Die Aktivitas der jüngst erneuerten Korporation ist recht stark, beachtlich die Zahl der Füchse, das Vereinsleben äußerst rege. In der Stellung gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus, den „Braunen”, herrscht völlige Einmütigkeit. Es wird beschlossen: Für Nationalsozialisten ist grundsätzlich kein Platz in der Korporation. Die Treue zur demokratischen Verfassung bekundet man dadurch, dass man zu den Verfassungsfeiern Chargen entsendet; die schlagenden Verbindungen nehmen daran schon nicht mehr teil.




Vereinslokal ist inzwischen die „Ratsschänke” am Drubbel geworden; man tagt gewöhnlich im hinteren Zimmer des ersten Stocks; für größere Veranstaltungen steht ein Saal zur Verfügung. In den Räumen gibt es lebhafte Konvente, zünftige Kneipen und schneidige Kommerse, nicht zuletzt aber zugkräftige und gehaltvolle wissenschaftliche Sitzungen. Vereinsfeste der Münsteraner UNITAS-Vereine finden im „Liebfrauenstift” am „Wegesende” in althergebrachter Weise statt. Das Bootshaus ist häufiger Treffpunkt oder Ziel von Exbummeln; es wird gut in Stand gehalten. Der wieder aufgetauchte Plan eines Korporationshauses scheitert an der Ungunst der Verhältnisse. 

Nach der „Machtergreifung”

Wie Ruhrania zu Adolf Hitler und seiner Partei stand, illustriert eine kleine Geschichte, die Bbr. Adolf Szczesniak, später Pfarrer in der DDR, betrifft. Wenn sie nicht wahr ist, so ist sie jedenfalls gut erfunden: Er stellte einen Antrag auf Namensänderung, und die NS-Funktionäre hatten Verständnis dafür, dass er seinen polnischen Namen ablegen wollte; er auf die Frage, welchen Namen er denn haben möchte, antwortete er, statt „Adolf” wolle er „August” heißen.

„Reichsstudentenführer” Derichsweiler hat mit der Parteileitung geplant, die Korporationen geschlossen in die N.S. Deutschen Studentenbund zu überführen. Allerdings musste hier die Bezeichnung „katholisch” in „christlich” geändert werden.

Es wird allgemein das „Führerprinzip” zur Pflicht gemacht, gleichzeitig für die jungen Semester das Institut der „Kameradschaften” geschaffen, die in „Kameradschaftshäusern” leben sollen. Das Haus für Ruhrania und andere Unitarier liegt an der Ecke Aegidiistraße und Grüne Gasse. Im November 1933 werden Studenten-Kompanien der SA aufgestellt; „alles, was studierte”, wird eingeteilt und eingegliedert, und allen nunmehr nahegelegt, aus den freigebliebenen Korporationen auszutreten.


Bei Ruhrania herrscht weiter reges Leben bei Kneipen, Kommersen, Gesellschaftsabenden und am Bootshaus. Wissenschaftlichen Sitzungen widmen sich zeitnahen Themen wie „Germanentum und Christentum”, bei denen die Grenzen zum Nationalsozialismus abgesteckt wurden. Das öffentliche Bekenntnis gegen das Neuheidentum, etwa bei Kundgebungen für Bischof Clemens August auf dem Domplatz, geht nicht ohne handgreifliche Auseinandersetzungen ab. 

25. Stiftungsfest in der "Ratsschänke". Neben den Chargen unten links der AHV-Vorsitzende Karl Pricking, unten rechts Ehrensenior Rektor Ludwig Cohorsfresenborg.
 
Ganz links: Bbr. Johannes Prassek, 1936 zum Priester geweiht, vor dem Lübecker sog. „Volksgerichtshof” im Juni 1943 zum „Tod durch das Fallbeil” verurteilt, ermordet als Märtyrer am 10. November 1943 in seiner Heimatstadt Hamburg

Im Januar 1936 feiert Ruhrania unter großer Beteiligung noch das 25. Stiftungsfest mit einem glanzvollen Kommers in der „Union” auf der Krummen Straße. Auch in den Jahren 1936/37 wird das Vereinsleben weitergeführt, unter dauernden Anfechtungen durch die „Braunen”. Manche Korporation haben sich auch in Münster schon aufgelöst; die UNITAS hält sich bis 1938 und muss dann den Zwang der Auflösung über sich ergehen lassen; das Vereinsvermögen, bei Ruhrania namentlich das Bootshaus, wird beschlagnahmt.

Einer der aktivsten Vereinsbrüder 1933/34, Johannes Prassek v/o „Knirps” (BIld links), am 13. August 1911 in Hamburg geboren, am 13. März 1937 zum Priester geweiht und ab 1939 Kaplan in Lübeck, wird am 28. Mai 1942 von der nationalsozialistische Gestapo verhaftet. Erst am 23. Juni 1943 finden die Verhandlungen vor dem Lübecker sog. „Volksgerichtshof” statt. Das Urteil des 24. Juni: „Tod durch das Fallbeil.” Gnadengesuche von verschiedensten Seiten und auch persönlicher Einsatz des Osnabrücker Bischofs werden nicht einmal einer Antwort gewürdigt.

Am 10. November 1943 bringt Bbr. Prassek als Märtyrer in seiner Heimatstadt Hamburg zusammen mit zwei weiteren Kaplänen, darunter Bundesbruder Eduard Müller, und einem evangelischen Pastor das Opfer des Lebens. Im Jahr 2004 wurde der Seligsprechungsprozess für ihn und die „Lübecker Kapläne“ eingeleitet. Der im November 2005, genau 62 Jahre nach seiner Hinrichtung, im Erzbistum Hamburg abgeschlossene diözesane Seligsprechungsprozess wird nun in Rom fortgeführt. (Mehr zu den "Lübecker Kaplänen") 

Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies, geboren am 24. November 1909 in Heckfeld im badischen Frankenland, war nach dem Theologiestudium im Münsteraner Collegium Borromaeum am 31. März 1935 zum Priester geweiht worden. Nach Stellen in Bühl bei Offenburg, Lauda, Mudau, Distelhausen, Uissingheim kam er im Jahr 1939 nach Ketsch. Am 28. Februar 1941 von der Gendarmerie festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim gebracht, wurde er in einem der berüchtigten Sittlichkeitsprozesse zu zwei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, die er u.a. beim Autobahnbau abbüßte. Nach Ablauf der Strafzeit am 2. August 1943 wurde Anton Spies von der Gestapo weiter in „Schutzhaft“ gehalten. Um ihr zu entgehen, meldete sich Spies freiwillig zur Wehrmacht, doch wurde er stattdessen am 13. September 1943 in das KZ Dachau eingeliefert.

Wenige Wochen, bevor er von den Amerikanern befreit worden wäre, erkrankte Bundesbruder Anton Spies an Flecktyphus, starb am 19. April 1945 und wurde in einem Massengrab beigesetzt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in einem Spruchkammerverfahren gegen seinen damaligen Ankläger, einen nationalsozialistischen Schulrektor, gravierende Widersprüche in den gegen Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Mehrere der seinerzeit vernommenen Schüler gaben an, vom Rektor dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen. Doch ist bis heute die Ehre des im KZ Dachau zum Blutzeugen gewordenen Bundesbruders nicht formaljuristisch wiederhergestellt. (s. C. Schmider, Pfarrvikar Anton Spies, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999) 219-221 und R. Zahlten, Die Ermordeten. Die Gedenktafel der Erzdiözese Freiburg für die verfolgten Priester (1933 bis 1945) in „Maria Lindenberg“, nahe St. Peter / Schwarzwald (Vöhrenbach 1998).

A
b 1938 bis zur Neugründung 1950 gibt es nur eine „Katakomben”-Ruhrania. Im Stillen wird unitarischer Geist lebendig gehalten. In der Sakristei der Magdalenenkirche finden weiter Fuxenstunden und Zusammenkünfte statt.


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