Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Straßburg / Foto: DAVID ILIFF. License: CC-BY-SA 3.0

Am 25. November in Straßburg:
Papst Franziskus spricht vor EU-Parlament

 

STRASSBURG. Es ist sein erster Besuch in einem europäischen Land - zumindest außerhalb Italiens: Am Dienstag, 25. November 2014, wird Papst Franziskus ab 11.15 Uhr in Straßburg zu den 751 Abgeordneten aus 28 europäischen Staaten sprechen und gegen Mittag den Europarat besuchen, die vor 65 gegründeten älteste europäische Institution mit ihren 47 Mitgliedsstaaten.

 

Seine Rede vor dem Parlament, das immerhin 507 Millionen Menschen repräsentiert – doppelt so viele wie in den USA und Russland zusammen – und das noch vor allen ehrenvollen Staatsbesuchen: Schon das kann als Zeichen gewertet werden. Und kein Redner zuvor löste solch ein Interesse aus: Längst sprengt der Papstbesuch in der Stadt, die zugleich Sitz des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte ist und sich selbst als „Hauptstadt Europas“ versteht, alle Rekorde bei den akkreditierten Medienvertretern.

 

Erinnerungen an Papst Johannes Paul II.

 

Papst Franziskus freilich nicht der erste prominente Gast des Parlaments, vor dem als bislang einziger Papst Johannes Paul II. (1978-2005) 1988 sein Wort an die Volksvertreter richtete. 26 Jahre später wird man sich nun auch wieder an ihn erinnern, an sein beschwörendes Wort, dass Europa mit zwei Lungenflügeln atmen müsse - mit einem neuen Westen und einem neuen Osten, vereint in Frieden. An die berechtigten Sorgen der Ostblock-Machthaber, die sehr wohl wussten, dass die größte Gefahr für ihr Regime von diesem in Diktaturen aufgewachsenen Überraschungs-Papst ausging, von seiner Unterstützung für die mutige polnische Gewerkschaftsbewegung „Solidarnosc“, die zum Riss im Eisernen Vorhang und zum Fall der Mauer führte. Und zur vollständigen Veränderung unserer Welt.

 

Das neue Europa

 

Vor allem spürbar ist dies in Europa, in diesem immer wieder von Kriegen erschütterten Kontinent mit seinen vielfältigen kulturellen Traditionen und Sprachen, mit seinen immensen Beiträgen zur Zivilisations- und Geistesgeschichte, mit all den Ländern von unterschiedlicher größte und Wirtschaftskraft.

Aber auch mit seinen furchtbaren Erfahrungen aus den größten und katastrophalsten Kriegen, die die Menschheit je geführt hat. In dem Teil der Erde, auf dem sich alle Bürger der Europäischen Union 2012 unverhofft als Friedensnobelpreisträger wiederfanden, nach Jahrzehnten der Entwicklung zu einem Kontinent des Friedens – wie ihn der erste Präsident des Europäischen Parlaments Bundesbruder Robert Schuman und viele andere nach den gnadenlosen Verwüstungen des letzten Weltkrieges geträumt hatten.

 

Eine Einladung des Parlaments war auch an den Nachfolger von Papat Johannes Paul II., an Papst Benedikt XVI. (2005-2013), gerichtet worden, konnte jedoch vor dessen Amtsverzicht nicht mehr umgesetzt werden. Jetzt also Franziskus, der in seiner kurzen Amtszeit viele Themen seiner Vorgänger aufgriff und inzwischen sehr eigene Signale stellte. Sein weltweit beachteter persönlicher Besuch in Lampedusa, seine flammenden Reden zum Elend des andauernden Flüchtlingsdramas weltweit und auch an Europas Grenzen, seine Einlassungen zum wilden Treiben in der Weltwirtschaft, auf den Finanzmärkten und seine mahnenden Appelle gegen die kriegerischen Auseinandersetzungen unserer Zeit waren nicht zu überlesen oder zu überhören.

 

Moralische Autorität

 

Schon jetzt wird heftig spekuliert, welche Schwerpunkte er setzen wird. Er komme nicht als politischer Ratgeber, stellte Vatikansprecher Pater Lombardi SJ dieser Woche klar. Aber daran glaubt sicher niemand. Auch sicher nicht Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD), der ihn einlud und vorab die große moralische Autorität des Kirchenoberhaupts rühmte.

 

Nur was geschieht, wenn Papst Franziskus in der „Feierlichen Sitzung“ - so die Tagesordnung des Parlaments - wirklich tatsächlich auf die ungelösten Fragen einer gemeinsamen Flüchtlingspolitik eingeht, wenn er ein stärkeres europäisches Engagement für die Verlierer der Globalisierung einfordert? Wenn er unmissverständlich klarmacht, dass die Situation der Familie, der Alten und Pflegebedürftigen in unseren Gesellschaften mehr als zu wünschen lässt? Oder wenn er klarstellen sollte, dass das Erbe und vielleicht sogar die ausdrückliche Mission des christlichen Abendlandes nicht verschleudert werden darf? Dass sein Bild vom Menschen aus seiner gottgegebenen einzigartigen Würde begründet ist, dass daraus konkrete Pflichten für das politische Handeln folgen und dass es oft genug nicht klappt? Man darf gespannt sein.

 

Pressekonferenz mit Bbr. Kardinal Marx

 

Aus seiner Sicht wird dies am selben Tag Bundesbruder Reinhard Kardinal Marx am Straßburger Sitz des Europäischen Parlaments einordnen. Der Erzbischof von München und Freising, Präsident der Kommission der europäischen Bischofskonferenzen (COMECE), stellt sich bei einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz gegen 16 Uhr im Ehrensaal des Louise Weiss-Gebäudes den Fragen der Journalisten. Ein weiteres klares Zeichen dafür, dass die Kirche in den weltlichen Dingen – gerade in Europa - nicht abseits steht.

 

Erst vor zwei Wochen versammelte sich die Organisation mit Sitz in Brüssel im Rahmen ihrer Herbstvollversammlung in Verdun, um auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges der europäischen Urkatastrophe zu gedenken. Doch die Katholische Kirche in Europa belässt es nicht bei symbolischen Aktionen. Sie mischt sich ein in grundsätzliche und Tagesfragen der Politik. Ob bei jüngsten Beratungen über das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, bei Migration und Asyl, Forschung und Biothik. Sie ist aktiv im interkulturellen und interreligiösen Dialog, engagiert sich für nachhaltige Entwicklung und den Schutz der Schöpfung. Und hat just am Tag nach dem Papstbesuch den wuchernden kriminellen Menschenhandel in der Europäischen Union auf die Tagesordnung gesetzt, um in der Politik auf Lösungen zu drängen, den Opfern zu helfen und den Angriff auf die Menschenwürde zu ächten.

 

... Europa geht.

 

Die „Causa Europa“, die Vision von Bbr. Schuman und allen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Fundamente für das gemeinsame Haus zogen, ist längst nicht erledigt. Aller populistischen Geschwätzigkeit zu Verwaltungsentscheidungen, Superbürokratie oder zum Krümmungswinkel von Importbananen zum Trotz: Europa ist eine Frage der Vernunft und längst eine Wirklichkeit. Damit werden sich Kritiker endlich abfinden müssen.

 

Die Ereignisse in der Welt und die Krisen an den Rändern des Kontinents zeigen, dass es ohne ein vereintes Europa nicht geht. Europa geht – aber nur mit Europäern, die das verstanden haben. Vielleicht wird auch dazu nach der Papstrede manches klarer werden. Denn Europa ist kein leerer Begriff, Europa ist die Bezeichnung für eine Aufgabe. Und die hört an den eigenen Grenzen nicht auf.
C. Beckmann

 

 

 

HINWEIS:

Der Besuch des Papstes im Europäischen Parlament kann über die Web-Medien des Europäischen Parlaments live mitverfolgt werden. Mehr: http://audiovisual.europarl.europa.eu/Page.aspx?id=1707.

 

LINKS:

Europaparlament: http://www.europarl.europa.eu/portal/de;

Vatikan: http://w2.vatican.va/content/vatican/de.html

 

Zum Thema auf Katholisch.de:

Als Friedenspapst ist Benedikt XV. bekannt geworden. In der Zeit des Ersten Weltkriegs setzte er sich für die europäische Aussöhnung ein. Doch auch viele seiner Nachfolger sind als große Freunde und Förderer der Europäischen Idee in Erinnerung geblieben.

-> http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/politik/141120_europa_und_die_paepste.php

 

Die Unitas und Europa:

Der Verband der Wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas hat bei seiner 130. Generalversammlung 2007 in Trier auf Antrag der UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund ein klares Bekenntnis zu Europa abgelegt. 50 Jahre nach der Unterzeichnung der „Römischen Verträge“ verpflichteten sich die Ortsverbände, die Vertiefung und Sicherung des christlichen Wertefundaments Europas und die Frage nach der Zukunft des Kontinents zum Querschnittsthema der gesamten Verbandsarbeit in allen Ortsvereinen und Gremien zu machen.

Mit seiner Entscheidung folgte der Verband zugleich der Aufforderung von Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben an die 130. Generalversammlung: „In diesem Sinne an der Zukunft Europas und der ganzen Welt gestaltend mit­zuarbeiten, ist ein Auftrag auch und gerade an die Unitarier. So werden sie selbst als Christen zum Fundament Europas.“

-> http://www.unitas-ruhrania.org/index.php?newsid=189&section=news&cmd=details&printview=1

 




Veröffentlicht am: 14:36:06 21.11.2014
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse