Der mit dem Bock tanzt.
Oder: Keine Panik, Leute.

 

Schön war er nicht. Über die Eltern ist man bis heute nicht ganz einig und im Götterhimmel war kein Platz für ihn. Mit seinen Bocksbeinen und gedrehten Hörnern streifte der zottelige Pan am liebsten durch die glückseligen Täler in der Idylle Arkadiens. Er wuchs heran, wurde ein fröhlich-unbekümmerter Geselle, tanzte zu jedem Schalk aufgelegt durch die Wälder, machte und nahm, was er wollte und hatte einen diebischen Spaß daran, die schwitzenden Hirten zu ärgern. Der kleine Nichtsnutz legte sich in die Sonne, pustete in die Schilfrohr-Flöte, die er erfunden hatte und seine Mittagspause war ihm heilig. Doch eines Tages wurde er beim selbstzufriedenen Dösen durch irgendeinen Umstand in seiner geliebten Siesta gestört. Erschreckt und wütend brüllte er wie von Sinnen - so laut, dass alle Tierherden in hirn- und zügellos tobende Raserei verfielen. Die erste Massenpanik der Geschichte.

 

Mag sein, dass Pans Mutter eben doch die smarte Nymphe Hybris war, wie manche vermuten. Kein sehr charmanter Name, den ihr die alten Griechen da gaben. Schließlich bedeutet er nicht nur „Übermut“, sondern auch „Anmaßung“ und steht für einen frechen Hochmut und eine Selbsteinschätzung, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ein stolzglänzendes, verblendetes Selbstbild reiner Einbildung, das durch nichts gerechtfertigt ist - weder durch Leistung, Verdienst noch durch besondere Fähigkeiten. Und das vor allem genau dort auftritt, wo Gier und Lust an der Macht herrschen, wo jeder leichten Versuchung nachgegeben wird, wo Maß und Ordnung aus dem Tritt sind, wo jeder käuflich wird. Und wo im Grunde nichts anderes als die Angst regiert, dass der ganze banale Schwindel auffliegt.

 

Hybris lässt Hörner wachsen

 

Schon wer sich als Einzelner in eine solche Haltung hineinmanövriert, hat es auf Dauer echt nicht leicht. Der emotionale, psychische und physische Megastress ist programmiert. Höchst bedauernswert. Wenn es aber gleich viele auf einmal machen, wird ein echtes Problem draus. Man stelle sich eine ganze Gesellschaft vor, in der sich zu viele auf den Verdiensten anderer ausruhen, sie als eigene verkaufen, die ihre gemeinsamen Grundlagen von Würde, Freiheit und Recht aushöhlen und auf Kosten anderer für leichtes Geld hemmungslos drauflos manipulieren. Denen Hörner wachsen, ohne dass sie es bemerken. Und die trotzdem das sogar noch anderen auf dem ganzen Globus als unschlagbare zivilisatorische Spitzenleistung aufdrängen.

 

Arkadiens Idylle ist trügerisch

 

Alle Achtung: Wer tatsächlich glaubte, all das würde ohne Konsequenzen, bleiben, der muss selber eine Menge Hörner tragen, den ganzen Tag selbstverliebt hinter der Hecke flöten oder im Tunnel permanenter Wirklichkeitsverweigerung leben. Denn er lebt nichts als dem schönen Schein, einem trügerischen Traum, der notwendigerweise zum Trauma werden wird.

 

Denn ein Panikschrei reicht. Und schon bricht sich das unkontrollierte Chaos Bahn. Verfallen die einen in lähmende Starre, jagen andere kopflos voran, stampfen sämtliche Vernunft und Logik ins Pflaster, keinem Argument mehr zugänglich. Die Symptome sind zu offensichtlich. Keine Selbstbeherrschung, kein Sinn für Verantwortung, kein Überblick - und der organisierte Selbststress wird zur Falle.

 

Ein Nichtsnutz streift durchs Land

 

Zu besichtigen ist das nicht nur in seiner arkadischen Heimat, wo der alte Pan derzeit wieder heftig brüllend durch die Lande torkelt. Sein Bölken donnert längst in den fast rettungslos verloren scheinenden Wüsten der Levante, durch den Nahen und Mittleren Osten, die Gebirge Nordafrikas. Es lärmt bis in die Neue Welt und auf die Terra Incognita Australiens, hat ganz Nordamerika im Griff und will auch den alten Kontinent erschüttern. Er ist einfach nicht totzukriegen, dieser missratene Sohn der Hybris, den sie schon im Olymp nicht haben wollten.

 

Im Morgenland und im Abendland hatte er schon immer auch einen anderen Namen: Er ist der „Durcheinanderwerfer“, der große Verwirrer, wie die Griechen den diabolos nannten. Der auf allgemeine katastrophale Alarmstimmung spekuliert, alles auf den Kopf stellt, alles ins Gegenteil verdreht, damit dem Hirn vor lauter endzeitlichem Krisengeschwafel zuletzt alle Sicherungen durchbrennen.

 

„Panik et circenses“

 

Längst hat der Bocksbeinige unserer Zeit Abermillionen von automatischen Waffen, blödsinnige Schlachtrufe und Pandemien von Totschlagargumenten über den ganzen Erdball verteilt, jagt in Millisekunden Börsenkurse in jede Richtung vor sich her, wirft sich selbst aber in viele bunte lustige Kostüme, um von seiner wahren Natur abzulenken. Ein Nichtsnutz mit vielen Helfershelfern mit ihrem Panik-Zirkus voll abenteuerlich biederer Masken und Transparenten voller wohlfeiler Parolen. Über die sich zuletzt selbst die besten Freunde plötzlich in die Bärte gehen. Und die Verwirrung ist perfekt.

 

Doch wer den berühmten Pferdefuß erkennen will, sollte aufpassen. Er darf selbst keine Hörner bekommen. Und sollte trotz heiliger Mittagsruhe wachsam und souverän genug bleiben, um nicht selbst auch noch in das kakophone Panikgebrüll mit einzustimmen. Weils ja andere auch machen. Denn auch die schlimmsten Durcheinanderwerfer unserer Tage werfen sich zuletzt doch nur selbst durcheinander. Also: Keine Panik, Leute. Und hier hatte sogar der schon immer zerknautschte Udo Lindenberg schon immer wirklich recht.

 
CB




Veröffentlicht am: 16:45:18 08.01.2015
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse