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Vor 104 Jahren: Gründung in Münster

Die Publikation der Unitas Ruhrania und die ersten Semester

 

Es war ein Bilderbuchstart. Als vor 104 Jahren die Unitas Ruhrania publiziert wurde, herrschte Aufbruchsstimmung. Wie an vielen Orten, bevor die Kriegsgewitter aufzogen. Das es soweit kommen würde, ahnte am 22. Februar 1911 noch niemand von den vielen Gästen, die sich am Mittwochabend zum Begrüßungsabend im Hotel Moormann versammelten, dem späteren Fürstenhof am Marienplatz.

 

Festliche Publikation am 23. Februar 1911

 

Am folgenden Donnerstag begann um 10 Uhr ein feierliches Levitenamt in der Martinikirche. An alles war gedacht: Die Messe wird verbunden mit der Weihe der bereits fertiggestellten Fahne des frisch gegründeten Vereins. Das bis heute in Essen erhaltene blau-weiß-goldene Tuch mit dem Vereins-Zirkel brauchen sie anschließend auch: Bei der prunkvollen Auffahrt durch die Stadt reiten Militär-Fanfarenbläsern dem Festzug der Chargierten der erschienen Korporationen aus dem Verband voraus – vier Münsteraner Vereine sind vertreten, zwei sind aus Bonn gekommen, dazu die Vereine aus Göttingen, Berlin und Kiel.

 

Dem Ereignis folgt ein musikalischer Frühschoppen im Schlossgarten-Saal und um 14 Uhr ein Festessen im „Rheinischen Hof“, im ersten Verkehrslokal. Am Abend steigt ein Festkommers im Großen Saal des Zoologischen Gartens „mit zündender Papst- und Kaiser-Rede". Am Freitag, 24. Februar, sind alle ab 11 Uhr zum offiziösen Frühschoppen im Kaiserhof angetreten und am Nachmittag gibt es einen Ausflug nach Handorf. Das in Richtung des Marienwallfahrtsorts Telgte gelegene Ziel wird von den Münsteraner Studenten gerne als „Bierdorf“ genutzt.


Einladung zum Publikationsfest am 24. Februar 1911

 

Fünfter Unitas-Verein in Münster

 

Die auf Büttenpapier gedruckte Einladung zum Publikationsfest des fünften Unitas-Vereins in Münster trug gleich mehrere Namen. Gezeichnet wurde sie nicht nur durch die einen Monat zuvor, am 12. Januar 1911, gegründete Unitas Ruhrania, sondern auch durch Unitas Sugambria und Unitas Frisia. Die beiden Vereine, 1899 und 1857 ins Leben gerufen, stellten die ersten Mitglieder. Sie hatten in Münster den unitarischen Stammbaum mit Unitas Winfridia (1902) und Unitas Rolandia (1910) bereits weiter verzweigt. Nun erhielt der neue Verein einen besonders traditionsreichen Namen: Er nannte sich nach der 1847 von Theologen aus der Ruhrregion gegründeten alten Bonner „Ruhrania”. Aus ihr ging 1853 die „UNITAS” hervor, 1855 rief sie mit der von dort aus entstandenen UNITAS Tübingen die UNITAS als ältesten katholischen Studentenverband ins Leben.

 

Erfolgreiche erste Semester

 

Erster Senior der Ruhrania ist der von der holländischen Grenze des Emslandes stammende cand. phil. Engelbert Schlömer. Sechs Burschen und zwei Füchse sind die „Gründer” im ersten Sommersemester 1911. Ein weiteres Dutzend Füchse kommt hinzu und durch Zuzug aus dem Verband erhöht sich die Zahl der Aktiven auf 20. Religion und Wissenschaft prägen das Semesterprogramm und die Generalversammlung des Verbandes 1911 in Fulda nimmt den Verein in den Verband auf. Die neue Ruhrania - „M 5”, so das Kürzel im Verband – wählt zum Verkehrslokal den „Zentralhof” mit Vereinszimmer („Kneipe”) an der Rothenburg. Und wächst bis zum Ende des zweiten Semesters auf 29 Studierende und einen Alten Herrn.

 

Neben den Prinzipien und der gesellschaftlichen Schulung pflegt man den Sport: Eine Bootshauskasse soll den Erwerb eines eigenen Bootshauses an der Werse ermöglichen - als „Keilmittel” gerade in Münster wichtig. Im WS 1912/13 führt Ruhrania bereits den Vorsitz im Gesamtausschuss aller Münsterischen Studentenkorporationen. Höhepunkt in jedem Programm ist das Vereinsfest, von den Unitas-Vereinen in Münster gemeinsam begangen, aber auch die Teilnahme an der „Großen Prozession”. Viele sind zugleich Mitglied in der Congregatio Mariana Academica, den regelmäßigen wöchentlichen wissenschaftlichen Sitzungen folgt nach damaliger Sitte eine „Kneipe”.

 

Freundschaftlich ist das Verhältnis zu den Bundesvereinen; die Münsteraner werden häufig besucht, oft nach eigener Veranstaltung: Frisia im Hansahof, Sugambria an der Hammer-Straße, Winfridia in der Kaiser-Friedrich-Halle, Burgundia im Gesellschaftshaus „Union”; zu auswärtigen Vereinen geht es meist bei besonderen Anlässen. Amicitia im Sinne sozialen Verhaltens wird praktisch verwirklicht im Rahmen des von Carl Sonnenschein gegründeten SSS (Sekretariat Sozialer Studentenarbeit). 

 

Letztes Friedens-Semester

 

Sport bleibt großgeschrieben: Turnen, Tennis, Schwimmen und Rudern beim Ruderverein Münster, Kegel-Nachmittage vor dem Neubrückentor stehen hoch im Kurs. Aber auch Maifeiern, Kaiser-Jubiläum mit Kommers, wissenschaftliche Vorträge, ein Tanzkurs, Gesellschaftsnachmittage und -abende im „Neuen Krug”, Ausflüge nach Hiltrup, Mecklenbeck und anderswo zeugen von intensivem Vereinsleben und schönster Studentenromantik. Im siebten Semester im Sommer 1914 ist die Mitgliederzahl auf 40 gestiegen, Ruhrania hat den Vorsitz im UV Münster. Die Füchse schenken der Korporation prächtige Schabracken mit Zubehör und die Ruhrania macht Eindruck bei den Auffahrten mit Pferdekutschen. Während man sich Ende des SS 1914 auch in der UNITAS schon auf den für Münster vorgesehenen deutschen Katholikentag vorbereitet, fallen am 28. Juni 1914 die Schüsse von Sarajewo.

 

Vor 100 Jahren: Vereinsfest an der Front

 

Die studierenden Ruhranen müssen wie die Alten Herren unter die Fahnen. Abgänge werden zunächst noch halbwegs wettgemacht: zu den 40 Mitgliedern des SS 1914 kommen im WS 14/15 zehn Neofüchse. Doch Im Dezember 1914 gibt es nur noch 20 ortsanwesende Studenten, zwei sind bereits gefallen. Dem Ernst der Zeit entsprechend verzichtet man meist auf Kneipen und hält nur wissenschaftliche Sitzungen, Exkneipen und Konvente; weil das Vereinslokal vom Militär beschlagnahmt ist, müssen die Vereinsabende auf den „Buden” einzelner Mitglieder stattfinden.

 

Im Sommer 1915 ist das Vereinsleben durch weitere Einberufungen fast ganz lahmgelegt. Der Verein berichtet in den „Kriegsnachrichten der Ruhrania” vom Juni 1915: „Wir sind zu 6 (sechs!) Mann hier.“ Berichte über „Unitarisches Leben im Schützengraben vor Reims” zeigen, dass das Vereinsfest mit Feldgottesdienst und Morgensitzung im Unterstand auch an der Front gefeiert wird. Die für alle Mitglieder gedruckten Kriegsnachrichten vermelden Auszeichnungen, Beförderungen bis zum Leutnant, aber auch, dass ein Mitglied gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft geraten ist. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Opfer fordert er - in Ypern, vor Verdun, Russland, in der Somme-Schlacht, an der Marne - 15 Vereinsbrüder fallen oder gelten als vermisst.

 

Ab 1916 finden oft keine wöchentlichen Veranstaltungen statt. Nach dem Vereinsbericht vom Dezember 1915 sind von 38 Mitgliedern 32 „unter den Fahnen” und noch drei „Zivilisten” ortsanwesend, im April 1917 sind 29 von 33 beim Militär. 1917 wird der Altherrenverein ins Leben gerufen, um den Verein zusammenzuhalten. Als man am 6. Februar 1919 der erste Konvent zusammengerufen wird, erscheinen ganze sechs Mann – noch sind viele in Gefangenschaft oder im Lazarett. Doch es geht wieder aufwärts: 1920 zählt die Unitas Ruhrania 58 Mitglieder – darunter 20 Auswärtige – und ist nach innen und außen gefestigt.

 

Die Toten der ersten Semester

 

Zwölf Bundesbrüder, dazu drei weitere, die zu anderen Vereinen gewechselt waren, wurden zu Opfern dieses Krieges.

 

  • Engelbert Schlömer, Gründungssenior und beim Kriegsausbruch im Staatsexamen, fiel nach 10 Tagen in Russland (19.11.1914).
  • Joseph Beine aus Verlar an der Lippe, erster Senior im SS 1911, wurde während seiner Promotion einberufen und starb bei Neuve Chapelle (28.10.1914).
  • Aloys Berelsmann aus Wallenhorst im Osnabrücker Land, feierte im Feld vor Reims noch mit Bundesbrüdern das unitarische Vereinsfest und fiel in Galizien (26.6.1915).
  • August Witte aus Lingen im Emsland ließ in der Hölle der Somme-Schlacht sein Leben (13.9.1916).
  • Reinhold Deters aus Steinfeld im Oldenburger Land fiel in Flandern im Januar 1916.
  • Ferdinand Teipel aus Bielefeld konnte sein juristisches Studium gerade noch beenden und fiel in der Champagne-Winterschlacht
  • Hermann Bohse aus Papenburg in Ostfriesland starb nach wenigen Monaten an der Front an der russischen Front im Juli 1915.
  • Franz Breuer aus dem Ruhrgebiet, Archivar des Vereins, war im Begriff, sein germanistisches Studium erfolgreich abzuschließen und wurde kurz nach dem Einzug im Schützengraben vor Ypern tödlich von einer Granate getroffen (24.9.1915).
  • Karl Veltkamp aus Osterwick/Kr. Coesfeld, stud. iur. et rer. pol. Fiel  am 21.7.1916 in den Kämpfen vor Verdun.
  • Hermann Stüve, angehender Theologe aus der Gemeinde Recke / Kreis Tecklenburg wurde aus dem Priesterseminar Borromaeum eingezogen und fiel nach einem Jahr an der Ostfront (3.9.1916).
  • Peter Moll aus Jülich, angehender Mathematiker, zog gleich bei Kriegsausbruch 1914 als Unteroffizier ins Feld und fiel als Bataillons-Adjutant in der Somme-Schlacht (5.9.1916).
  • Leo Wennemer aus Saerbeck (Bez. Münster), hatte bei Kriegsausbruch das Reifezeugnis erlangt, studierte Theologie und fand nach einem Soldatenjahr den Tod (26.10.1916).
  • Karl Schotterer aus Villingen im Schwarzwald wurde im Sommer 1918 an der Marne verwundet und starb im Feldlazarett.

 

 


Das Denkmal für die gefallenen Ruhranen.
Die Inschrift lautet: "Treu ihrem Fahneneide starben den Heldentod: AH Ferdinand Teipel, Jos. Beine, Engelb. Schlömer, Aloys Berelsmann, Herm. Bohse, Franz Breuer, Reinhold Deters, Karl Veltkamp, Herm. Stüve, Peter Moll, Aug. Witte, Leo Wennemer, Andr. Richters, Karl Schotterer." Das Denkmal wurde unter mysteriösen Umstanden zur Zufall auf dem Dachboden von Stift Tilbeck im Münsterland entdeckt und hängt seit 31. Mai 2008 auf dem neuen Ruhranen-Haus in Essen.

 




Veröffentlicht am: 20:35:43 17.02.2015
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