Kardinal Marx: Europa ist in einer Identitätskrise

ROM.
Die gegenwärtige Krise in der EU ist auch eine Identitätskrise. Das erklärte Bbr. Kardinal Reinhard Marx in der heutigen Ausgabe der italienischen Tageszeitung „Avvenire“ (INTERVISTA: Europa: lo spread è culturale, von Andrea Galli). Europa habe zu oft seine Wurzeln vergessen, die philosophischen und rechtlichen Grundlagen der griechisch-römischen Kultur und der Theologie der Bibel, so der Münchener Erzbischof, der vor kurzem zum Präsident der EU-Bischofskommission COMECE gewählt worden war. Marx betonte, die soziale Marktwirtschaft verbinde die Freiheit des Marktes mit dem Bezug auf Gerechtigkeit und auf das Gebot der Nächstenliebe.

 

„Sehr besorgt“ sei er über die Wiederkehr von Nationalismen in einzelnen EU-Staaten. Sie seien Ausweis „von Egoismus, Populismus und Provinzialismus“. Statt „Rückzug in den Nationalismus“ brauche Europa aber einen Aufschwung der europäischen Idee. Entscheidend seien dabei die christliche Auffassung über den Menschen und der Respekt für die gleiche Würde aller. Europa könne einen Beitrag zum Erreichen eines weltweiten Friedens leisten, erklärte Marx und kritisierte, dass „leider auch viele europäische Unternehmen mit den Bewaffnungsprogrammen verdienen“.

 

Krisenbewältigung in Europa entscheidend für die Welt

 

Bbr. Kardinal Marx nimmt seit heute in Rom an der 18. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften teil. Die Tagung ist der Friedensenzyklika „Pacem in terris“ von Papst Johannes XXIII. (1958-1963) gewidmet, die 1963 unter anderem eine allgemeine Abrüstung forderte und deren Veröffentlichung sich im kommenden Jahr zum 50. Mal jährt. Die 1994 von Papst Johannes Paul II. gegründete Akademie gilt als „Think Tank“ für die Weiterentwicklung der katholischen Soziallehre. Ihr gehören rund 40 Sozialwissenschaftler und Juristen an, auch Angehörige anderer Religionen.

 

Im Gespräch mit dem Münchener Kirchenradio erklärte Bbr. Marx kurz vor Konferenzbeginn in Rom, die Grundthemen von „Pacem in terris” seien weiterhin aktuell. Johannes XXIII. habe als erster systematisch darüber nachgedacht, wie ein Weltgemeinwohl zu organisieren sei. Die Friedensordnung auf globaler Ebene zu finden, werde das Thema des 21. Jahrhunderts sein. Die EU könne gerade in der Überwindung der derzeitigen Krise hier zum weltweiten Vorbild werden. Dafür müsse Europa seine Strukturen aber zukunftsfähig machen. Hier sei man gerade jetzt in einer entscheidenden Phase. Europa könne der Welt zeigen, dass trotz nationaler Eigenarten gemeinsame Institutionen und Strukturen möglich sind. Es sei entscheidend für die ganze Welt, ob Europa das in dieser Krisensituation schafft, so Marx weiter.

 

Kardinal Marx hält heute bei der Tagung der Akademie für Sozialwissenschaften einen Vortrag zum Thema „Europa – ein Beitrag für eine bessere Welt (J. Monnet) – Perspektiven im Geist von Pacem in terris“. Neben dem Münchner Erzbischof sprechen auch der ehemalige Bundesbankchef Hans Tietmeyer und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, auf der Versammlung in Rom.


 

Audio Files: Kardinal Marx: Würdigung von „Pacem in terris“ / Kardinal Marx: Krisenüberwindung in Europa als Vorbild für die Welt

 

 

 




Veröffentlicht am: 17:39:16 27.04.2012
Info
Tipp: Falls Sie sich beim „gefällt mir"-Button verklickt haben, gehen sie über dem nun grauen „gefällt mir"-Button zum „Daumen Hoch"-Zeichen, dort erscheint nun ein „x" und mit einem kleinen Klick mit der linken Maustaste ist wieder alles wie zuvor. Uns würde es trotzdem sehr gefallen, wenn sie diesem Tipp nicht folgen.
Zurück zu: | allen Kategorien | WS 08/09 | SS 08 | Presse