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Schulfrei für alle: Berlin machts vor

 

Das ist aber schön. Berliner Schulkinder bekommen ab 2015 immer am 21. Juni schulfrei, wenn sie einen Antrag stellen. Nicht etwa, weil ein Verein diesen Tag tatsächlich irgendwann mal zum „Tag des Schlafes“ ausgerufen hat.

Auch nicht, weil am 21.6.1767 Tahiti entdeckt wurde oder weil sich die Deutsche Kriegsflotte am 21.6.1919 in Scapa Flow selbst versenkte. Oder weil der Tag als „Schmach von Cordoba“ in die Geschichte einging, als am 21.6.1978 die Österreicher die Deutschen mit 3:2 vom Platz putzten. Auch nicht, weil Mickie Krause oder Edward Snowden an diesem Tag Geburtstag haben.

 

Welthumanisten-Tag wird schulfrei

 

Nein, für den „World Humanist Day“ am 21. Juni gelten in Berlin nunmehr die gleichen Regelungen wie für unterrichtsfreie Tage aus religiösen Gründen. Der Tag sei ab jetzt unterrichtsfrei, werde nicht als Fehltag gewertet. Und die Beurlaubung setze die Zugehörigkeit zu einer Weltanschauungsgesellschaft voraus. Dies sei in die neue Ausführungsvorschrift (AV) Schulbesuchspflicht aufgenommen worden, wie die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft am 8. Dezember 2014 bekanntgab. Na, dann sollte man wohl schnell Mitglied werden.

 

„Der Welthumanistentag soll humanistischen Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit geben, über den Zusammenhalt und das Miteinander in unserer Gesellschaft nachzudenken und ihre Feierkultur zu pflegen“, so Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Sie reagierte damit auf einen Antrag des Humanistischen Verbands Deutschland/Berlin-Brandenburg – ungeachtet der Tatsache, dass noch 2013 das Verwaltungsgericht Berlin die Klage einer Mutter auf Anerkennung des Welthumanisten-Tages als Grund für eine Befreiung ihres Sohnes vom Schulunterricht abgewiesen hatte.

 

Lebenskunde im Trend

 

Doch der neue Feiertag diene dazu, das Bewusstsein für die Bedeutung von humanistischen Ideen und Überzeugungen zu verbessern, begründete die Senatsverwaltung. Und lieferte Zahlen, nach denen die Teilnehmerzahlen für das Fach „Humanistische Lebenskunde“ an Berliner Schulen kontinuierlich stiegen. Während im Jahr 2007/2008 noch 44.758 Kinder am Lebenskundeunterricht teilnahmen, seien es 2013/2014 bereits 55.559 und im Schuljahr 2014/15 55.689 Schülerinnen und Schüler.

 

Insgesamt nähmen 169.847 Schülerinnen und Schüler am freiwilligen Religions- und Weltanschauungsunterricht an den allgemein bildenden Schulen überhaupt teil. Der größte Anteil entfalle mit 78.771 Teilnehmerinnen und Teilnehmern (23,9 Prozent der Gesamtschülerzahl) auf den evangelischen Religionsunterricht, gefolgt von 56.380 (17,1 Prozent) am humanistischen Lebenskundeunterricht und 24.176 (7,3 Prozent) am katholischen Religionsunterricht. An den öffentlichen Schulen beteiligten sich 49,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Religions- und Weltanschauungsunterricht - also nicht mal die Hälfte -, an privaten Schulen 71,3 Prozent.

 

Sommersonnenwende-Feiern?

 

Worum geht’s denn nun bei diesem Welthumanisten-Feiertag, den am 21. Juni 1986 der Weltkongress der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) in Oslo ins Leben rief? Weltweit werde er von etwa fünf Millionen Humanistinnen und Humanisten begangen, erklärte die Senatsverwaltung. Und wer sich weiter informiert, findet schnell Erstaunliches: Der Feiertag gehe zurück auf eine von der Antike bis heute andauernde atheistische Tradition und knüpfe an das astronomische Ereignis der Sommersonnenwende an, heißt es. Ach. Hatten wir das nicht schon mal?

 

Ganz in diesem Look präsentiert sich übrigens auch die Website des „Feiertags für alle, die auch ohne Religion gut leben“ (http://welthumanistentag.de/ueber) - mit Schattenmenschen vor gleißendem Sonnenschein. Im Originaltext der Seite liest sich das so: „Schon seit Jahrtausenden nutzen vielen Kulturen der Welt das astronomische Ereignis der Sonnenwenden, um Feste zu feiern. Auch eine wachsende Zahl nichtreligiöser Menschen nimmt seit einigen Jahrzehnten die Sommersonnenwende zum Anlass, am „längsten Tag des Jahres“ den Dialog über ihre Überzeugungen und Erfahrungen zu erneuern und sich bei gemeinsamen Feiern zu begegnen, wiederzusehen und auszutauschen.“ Pardauz. Das ist für alle Freunde des gepflegten Sommergrillens natürlich ein Grund zum Feiern – keine Frage.
 

Doch guckt man sich den Initiator und ersten Präsidenten der 1952 in Amsterdam gegründeten Internationalen Humanistischen und Ethischen Union (IHEU) an, kann man durchaus einige Fragen mehr haben, was es da eigentlich zu Feiern gibt: Der britische Zoologe Julian Sorell Huxley (1887-1975), auch aktiv in der Gründungsphase der UNESCO, spielte eine starke Rolle in der Durchsetzung der Lehre Darwins und prägte die Idee eines „evolutionären Humanismus“. Als langjähriger Präsident der britischen Eugenik-Gesellschaft stand er stramm für eine Geisteshaltung, die in Deutschland unter dem Schlagwort „Rassenhygiene“ und „Blutreinheit“ eine üble Karriere machte. Das spätestens dürfte allerdings einigermaßen seltsam sein. Welche „Welt-Anschauung“ ist denn hier am Start?

 

Überhaupt seltsam, dass sich der von der Humanistischen Union so propagierte „Humanismus“ für seinen neuen Schul-Feiertag nicht auf jemanden wie die Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner (1843-1914) beruft, deren Todestag just am 21. Juni auf dem Kalender steht. Nicht weniger vorbildlich dürfte das Beispiel des jungen Jesuiten Aloisius von Gonzaga (1568-1591) sein, der mit 23 Jahren bei der Pflege von Pestkranken starb und der - jahrhundertelang als Patron der Jugend und der Schüler (!) gefeiert - ebenfalls am 21. Juni jeden Jahres auf dem Kalender steht. Was wäre übrigens, wenn sich jetzt ein katholischer Berliner Schüler ausgerechnet darauf berufen würde und aus weltanschaulichen Gründen ebenfalls einen Antrag auf Befreiung vom Unterricht einreicht?

 

Unsere Forderung: Schulfrei für alle

 

Nana. Aber - natürlich – wo kommen wir dahin, wenn man jetzt den ganzen römischen Festkalender durchbuchstabiert? Mindestens für katholische Christen gäbe an jedem Tag immerhin gleich mehrere triftige Gründe, seine „Feiertagskultur zu pflegen“ oder „über den Zusammenhalt und das Miteinander in unserer Gesellschaft nachzudenken“, wie die Berliner Schulsenatorin meinte. Denn darum scheint es ja zu gehen.

 

Mal eine Frage: Ist es übrigens richtig, dass am 21.6. zukünftig nur „Humanisten“ freikriegen? Müssen im Umkehrschluss jetzt alle Humanisten zur Schule, wenn christliche Feiertage auf dem Kalender stehen? - Karfreitag, Ostern, Weihnachten, Allerheiligen - oder was da noch immer gefeiert oder verpennt wird. Na, das gäbe aber ein heilloses Durcheinander. Und wenn sich jemand am 21.6. zur Not auch noch auf den Geburtstag von Mickie Krause berufen würde, um frei zu bekommen? Der passt schließlich nun wirklich zu jeder Sonnwend-Grillparty. Hand aufs Herz: Einen Grund zum Feiern gibt’s doch immer. Und zwar an jedem Tag. Und das ist gut so.

Mannomann. Berlin bleibt doch Berlin. ...

 

 

 

 

Quellen:

Freiwilliger Religions- und Weltanschauungsunterricht an Berliner Schulen im Schuljahr 2014/15, Pressemitteilung vom 03.12.2014

Schulbefreiung am Welthumanistentag, Pressemitteilung vom 08.12.2014

 

Links:

DOSSIER: Berlin im Weltanschauungsstreit

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Veröffentlicht am: 18:58:18 08.12.2014
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