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„Es ist guter Brauch” -
Informative Zeitreise in der Alten Cuesterey

ESSEN. Bis zum 4. Januar 2015 sind in der „Alten Cuesterey“ am Borbecker Weidkamp Bräuche und Traditionen zwischen Erntedank und Lichtmess zu sehen. Der Besuch der aktuellen Ausstellung des Kulturhistorischen Vereins Borbeck e.V. nach einer Idee von Bbr. Dr. Baldur Hermans (Unitas Stolzenfels Bonn) lohnt – selten wurde zu diesem Thema eine solche Fülle zusammengetragen.

Erinnerungen aus dem Krieg

Es rührt an: Unvermittelt steht der Betrachter vor einem Brief des Schriftstellers Otfried Preußler, dem Schöpfer des „Hotzenplotz“, der „Kleinen Hexe“ und des „Kleines Gespenstes“. Büchern, die ganze Generationen begleitet haben. Und sein Brief ist an den Borbecker Fredy Kleine-Möllhoff gerichtet, mit dem er 1944-1949 im Kriegsgefangenenlager im russischen Kasan war.

„Lieber alter Freund“, schreibt Preußler, „Was für ein Wiedersehen nach dreißig Jahren! Und welche nachträgliche Weihnachtsfreude für mich! Es freut mich, dass es Dir gelungen ist, diese kleine Krippe … trotz aller Kontrollen nach Hause mitzunehmen. … Ich bin während der letzten Jahre dreimal in Russland gewesen, da sind mir unsere damaligen Erlebnisse jedesmal wieder besonders deutlich vor Augen getreten. Und Dich, lieber Fritze, sehe ich noch ganz lebhaft vor mir, wie Du an der Drehbank stehst, ein bisschen ölverschmiert – und immer guten Mutes ….“.

In der Hoffnung, bald wieder nach Hause zu kommen, hatten sie damals an der Wolga für die Weihnachtsfeier im Lager eine kleine Krippe gebaut. Fredy Kleine-Möllhoff besorgte Material, Dachpappe, Messer und Wasserfarben, Otfried Preußler zeichnete die Figuren, die aus der Pappe ausgeschnitten und mit Butterbrotpapier hinterklebt wurden. Eine Kerze beleuchtete die buntgemalte Krippenfigur von hinten.

Doch der Traum von einer schnellen Heimkehr zerschlug sich. In den folgenden Jahren der Gefangenschaft wurden auf dieselbe Weise noch ein Hirtengruppe und 1948 die Heiligen Drei Könige angefügt. Und obwohl 1949 die Entlassenen von den russischen Aufsehern peinlich genau durchsucht worden, schmuggelte Kleine-Möllhoff die Krippe zwischen zwei Bodenbrettern seines Rucksacks unbeschadet bis nach Hause nach Borbeck. 2014 ist sie nun erstmals in der Alten Cuesterey öffentlich zu sehen.

Bräuche im Jahreslauf

Eine kleine Bastelarbeit - und doch eine ganze Lebensgeschichte zugleich. Wie sie hinter vielen der zahlreichen Exponate aus Borbecker Haushalten und aus dem Fundus des Kultur-Historischen Vereins Borbeck e.V. stehen mögen. Sie schlagen in der „Alten Cuestery“ an der Kirchtreppe bis zum 4. Januar einen breiten Bogen von Erntedank bis Lichtmess. Gezeigt werden die Bauernheiligen, Wetter- und Kräutersegen, Flurprozessionen und Wegkreuze, Rosenkränze und die Verehrung des Hl. Franziskus, die Bedeutung von Allerheiligen und Allerseelen mit erstmals präsentiertem Mitgliederverzeichnis der Todesangstbruderschaft von 1770. Aber auch mit einem Blick auf das aus den USA übernommene „Halloween“-Treiben, das von einer Jugendgruppe im Gewölbekeller des Gebäudes dargestellt wird.

Über den Reformationstag, Martin Luther und einen prächtigen St. Martin im Legionärskostüm geht es zum Hoppeditzerwachen 11. im 11., und über Caecilia als Patronin der Kirchenchöre, den Totensonntag und Volkstrauertag erreicht der Rundgang den Advent mit seinen zahlreichen Aspekten. Mit der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, Adolph Kolping, den schön gewandten Nikolaus und die Hl. Luzia geht es schließlich auf Weihnachten zu: Zu sehen sind unter anderem ein Weihnachtsbaum mit altem Baumschmuck, Krippen und Briefwechseln mit Postkarten von der Kriegsweihnacht im Ersten Weltkrieg. Mit Silvester, den Hl. Drei Königen, den Sternsingern, dem Bohnenkönigfest und dem Blasiussegen schließt diese Zeitreise, zu der auch das jüdische Laubhüttenfest und das Chanukka-Fest gehören.

Eine wohlwollende Provokation

Die liebevoll zusammengetragene Schau im Herzen von Borbeck will keine rückwärtsgewandte historisierende Sicht einnehmen. Sie ist in einer Zeit totaler Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche durchaus als Konfrontation und „wohlwollende Provokation“ gedacht, so die Ausstellungsmacher. Denn vielfach werde heute deutlich, dass die jahreszeitlichen Gedenktage und geprägten Zeiten nicht mehr in ihrem ursprünglichen Sinn verstanden werden. Anliegen sei, diese Zusammenhänge neu zu verdeutlichen. Wer Bräuche als überholt ansehe, übersehe, dass sie vielfach durchaus lebendig sind. Und dass sie auch heute vielleicht auch immer noch „gebraucht“ werden. Nicht erst in schweren Zeiten, wie das Beispiel der erstmals öffentlich gezeigten geretteten Kriegskrippe von Otfried Preußler aus dem russischen Kasan zeigt.

Begleitprogramm und Broschüre

Zu der von einem engagierten Team gebauten Ausstellung stehen zahlreiche Veranstaltungen auf dem Begleitprogramm: Es gibt Vorträge und Gespräche über „Umbrien – Das grüne Herz Italiens“, Aachen und Karl den Großen, über Märchen, den Heiligen Franz von Assisi, die Geschichte und Botschaft der Weihnachtskrippe, aber auch Angebote zum aktiven Mitmachen. Sechs- bis zwölfjährige Kinder basteln für (Vor-)Weihnachtszeit, der Imkerverein Essen Borbeck hilft beim Kerzenmachen, und am 28.11. wird das Advents-Fenster an der Alten Cuesterey mit Rezitation, Gesang und Glühwein eröffnet. Auch musikalisch ist einiges geplant, es werden adventliche Gedichte zitiert, eine Feier für die Schutzpatronin der Bergleute St. Barbara sorgt für „Pütt-Nostalgie“ und die Jahresausstellung des Kultur-Historischen Vereins Borbeck klingt mit einem Kammermusikkonzert aus. Eine Exkursion wird Krippen in Kirchhellen vorstellen.

Zu der Schau sind ein informativer Flyer und eine 60-seitige Begleitbroschüre mit erklärenden Texten erschienen, die von den Bundesbrüdern Dr. Baldur Hermans und Dr. Christof Beckmann zusammengetragen und verfasst wurden. Sie ist für 2 Euro während der Öffnungszeiten in der „Alten Cuesterey“ zu bekommen. 

 INFOS:

„Es ist guter Brauch” - Brauchtum, Bräuche, Traditionen und Feste von Erntedank bis Lichtmess.

Ausstellung vom 15. November 2014 bis 4. Januar 2015 im Museum Alte Cuesterey, Weidkamp 10, 45355 Essen-Borbeck, Öffnungszeiten: 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung, Montags, Heiligabend, 1. Weihnachtstag, Silvester und Neujahr geschlossen. Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen frei! 

Der informative Flyer zum Download.




Veröffentlicht am: 21:14:28 23.11.2014
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