Latinum ad Latrinam.
Mit dem Latein am Ende?


 

Latein ist tot – es lebe Latein. Das ständige Reden davon, dass es sich um eine „tote Sprache“ handelt, ist für Bbr. Dr. Nikolaus Mantel (Unitas-Salia Bonn, Unitas Ruhrania Essen) ein blankes Ärgernis. Wiederholt stieg er in den letzten Jahren für einen anderen Standpunkt in den Ring. Seit dem vergangenen Jahr ist er Landesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes (DAV-NRW) ...

 

Seit dem vergangenen Jahr ist er Landesvorsitzender des Deutschen Altphilologenverbandes (DAV-NRW) und stellte sich dem Thema des WDR 5-Tagesgesprächs: der seit Monaten im Rot-Grün regierten größten deutschen Bundesland brodelnden Debatte um die Lateinpflicht für Lehrer. Lehramtsstudiengänge in Nordrhein-Westfalen z. B. für die Fächer Englisch, Französisch, Italienisch, Geschichte, Philosophie und Religion sollen „kritisch überprüft werden“, heißt das im Polit-Deutsch.

 

Studenten wird es zu viel

 

2013 hatte die Studentenvertretung der Ruhr-Universität Bochum den Stein ins Rollen gebracht: Der dortige AStA forderte vom Land, die Lehramtszugangsverordnung für Gymnasien und Gesamtschulen zu ändern. Bei einer Online-Petition plädierten mehr als 9.000 Unterstützer, dass für Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch die Latinumspflicht entfallen und für Geschichte und Philosophie geringere Lateinkenntnisse ausreichen sollten. Zu den Gründen zählten die Studenten, das Latinum gefährde ihre Regelstudienzeit und für die Zusatzsemester werde das Bafög gestrichen.

 

Sturm der Entrüstung

 

Prompt gab es unter den altsprachlichen Fachkollegen einen Sturm der Entrüstung, der auch das Ministerium erreichte. Aus Sicht des Bochumer AStA, der möglichst viele Erleichterungen für seine Klientel erzielen möchte, sei der Standpunkt zwar verständlich, reagierte der DAV-NRW mit einem offenen Brief an die zuständige Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Doch greife die Kritik „wohl im Sinne des Wortes zu kurz, nämlich nur bis zum Examen“, so das Schreiben. Denn für die berufliche Zukunft gelte, dass Schülerinnen und Schüler die fachliche Kompetenz der Lehrperson sofort erkennen. In mehreren Studien erwiesen sei, dass mit ihr unmittelbar Position, Akzeptanz und Respekt zusammenhänge.

Latein habe unser christliches Abendland geprägt, die romanischen Sprachen seien ohne Latein nicht denkbar, so der Verband. Ohne durch das Latinum erworbene Lateinkenntnisse könne kein Student die Wurzeln der genannten Sprachen und historische Quellen selbstständig überprüfen und sich von Medien wie Wikipedia unabhängig machen, so der DAV: „Wie kann ein Historiker Geschichte betreiben, ohne Quellen im Original zu verstehen? Von den durch den Erwerb der Alten Sprache/n generell gewonnenen Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Arbeitshaltung und Arbeitsintensität und Problem lösendes Denken einmal ganz abgesehen.“ Die studentischen Forderungen seien Symptom für Probleme, die sich aus studienorganisatorischen Gründen ergäben. Eine Aufhebung der Latinumspflicht aber sei eine auf den ersten Blick bequeme, jedoch unangemessene Lösung dieser Probleme.

 

„Förderlich, aber nicht zwingend“

 

Nicht so der Standpunkt des Schulministeriums: Latein sei für den Unterricht in Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch zwar förderlich, aber nicht zwingend. Es werde diskutiert, ob man die Lateinpflicht fallenlassen werde oder drastisch verringere, hieß es aus dem Ministerium. Doch weder gebe es einen genauen Zeitplan, einen endgültigen Fächerkanon oder eine Entscheidung, ob etwa Latein noch in einem Kurzkurs gelernt werden müsse. NRW sei das letzte Bundesland, das die Latinumspflicht noch einfordere, die Entwicklung von Sprachbewusstheit sei nicht ausschließlich an Lateinkenntnisse gebunden, eine sprachvergleichende Analyse der Lexik und grammatischer Strukturen setze die Kenntnisse mehrerer Fremdsprachen voraus. In den Fächern Geschichte und Philosophie gehörten historisch-kritische bzw. analytisch-kritische Verfahren zu den Methoden der Texterschließung, nicht die philologische Durchdringung. Das „Große Latinum" sei demnächst nur noch für angehende Latein- und Griechisch-Lehrer verpflichtend. Im Übrigen bleibe das Fach Latein ein wichtiger Bestandteil des Fächerkanons weiterführender allgemeinbildender Schulen und „stehe damit nicht zur Diskussion“.

 

Und doch soll die Reform mit der Novellierung des Lehrerausbildungs- gesetzes im begonnenen Jahr nun umgesetzt werden. Noch bis Jahres- ende angekündigte Details gab es dazu nicht mehr. Die Landesregierung wird die Rahmen setzen, dann können die einzelnen Hochschulen selber entscheiden, wie viel Latein sie verlangen.

 

Zahlen und Fakten

 

Immerhin sind Hunderttausende betroffen: Im vergangenen Jahrzehnt waren die Zahlen der Lateinschüler ständig gestiegen, aktuell sanken sie wieder. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes paukten im Schuljahr 2013/14 bundesweit rund 709.400 Schüler die lateinische Sprache – 30.000 oder 4,2 Prozent weniger als im Vorjahr und fast 100.000 weniger als im Schuljahr 2010. Zum einen hängt das mit den insgesamt zurückgehenden Schülerzahlen zusammen: Im Schuljahr 2012/13 lernten bundesweit rund 8,7 Prozent der Schüler Latein, 2010 waren es noch 9,2 Prozent. Besonders hoch war der Anteil der Latein- Schüler 2012/2013 in Bayern mit 11,4 Prozent, Schleswig-Holstein mit 11,1 Prozent sowie NRW und Rheinland- Pfalz mit 10,5 Prozent.

Stabiler sieht die Situation an den Hochschulen aus: Im Wintersemester 2013/2014 belegten 4.268 Studierende in Deutschland Latein als Fach – etwas weniger als die Rekordzahl von 4.302, die im Wintersemester 2011/2012 erreicht wurde.

 

Zweiklassengesellschaft?

 

Wie die Düsseldorfer RHEINISCHE POST im Oktober berichtete, nutzte der neue NRW-Vorstand der Altphilologen seinen Antrittsbesuch im Ministerium, um das Thema anzusprechen. Dass Schulministerin Löhrmann dabei Vorstellungen vom besonderen Bildungswert des Lateinischen als „anmaßend" und als „Schaffung einer Zweiklassengesellschaft" bezeichnete, quittierten die Altphilologen verhalten: „Wir sind enttäuscht", so Bbr. Dr. Mantel. Der Hinweis auf die anderen Bundesländer treffe nur zum Teil zu, sei damit ein administratives und politisches, aber kein fachliches Argument, hieß es in einer Stellungnahme des DAV-Landesvorstands. Die vorgebrachten Argumente zeigten sehr deutlich, dass die Aufgabe des Gymnasiums bzw. der gymnasialen Oberstufe der Gesamtschule wie auch des Lateinunterrichts nicht mehr richtig beurteilt würden.

 

Besonders bemerkenswert seien die Ausführungen zu den Fächern Geschichte und Philosophie, die auch für Religion gälten: „Daraus geht ganz klar hervor, dass ein wirklich wissenschaftlich fundiertes Lehramtsstudium, zu dem auch die philologische Erforschung und Interpretation der Quellentexte gehören müsste, gar nicht mehr Ziel der Schulpolitik ist. Dasselbe gilt für das Sprachstudium, in dem Sprache nur noch auf ihre Funktion als Mittel der Kommunikation hin betrachtet werden soll, nicht aber in ihrer Ausdrucksfülle und als Medium der Reflexion. Man male sich aus, was eine solche Verkürzung für die Qualität zukünftiger Lehrer bedeutet, die Schüler auf ein Abitur vorbereiten sollen. Diese Änderung läuft auf nichts anderes hinaus, als dass Gymnasiallehrer ohne ausreichendes wissenschaftliches Studium produziert werden.“

 

Latein als Ballast?

 

Unter dem Strich werde deutlich, dass Latein ohne wirkliches Argument nur noch als Ballast empfunden werde, so der DAV: „Das Konzept des Humboldt’schen Gymnasiums, das wir ja offiziell immer noch haben, beruhte auf dem Studium der antiken Sprachen und entfaltete dadurch seine besondere Wirksamkeit. Nach den Ausführungen des Ministeriums und der Abschaffung der Latinumspflicht wird aber das Lateinische als letzte der drei alten Sprachen, nachdem Griechisch und Hebräisch ihre Schlüsselstellung schon verloren haben, in Zukunft keinen systematischen Ort in einer gymnasialen Bildungsstätte mehr haben.“

 

Es gehöre wenig Fantasie dazu sich vorzustellen, dass in naher Zukunft die Politik sich fragen werde, warum eine Sprache, die nicht mehr gesprochen und auch sonst für kaum ein Studienfach mehr gebraucht wird, überhaupt noch unterrichtet werden soll: „Dieser Bruch mit dem Unterricht in antiken Sprachen und mit der neuhumanistischen Gymnasialbildung ist endgültig!“ Der Einsatz für das Lateinische als Schlüsselfach der Bildung wolle das Grundkonzept der gymnasialen Bildung verteidigen, rief der DAV-NRW alle Fachkolleginnen und Fachkollegen zu Protestschreiben an das Ministerium auf: „Von der Politik haben wir nur dabei wenig zu erwarten.“

 

Absolventen mit Latinum „höchstsignifikant besser“

 

Unterstützung kommt inzwischen von der Klasse für Geisteswissenschaften der NRW-Akademie der Wissenschaften und der Künste. Bei einem Treffen von Professoren, die die betroffenen Sprachen an verschiedenen Universitäten des Landes vertreten, wurden Anfang September die Ergebnisse einer Studie zum deutschen Textverständnis von 3.200 Studenten vorgestellt, bei der Absolventen mit Latinum „höchstsignifikant besser“ abgeschnitten hätten als Studenten ohne Latinum. Beispiele zeigten, dass deutschsprachige Englischstudenten ohne Lateinkenntnisse englische Texte produziert hätten, die selbst von Engländern nicht verstanden werden könnten. Auch der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Kaiser übte scharfe Kritik an den Überlegungen im Schulministerium: Das Absenken der Qualität in den Schulen des Landes sei zum Programm geworden. Doch das Abendland beruhe auf den Werten und Worten, die mit dem Latinum verbunden seien.

 

„Vehikel intellektuellen Standesdünkels“

 

Latein ist tot – es lebe Latein: Erwartungsgemäß gab auch das WDR- Tagesgespräch genau diese Spannbreite wider. Äußerten sich Anrufer einerseits dankbar über einen spannenden, begeisternden Unterricht ihrer alten Lateinpauker, monierten andere „das Vehikel intellektuellen Standesdünkels“. Auch ohne Latein komme man gut durchs Leben – mit Latein aber noch besser, so wiederum andere. Ja, diesen Dünkel habe es durchaus gegeben, konterte Bbr. Mantel. Und er könne auch nicht ausschließen, dass es ihn heute noch gebe. Doch sei der Beruf längst keine Profession für ältere Herren in gutem Anzug mehr. Heute gehe der Lateinunterricht ganz anders auf die Schüler ein, die gerade in den Unter- und Mittelstufen noch gerne bei den Erzählungen aus der Antike mitgingen, bei Mythologie, Sagen und Geschichte, die ohne Lateinunterricht kaum noch jemand mitbekommen würde. Nachdrücklich verwies Bbr. Mantel auf den Analphabeten Karl den Großen, durch dessen Bildungsinitiative die klassische Zivilisation in Literatur, Religion und Wissenschaft bis auf den heutigen Tag bewahrt und Grundlage allen Denkens und Forschens geblieben sei.

 

Züchten dummer Lehrer?

 

Gleichwohl: auf das Latinum als Zugangsvoraussetzung verzichten die Universitäten in immer mehr Studienfächern – etwa in Medizin und Jura. Auch für viele der neuen Bachelor- Studiengänge wird der Latein-Nachweis gestrichen. Und an vielen Schulen wächst Spanisch zum starken Konkurrenten. Gerade hier zeige sich aber, wie wichtig das Lateinische als Grundlage für den Erwerb von Fremdsprachen überhaupt sei, unterstrich der Vorsitzende der Altphilologen: Es schule wie keine moderne Fremdsprache das genaue Hinsehen, liefere Kompetenz zum Lesen und zum Verstehen – ganz abgesehen davon, dass gerade bei den romanischen Sprachen die Struktur sehr ähnlich sei. „Latein ist eine ganz wesentliche Quelle, um sprachlichen Erscheinungen auf den Grund zu gehen, um zu begreifen, was eigentlich gemeint ist. Jemand, der Chinesisch lernt, mag darauf verzichten können, aber ich kann mir keinen Romanistik- oder Anglistikstudenten vorstellen, der ohne Latein auskommen könnte. Man züchtet – ich sage das mal brutal – dumme Lehrer heran, die die Grundlagen ihres Faches nicht mehr in ausreichender Weise beherrschen.“

 

Sekundäre Latinität

 

Nicht zuletzt sei Latein ein sehr guter Schlüssel für Fremdworte, so Bbr. Mantel: „Wir können von einer sekundären Latinität sprechen – bis hin zu allen Ausdrücken unserer digitalen Welt von heute.“ Sein Fazit: Wer im dicht gedrängten Studium das Lateinische nachholen müsse, werde heute hart getroffen. „Das ist natürlich nicht jedermanns Sache. Für Leute, die Latein an der Uni in drei Semestern nachlernen müssen, ist es einfach oft eine Quälerei. Dann doch besser in der Schule. Nur in der Schule hat man noch die Zeit, die Sprache und alles, was damit zusammenhängt, zu lernen.“

 

Kirche und Latein

 

Als Bewahrerin ihrer Amts- und Liturgiesprache scheint aber auch die Kirche kaum noch in Erscheinung zu treten: Ihr galt die lateinische Fassung der Bibel in der „Vulgata“-Übersetzung des Hl. Hieronymus als Grunddokument der christlich geprägten Zivilisation. Doch das hat sich deutlich gewandelt: Als Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 vor den versammelten Kardinälen in geschliffenem Latein seinen Rücktritt verkündete, sollen manche der Kardinäle seine Rede gar nicht richtig verstanden haben – sie waren offensichtlich mit ihrem Latein am Ende.

 

Auch daran blieb Bbr. Dr. Mantels Antwort nicht ohne Kritik: „Latein ist in der Katholischen Kirche bis zum II. Vatikanischen Konzil die für alle verbindliche Kirchensprache gewesen, doch das hat sich stark verändert“, verwies er auf das Wachsen einer alle Kontinente umspannenden Weltkirche. „Irgendwann, fürchte ich, wird die Kirche jedoch erleben, dass eine babylonische Sprachverwirrung entsteht. Ich nehme es der Katholischen Kirche schon ein klein wenig übel, dass Latein nicht mehr diese früher wichtige Rolle spielt. Auch dass wir als Verband in unserer Bemühung, den Lateinunterricht an den Schulen aufrecht zu erhalten, von ihr keinerlei Unterstützung erfahren haben. Dass man der Meinung ist, dass angehende Religionslehrer nicht mehr in der Lage sein müssen, mit dem großen Latinum die Bibel auf Lateinisch lesen zu können. Ich halte das für einen Fehler.“

 

Latinum ad latrinam?

 

Das Ministerium übrigens hatte in seiner Stellungnahme auf den Handwerksmeister hingewiesen, der mit seinem Abschluss auch ohne Abitur studieren kann. „Wir hatten nicht den Mut, danach zu fragen, ob das heißt, dass man grundsätzlich auch Architektur oder Technik ohne grundlegende Mathematikkenntnisse studieren kann“, äußerte sich dazu lapidar der DAV-Landesverband in seiner Stellungnahme im Internet. Das mag sein: Er hätte aber immerhin darauf aufmerksam machen können, dass es die Römer waren, die den ersten Beton anrührten. Oder darauf, dass es über die Mauer bis zum Ziegel oder zur Kelle überhaupt kaum einen Begriff im gesamten Baubereich gibt, der nicht aus dem Lateinischen kommt.

 

Gaudeamus igitur

 

Gerade wenn es im Studium nicht immer nur zu lachen gibt – zumal unter den heutigen Bedingungen: Ein kräftiges „Gaudeamus“ hilft manchmal Wunder. Auch im sprachlichen Erstkontakt und am besten wohltönend gesungen. Zur Not reicht eben auch ein passendes Zitat. Das zu erkennen – und möglicherweise auch zu verstehen – ist sicher auch ein Teil von Bildung, sei es in der Geschichte, Politik, Musik oder Architektur. Ganz ohne Standesdünkel sowieso. Also: Fiducit!

 

VORABDRUCK AUS DER VERBANDSZEITSCHRIFT UNITAS.

Zum ganzen Artikel aus der neuen Ausgabe der Verbandszeitschrift unitas 1/2015, 155. Jg., 38-41




Veröffentlicht am: 18:43:53 22.01.2015
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