Abschlussveranstaltung auf dem Marienplatz in München, Foto: Sant´Egidio

„Friede ist jeden Einsatz wert!“

Kardinal Reinhard Marx zieht positive Bilanz

des Internationalen Friedenstreffens von München

 

MÜNCHEN. In seinem Schlusswort zum Internationalen Friedenstreffen in München hat Bbr. Reinhard Kardinal Marx am 13. September 2011 die wichtige Rolle der Glaubensgemeinschaften im Ringen um Frieden auf der Welt hervorgehoben. „Insbesondere die Religionen leisten einen wichtigen Beitrag, um die Menschheit in eine gute Zukunft zu geleiten. Sie öffnen den Blick für Gott, den Schöpfer und Vater aller Menschen, und stellen uns so in einen gemeinsamen, weiten Horizont. Diesen Auftrag nehmen wir an und verpflichten uns, miteinander Wege der Verständigung und der Versöhnung zu gehen“, sagte der Erzbischof von München und Freising am Dienstagabend, 13. September, bei der Abschlussveranstaltung auf dem Münchner Marienplatz.

 

„Inspiration für unsere Weltgemeinschaft“

 

Bbr. Marx zog eine positive Bilanz des Treffens. „Vertreter aus verschiedenen Religionen und Kulturen haben sich zum Dialog getroffen: Wir haben nicht übereinander gesprochen, sondern miteinander. Wir sind nicht aneinander vorbeigegangen, sondern sind uns begegnet. Wir haben gebetet, füreinander und miteinander, für den Frieden!“, so der Kardinal. Der Auftrag, dem sich die Gemeinschaft Sant’Egidio stelle, sei Wirklichkeit geworden, und viele Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft hätten sich davon bewegen lassen: „Aus dem Geist von Assisi und aus dem Geist von Sant’Egidio entsteht so eine Inspiration für unsere Weltgemeinschaft! Unterschätzen Sie nicht die Kraft dieses Treffens!“

Der Münchner Erzbischof dankte allen Mitwirkenden und Organisatoren: „Sie alle, die diese Tage hier miteinander erlebt haben und alle, die diese Tage vorbereitet haben, haben Ihren unersetzbaren Beitrag geleistet, damit es wirklich inspirierende und frohe Tage waren.“ Er sei froh, dass das Erzbistum München und Freising gemeinsam mit der Gemeinschaft Sant’Egidio Gastgeber dieses 25. Friedenstreffens sein durfte.


Marx appellierte an die Teilnehmer, in ihrem Bemühen um Dialog und Versöhnung nicht nachzulassen. „Geben Sie die friedensstiftende Kraft eines wirklichen Dialogs, die wir hier miteinander erlebt haben, weiter in Ihre jeweiligen Verantwortungsbereiche! Erzählen Sie zu Hause davon! Begeistern Sie andere Menschen für unsere gemeinsame Sache! Für den Frieden und die Zukunft der Welt sind wir alle verantwortlich. Deshalb dürfen und wollen wir keine Mühe scheuen. Friede ist jeden Einsatz wert!“, so der Kardinal.

 

„Europa wieder positiv vorantreiben“

 

Beim Podium über „Europa und seine Verantwortung in der Welt“ am Montag, 12. September, hatte Marx in der Münchner Residenz die Überwindung europäischer Selbstzweifel angemahnt und die gesellschaftlichen Gruppen dazu aufgefordert, „Europa wieder positiv voranzutreiben“. Marx beklagte eine „mangelnde Identifizierung“ und erklärte: „Europa sollte ein positives Mobilisierungsprojekt sein.“


Kardinal Marx räumte ein, Europa wecke in der gegenwärtigen Situation „nicht nur positive Assoziationen“, betonte aber, dass eine Identifizierung mit Europa „wichtig für die Zukunft“ sei. Es gelte, einen grundsätzlichen „Selbstzweifel mit Blick auf die eigene Geschichte, Kultur und Tradition“ abzuarbeiten und einen „Neuaufbruch“ zu wagen. „Europa soll nicht nur um sich selbst kreisen, nicht nur wirtschaftliche Interessen verfolgen, sondern einen Beitrag leisten zu einer besseren Welt“, sagte der Kardinal. Entgegen aktueller Tendenzen zur Renationalisierung und dem Wiedererstarken von Einzelinteressen müsse Europa zu „einem positiven Programm für das 21. Jahrhundert“ werden, das vor allem dem Menschen diene: „Wir sind nicht die Retter der Welt, aber wir wollen einen Beitrag leisten.“

„Schicksalsgemeinschaft spüren“


Zivilgesellschaftliche Gruppen wie die Gemeinschaft Sant’Egidio sollten „die Idee Europa neu mit Leben anfüllen und voranbringen“, forderte Marx. Dies geschehe auf zwei Ebenen. Zum einen müsse „an den großen Zielen“ weiter gearbeitet werden, an der gemeinsamen Charta der Grundrechte etwa, an einer europäischen Identität und prinzipieller Verbundenheit: „Europa kann nur dann lebendig werden, wenn Emotion da ist, wenn eine Schicksalsgemeinschaft zu spüren ist.“ Zum anderen brauche es immer wieder „konkrete, politische Alltagsprojekte“, wie die Armutsbekämpfung, eine ethisch inspirierte Wirtschaft oder den gemeinsamen Kampf gegen die Todesstrafe.


Mit Kardinal Marx diskutierten Mario Giro von der Gemeinschaft Sant’Egidio, Christophe de Margerie, Generaldirektor des französischen Energieunternehmens Total, Pierre Morel, Mitglied des Rats der Europäischen Union, Maram Stern, stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Antonio Tajani, Vizepräsident der Europäischen Kommission, sowie Joan Enric Vives I Sicìlia, Kofürst von Andorra und katholischer Bischof von Urgell, Spanien. Die Podiumsveranstaltung zum Thema Europa bildete den Auftakt zu fast 50 Veranstaltungen, bei denen sich die Gäste des Friedenstreffens mit Themen rund um das Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen auseinandersetzen. (Quelle: Pressestelle Erzbistum München und Freising)

 

Der gemeinsame Appell der Religionen beim Münchener Friedenstreffen wurde am Dienstag, 13. September, auf dem Marienplatz feierlich verlesen. Hier der Wortlaut:

 

 

FRIEDENSAPPELL

 

Wir sind Männer und Frauen aus unterschiedlichen Religionen und haben uns in München versammelt. Das geschieht auf Einladung des Erzbistums München und Freising und der Gemeinschaft Sant’Egidio, die seit 25 Jahren den „Geist von Assisi“ zielstrebig verbreitet. Wir danken allen, die in schwierigen Zeiten diese Hoffnung am Leben erhalten haben, während Brücken einstürzten. Nach zehn Jahren, die gezeichnet waren von der Kultur der Gewalt und dem Wahnsinn des Terrorismus und in einer Welt, in der ein entfesselter Kapitalismus scheinbar das Geschehen beherrscht und sich eine neue Armut zeigt, haben wir innegehalten, um in Einfachheit zu beten, aufeinander zu hören und über die Zukunft nachzudenken. Diese Zusammenkunft zum Gebet und zum Dialog hat uns verändert! In den Zeugnissen vieler haben wir die Sehnsucht nach einer neuen Zeit wahrgenommen.

 

Die Versuchung ist groß, verschlossen zu leben und auch die Religionen zur Abgrenzung zu benutzen. Diese Versuchung hat sich durch die Weltwirtschaftskrise noch zugespitzt. Die Welt scheint teilweise das Bewusstsein der eigenen Begrenztheit verloren zu haben. Sie neigt häufig dazu, mehr das Trennende zu suchen, als die Sympathie gegenüber dem anderen. Sie achtet mehr auf die Bedürfnisse des Ich als auf das Gemeinwohl. In vielen Regionen der Welt sind zunehmende Gewalt und eine Sinnkrise spürbar. Eine Wende ist notwendig!

 

Die Globalisierung bietet nämlich zahlreiche Chancen, doch sie benötigt eine Seele. Der Egoismus führt zu einer Zivilisation des Todes und bringt auch real vielen Menschen den Tod. Daher müssen wir den Blick erheben, uns für die Zukunft öffnen und fähig werden, eine Globalisierung der Gerechtigkeit zu verwirklichen. Mit Entschiedenheit müssen wir uns mit der Frage des Friedens in all seinen Facetten beschäftigen. Denn wir sind zum Zusammenleben bestimmt und tragen alle die Verantwortung für die Kunst des Zusammenlebens. In der heutigen Zeit hat sich der Dialog als intelligente und friedliche Waffe erwiesen. Er ist die Antwort auf die Prediger des Terrors, die sogar die Worte der Religionen verwenden, um Hass zu verbreiten und die Welt zu spalten. Nichts ist verloren mit dem Dialog. Hier in München haben wir die Sprache des Dialogs und der Freundschaft gesprochen. Denn kein Mann, keine Frau und kein Volk ist eine Insel, es gibt nur ein Schicksal, ein gemeinsames Schicksal.

 

Betrachten wir uns mit größerer Sympathie, dann wird vieles, ja alles möglich sein. Es ist an der Zeit, sich zu ändern. Die Welt benötigt mehr Hoffnung und mehr Frieden. Wir können wieder neu lernen, nicht gegeneinander, sondern miteinander zu leben. Wir sind uns der Verantwortung der Religionen für die Gefährdung des Friedens bewusst, immer dann, wenn sie nicht den Blick nach oben gerichtet haben. Wer den Namen Gottes gebraucht, um den anderen zu hassen und zu töten, lästert den heiligen Namen Gottes. Daher können wir sagen: Es gibt keine Zukunft im Krieg! Es gibt keine Alternative zum Dialog. Der Dialog ist ein einfaches Werkzeug, das alle nutzen können. Durch den Dialog können wir ein neues Jahrzehnt und Jahrhundert in Frieden gestalten. Seien wir alle Handwerker des Friedens. Möge Gott unserer Welt wirklich das wunderbare Geschenk des Friedens machen.

 

München, 13. September 2011

 

LINK: Erzbistum München und Freising

 




Veröffentlicht am: 19:11:47 15.09.2011
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