Die am 26.7. gestartete Paderborner Großausstellung „CREDO - Christianisierung Europas im Mittelalter“ - zu sehen bis zum 3.11.2013 - unternimmt den Versuch, mehr als ein Jahrtausend europäischer Geschichte zu zeigen. Mit sicher für viele Besucher überraschenden Erkenntnissen und mit Fragestellungen, die auch uns heute und morgen noch beschäftigen. Dazu mehr mit Prof. Christoph Stiegemann, Direktor des Erzbischöflichen Diözesanmuseums Paderborn.

 

CREDO in Paderborn: Der Ausstellungstipp 2013

 

„Irgendwann (…), das führt uns diese epochale Ausstellung unwiderleglich vor, war das Abendland dann tatsächlich christlich geworden und trug seine ansteckende Konfession mit Bibel, Bazille und Schwert weiter in die Welt“, resümierte Dirk Schümer in der FAZ („Ausstellung „Credo“ in Paderborn. Der Triumph der Galiläer“, in: FAZ, v. 26.07.2013). Und zog den Schluss: „Mag man den Triumph der Galiläer, in welcher Überlieferung und Abwandlung durch Römer und Barbaren auch immer, für Gottes Werk oder für eine brutale Planierung spannender Kulturvielfalt erachten - wir überblicken da eine sehr lange, sehr komplexe Historie, die nun abgeschlossen ist. Heute - und das ist die Pointe von „Credo“ - ist das christliche Abendland nämlich Geschichte.“

 

Das Christliche Abendland - Geschichte?

 

Eine seltsame Feststellung – oder ist was dran? Zum selben Zeitpunkt, da Papst Franziskus an der Copa Cabana Millionen mit dem Missionsauftrag Jesu in die Welt schickt, kommt diese Ausstellung im „schwarzen Paderborn“ gerade recht. Denn in der Bistumsstadt mit dem meist abwertend gebrauchten Beinamen haben sie es unternommen, eine „unmögliche“ Ausstellung zu realisieren: Über 1000 Jahre Geschichte tauchen in gleich drei Museen aus dem mystischen Dunkel. Hier ist High-Tech der Antike neben unförmiger Idolatrie germanischer und slawischer Ureinwohner versammelt, hier blitzen kunstvolles Glas und Gold neben ganz neuen archäologischen Entdeckungen aus England, Livland und dem Permafrost von Grönland.

 


Die liturgischen und Gebrauchsgegenstände werfen ein Licht auf jene Welt, in die die frühen Missionare aus den ersten Klosteruniversitäten eintauchten. Nach monatelangen Fußmärschen in die dichten Urwälder und Sümpfe erreichten sie eine magische Welt voller schlangenköpfiger Ungeheuer, Tier- und Menschenopfer, klingelten zu mit ihren Bronzehandglocken zu Gottesdiensten im Namen eines fremden Gottes – ohne Rücksicht auf den eigenen Tod, die Verheißung des ewigen Lebens vor Augen.

 

Auf ihrer Suche nach dem - oft genug erlittenen - Martyrium stießen sie auf eine Welt, deren Ende am Horizont längst sichtbar war. Mächtige Reiche entstanden auf den Trümmern der römischen Expansion, mit großer Dynamik drängten sie in bislang unbekannte Territorien, in denen weder eine Infrastruktur mit Straßen und zentralen Orten, wo Häuser aus Stein, wo Glas und Papier nur vom Hörensagen bekannt waren. Die staatliche Gewalt drängte nach: Von den Merowingern über die Karolinger bis Byzanz entfaltete sich zur Bildung neuer staatlicher Ordnung eine eigene Mission der Gewinnung der örtlichen Eliten und oft auch eine gewaltsame Christianisierung, die in der Ausstellung nicht ausgespart wird.

 

Mission und Kulturtransfer

 

Die Schau in Paderborn mit Exponaten vom 4./5. Jahrhundert bis in die 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts entfaltet unzählige Aspekte zur Entwicklung dieser Missionsbewegung. „Ein epochemachendes Phänomen, das keine eindimensionale Erfolgsgeschichte war“, so Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Direktor Erzbischöfliches Diözesanmuseum Paderborn: Vor dem Betrachter breite sich ein komplexer Prozess von Vor- und Rückschritten aus, von Kulturtransfer in beide Richtungen. „Immer wieder muss sich das Christentum auf neue Kulturen einstellen, verändert sich aber auch selbst unter diesem Eindruck. Und da entsteht ein neues Amalgam gewissermaßen und es entstehen die Konturen Europas, wie wir sie heute kennen.“

 

Inkulturation heute

 

Und doch ist die Schau auch „eine Missionsausstellung“, so der heutige Generalvikar des ehemaligen karolingischen Missionsbistums, Bbr. Alfons Hardt. Sie zeige, dass sich die Verkündung des christlichen Glaubens den Gegebenheiten anpassen muss, auch heute: „Es ist auch heute Aufgabe, den Glauben an den auferstandenen Christus verkünden - auch in kirchenfremde Bereiche hinein, wie sie die ersten Missionare angetroffen haben, die hier den angelsächsischen und germanischen Raum missioniert haben.“ Den Titel der Ausstellung „Credo“ / „Ich glaube“ habe man gezielt gewählt, so Bbr. Hardt: „Um deutlich zu machen, dass das eine präsentische Aussage für unsere Gegenwart gibt: hier leben Menschen christlicher Überzeugung, die aus dem „credere“ ihr Leben gestalten. Und wir versuchen, den Quellen dieser christlichen Überzeugung nachzuspüren.“

 

Ob das christliche Abendland eine abgeschlossene „Geschichte“ ist oder nicht – diese Ausstellung sollte man sich nicht entgehen lassen. Schon um der Erkenntnis nahe zu kommen, dass der Traditionsabriss der ach so aufgeklärten Google-Gesellschaft mit einem titanischen Nichtwissen zu tun hat. Das gilt nicht nur für die Geschichte selbst: Eine Institution wie die Kirche, der wir den größten Teil aller unserer Zivilisationstechniken verdanken, muss hier den Versuch wagen, eine Bresche zu schlagen. Das gilt nicht zuletzt auch für den Grundauftrag, dem sie verpflichtet ist: Die Grundlagen unserer Existenz zu kommunizieren.

 

Auftrag zur Mission gestern und heute

 

Der Auftrag zur Mission, dem vor über einem Jahrtausend in den Urwäldern unserer Breiten unzählige Namenlose folgten, ist nicht erledigt. Papst Franziskus brachte es vor den Bischöfen Brasiliens am Samstag, 27. Juli, auf den Punkt: „Es braucht eine Kirche, die keine Angst hat hinauszugehen in die Nacht dieser Menschen hinein. Es braucht eine Kirche, die fähig ist, ihre Wege zu kreuzen. Es braucht eine Kirche, die sich in ihr Gespräch einzuschalten vermag. Es braucht eine Kirche, die mit jenen Jüngern zu dialogisieren versteht, die aus Jerusalem fortlaufen und ziellos allein mit ihrer Ernüchterung umherziehen, mit der Enttäuschung über ein Christentum, das mittlerweile als steriler, unfruchtbarer Boden angesehen wird, der unfähig ist, Sinn zu zeugen.“

An die 3 Millionen Jugendlichen beim Weltjugendtag an der Copacabana gewandt, ermutigte er dazu, den „Glauben ohne Angst auch zu denen zu bringen, die am fernsten, am gleichgültigsten erscheinen“. Welche zivilisatorische Kraft darin stecken könnte, wäre auch auf dem alten Kontinent Europa neu zu beweisen. Denn - im Übrigen - auch Geschichte ist nie abgeschlossen.

 


 

Die Ausstellung: „Credo. Christianisierung Europas im Mittelalter“, zu sehen bis zum 3. November im Erzbischöflichen Diözesanmuseum, der Kaiserpfalz und der Städtischen Galerie Abdinghof. Internet: www.credo-ausstellung.de.




Veröffentlicht am: 00:25:15 29.07.2013
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse