalistischen Gesellschaft Europas“, meinte Rudi Löffelsend mit Blick auf die Vernichtung von Lebensmittelmärkten in Afrika und die großen Summen, die zur Rettung der Banken verwendet wurden. „Wenn sie einen Teil in sinnvolle Projekte in diesen Ländern verwenden würden, dann hätten wir eine Chance.“ Aus christlicher Haltung bleibe für ihn: „Das heißt auch: Abgeben. Wenn wir Schlimmeres verhindern wollen, dann müssen wir mehr teilen. Fair teilen, sonst klappt das alles nicht.“ Den angelaufenen Aktivitäten in der Gemeinde und Pfarre, über die bereits an dem Abend berichtet werden konnte, sagte er seine Unterstützung zu.


 




Veröffentlicht am: 16:25:14 05.02.2016
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