Die Menschen waren euphorisch, erleichtert und voller Freude über ihre neue Freiheit, es war einmalig“, erinnert sich Bbr. Dr. Rudolf Seiters an die Ereignisse in der Prager Botschaft am 30. September 1989. Der heutige Präsident des Deutschen Roten Kreuzes stand als Kanzleramtsminister damals an der Seite des Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher, als dieser die Ausreisegenehmigung verkündete. 5.000 DDR-Bürger hatten tage- und wochenlang auf dem Gelände der Deutschen Botschaft in Prag ausgeharrt, um aus der DDR zu fliehen.

 

In einem aktuellen, auf YouTube eingestellten Video des DRK erinnert sich Bbr. Seiters vor dem 20. Jahrestag des Mauerfalls an die bewegten Tage im deutschen Herbst 1989. Wie er in dem Gespräch erklärt, waren es außerordentlich ereignisreiche Tage auch für ihn, in denen er ständig gefordert war. Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hatte den Mitarbeitern, denen er bedingungslos vertraute, große Freiheiten gelassen, so Seiters. Als Tausende in die Botschaften in Warschau, Prag und Budapest strömten, gab es für die Flüchtlinge sehr große Belastungen. Die Dramatik, so Bbr. Seiters, erschloss sich erst, als die Verhältnisse insbesondere in Prag nicht mehr tragbar waren und massiv emotional wirkende Bilder in allen Nachrichten gesendet wurden.

Es gab kein Halten mehr ...

Der damalige Kanzleramtsminister erzählt von den schwierige Verhandlungen mit DDR-Unterhändlern, von der schließlich durch die DDR-Führung erzwungenen und „als einmaliger humanitärer Akt“ bezeichneten Genehmigung der Fahrt der verplombten Züge durch die DDR. „Ein Flop“, erklärt Seiters, und ein Ausweis der Hilflosigkeit der DDR-Führung. Lebhaft erinnert er sich an den Abend in der Prager Botschaft, die vertrauensvolle Erwartung der in dem verschlammten Garten zeltenden Flüchtlinge, an den „unbeschreiblichen Jubel“ bei der Mitteilung über die Ausreiseerlaubnis. „Die Jahre `89 und ´90 sind für mich unter den 33 Jahren, die ich dem Parlament angehört habe, die bewegendsten, die wichtigsten und mich prägendsten gewesen“, so Bbr. Seiters. Er berichtet über den plötzlichen Fall der Mauer während des Polen-Besuchs des Kanzlers am 2. November, die ersten Meldungen über die Ereignisse, über das Chaos der Entscheidungen im Politbüro, die schließlich überraschende Öffnung. Seiters: „Es gab kein Halten mehr....“


20 Jahre Mauerfall: Der zweite Mann

Einen bemerkenswerten Artikel über die Rolle von Bbr. Rudolf Seiters in den „Wendetagen“ hat die
Redaktion „einestages“ auf SPIEGEL-online ins Netz gestellt. Autor Gerd Langguth nimmt eine Perspektive ein, die auch in der legendären Szene mit der Ansprache des Bundesaußenministers vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag zu sehen ist: „Als Hans-Dietrich Genscher vor 20 Jahren den Prager Botschaftsflüchtlingen vom Balkon der deutschen Botschaft ihre mögliche Ausreise verkündete, wurde der Außenminister zum Helden der Wende. Dabei hatte ein anderer den Coup eingefädelt - bis heute steht er im Schatten“, so Langguth.

Denn bei dem Abend des 30. September 1989 im Palais Lobkowicz ging etwas unter: „Dass neben Genscher ein freundlicher Herr mit silbernem Haarschopf stand, der nur still lächelte und sich ansonsten bescheiden im Hintergrund hielt - obwohl er es gewesen war, der dem raumgreifenden Genscher die epochemachenden Fernsehbilder erst ermöglicht hatte: Rudolf Seiters, damals Chef des Bundeskanzleramtes. Nur in dem „Wir“ des Außenministers tauchte er auf. Dabei war Seiters es gewesen, der die Verhandlungen mit der damaligen DDR geführt hatte, um den Botschaftsflüchtlingen die Ausreise zu ermöglichen. „Das Auswärtige Amt hatte mit der Organisation der Ausreise überhaupt nichts zu tun“, erinnert sich heute ein Beamter des Kanzleramtes, der damals dabei war“, schreibt Langguth.

Da nach westdeutscher Rechtsauffassung die DDR kein Ausland war, habe die die Ressortverantwortung beim Bundeskanzleramt und nicht im Außenamt gelegen. Dies machte den Kanzleramtschef Seiters zum Verhandlungsführer mit der DDR: „Und so war es der geduldige Norddeutsche aus dem emsländischen Papenburg, der im August und September 1989 in einem Verhandlungsmarathon mit Ost-Berlin darum rang, für die Flüchtlinge in den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau sowie der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin Ausreisegenehmigungen zu erhalten.“

Noch heute schmückt die Bronzetafel am Balkongeländer des Prager Palais Lobkowicz neben dem berühmten Zitat nur der Name Genscher, nicht der von Seiters. Gerd Langguth skizziert in seinem Artikel dessen Gespräche mit DDR-Repräsentanten, die von Budapest tolerierten Massenflucht und geheime Konsultationen auf Schloss Gymnich bei Bonn. Sein Fazit: „Die deutsch-deutschen Entscheidungen wurden weitgehend von Seiters eingefädelt.“ Als es um die Prager Botschaft ging, habe Genscher die öffentlichkeitswirksame Chance sofort gewittert, die vereinbarte Vertraulichkeit über die Reiseplanung nach Prag wurde gebrochen. Er „konterte seinen Kollegen eiskalt aus“, so der SPIEGEL-Autor …

LINK: Gerd Langguth, 20 Jahre Mauerfall: Der zweite Mann. SPIEGEL-online, Redaktion EINESTAGES vom 1. September 2009.



ZUR PERSON:
Bundesbruder Dr. rer. pol. h.c. Rudolf Seiters, Jahrgang 1937 und vor 50 Jahren der UNITAS in Münster beigetreten, war 33 Jahre CDU-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Als Kanzleramtsminister spielte er im Prozess der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten eine zentrale Rolle. Von 1989-1991 war er Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben, Vorsitzender der Kabinettsausschüsse „Deutsche Einheit“ und „Neue Länder“, 1991-1993 Bundesinnenminister, 1994-1998 als Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zuständig für außen- und europapolitische Fragen und 1998-2002 Bundestagsvizepräsident. Seit dem 21. November 2003 ist er Präsident des DRK und ehrenamtlich in verschiedenen Stiftungskuratorien tätig.


MEHR: 20 Jahre Prager Botschaft: Menschlichkeit im Chaos


WEITERE MELDUNGEN:

Buchtipp: In der Spur bleiben

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Bbr. Seiters neuer Präsident des DRK 

Internationaler Menschenrechtspreis 2008 für Rotkreuz-Präsident Bbr. Rudolf Seiters

 




Veröffentlicht am: 18:51:36 28.09.2009
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