ESSEN.
60 Jahre Bundesrepublik - schwere Anfangszeiten und Glücksmomente der Geschichte, Höhen und Tiefen der internationalen und Innenpolitik, Persönlichkeiten und Entscheidungen: In diesem Zeitraum von sechs Jahrzehnten sind nicht nur die vielen Jahrestage dieser Monate enthalten. Der Diskussion zum Werden der Nachkriegsrepublik stellte sich am Mittwoch, 4. November, Bbr. Dr. Paul Hoffacker. Als politisch engagierter Zeitzeuge gehörte er in vier Wahlperioden als Abgeordneter der CDU dem Deutschen Bundestag an (1976–1980, 1982/83 und 1987–1994). Aktiv war der Rechtsanwalt zudem beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, als Geschäftsführer der Aktion Adveniat in Essen, als Direktor der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mülheim, als Vorsitzender des deutschen Zentralverbands des Kolpingwerks und des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Essen. Rund 40 Mitglieder und Gäste versammelten sich bei der gemeinsam mit dem Essener UNITAS-Zirkel veranstalteten Wissenschaftlichen Sitzung der UNITAS Ruhrania im Wintergarten des „Feldschlösschens“. Hier der Bericht von Bbr. Sebastian Sasse:

 

Rückblick auf sechs Jahrzehnte deutscher Politik
 

60 Jahre Bundesrepublik - auch für die UNITAS Ruhrania ein Anlass zurückzublicken: Im Feldschlösschen begrüßte der katholische Studentenverein zusammen mit dem Essener UNITAS-Zirkel den langjährigen Essener Bundestagsabgeordneten Dr. Paul Hoffacker. Der Christdemokrat, selbst Unitarier, blickte ausgehend von seinen Erfahrungen im Parlament und angereichert durch viele persönliche Erlebnisse und Anekdoten auf die letzten sechs Jahrzehnte zurück. Besonders interessant für die jungen Studenten: Hoffacker thematisierte die Frage, wieso man sich politisch engagieren solle.

Er selbst, Jahrgang 1930, wuchs im damals noch fest gefügten katholischen Milieu auf. Hier wurde er auch zuerst aktiv. Doch in den 50er Jahren hatte er ein einschneidendes Erlebnis: „Ich lernte Konrad Adenauer kennen. Dieser Mann hat mich so fasziniert, dass ich beschloss, der Partei beizutreten. Besonders wichtig war für mich natürlich das C in der CDU.” Auch heute sei es wichtig, dass Politiker über ein ethisches Fundament verfügten. Zu Recht würde „auch seitens der Kirchen“ darüber geklagt, dass diese christliche Prägung heute nicht mehr selbstverständlich sei. Hoffacker aber warnte vor Larmoyanz. „Die Katholiken müssen sich politisch zu Wort melden.” So appellierte er, nicht zuletzt mit Blick auf die jungen katholischen Studenten, an alle Christen, sich politisch zu engagieren. Ein katholischer Bischof habe kürzlich mit Blick auf die neue schwarz-gelbe Regierung bemerkt, sei habe keine Visionen. Das möge vielleicht so sein, so Hoffacker. Aber wo seien denn die Visionen die Kirche? Viel zu selten melde man sich zu Wort. Dies müsse sich ändern.

 

Schließlich gab Hoffacker auch einen Einblick in die parlamentarische Praxis. Trotz aller Grundsatztreue müsse der Abgeordnete um der Sache willen mit den anderen Fraktionen zusammenarbeiten. Er habe etwa gute Erfahrungen mit dem späteren SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck gemacht. „Man nannte uns Peter und Paul. Vor allem bei der Einführung der Pflegeversicherung haben wir gut zusammengearbeitet.”

 

So stellte schließlich Damian Juretzki, aktueller Senior der UNITAS Ruhrania, fest: „Wir haben an diesem Abend viel über das Innenleben des politischen Betriebs gelernt. Eine wichtige Erfahrung für uns.”


PS: Dem bewährten Moderator des Abend, Bbr. Sebastian Sasse, brachten die Teilnehmer der Sitzung einen recht wohlklingenden Kanon zum 30. Geburtstag dar ... 
 



DOWNLOAD: „Über Peter und Paul gesprochen. Ex-MdB Dr. Hoffacker sprach vor UNITAS-Zirkel", Artikel in den BORBECKER NACHRICHTEN vom 19.11.2009 
 


Der Referent:

Bbr. Hoffacker (links im Bild beim UNITAS-Neujahrsempfang 2008), am 24. November 1930 in Wesel geboren, studierte nach dem Abitur 1951 Rechtswissenschaften, promovierte 1961 zum Dr. jur. und begann als Referent für Recht und Finanzen im Bistum Essen seine Tätigkeit im kirchlichen Dienst. Von 1963 bis 1965 war er als Referent für Staatsbürgerliche Angelegenheiten beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) in Bonn tätig. Danach übernahm er bis 1977 die Geschäftsführung der Bischöflichen Aktion Adveniat, des Hilfswerks der deutschen Katholiken für Lateinamerika in Essen. Seit 1977 ist er Rechtsanwalt. UNITAS Rhenania in Bonn verlieh Paul Hoffacker 1980 die Ehrenmitgliedschaft.


1981 berief Ruhrbischof Dr. Franz Hengsbach Bbr. Hoffacker zum Direktor der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“, dem Haus für Erwachsenenbildung des Ruhrbistums in Mülheim-Speldorf. An Hoffackers 65. Geburtstag - nach einer Amtszeit von 14 Jahren - verabschiedete ihn der damalige Essener Bischof Dr. Hubert Luthe in den Ruhestand. Dabei hob er vor allem die Verdienste des scheidenden Akademie-Direktors für den Auf- und Umbau der Wolfsburg und sein Engagement für die kirchliche Bildungsarbeit hervor: Hoffacker habe sich, so Bischof Luthe, der „zweifellos gültigsten Aufgabenstellung” einer solchen Akademie verschrieben, „ein Ort des Dialogs von Kirche und Welt” zu sein.


Über seine berufliche Tätigkeit hinaus war Bbr. Hoffacker von 1976-1980 und von 1982-1994 Mitglied des Deutschen Bundestages. Unter anderem war er in dieser Zeit Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Ehrenamtlich wirkte Bbr. Dr. Hoffacker von 1972 bis 1986 als Vorsitzender des Zentralverbandes des Deutschen Kolpingwerkes und war zugleich Mitglied im Generalpräsidium. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Anpassung der Verbandsstruktur im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Synode der deutschen Bistümer. Daneben war er über 20 Jahre Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Essen. Viele Initiativen dieses höchsten Laiengremiums im Ruhrbistum tragen seine Handschrift, so zum Beispiel die Aktionen zur Lehrstellenbeschaffung, die Beteiligung katholischer Verbände und Gemeinschaften bei Strukturänderungen im Ruhrgebiet und innerhalb der Kirche. 2002 berief ihn Bischof Luthe zum Vorsitzenden des Initiativkreises Nikolaus Groß, dessen Ziel es ist, „das Lebens- und Glaubenszeugnis des Familienvaters und Märtyrers Nikolaus Groß lebendig zu halten und dessen Verehrung zu fördern”.


Für seinen vielfältigen Einsatz in Kirche und Gesellschaft erhielt Bbr. Dr. Paul Hoffacker 1997 das Bundesverdienstkreuz; 1990 wurde er Komtur des Ordens vom heiligen Papst Gregor dem Großen. 



Veröffentlicht am: 09:41:40 05.11.2009
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