Märtyrerpfarrer ist rehabilitiert

Bbr. Pfarrer Joseph Müller starb vor 70 Jahren

 

GROSS DÜNGEN. Jubel im überfüllten Gemeindesaal des Joseph-Müller-Pfarrhauses am 11. September im niedersächsischen Groß Düngen: Der von den Nationalsozialisten ermordete Bbr. Joseph Müller ist rehabilitiert. Die zuständige Staatsanwaltschaft Berlin bescheinigte die Aufhebung am 11.6.2014. Das teilte der Antragsteller, Bbr. Friedhelm Rudolph, heute in einem Bericht an die Unitas-Zeitung mit. Der pensionierte Amtsrichter, Mitglied des Arbeitskreises für die Seligsprechung, hatte sich am 22. April 2014 an die Behörde gewandt. Das Original des Bescheides überreichte er dem Direktor des Bistumsarchivs Dr. Thomas Scharf-Wrede, eine Abschrift an den Ortspfarrer von Groß Düngen.

 

NS-Unrechtsjustiz war Terrorinstrument

 

Die Staatsanwaltschaft bestätigte den Spruch des Volksgerichtshofs vom 28. Juli 1944 gegen Joseph Müller wegen Wehrkraftzersetzung als Unrechtsurteil. Es sei durch §§1,2 Abs. 1 Ziff. NS-AufhG aufgehoben: Denn für den Volksgerichtshof sei festzustellen, dass dieser nach dem Willen Hitlers und seiner Justizfunktionäre ein eindeutiges Aliud zu der auf der Grundlage der Weimarer Reichsverfassung errichteten, unabhängigen und gesetzesgebundenen ordentliche Strafgerichtsbarkeit darstellen sollte, wie die Berliner Staatsanwaltschaft erklärte:

 

„Seine Aufgabe bestand nicht in der Rechtspflege, sondern in der „Bekämpfung" von „Volksschädlingen". Seine Richter verstanden sich nicht als Rechtsanwender, sondern als Bestandteile einer „Kampftruppe" und als politische Kämpfer für Hitler. Die „Recht"-Sprechung diente nicht der Wahrung des Rechts, sondern der Erfüllung des „Führerwillens". Eine derartige Institution steht - ungeachtet der konkreten Ergebnisse - ihrer Tätigkeit im diametralem Gegensatz zur Aufgabe und Stellung einer unabhängigen, nur dem Recht verpflichteten Judikative im Sinne des Grundgesetzes. Dementsprechend hat auch der Deutsche Bundestag am 25. Januar 1985 einstimmig beschlossen, dass die als „Volksgerichtshof bezeichnete Institution kein Gericht im rechtsstaatlichen Sinne, sondern ein Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft war.“ Das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege habe in vorliegender Sache zur juristischen Rehabilitierung geführt.

 

Gedenkfeier zum 70. Todestag

 

Rund 300 Menschen, unter ihnen auch zahlreiche Unitarier aus Hildesheim und Braunschweig, hatten am 11. September bei einer eindrucksvollen Feier in der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian Groß Düngen des 70. Todestages von Bbr. Müller (Unitas Freiburg, Unitas Sugambria Münster) gedacht. Der vom sogenannten „Volksgerichtshof“ unter Vorsitz von Roland Freisler am 28. Juli 1944 zum Tode verurteilte Märtyrerpfarrer wurde vor 70 Jahren am 11. September 1944 im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet.

 

Den Gedenkgottesdienst feierte als Vertreter von Diözesanbischof Norbert Trelle Prälat Heinrich Günther als Hauptzelebrant, assistiert von acht Konzelebranten, unter ihnen Bbr. Pfarrer em. Gerhard Reithner, Sprecher des Unitas-Zirkels Hildesheim. Anschließend führte der Weg der Gemeinde an das Grab Bbr. Müllers vor der Kirche seiner letzten Pfarrstelle. Hier ist seit November 1945 die Urne mit der Asche von Bbr. Müller seinem Wunsch gemäß beigesetzt.

 

Tatkräftiger und mutiger Seelsorger

 

Pfarrer Joseph Müller, am 19. August 1894 in Salmünster als jüngstes der sieben Kinder des Kantors und Lehrers Damian Müller und seiner Ehefrau Augusta geboren, bestand nach der freiwilligen Teilnahme am Ersten Weltkrieg und schwerer Verwundung 1918 das Abitur. Im Februar 1919 entschloss er sich wie zwei seiner Brüder katholischer Priester zu werden und begann mit dem Theologiestudium in Freiburg. Dort wurde er in der UNITAS rezipiert. Da er aus familiären Gründen im Bistum Hildesheim tätig werden wollte, wechselte er noch im gleichen Jahr an die für Hildesheimer Theologen übliche Universität Münster, wo er sich der UNITAS Sugambria anschloss und vor allem durch die Bundesbrüder Prof. Dr. Joseph Mausbach, Prof. Dr. Adolf Donders und Prof. Dr. Joseph Schmidlin geprägt wurde.

 

Nach dem Studium kam er am 1. März 1921 ins Hildesheimer Priesterseminar und wurde am 11.März 1922 zum Priester geweiht. Nach zwei Jahren als Kaplan in Duderstadt trat er im April 1924 in das Franziskaner-Kloster Frauenberg ein. Wegen seiner schwächlichen Gesundheit schloss ihn der Orden jedoch schon im Herbst 1924 wieder aus. Joseph Müller kehrte in das Bistum Hildesheim zurück, übernahm Kaplanstellen in Gehrden bei Hannover, Hannoversch-Münden und Celle. Im Mai 1925 wurde er zum Kaplan in Blumenthal bei Bremen bestellt, kümmerte sich dort vor allem um den schulischen Religionsunterricht und den Gesellenverein und wechselte zum August 1926 nach Wolfenbüttel, wo er in Predigten und Vereinsveranstaltungen immer wieder aufforderte, sich den „Schattenbildern der Zeit“, vor allem der Sozialdemokratie und dem aufkommenden Nationalsozialismus entgegenzustellen.

 

Von der Gestapo beschattet

 

1931 übernahm Müller seine erste Stelle als Kurat in der Pfarrgemeinde St. Benno, Bad Lauterberg im Harz mit Zuständigkeit auch für die Seelsorge in St. Andreasberg und Braunlage. Zum 1. September 1934 Kaplan in Süpplingen, südöstlich von Braunschweig, übernahm er zum 1. Oktober 1937 die Leitung der nur wenige Kilometer entfernten Pfarrei Heiningen, wo er den immer stärker werdenden Repressionen des NS-Unrechtsregimes gegen die katholische Kirche zum Trotz nicht von seiner bisherigen Linie abrückte. Hier organisierte er den Widerstand der Familien gegen die Schließung der örtlichen Schule, wurde ständig von der Gestapo beschattet, von den örtlichen Nationalsozialisten angefeindet und bespitzelt. Alle seine Aktivitäten - auch seine Gottesdienste und Predigten - wurden überwacht. Nach schwerer Magenoperation wurde Joseph Müller am 1. August 1943 auf ei­genen Wunsch zum Pfarrer an St. Cosmas und Damian in der kleinen Gemeinde Groß Düngen, einem heutigen Stadtteil von Bad Salzdetfurth im Hochstift Hildesheim ernannt. Obwohl infolge seiner Kriegsverletzung und chronischer Krankheiten in seiner körperlichen Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt, galt er als ein tatkräftiger und mutiger Seelsorger.

Bbr. Pfarrer Joseph Müller (rechts) beim Empfang von Bbr. Bischof Joseph Godehard Machens (links) anlässlich einer Firmung in der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian in Groß Düngen  (Foto: Bistumsarchiv Hildesheim)

 

Politischer Witz besiegelte Schicksal

 

Dort war er gerade einen Monat im Amt, als er in der ihm eigenen Deutlichkeit gegenüber dem NSDAP-Ortsgruppenleiter seine Besorgnis über die gegenwärtige politische Lage zum Ausdruck brachte. Bei einem Krankenbesuch bei dessen Vater wenige Tage später erzählte Bundesbruder Müller folgende Geschichte: „Ein Verwundeter liegt im Sterben und will wissen, wofür er stirbt. Er lässt die Schwester rufen und sagt ihr: 'Ich sterbe als Soldat und möchte wissen, für wen ich sterbe.' Die Schwester antwortet: 'Sie sterben für Führer und Volk.' Der Soldat fragt dann: 'Kann dann nicht der Führer an mein Sterbebett kommen?' Die Schwester antwortet: 'Nein, das geht nicht, aber ich bringe Ihnen ein Bild des Führers.' Der Soldat bittet dann, dass ihm das Bild zur Rechten gelegt wird. Weiter sagt er dann: 'Ich gehöre der Luftwaffe an.' Da bringt ihm die Schwester das Bild von Reichsmarschall Göring und legt es zur Linken. Daraufhin sagt der Soldat: 'Jetzt sterbe ich wie Christus.“

 

Am 17. August 1943 wurde Joseph Müller durch die Hildesheimer Gestapo, der diese Geschichte kolportiert worden war, zum Verhör geladen: Er habe Hitler und Göring mit den beiden Schwerverbrechern verglichen, die an der Seite Jesu gekreuzigt wurden. Nach weiteren Vernehmungen am 11. Mai 1944 in Haft genommen und nach Berlin gebracht, schrieb er von dort an seinen Bischof: „…Noch kenne ich meinen Weg nicht, den Gott mich in Zukunft führen will, aber ganz gleich, wie und wo das sein wird, er wird keine Jammergestalt antreffen. Aber auch ich brauche vor allen Dingen den Beistand von oben. Er bleibt - und das weiß ich - mir nicht aus.“ Die folgenden Monate seiner Einkerkerung und Verhöre waren „die langsame, schmerzhafte innere Verwandlung eines Menschen - aus einem anfangs verzweifelten, zerbrochenen Gefangenen zur heroischen Größe eines Bekenners der Sache Christi, eines Zeugen für den Glauben, der seinen Tod als bewusstes Opfer darbrachte.“ (1)

 

Tod auf dem Schaffott

 

Am 28. Juli 1944 wurde Pfarrer Joseph Müller in einem Schauprozess zum Tode verurteilt, Entlastungszeugen wurden nicht gehört. Volksgerichtshofspräsident Roland Freisler warf dem 50-Jährigen vor, er habe als Jugendseelsorger die Arbeit der Staatsjugend erschwert oder vereitelt. Es sei Hochverrat, Sabotage und Untergrabung der Staatsautorität, wenn ein „Pfaffe die Jugend dem Führer“ entfremde. Joseph Müller wurde „wegen Wehrkraftzersetzung“ gemäß § 5 der damals geltenden Kriegssonderstrafrechtsverordnung zum Tode verurteilt. Entlastungszeugen aus Groß Düngen waren im Prozess nicht angehört worden. Am 11. September 1944 starb Bbr. Joseph Müller durch das Fallbeil auf dem Schafott des Zuchthauses Brandenburg-Görden.

 

Seine Hinrichtung verstand er selbst als Vollendung: „… Ich habe meine Sendung erfüllt und vollendet, mein Tod wirkt jetzt mehr für das Reich Gottes als mein Leben. So viele wollte ich noch hineinreißen in das große Liebesreich Christi, das werde ich nun von da oben für Euch tun.“ Die zunächst auf dem Stadtfriedhof in Brandenburg beigesetzte Urne mit seiner Asche konnte im November 1945 nach Groß Düngen überführt werden. Verschiedene Gebete und Briefe von Bundesbruder Joseph Müller sind erhalten geblieben. J. Torsy bemerkt in seinem bekannten „Großen Namenstagskalender“: „Seine Niederschriften im Gefängnis gehören, nach den Worten von Bischof Heinrich Maria Janssen, zu den schönsten, die wir in Märtyrerberichten finden“. (2)

 

Seligsprechung für Bbr. Müller?

 

Seit Jahren bemüht sich ein Initiativkreis in der Pfarrgemeinde St. Cosmas und Damian in Groß Düngen um die Einleitung eines diözesanen Seligsprechungsprozesses. Der Kreis wandte sich an alle Gemeinden und Orte, an denen Bbr. Müller als Seelsorger tätig war. Heinrich Oys, Rektor der Katholischen Grundschule in Wolfsburg und selbst gebürtig aus der Groß Düngener Kirchengemeinde, bat u.a. auch die UNITAS Ruhrania 2008 um Unterstützung, da Joseph Müller Mitglied der UNITAS war. Damals legte er einen Zeitungsausschnitt vom 3. August 1983 bei, in dem die örtliche Zeitung mit Bild und Artikel von einer Kranzniederlegung durch die UNITAS am Grab des Märtyrerpriesters an der Pfarrkirche St. Cosmas und Damian berichtete. Bbr. Dr. Ludwig Freibüter, damals Altherrenbundsvorsitzender, würdigte seinerzeit Müller als Vorbild für „kompromissloses Handeln“.

 

Gedenken seit 70 Jahren

 

Seit Ende der nationalsozialistischen Herrschaft gedenkt die Katholische Pfarrgemeinde St. Cosmas und Damian jeweils am 11. September um 13 Uhr durch das Läuten der Totenglocke ihrer Kirche der Hinrichtung ihres früheren Pfarrers, an den ein Ehrenmal in der Kirche und die nach ihm benannte „Joseph-Müller-Grundschule“ erinnern. Auch in seiner Geburtsstadt Bad Soden-Salmünster werden zu diesem Zeitpunkt die Glocken geläutet. In beiden Orten und in der Stadt Hildesheim gibt es eine „Joseph-Müller-Straße“, in Bad Lauterberg trägt das Pfarrheim der Katholischen Pfarrgemeinde St. Benno den Namen „Joseph-Müller-Haus“. Im Vorgarten des dortigen Pfarrheims steht ein Gedenkstein für den früheren Pfarrer. In Tiftlingerode, einem Ortsteil von Duderstadt, erinnern die „Kaplan-Müller-Straße“ und ein am 11. September 1983 geweihtes Wegekreuz an den früheren Ortskaplan. Für einen am 30. August 2006 in der ARD gezeigten Film „Heil Hitler, das Schwein ist tot! Humor unterm Hakenkreuz“ drehte Rudolph Herzog im Bistumsarchiv und in St. Kosmas und Damian, Groß Düngen, befragte Zeitzeugen und Dr. Thomas Scharf-Wrede, der als Direktor des Bistumsarchivs über Müller geforscht hat. Das gleichnamige 267-seitige Buch ist im Eichborn-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro (ISBN 3-8218-0773-3).

 

Dr. Thomas Scharf-Wrede, Direktor des Bistumsarchivs Hildesheim, erklärte jetzt in einem aktuellen Interview über eine mögliche Seligsprechung Pfarrer Heinrich Müllers, ein Verfahren sei aufwändig und zeitintensiv. Das Bistumsarchiv Hildesheim selbst erinnere durch eine kleine Ausstellung und eine kleine Publikation an dessen Leben und Wirken. „Pfarrer Joseph Müller ist seinem Glauben treu geblieben: bis zum Tod. Er hat nicht nach irgendwelchen Ausflüchten oder Auswegen gesucht, sondern hat noch in der Gerichtsverhandlung vor dem sogenannten Volksgerichtshof ein beeindruckendes Glaubenszeugnis abgelegt. Sein Ja" zu Christus und zur Kirche war bedingungslos - weswegen ihn viele Menschen als Märtyrer bezeichnen.“

 

Bbr. Rudolph brachte bislang in einer Internetaktion bei allen Altherrenzirkeln des Unitas-Verbandes etwa 200 Unterschriften für eine Seligsprechung unseres Bundesbruders und Blutzeugen Joseph Müller zusammen. Viel zu wenig, wie er meint. „Ich will versuchen, den Verband zu einer großen Aktion zu bewegen", so Bbr. Rudolph.

CB

 


Literatur:

(1) B. M. Kempner, Priester vor Hitlers Tribunalen, München 1967, 301-310.

(2) J. Torsy, Der große Namenstagskalender, Freiburg-Basel-Wien 199215, 260

Weitere Literatur: J. Homeyer, Joseph Müller, in: W. Burr (Hrsg.), UNITAS-Handbuch. Bd. 1 (Bonn 1995), 279-283; Th. Scharf-Wrede, Pfarrer Joseph Müller, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999), 267-270.

 

Kontakt zum Initiativkreis zur Seligsprechung

Heinrich Oys, Am Seeteich 19, 38446 Wolfsburg, Tel. 05363 / 4557,

E-Mail: heinrich-oys@wolfsburg.de

 
DOSSIER: Seligsprechung für Bundesbrüder




Veröffentlicht am: 19:29:14 23.09.2014
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